Freitag, 29. Mai 2026

Kritische Anmerkungen zur Transgender-Stellungnahme der Giordano-Bruno-Stiftung

Am 27. Mai 2026 veröffentlichte die Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) eine Stellungnahme mit dem Titel "Von Fremd- zu Selbstbestimmung. Warum das Ende des Transsexuellengesetzes überfällig war" [1]. Darin versuchen die Autoren (darunter ein Patentanwalt mit Biologie-Diplom), juristische, soziale und biologische Aspekte rund um Selbstbestimmungsgesetz, Transidentität und Geschlecht zusammenzuführen. Vor allem Kapitel 4 unternimmt den Versuch, evolutionsbiologische Grundlagen in die Debatte einzubringen. Das ist mehr, als man von vielen zeitgenössischen Beiträgen erwarten darf.

Aus sexualbiologischer Perspektive zeigt sich jedoch ein wiederkehrendes Problem. Die Stellungnahme beschreibt den evolutionären Ursprung der Zweigeschlechtlichkeit durchaus korrekt, beginnt dann aber zunehmend, etablierte Begriffe umzudefinieren, Kategorien zu vermischen und terminologische Präzision zugunsten einer erweiterten Deutung von "Geschlecht" aufzugeben.

Von der asexuellen zur sexuellen Fortpflanzung

Der Abschnitt 4.1 zur Evolution sexueller Fortpflanzung gehört aus unserer Sicht zu den stärkeren Teilen der Stellungnahme. Die Darstellung des Übergangs von asexueller zu sexueller Reproduktion, der Rolle genetischer Variation und der evolutionsbiologischen Erklärung von Isogamie und Anisogamie folgt weitgehend dem etablierten Forschungsstand. Die Entstehung zweier unterschiedlicher Gametenstrategien resultiert aus disruptiver Selektion auf Größe, Ressourceninvestition und Reproduktionserfolg. Mittelgroße Gameten sind evolutionär instabil. Genau hier liegt letztlich die Grundlage dessen, was wir "Geschlecht" nennen.

Ein kleinerer Kritikpunkt betrifft die Terminologie. Die Stellungnahme verwendet den im Deutschen geläufigen Begriff "Samenzellen" für männliche Gameten. Der Begriff stammt aus einem historischen Fortpflanzungsverständnis, nach dem Männchen den kompletten neuen Nachkommen in Form eines "Samens" liefern, der im Weibchen keimt. Ein Irrglaube, wie wir heute wissen. Die Vorstellung ist der Botanik entlehnt, wo Samen bereits ein Entwicklungsprodukt sind, nämlich die aus der Befruchtung hervorgegangenen Fortpflanzungs- und Ausbreitungseinheiten der Samenpflanzen. Andere Pflanzen und vor allem Tiere produzieren jedoch keine Samen. Das mag wie eine semantische Spitzfindigkeit erscheinen, aber gerade in einer Stellungnahme, die biologische Präzision beansprucht, lohnt sich saubere Begrifflichkeit.

Dieser Einwand ändert aber nichts am Kernbefund, dass der Abschnitt 4.1 die Evolution der Zweigeschlechtlichkeit korrekt beschreibt. Gerade deshalb fällt umso stärker auf, wie die anschließende Argumentation beginnt, zentrale Kategorien zu verschieben.

Das "Gametengeschlecht"

Der Einstieg in Abschnitt 4.2 ist zunächst noch klar. Die Autoren schreiben:

"Bei der Kombination genetischen Materials (»sex« als Vorgang) kommt es mithin zur Ausbildung von genau zwei fundamentalen Fortpflanzungsrollen bzw. »Geschlechtern« (»sex« als Zustand). Wichtig ist, dass mittelgroße Keimzellen starker Kontraselektion ausgesetzt sind – weshalb es kein drittes oder »Zwischengeschlecht« gibt."

Dem ist biologisch wenig hinzuzufügen. Exakt das beschreibt die evolutionsbiologische Logik der Zweigeschlechtlichkeit. Problematisch wird es unmittelbar danach, wo es heißt, das sogenannte "Gametengeschlecht" folge einer klaren binären Verteilung. Bei dieser Wortkreation ist das Problem größer als nur eine semantische Spitzfindigkeit. Nicht das "Gametengeschlecht" folgt einer binären Verteilung. Das Geschlecht folgt einer binären Verteilung. Gameten besitzen kein Geschlecht. Organismen besitzen Geschlechter. Das klingt zunächst wie terminologische Pedanterie. Tatsächlich berührt es aber den Kern der gegenwärtigen Debatte.

In der Biologie bezeichnet Geschlecht reproduktive Klassen von Organismen, definiert durch den Typ der produzierten Gameten. Genau diese Definition erlaubt es überhaupt, Geschlecht artübergreifend sinnvoll zu beschreiben, von Algen über Fische bis zu Primaten. Die Einführung eines zusätzlichen "Gametengeschlechts" erzeugt daher keine neue analytische Kategorie. Sie benennt lediglich das um, was die Biologie bereits seit langem "Geschlecht" nennt.

Hier zeigt sich ein verbreitetes Muster, das der Humanmedizin entstammt und von postmodernen Sozial- und Kultur(pseudo)wissenschaften aufgegriffen wurde: Geschlecht wird in zahlreiche angeblich gleichrangige Teilkategorien zerlegt, etwa "chromosomales Geschlecht", "gonadales Geschlecht", "hormonelles Geschlecht", "anatomisches Geschlecht" und nun eben auch das "Gametengeschlecht". Für die Beschreibung menschlicher Entwicklungsprozesse kann eine solche Differenzierung in bestimmten Kontexten zwar durchaus sinnvoll sein. Problematisch wird sie aber, wenn daraus folgt, Geschlecht selbst sei eine Ansammlung beliebig gewichteter Einzelmerkmale.

Denn dadurch verliert der Begriff seine biologische Allgemeingültigkeit. Würde man Geschlecht primär über ein Baukastensystem bestehend aus Chromosomen, Hormonen oder bestimmten anatomischen Eigenschaften definieren, entstünde sofort ein Vergleichsproblem über Artgrenzen hinweg. Viele Spezies determinieren ihr Geschlecht gar nicht über ein XY-System. Andere zeigen flexible hormonelle Profile oder Geschlechtswechsel. Sollten all diese Organismen plötzlich kein Geschlecht mehr besitzen? Natürlich nicht! Deshalb ist die hierarchisch übergeordnete reproduktive Definition so zentral. Sie ist gerade deshalb stark, weil sie nicht anthropozentrisch ist. Alle übrigen Merkmale, die wir mit Geschlecht assoziieren, korrelieren mit dieser reproduktiven Organisation. Und zwar nicht zufällig, sondern als direkte Folge der Zweigeschlechtlichkeit.

