Im Juli dieses Jahres erschien in der Fachzeitschrift 'Science Advances' eine Studie von Elvisha Dhamala und Kollegen, die auf Basis von Hirnbildgebungsdaten aus einer groß angelegten US-Studie untersuchte, ob und wie sich sowohl das bei der Geburt festgestellte "biologische" Geschlecht als auch geschlechtsbezogene Selbst- und Fremdzuschreibungen in funktionellen Netzwerken des kindlichen Gehirns widerspiegeln [1]. Die Arbeit liefert wichtige Impulse für Sexualbiologie, Neurowissenschaften und die gesellschaftliche Debatte über Geschlecht – gerade weil sie einfache Antworten vermeidet.
Zwei Konzepte, die oft vermischt werden
Ein zentraler Ausgangspunkt der Studie ist die begriffliche Trennung von "sex" und "gender". Während "sex" laut den Studienautoren körperliche, genetische und hormonelle Merkmale bei der Geburt beschreibe, umfasse "gender" das Erleben, die Identität, den Ausdruck und das soziale Rollenverhalten einer Person*. In der biomedizinischen Forschung wurden diese Ebenen lange gleichgesetzt oder unreflektiert vermischt, so die Autoren. Sie argumentieren, dass dies nicht nur wissenschaftlich unpräzise sei, sondern auch zu Fehlinterpretationen und problematischen Verallgemeinerungen führe. Ihr Ziel sei es daher ausdrücklich, die neuronalen Korrelate beider Konzepte voneinander zu unterscheiden, ohne sie künstlich zu trennen.
*Anmerkung: Als IG Sexualbiologie verwenden wir eine abweichende Terminologie (siehe Glossar), übernehmen für diesen Blogpost jedoch die Begriffsbestimmung der Studienautoren.
Ein außergewöhnlich großer Datensatz
Die Analysen basieren auf Daten von knapp 4.800 Kindern im Alter von 9 bis 10 Jahren aus der ABCD-Studie (Adolescent Brain Cognitive Development), einer der größten Langzeituntersuchungen zur Gehirnentwicklung weltweit. Neben fMRT-Aufnahmen, mit denen funktionelle Netzwerke des Gehirns untersucht werden können, standen auch detaillierte Angaben zur Geschlechtsidentität zur Verfügung. Die Kinder selbst beantworteten Fragen zu ihrem Geschlechtserleben und -ausdruck, während Eltern Angaben zu geschlechtstypischem Verhalten machten. Diese Kombination erlaubt erstmals, die biologischen Komponenten und verschiedene soziale Dimensionen gemeinsam und differenziert zu analysieren.
Mithilfe von maschinellen Lernverfahren untersuchten die Forscher, wie gut sich "sex" und "gender" aus den funktionellen Verbindungen im Gehirn vorhersagen lassen. Dabei zeigte sich zunächst, dass das bei Geburt festgestellte Geschlecht erstaunlich gut mit Mustern der funktionellen Konnektivität zusammenhängt. Bestimmte Netzwerke des Gehirns tragen also systematisch Informationen, die mit dem Geschlecht assoziiert sind. Auch "gender" ließ sich grundsätzlich aus Hirndaten vorhersagen – allerdings deutlich weniger eindeutig, insbesondere dann, wenn versucht wurde, geschlechtsbezogene Aspekte unabhängig vom Geschlecht zu erfassen.
Unterschiedliche Netzwerke
Besonders aufschlussreich ist die Analyse auf Netzwerkebene. Die mit "sex" assoziierten Hirnverbindungen konzentrierten sich vor allem auf somatomotorische, visuelle, limbische und Kontrollnetzwerke. Das sind Bereiche, die unter anderem an Wahrnehmung, Bewegung, Emotionsverarbeitung und grundlegender Verhaltenssteuerung beteiligt sind. Die neuronalen Korrelate von "gender" hingegen waren deutlich breiter über das Gehirn verteilt und betrafen vor allem höher integrierte Netzwerke, die für Aufmerksamkeit, soziale Kognition und Selbstbezug wichtig sind. Diese Verteilung spricht aus Sicht der Forscher dafür, dass "gender" weniger an einzelne biologische Funktionssysteme gebunden ist, sondern stärker mit komplexen, erfahrungsabhängigen Prozessen zusammenhängt.
Ein weiteres wichtiges Ergebnis betrifft die Unterschiede zwischen Selbst- und Elternberichten zum Geschlecht. Während elterliche Einschätzungen von geschlechtstypischem Verhalten noch schwach, aber signifikant mit Hirnnetzwerken zusammenhingen, zeigten die Selbstberichte der Kinder kaum eigenständige neuronale Korrelate. Die Autoren interpretieren dies nicht als "Unzuverlässigkeit" der Kinder, sondern als Hinweis darauf, dass innere Geschlechtsidentität, insbesondere in diesem Alter, sehr variabel, kontextabhängig und schwer messbar ist. "Gender" erweist sich hier als dynamisches, vielschichtiges Konstrukt, das sich nicht einfach im Gehirn ablesen lässt.