Auch die anschließende Diskussion sogenannter "Intersexualität" wirft Präzisierungsbedarf auf. Zunächst terminologisch: In der medizinischen Fachsprache wurde hierfür längst die Sammelkategorie DSD (Differences bzw. Disorders of Sex Development) etabliert [2]. Das ist erneut keine bloße Sprachkosmetik, sondern spiegelt wider, dass es sich um Variationen beziehungsweise Störungen der Geschlechtsentwicklung handelt, nicht um eigenständige "Zwischengeschlechter". Gerade deshalb erscheint die Verwendung des Begriffs "Intersexualität" hier irritierend, denn zuvor hatte die Stellungnahme selbst bereits korrekt festgestellt, dass es kein drittes oder "Zwischengeschlecht" im evolutionsbiologischen Sinne gibt.

Noch problematischer wird es beim Begriff "Hermaphroditismus". Die Autoren definieren ihn als Sammelbegriff für Individuen mit "männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen". Das ist biologisch nicht korrekt. Hermaphroditismus bezeichnet echte Doppelgeschlechtlichkeit, also Organismen mit männlicher und weiblicher Sexualfunktion. Ein Hermaphrodit produziert beide Gametentypen, simultan oder zeitlich versetzt. Darauf bezieht sich der Begriff. Wer lediglich Merkmale beider Geschlechter aufweist, ist dadurch noch kein Hermaphrodit, sondern fällt in die Kategorie des Pseudohermaphroditismus. Dieser Begriff wird zwar aus ethischen Gründen für DSD-Betroffene abgelehnt, weil er als herabwürdigend empfunden wird. Da Menschen als Trockennasenaffen jedoch ebenfalls Tiere sind, ist dieser zoologische Begriff trotzdem korrekt.

Schließlich irritiert die Aussage, "Intersexualität" beziehungsweise DSD seien "weder abnormal noch vernachlässigbar", begründet mit Prävalenzschätzungen. Das überzeugt biologisch nicht. Eine Entwicklungsanomalie wird nicht dadurch normtypisch, dass man ihre absolute Zahl auf Millionen Menschen hochrechnet. "Abnormal" ist in der Biologie zunächst ein wertfreier deskriptiver Begriff. Er bezeichnet eine Abweichung von typischer Entwicklung oder Funktion. DSD sind seltene Anomalien der Geschlechtsentwicklung. Genau deshalb werden sie überhaupt als medizinisch beschreibbare Kategorien geführt. Wer jede statistische oder funktionale Abweichung aus normativen Gründen aus dem Bereich des "Abnormalen" entfernen möchte, riskiert am Ende, biologische Sprache vollständig moralisch zu überformen. Das hilft weder der Wissenschaft noch den betroffenen Menschen.

Der "Dirty-Rotten-Trick" der fehlenden Funktion

Die gbs-Stellungnahme behauptet im Kapitel 4.3: "Für unsere weitere Argumentation ist zudem der überraschende Tatbestand wichtig, dass viele Menschen gar kein Gametengeschlecht besitzen – weil funktionsfähige Keimzellen fehlen."

Hier zeigt sich exemplarisch ein argumentativer Kunstgriff, der sich durch weite Teile der Debatte zieht. Zunächst wird eine neue Kategorie eingeführt, das "Gametengeschlecht". Anschließend wird dessen Existenz an die aktuell vorhandene individuelle Funktionalität geknüpft. Und schließlich wird die Kategorie dekonstruiert, weil diese Funktionalität auf Ebene einzelner Individuen "überraschenderweise" nicht immer gegeben ist. Das Problem liegt hier nicht in der Beobachtung, dass Menschen infertil sein können. Das ist trivial. Das Problem liegt darin, dass hier zwei völlig unterschiedliche Ebenen biologischer Analyse durcheinandergeraten: ontogenetische Funktionalität und phylogenetische Reproduktionsrolle.

Ontogenetisch betrachtet kann ein Individuum selbstverständlich funktionsunfähig sein. Ein Mensch kann infertil geboren werden, postmenopausal sein, eine Gonadendysgenesie aufweisen, nach Krebsbehandlung steril sein oder nie funktionsfähige Gameten produziert haben. Phylogenetisch definiert sich Geschlecht jedoch nicht über die momentane Leistungsfähigkeit einzelner Körper, sondern über die evolutionäre Reproduktionsrolle, die der Kategorie überhaupt erst ihren Sinn verleiht. Deshalb bleibt eine postmenopausale Frau weiblich. Ein präpubertärer Junge bleibt männlich. Ein Mann nach Vasektomie verliert nicht sein Geschlecht und eine Frau nach Ovarektomie wird ebenfalls nicht geschlechtslos. Die Biologie klassifiziert Geschlecht nicht anhand momentaner Outputmessung. Sie orientiert sich an der entwicklungsbiologischen Organisation eines Organismus im Rahmen einer reproduktiven Klasse. Und genau deshalb braucht es auch kein zusätzliches "Gametengeschlecht".

Die gesamte Konstruktion wirkt letztlich absurd. Man erfindet eine redundant benannte Kategorie, verknüpft sie mit einer unnötig engen Funktionalitätsbedingung und präsentiert anschließend deren Scheitern als Argument gegen die Robustheit biologischer Geschlechtszuordnung. Das mag rhetorisch geschickt sein. Biologisch ist es ein Kategorienfehler.

Die Stellungnahme verweist außerdem auf Körpergröße und -gewicht als Beispiele von Merkmalen mit erheblicher Überschneidung zwischen Männern und Frauen. Männer seien im Durchschnitt größer und schwerer, doch etwa ein Drittel aller Frauen liege im selben Größen- und Gewichtsbereich. Das ist korrekt. Zur besseren Veranschaulichung hat die Biostatistikerin in unserem Team beide Parameter auf Basis der Daten aus der NAKO-Gesundheitsstudie anhand der jeweiligen Standardabweichungen geplottet [3]:



Hier lohnt ein kurzer Blick auf die Logik biologischer Datenauswertung. Merkmale wie die Körpergröße definieren das Geschlecht nicht. Umgekehrt werden Merkmale wie die Körpergröße statistisch für bereits geschlechtlich zugeordnete Individuen erhoben und anschließend zwischen diesen Gruppen verglichen. Erst dadurch kann man überhaupt Aussagen formulieren wie "Männer sind im Durchschnitt größer" oder "32 % der Frauen liegen im selben Größenbereich". Würde Körpergröße selbst die Geschlechtszuordnung bestimmen, könnte man keine geschlechtsspezifischen Referenzwerte bilden. Man hätte zunächst lediglich eine Häufigkeitsverteilung von Körpergrößen in einer Population. Würde diese Verteilung, wie beim Menschen, eine charakteristische Bimodalität (Zweigipfligkeit) zeigen, wäre dies ein Hinweis auf eine zugrundeliegende biologische Struktur, die erklärt werden müsste.

Mit anderen Worten: Der Sexualdimorphismus verschwindet nicht durch statistische Überlappung, sondern wird durch sie überhaupt erst sichtbar. Dass Frauen und Männer sich hinsichtlich vieler Merkmale überlappen, ist bei sexuell dimorphen Arten vollkommen erwartbar. Entscheidend sind populationsstatistische Unterschiede zwischen reproduktiven Klassen, nicht die Illusion zweier vollständig getrennter Körperwelten. Niemand käme auf die Idee, bei einem männlichen Löwen mit ungewöhnlich geringer Mähne oder einer außergewöhnlich großen Löwin von einem "Zwischengeschlecht" zu sprechen. Variation innerhalb und Überlappung zwischen Geschlechtern widerlegen die Zweigeschlechtlichkeit nicht. Sie setzen sie vielmehr voraus.

An mehreren Stellen vermitteln die Autoren zudem der Eindruck, dass sie in ihrer Stellungnahme stillschweigend zwischen Phänotyp und Stereotyp oszillieren, ohne die Begriffe sauber auseinanderzuhalten. Ein Phänotyp bezeichnet die beobachtbare Merkmalsausprägung eines Organismus. Dazu zählen unter anderem Körperbau, Stimmcharakteristika, Fettverteilung, Gesichtsstruktur, Behaarungsmuster oder andere sexuell dimorphe Eigenschaften. Stereotype hingegen sind kulturelle Erwartungsmodelle über Verhalten, Rollen oder Ausdrucksformen. Diese Ebenen sind nicht identisch. Wer etwa auf Schulter-Hüft-Relation, Stimmfrequenz oder Gesichtsmorphologie Bezug nimmt, beschreibt zunächst keine Geschlechterrolle und kein soziales Vorurteil, sondern biologische Merkmale. Zwar können phänotypische Unterschiede kulturell überzeichnet und so stereotypisiert werden. Aber daraus folgt nicht, dass biologische Phänotypen selbst bloß stereotype Konstrukte wären.

Schere, Stein, Papier, Echse, Spock, Phänotyp, Geschlecht

Im folgenden Abschnitt 4.4 driftet die Stellungnahme endgültig weg vom biologischen Geschlechtsbegriff und hinein in eine Mischung aus Alltagswahrnehmung, Kulturtheorie, subjektiver Erfahrung und normativer Interessenabwägung. Dagegen wäre eigentlich nichts einzuwenden, solange die Ebenen sauber getrennt blieben. Genau das geschieht hier jedoch nicht mehr. Die Autoren schreiben etwa: "Das Gametengeschlecht ist nur in begrenzten Situationen tatsächlich relevant, nämlich wenn es um Fortpflanzung geht."

Später folgt die Analogie: "Ein auf Gameten reduzierter Geschlechtsbegriff […] ist ebenso kurzsichtig wie ein Sexualitätsbegriff, der nur auf Fortpflanzung abzielende Handlungen als »echten Sex« begreift."

Diese Argumentation verfehlt den Kernpunkt. Im engen reproduktionsbiologischen Sinn bezeichnet "sex" tatsächlich bloß die Vereinigung komplementärer Gameten, also Syngamie. Intimität fällt in den Definitionsbereich der "Erotik" (von griechisch Eros = körperliche Liebe). Natürlich wird der Begriff "Sex" im kulturellen und umgangssprachlichen Kontext wesentlich weiter verwendet. Niemand bestreitet das. Aber daraus folgt nicht, dass der biologische Geschlechts- oder Sexualitätsbegriff plötzlich seine definierende Grundlage verliert.

Die Stellungnahme verweist ausdrücklich auf Alltagssituationen wie Flirten. Gerade dieses Beispiel illustriert jedoch eher die Grenzen der eigenen Argumentation. Ja, der Gametentyp ist sensorisch nicht direkt wahrnehmbar und Menschen reagieren deshalb in erster Linie phänotypisch aufeinander. Aber Menschen können sich auch in ihrer Wahrnehmung irren. Androphile Männer können daher unter Umständen transidentifizierende Frauen (sogenannte "Transmänner") attraktiv finden und mit ihnen flirten. Aber anfängliche Wahrnehmung ist nicht identisch mit geschlechtlicher Zielkategorie. Täuschbarkeit widerlegt keine Kategorien.

Die erotische Fixierung (umgangssprachlich "sexuelle Orientierung") ist definitionsgemäß geschlechtsbezogen. Sie ist nicht bloß eine Präferenz für bestimmte Frisuren, Körperproportionen, Kleidungscodes oder "Genderperformances". Gerade bei Männern ist die erotische Fixierung im Schnitt deutlich exklusiver auf eines der beiden Geschlechter bezogen als bei Frauen [4]. Männliche Androphilie ist daher häufig mit einer ausgeprägten Gynophobie verbunden und umgekehrt [5]. Gemeint ist damit ausdrücklich keine irrationale Angststörung, sondern, analog zu Begriffen wie Hydrophobie oder Lipophilie, eine gerichtete innere Abstoßungsreaktion gegenüber intimer Bezogenheit auf das weibliche Geschlecht.