Keine Biologisierung von Gender – im Gegenteil
Eine durch diese Studie nicht beantwortete Frage ist, ob sich aus den Ergebnissen eine biologische Begründung für sogenannte "Trans-Kinder" ableiten lässt. Dies ist klar zu verneinen. Das Paper untersucht weder trans-identifizierte Kinder noch stabile Trans-Identitäten, sondern erfasst lediglich Grade von Geschlechtskonformität in einer überwiegend geschlechtskonformen Allgemeinstichprobe. Zudem zeigen die Analysen, dass sich geschlechtsbezogene Merkmale im Gehirn kaum unabhängig vom Geschlecht abbilden lassen. Eigenständige, sex-atypische neuronale Muster, die auf ein "andersgeschlechtliches Gehirn" hindeuten würden, finden sich nicht.
Bemerkenswert ist die ausdrückliche Warnung der Autoren vor biologischem Essentialismus. Die Ergebnisse sollen keinesfalls so verstanden werden, dass "gender" im Gehirn festgelegt oder determiniert sei. Vielmehr argumentieren sie, dass biologische, soziale und kulturelle Einflüsse gemeinsam die Organisation des Gehirns prägen. Dass sich überhaupt Zusammenhänge finden lassen, bedeute nicht, dass diese unveränderlich oder normativ sind. Im Gegenteil: Die Studie unterstreicht die Plastizität des Gehirns und die Bedeutung von Erfahrungen, sozialen Erwartungen und individuellen Entwicklungsverläufen.
Korrelation oder Kausalität?
An einer zentralen Stelle formulieren die Autoren, dass der Nachweis signifikanter Zusammenhänge zwischen funktioneller Konnektivität des Gehirns und elternberichteten Gendermerkmalen zeige, dass Gender die Organisation kindlicher Hirnnetzwerke beeinflusse:
"Nonetheless, our detection of significant associations between functional connectivity and parent-reported gender demonstrates that gender does influence the organization of brain networks in children."
Zu Deutsch: "Dennoch zeigt unsere Untersuchung signifikanter Zusammenhänge zwischen funktioneller Konnektivität und dem von den Eltern angegebenen gender, dass das gender die Organisation von Gehirnnetzwerken bei Kindern beeinflusst." Diese Aussage ist auf den ersten Blick plausibel, geht methodisch jedoch weiter, als es die vorliegenden Daten eigentlich erlauben. Die Studie basiert auf querschnittlichen Beobachtungsdaten und weist statistische Korrelationen nach – sie untersucht weder zeitliche Abfolgen noch kausale Mechanismen. Damit lässt sich zwar festhalten, dass bestimmte Muster der Gehirnorganisation und bestimmte geschlechtsbezogene Verhaltensmaße gemeinsam auftreten, nicht jedoch, in welche Richtung ein möglicher Einfluss verläuft.
Streng genommen wäre es daher ebenso zulässig, die umgekehrte Deutung vorzunehmen und zu sagen, dass Unterschiede in der Organisation kindlicher Hirnnetzwerke geschlechtsbezogenes Verhalten mit beeinflussen. Sinngemäß: "Dennoch zeigt die Untersuchung signifikanter Zusammenhänge zwischen funktioneller Konnektivität und dem von den Eltern angegebenen gender, dass die Organisation von Gehirnnetzwerken bei Kindern das gender beeinflusst." Diese Aussage wäre logisch exakt genauso gut (oder schlecht) begründet wie die Version der Autoren. Ebenso denkbar ist eine wechselseitige Beeinflussung oder der Einfluss dritter Faktoren. Die Daten selbst erlauben keine Entscheidung zwischen diesen Möglichkeiten. Wissenschaftlich sauber wäre daher eine kausal neutrale Formulierung gewesen, die lediglich von einer Assoziation spricht, ohne eine Wirkungsrichtung anzudeuten oder gar festzulegen.
Hinzu kommt, dass das im Paper verwendete Maß von "parent-reported gender" nicht innere Geschlechtsidentität erfasst, sondern beobachtetes Verhalten und dessen elterliche Interpretation, etwa in Bezug auf Spielvorlieben oder Geschlechtskonformität. Auch dies spricht dafür, vorsichtig mit kausalen Aussagen zu sein. Dass die Autoren dennoch die Wirkungsrichtung von Gender hin zur Gehirnorganisation betonen, lässt sich weniger aus den Daten selbst erklären als aus einer verbreiteten theoretischen Perspektive, die soziale Erfahrungen als formenden Einfluss auf das plastische Gehirn versteht. Diese Annahme ist nicht unplausibel, bleibt in diesem Kontext jedoch eine Interpretation und keine empirisch abgesicherte Schlussfolgerung. Es ist daher mindestens genauso plausibel zu sagen: Kinder mit bestimmten neurokognitiven Dispositionen zeigen bestimmtes Verhalten, das von Eltern als mehr oder weniger geschlechtskonform wahrgenommen wird.