Wer das für theoretische Wortklauberei hält, sollte sich schlicht fragen, weshalb exklusive gleichgeschlechtliche Partnerschaften überhaupt existieren. Die Vorstellung, ein homoerotisch fixierter Mann könne seine geschlechtliche Zielkategorie beliebig zugunsten phänotypischer Eindrücke umlernen, weil "der Phänotyp das Geschlecht aussticht", kollidiert frontal mit dem Begriff exklusiver Homoerotik (umgangssprachlich "Homosexualität"). Deshalb ist es problematisch, wenn Geschlecht im Namen phänotypischer Alltagstauglichkeit immer weiter relativiert wird.

Auffällig ist auch die wiederholte Verwendung der Formulierung "zugewiesenes Geschlecht". Bereits diese Wortwahl transportiert ein bestimmtes Deutungsmodell, das zumindest erklärungsbedürftig ist. Geschlechter werden bei Menschen nicht "zugewiesen", sondern anhand beobachtbarer Merkmale festgestellt. In der Praxis geschieht dies meist zunächst pränatal per Ultraschall über die Genitalentwicklung und anschließend bei Geburt durch Inspektion der äußeren Genitalien. Dabei handelt es sich nicht um einen Akt sozialer Zuschreibung, sondern um einen diagnostischen Vorgang.

Natürlich können seltene DSD-Zustände in Einzelfällen zu Fehlbestimmungen führen. Bestimmte schwere Formen der Androgenresistenz etwa können insbesondere dort diagnostische Herausforderungen erzeugen, wo medizinische Ressourcen begrenzt sind. Aber aus der Möglichkeit seltener Fehlklassifikationen folgt nicht, dass Geschlecht "zugewiesen" wird. Nach derselben Logik müsste man behaupten, Blutgruppen würden ebenfalls bloß "zugewiesen", weil diagnostische Irrtümer prinzipiell vorkommen können.

Die Vorstellung, Geschlecht entstehe wesentlich durch einen deklarativen Sprechakt, erinnert an performative Ontologien, in denen Realität durch Benennung hervorgebracht wird. In der Religion bedeutet dies, dass Glaubenswahrheiten durch Riten, Symbole und Sprache nicht nur abgebildet, sondern durch ihren Vollzug erschaffen werde (z. B. bei der Konsekration einer Oblate zum Leib Christi durch das Hochgebet des Priesters). Die gbs wandelt also offenbar neuerdings auf neo-religiösen Pfaden.

Nicht zuletzt überzeugen die selektiv gewählten Vorzeigebeispiele Hunter Schafer und Benjamin Melzer als Hinweis auf eine angeblich vollständige phänotypische "Angleichung" nur begrenzt. Selbstverständlich können medizinische Maßnahmen Erscheinungsbilder erheblich verändern. Niemand bestreitet das. Aber eine vollständige geschlechtliche "Angleichung" im biologischen Sinn bleibt unmöglich. Die begleitende Presseveröffentlichung der gbs liefert hierzu eine unfreiwillig komische Illustration. Dort heißt es unter dem KI-generierten Titelbild der Stellungnahme: "Im realen Leben sind trans-Männer von cis-Männern und trans-Frauen von cis-Frauen oft nicht zu unterscheiden."

Giordano-Bruno-Stiftung präsentiert: Das reale* Leben
*erstellt mit KI

Vom unsinnigen Präfix "cis-" für Menschen ohne Geschlechtsidentitätsstörung mal abgesehen: Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, das "reale Leben" ausgerechnet mit einem künstlich erzeugten Bild illustrieren zu wollen. Wir fühlen uns direkt an einen Gag aus der Serie "The Simpsons" erinnert, in der ein TV-Spot den Actionfilm "Truckasaurus: The Movie" mit Marlon Brando als Sprecher der Hauptrolle ankündigt – gefolgt vom schnellen Hinweis aus dem Off: "Sie hörten einen Stimmenimitator."
 
 
Der zugrundeliegende Punkt verdient dennoch eine sachliche Einordnung. Es existiert Forschung zur menschlichen Wahrnehmung sexuellen Dimorphismus, darunter Untersuchungen mit digital manipulierten oder gemorphten "Doppelgesichtern" und künstlichen Zwischenstufen [6][7]. Diese Arbeiten zeigen, dass Menschen selbst bei graduell veränderten Stimuli häufig erstaunlich sensitiv auf sexuell dimorphe Merkmalsmuster reagieren. Gleichzeitig zeigen solche Befunde aber auch etwas, das zur Vollständigkeit nicht unerwähnt bleiben sollte: Bei einem Teil transidentifizierender Personen können tatsächlich vergleichsweise geringe hormonelle oder ästhetische Veränderungen genügen, um ein überzeugendes visuelles Passing zu ermöglichen. Doch daraus folgt wiederum nicht, dass Geschlecht verschwände oder durch visuelle Ambiguität bedeutungslos würde.

Vom evolutionären Humanismus zur postmodernen Dekonstruktion

Ohne auf die weiteren Inhalte der gbs-Stellungnahme noch weiter einzugehen, bleibt am Ende eine bemerkenswerte Irritation zurück. Die Giordano-Bruno-Stiftung versteht sich als Vertreterin des evolutionären Humanismus, des Naturalismus, wissenschaftlicher Rationalität und skeptischer Aufklärung. Umso erstaunlicher wirkt es, wenn ausgerechnet ihre evolutionsbiologische Argumentation Muster reproduziert, die man sonst eher aus postmodernen oder poststrukturalistischen Denkansätzen kennt.

Biologische Kategorien werden semantisch fragmentiert. Definitionen werden zugunsten kontextabhängiger Perspektiven aufgeweicht. Subjektive Selbstwahrnehmung gewinnt interpretative Priorität gegenüber funktionalen Naturkategorien. Und dort, wo robuste evolutionsbiologische Definitionen unbequem werden, erscheinen plötzlich neue Hilfskonstruktionen wie das "Gametengeschlecht", das anschließend ebenso rasch wieder dekonstruiert werden darf. Das ist bemerkenswert. Nicht, weil biologische Kategorien über Kritik erhaben wären, denn Wissenschaft lebt von Kritik. Sondern weil hier ausgerechnet eine Stiftung, die sich ausdrücklich auf Evolution und Naturalismus beruft, an entscheidenden Stellen eine Argumentationsweise übernimmt, die biologische Begriffe eher als verhandelbare Sprachspiele behandelt.

Fazit

Die Stellungnahme der Giordano-Bruno-Stiftung zur Transgender-Thematik enthält durchaus biologisch belastbare Elemente, insbesondere dort, wo sie die evolutionsbiologischen Grundlagen der Zweigeschlechtlichkeit korrekt referiert. Dadurch fällt der anschließende Kurswechsel aber umso stärker ins Gewicht. Geschlecht wird schrittweise in Teilkategorien zerlegt, terminologisch umetikettiert, funktional verengt und schließlich relativiert, bis biologische Definitionen hinter subjektiver Wahrnehmung, kulturellem Kontext und phänotypischer Alltagserfahrung zurückzutreten beginnen. Aus sexualbiologischer Perspektive überzeugt das nicht. Die Zweigeschlechtlichkeit ist keine soziale Konvention, sondern eine evolutionsbiologische Organisationsstruktur. Man kann aus ihr unterschiedliche ethische, juristische oder gesellschaftspolitische Konsequenzen ableiten. Aber man sollte wenigstens sauber benennen, an welcher Stelle Biologie endet und normative Interpretation beginnt, statt zugunsten normativer Ziele die Biologie einerseits zu relativieren, um sie andererseits als argumentatives Werkzeug zweckzuentfremden.

Quellen

[1] Thorsten Barnickel, Jessica Hamed, Michael Schmidt-Salomon, Volker Sommer (2026). Von Fremd- zu Selbstbestimmung. Warum das Ende des Transsexuellengesetzes überfällig war. Stellungnahme der Giordano-Bruno-Stiftung, Oberwesel. https://www.giordano-bruno-stiftung.de/sites/gbs/files/gbs_stellungnahme_sbgg_tsg_2026.pdf

[2] Peter A. Lee, Christopher P. Houk, S. Faisal Ahmed, Ieuan A. Hughes, in collaboration with the participants in the International Consensus Conference on Intersex organized by the Lawson Wilkins Pediatric Endocrine Society and the European Society for Paediatric Endocrinology; Consensus Statement on Management of Intersex Disorders. Pediatrics August 2006; 118 (2): e488–e500. DOI: 10.1542/peds.2006-0738

[3] Laut Fischer, B., Sedlmeier, A.M., Hartwig, S. et al. Anthropometrische Messungen in der NAKO Gesundheitsstudie – mehr als nur Größe und Gewicht. Bundesgesundheitsbl 63, 290–300 (2020). https://doi.org/10.1007/s00103-020-03096-w
 
[4] Diamond, L.M. Sexual Fluidity in Male and Females. Curr Sex Health Rep 8, 249–256 (2016). https://doi.org/10.1007/s11930-016-0092-z
 
[5] O’Handley, B. M., Blair, K. L., & Hoskin, R. A. (2017). What do two men kissing and a bucket of maggots have in common? Heterosexual men’s indistinguishable salivary α-amylase responses to photos of two men kissing and disgusting images. Psychology & Sexuality, 8(3), 173–188. https://doi.org/10.1080/19419899.2017.1328459
 
[6] Del Giudice M. Multivariate misgivings: is D a valid measure of group and sex differences? Evol Psychol. 2013 Dec 14;11(5):1067-76. doi: 10.1177/147470491301100511.

[7] Gillian Rhodes, Linda Jeffery, Tamara L. Watson, Emma Jaquet, Chris Winkler, Colin W.G. Clifford, Orientation-Contingent Face Aftereffects and Implications for Face-Coding Mechanisms, Current Biology, Volume 14, Issue 23, 2004, Pages 2119-2123, ISSN 0960-9822, https://doi.org/10.1016/j.cub.2004.11.053.

Epibolie: Wie Keratine die frühe Embryonalentwicklung stabilisieren

Die Embryogenese gehört zu den faszinierendsten Vorgängen der Biologie. Aus einer einzelnen befruchteten Eizelle entsteht innerhalb kurzer Zeit ein komplex organisierter Organismus. Damit das gelingt, müssen sich Zellverbände bewegen, ausdehnen, umformen und gleichzeitig stabil bleiben. Genau diesem Prozess widmet sich eine neue Studie von Suyash Naik und Kollegen am Institute of Science and Technology Austria (ISTA), erschienen in 'Nature Communications' [1]. Die Arbeit untersucht am Zebrafisch-Embryo, wie bestimmte Strukturproteine, sogenannte Keratine, dafür sorgen, dass sich embryonale Gewebe ausbreiten können, ohne dabei zu reißen. Denn Embryonen müssen nicht nur genetisch programmiert sein, sondern auch physikalisch funktionieren.

Wie der Embryo seine Grundstruktur aufbaut

Um die Bedeutung der Arbeit zu verstehen, lohnt zunächst ein Blick auf die sogenannte Gastrulation. Dabei handelt es sich um eine frühe Phase der Embryonalentwicklung, in der sich die zunächst relativ einfache Zellkugel in verschiedene Zellschichten organisiert. Aus diesen entstehen später Organe, Nervensystem, Haut und innere Gewebe. Die Gastrulation gehört deshalb zu den zentralen Entwicklungsprozessen aller vielzelligen Tiere. Der britischen Entwicklungsbiologe Lewis Wolpert formulierte es in seinem Buch 'Triumph of the Embryo' (1991) treffend wie folgt [2]: "Es ist nicht die Geburt, die Hochzeit oder der Tod, sondern die Gastrulation, welche in Wirklichkeit der wichtigste Zeitpunkt in deinem Leben ist."

Während dieser Phase findet ein spektakulärer Vorgang statt, die sogenannte Epibolie. Dabei breitet sich eine dünne äußere Zellschicht, das sogenannte EVL (Enveloping Layer), über den großen Dotter aus, bis dieser vollständig umschlossen ist. Man kann sich diesen Vorgang vereinfacht wie das vorsichtige Überziehen eines Ballons mit einer elastischen Haut vorstellen. Das Gewebe muss sich dabei massiv ausdehnen und zugleich intakt bleiben. Genau hier setzt die Studie an. Die Forscher wollten verstehen, wie embryonale Gewebe diese Balance zwischen Flexibilität und Stabilität erreichen.

Epibolie bezeichnet Zellbewegungen während der frühen Embryonalentwicklung,
bei der sich Zellschichten ausbreiten und andere Zellmassen umwachsen.