Zur Frage der Binarität von Geschlecht
Ein zentraler, wenn auch nicht immer explizit im Vordergrund stehender Aspekt des Papers ist der Umgang mit der Binarität von Geschlecht. Die Autoren positionieren sich hier klar gegen eine einfache Gleichsetzung von Geschlecht mit einer binären biologischen Kategorie und betonen mehrfach, dass Geschlecht komplex, vielschichtig und nicht auf zwei klar getrennte Gruppen reduzierbar sei. Im Diskussionsteil schreiben sie ausdrücklich, dass "sex" nicht binär sei und weisen darauf hin, dass ihre eigene binäre Analyse des Geschlechts keine Aussage über die biologische Realität darstelle, sondern eine Einschränkung des verwendeten Datensatzes widerspiegele, da die Teilnehmer der ABCD-Studie ausschließlich als weiblich oder männlich klassifiziert wurden.
Dies wirft eine grundlegende begriffliche Frage auf. Die Autoren definieren "sex" als Merkmale der körperlichen Anatomie, Physiologie, Genetik und/oder Hormone bei der Geburt. Damit lösen sie den Begriff "sex" bereits von seiner eigentlichen biologischen Grundlage, nämlich der reproduktiven Funktion und der damit verbundenen binären Definition auf Basis der Anisogamie. Aus sexualbiologischer Perspektive ist Geschlecht jedoch keine Sammlung von körperlichen Merkmalen eines beliebigen Modellorganismus (hier Homo sapiens), sondern eine fundamentale biologische Kategorie, die sich aus der Produktion zweier unterschiedlicher Gametentypen ergibt. In diesem Sinne ist Geschlecht beim Menschen – wie bei fast allen vielzelligen Organismen mit sexueller Fortpflanzung – binär.
Was hingegen nicht binär ist, sind die konkreten Ausprägungen von Geschlecht. Anatomische Variationen, hormonelle Profile, genetische Besonderheiten, neuronale Organisationsmuster und Verhaltensweisen bilden keine klar getrennten Gruppen, sondern überlappende, bimodale oder kontinuierliche Verteilungen. Genau diese Vielfalt bildet die Neurowissenschaft ab – und genau diese Vielfalt untersucht das vorliegende Paper. Problematisch wird es jedoch dort, wo diese Vielfalt der Ausprägungen begrifflich bereits mit dem Geschlecht selbst gleichgesetzt wird. Wenn "sex" so definiert wird, dass es im Kern um anatomische, hormonelle oder neuronale Merkmalskombinationen geht, dann beschreibt der Begriff nicht mehr das Geschlecht im biologischen Sinn, sondern das, was sexualbiologisch präziser als Geschlechtsausprägung bezeichnet werden müsste.
Diese begriffliche Verschiebung hat Konsequenzen für die Interpretation der Ergebnisse. Die Studie zeigt nicht, dass das Geschlecht als biologische Kategorie nicht binär sei, sondern dass sich die neuronalen Korrelate geschlechtlicher Entwicklung nicht strikt entlang einer binären Trennlinie organisieren. Das ist ein wichtiger Befund – er widerspricht jedoch nicht der Binarität des Geschlechts an sich, sondern ergänzt sie um die Einsicht, dass biologische Realität nicht aus einfachen Entweder-oder-Strukturen besteht. Aus sexualbiologischer Sicht wäre daher eine klarere begriffliche Trennung hilfreich gewesen: zwischen Geschlecht als reproduktiver Kategorie und den vielfältigen, entwicklungsabhängigen, plastischen Ausprägungen dieses Geschlechts im Köper/Gehirn.
Fazit
Die Studie von Dhamala et al. (2024) ist ein Beispiel dafür, wie moderne Neurowissenschaften zu einer nuancierten, nicht vereinfachenden Sicht auf Geschlecht und Geschlechtsidentität beitragen können. Sie zeigt, dass sich sowohl das Geschlecht als auch geschlechtsbezogene Erfahrungen im Gehirn widerspiegeln, jedoch auf unterschiedliche und keineswegs deterministische Weise.
Quellen
[1] Elvisha Dhamala et al., Functional brain networks are associated with both sex and gender in children. Sci. Adv. 10, eadn4202 (2024). DOI: 10.1126/sciadv.adn4202
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