Keratine: Mehr als nur Haare und Nägel

Die meisten Menschen kennen Keratine vor allem aus Haaren, Nägeln oder der Haut. Tatsächlich gehören Keratine zu den wichtigsten Strukturproteinen tierischer Zellen. Sie bilden ein Netzwerk aus sogenannten Intermediärfilamenten, also stabilen Proteinfasern innerhalb der Zelle. Diese unterscheiden sich deutlich von anderen Bestandteilen des Zellskeletts wie Aktinfilamenten oder Mikrotubuli. Während Aktin eher mit schnellen Bewegungen und aktiven Zellverformungen verbunden ist, verleihen Keratine Geweben mechanische Widerstandskraft. Sie funktionieren gewissermaßen wie Verstrebungen in einem Bauwerk. Die Studie zeigt nun, dass diese Keratin-Netzwerke in der Embryonalentwicklung keineswegs statisch sind. Vielmehr reagieren sie aktiv auf mechanische Belastungen.

Sobald sich das EVL über den Dotter ausbreitet, entstehen innerhalb des Gewebes mechanische Spannungen. Die Forscher konnten zeigen, dass genau diese Spannungen den Aufbau dichterer Keratin-Netzwerke fördern. Je stärker das Gewebe unter Zug gerät, desto stärker reorganisieren sich die Keratinfilamente. Die Zellen "spüren" also mechanische Belastung und passen ihre innere Architektur daran an. Diese Form biologischer Mechanosensitivität gehört zu den spannendsten Forschungsfeldern der modernen Zellbiologie. Zellen reagieren eben nicht nur auf chemische Signale, sondern auch auf physikalische wie Druck, Zug und Dehnung.

Das Team demonstrierte diesen Zusammenhang mit Mikropipettenexperimenten an Embryonen des Zebrafischs bzw. Zebrabärblings (Danio rerio). Dabei wurden embryonale Gewebe gezielt mechanisch belastet. Unter Spannung verstärkten sich die Keratin-Netzwerke deutlich. Wurde dagegen die zelluläre Spannung künstlich reduziert, verzögerte sich die Reifung der Netzwerke erheblich.

Warum embryonale Gewebe nicht reißen

Die zentrale biologische Bedeutung der Keratine zeigte sich, als die Forscher deren Funktion gezielt ausschalteten. Fehlen bestimmte Keratine, breitet sich das EVL langsamer aus und beginnt schließlich zu reißen. Die Embryonen sterben im weiteren Entwicklungsverlauf ab. Besonders betroffen waren dabei die Zellkontakte zwischen den einzelnen Zellen des Gewebes. Das verdeutlicht ein fundamentales Problem der Embryonalentwicklung: Gewebe müssen gleichzeitig beweglich und stabil sein. Ein zu starres Gewebe könnte sich nicht ausreichend ausdehnen. Ein zu weiches Gewebe würde dagegen unter Belastung auseinanderbrechen.

Keratine regulieren genau diese Balance. Sie erhöhen die Gewebeviskosität, also vereinfacht gesagt wie stark sich ein Material gegen Verformung "wehrt". Flüssigkeiten wie Wasser besitzen eine geringe Viskosität, Honig dagegen eine hohe. Embryonale Gewebe verhalten sich hingegen weder wie feste Körper noch wie einfache Flüssigkeiten, sondern wie komplexe viskoelastische Materialien. Keratine sorgen offenbar dafür, dass sich mechanische Kräfte gleichmäßiger über das Gewebe verteilen. Dadurch werden lokale Überlastungen vermieden und das Risiko eines Geweberisses sinkt deutlich.

Die Studie zeigt darüber hinaus, dass Keratin-Netzwerke eng mit dem sogenannten Aktomyosin-System zusammenarbeiten. Dieses System aus Aktinfilamenten und Motorproteinen erzeugt aktiv Zugkräfte innerhalb von Zellen und Geweben. Im Dotterbereich des Embryos bildet das Aktomyosin-Netzwerk eine Art Ring, der das EVL aktiv über den Dotter zieht. Keratine stabilisieren dabei offenbar die Kraftübertragung innerhalb dieses Systems. Ohne Keratine werden die mechanischen Bewegungen unkoordinierter und schwächer. Die gleichen Proteine, die Gewebe stabilisieren, helfen somit gleichzeitig dabei, die Kräfte zu erzeugen, die Gewebe überhaupt erst bewegen. Stabilität und Dynamik sind also keine Gegensätze, sondern eng miteinander gekoppelt.

Entwicklungsbiologie wird zur Physik des Lebens

Die Arbeit zeigt eindrucksvoll, wie stark sich die Entwicklungsbiologie verändert hat. Lange Zeit standen vor allem Gene und molekulare Signalwege im Mittelpunkt. Heute wird immer deutlicher, dass auch physikalische Eigenschaften entscheidend sind. Embryonen entwickeln sich nicht allein aufgrund genetischer Programme, sondern auch aufgrund mechanischer Kräfte und Materialeigenschaften.

Besonders innovativ ist deshalb auch der theoretische Teil der Studie. Die Autoren kombinierten ihre biologischen Experimente mit mathematischen Modellen, die beschreiben, wie sich Gewebe unter Spannung verhalten. Solche Modelle helfen dabei, Entwicklungsvorgänge nicht nur qualitativ zu beobachten, sondern quantitativ zu verstehen. Die Embryonalentwicklung erscheint dadurch zunehmend als fein abgestimmtes Zusammenspiel aus Genetik, Zellbiologie und Physik.

Solche Arbeiten liefern wichtige Hinweise nicht nur für das Verständnis von Fehlentwicklungen oder Fruchtbarkeitsstörungen. Auch die Krebsforschung interessiert sich intensiv für ähnliche Mechanismen, denn wandernde Tumorzellen nutzen teilweise dieselben zellmechanischen Prinzipien wie embryonale Gewebe. Die Studie zeigt außerdem exemplarisch, wie eine erkenntnisgeleitete, interdisziplinäre Sexualbiologie heute arbeiten sollte.

Fazit

Die Arbeit von Naik et al. (2026) liefert faszinierende Einblicke in die mechanischen Grundlagen der frühen Embryonalentwicklung. Sie zeigt, dass Keratine weit mehr sind als bloße Strukturproteine. Sie wirken als mechanosensitive Regulatoren, die Stabilität und Beweglichkeit embryonaler Gewebe miteinander ausbalancieren. Besonders spannend ist die Erkenntnis, dass embryonale Gewebe aktiv auf mechanische Belastungen reagieren und ihre Eigenschaften entsprechend anpassen. Der Embryo ist damit kein passives Gebilde, sondern ein hochdynamisches System, das ständig Kräfte erzeugt, wahrnimmt und verarbeitet.

Quellen

[1] Naik, S., Keta, YE., Pranjic-Ferscha, K. et al. Keratins coordinate tissue spreading by balancing spreading forces with tissue material properties. Nat Commun (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-72366-z

[2] Wolpert, L. The Triumph of the Embryo. Oxford University Press (1991), ISBN: 0-19-854243-7

Donnerstag, 28. Mai 2026

Globale Spermienkrise abgesagt?

Seit Jahrzehnten sorgen Studien über einen möglichen Rückgang der männlichen Fruchtbarkeit für Schlagzeilen. Immer wieder ist von einer "Spermienkrise" die Rede, ausgelöst durch Berichte, wonach die Spermienzahl weltweit kontinuierlich abnehme. Umweltgifte, Ernährung, Stress, Mangel an Bewegung oder hormonaktive Chemikalien gelten häufig als mögliche Ursachen. Die Vorstellung eines schleichenden biologischen Niedergangs hat sich tief in die öffentliche Debatte eingeprägt.

Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse von Lewis und Kollegen aus dem Jahr 2025, erschienen im Fachjournal 'Fertility and Sterility', wirft einen genaueren Blick auf die Situation in den USA und kommt zu einem überraschend nüchternen Ergebnis: Bei fruchtbaren Männern und Männern ohne bekannte Unfruchtbarkeit zeigt sich über mehrere Jahrzehnte hinweg kein klinisch bedeutsamer Rückgang der Spermienkonzentration [1]. Die Arbeit analysiert Daten aus fast fünfzig Jahren Forschung und lädt dazu ein, genauer hinzusehen, wenn über männliche Fertilität gesprochen wird.

Was wurde untersucht?

Die Forscher werteten Studien aus den Jahren 1970 bis 2023 aus, die Daten zur Spermienkonzentration von Männern in den USA berichteten. Dabei wurden gezielt Männer mit bestätigter Fruchtbarkeit sowie Männer ohne bekannte Fertilitätsprobleme berücksichtigt. Männer, die wegen Unfruchtbarkeit medizinisch behandelt wurden oder bereits aufgrund möglicher Fertilitätsstörungen ausgewählt waren, wurden ausgeschlossen.

Insgesamt flossen 58 Studien mit 75 Datensätzen und fast 12.000 Männern in die Analyse ein. Das macht die Arbeit zu einer der umfangreicheren Untersuchungen speziell zur US-amerikanischen Bevölkerung. Gerade diese Fokussierung ist wichtig. Frühere internationale Meta-Analysen kombinierten Daten aus sehr unterschiedlichen Regionen, Zeiträumen und Populationen. Dadurch entstand zwar ein globales Bild, zugleich aber auch ein methodisches Problem. Denn ob Trends in Europa, Nordamerika, Asien oder Afrika überhaupt direkt miteinander vergleichbar sind, bleibt fraglich. Die Meta-Analyse versucht deshalb, regionale Unterschiede stärker zu berücksichtigen.

Kein dramatischer Absturz der Spermienkonzentration

Über den Zeitraum von 1970 bis 2018 fanden die Autoren insgesamt keinen statistisch überzeugenden Hinweis auf einen deutlichen Rückgang der Spermienkonzentration in der untersuchten US-Bevölkerung. Das widerspricht auf den ersten Blick früheren, viel beachteten Meta-Analysen, die jährliche Rückgänge von bis zu etwa einer Million Spermien pro Milliliter beschrieben hatten. In der neuen Untersuchung blieb die durchschnittliche Spermienkonzentration dagegen bemerkenswert stabil. Zwar zeigte eines der statistischen Modelle nach Berücksichtigung von Region und Fertilitätsstatus einen kleinen negativen Trend. Dieser fiel jedoch deutlich schwächer aus als in früheren globalen Analysen und wurde von den Autoren nicht als klinisch bedeutsam bewertet.

Die Rolle geografischer Unterschiede spielt hierbei eine besondere Rolle. Frühere Studien hatten bereits angedeutet, dass Trends in der Spermienqualität regional sehr verschieden ausfallen können. Manche Untersuchungen fanden stärkere Rückgänge in Europa oder bestimmten nordamerikanischen Regionen, andere wiederum kaum Veränderungen. Lewis und Kollegen untersuchten deshalb die vier großen US-Regionen (Nordosten, Mittlerer Westen, Süden und Westen) getrennt und kamen dabei zu dem Ergebnis, dass keine Region einen statistisch signifikanten Rückgang der Spermienkonzentration zeigte.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Umweltbedingungen bedeutungslos wären. Die Autoren betonen, dass Faktoren wie Klima, Schadstoffbelastung oder Ernährung regional sehr unterschiedlich sein können. Gerade deshalb sei Vorsicht geboten, wenn globale Durchschnittswerte als universelle biologische Wahrheit präsentiert werden. Denn biologische Entwicklungen verlaufen selten überall gleich. Was für eine Population gilt, muss nicht automatisch auf eine andere übertragbar sein.

Warum die Auswahl der Studien zählt

Ein wesentlicher methodischer Unterschied zu früheren Arbeiten liegt in der Auswahl der untersuchten Gruppen. Die Forscher konzentrierten sich bewusst auf Männer mit nachgewiesener Fruchtbarkeit oder ohne bekannte Hinweise auf Unfruchtbarkeit. Damit wollten sie eine Population betrachten, die eher die allgemeine Gesundheitslage gesunder Männer repräsentiert. Das ist relevant, weil sich Trends möglicherweise zwischen unterschiedlichen Gruppen unterscheiden könnten. Es wäre denkbar, dass Männer mit bestehenden Fertilitätsproblemen stärkere Veränderungen zeigen, während die Werte in der breiteren Bevölkerung relativ stabil bleiben.

Die Studie liefert deshalb aber auch keine Entwarnung für sämtliche Aspekte männlicher Reproduktionsgesundheit. Sie zeigt bloß, dass pauschale Aussagen über einen rasanten Rückgang der Spermienkonzentration in einem globalen Maßstab zu kurz greifen.

Was ist mit Beweglichkeit und Gesamtzahl?

Die relative Spermienkonzentration ist außerdem nur ein Parameter unter vielen, die für die männliche Fertilität von Bedeutung ist. Die Studie untersuchte deshalb zusätzlich weitere Merkmale der Spermienqualität. So zeigte sich bei der absoluten Gesamtzahl der Spermien sogar ein leichter Anstieg im Untersuchungszeitraum. Gleichzeitig fanden die Forscher eine geringe Abnahme der Spermienbeweglichkeit, also der Fähigkeit der Spermien, aktiv voranzuschwimmen.

Sie weisen allerdings limitierend darauf hin, dass die Messung der Beweglichkeit technisch anspruchsvoll ist und sich Analyseverfahren im Laufe der Jahrzehnte verändert haben. Unterschiede zwischen Studien können daher nicht immer eindeutig als echte biologische Veränderungen interpretiert werden.

Offene Ursachenfragen

Trotz der vergleichsweise beruhigenden Ergebnisse verschwindet die Frage nach möglichen Einflussfaktoren keineswegs. In der wissenschaftlichen Diskussion werden seit Jahren Umweltgifte, hormonaktive Chemikalien, Ernährungsmuster, Rauchen, Übergewicht und andere Lebensstilfaktoren als mögliche Ursachen sinkender Spermienqualität diskutiert. Auch die vorliegende Studie verweist auf solche Hypothesen.

Allerdings zeigt sie zugleich ein grundlegendes Problem der Forschung: Viele potenziell wichtige Einflussgrößen, etwa die evolutionäre Abstammung (Rasse), wurden in älteren Studien uneinheitlich dokumentiert. Dadurch lassen sich ihre Effekte nur begrenzt analysieren. Die Suche nach den Ursachen möglicher Veränderungen der männlichen Fertilität bleibt deshalb eine offene wissenschaftliche Aufgabe.

Fazit

Die Meta-Analyse von Lewis et al. (2025) liefert keine spektakuläre Entwarnung und auch keinen Beleg gegen sämtliche Sorgen um die männliche Reproduktionsgesundheit. Sie zeigt jedoch eindrücklich, wie wichtig differenzierte Betrachtungen in der Reproduktionsforschung sind. Zumindest für die untersuchten Gruppen in den USA fand sich kein Hinweis auf einen dramatischen, klinisch bedeutsamen Einbruch der Spermienkonzentration über die vergangenen Jahrzehnte. Das stellt verbreitete Narrative vom unausweichlichen globalen Spermienkollaps infrage.

Quellen

[1] Kieran Lewis, Rossella Cannarella, Fangzhou Liu, Bradley Roth, Leila Bushweller, Jack Millot, Sohei Kuribayashi, Shinnosuke Kuroda, Diego Aguilar Palacios, Sarah C. Vij, Jennifer Cullen, Scott D. Lundy, Sperm concentration remains stable among fertile American men: a systematic review and meta-analysis, Fertility and Sterility, Volume 123, Issue 1, 2025, Pages 77-87, ISSN 0015-0282, https://doi.org/10.1016/j.fertnstert.2024.08.322.

Mittwoch, 27. Mai 2026

Linke außer Rand und Band

Meinungsbeitrag von Marco Bergmann
Sprecher & Mitgründer der IG Sexualbiologie

Der Club Volantaire, ein linksliberales Debattenformat, wollte am 29. Mai 2026 in Hamburg eine Veranstaltung mit dem Titel "Was ist eine Frau? Feminismus außer Rand und Band" durchführen. Die Diskussion sollte queerpolitische Einflüsse auf Frauenrechte kritisch beleuchten. Stattdessen wurde die Veranstaltung durch Druck von außen zum Symbol für die zunehmende Einengung von Debattenräumen.


Was ist geschehen?

Die Veranstalter hatten zunächst eine Lokalität in Hamburg-Ottensen gebucht. Kurz vor dem Termin zog der Betreiber jedoch zurück. Er fürchtete wirtschaftliche Schäden durch Rufschädigung oder mögliche Ausschreitungen in einem Milieu, das für queerpolitische Positionen empfänglich ist. Trotz intensiver Suche gelang es nicht, einen alternativen öffentlichen Veranstaltungsort in Hamburg zu finden. Viele Betreiber lehnten ab – teils aus Kostengründen, teils aus Sorge vor negativen Konsequenzen. Schließlich bot Massengeschmack.TV den Veranstaltern "Asyl", wie sie an Montag auf X bekanntgaben:


Die Podiumsdiskussion findet nun also nicht öffentlich statt, soll aber später online ausgestrahlt werden.

Die Panelistinnen: Vielfalt gegen Ideologie

Die Zusammensetzung des Podiums aus vier biologisch weiblichen Personen mit sehr unterschiedlichen Biografien und Perspektiven macht den Cancel-Versuch besonders absurd:

Inge Bell, Frauenrechtlerin und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes sowie langjährige Kämpferin gegen Menschenhandel, bringt jahrzehntelange praktische Erfahrung in der Frauenrechtsarbeit ein. Als ehemalige stellvertretende Vorstandsvorsitzende von TERRE DES FEMMES Menschenrechte für die Frau e. V. und Expertin für Opferschutz bei der Polizei betont sie unmissverständlich: "Wer nicht sagen kann, was eine Frau ist, kann auch keine Frauenrechte verteidigen. Ohne klare Begriffe gibt es keine klaren Rechte – und keinen Schutz."

Die Professorin für Mikrobielle Immunologie Ilse Jacobsen steht für die naturwissenschaftliche Perspektive. Die habilitierte Wissenschaftlerin erinnert daran, dass Frauen nicht benachteiligt werden, weil sie sich als Frau identifizieren, sondern weil nur Frauen Kinder bekommen können. Ein Feminismus, der diese materielle Grundlage ignoriert, verliere seinen Kern, so Jacobsen.

Marie-Luise Vollbrecht, Biologin mit Schwerpunkt Verhaltens- und Neurobiologie, wurde selbst schon Ziel massiver Anfeindungen, als sie 2022 an der Humboldt-Universität zu Berlin einen Vortrag über die biologische Zweigeschlechtlichkeit halten wollte (siehe Die Causa Vollbrecht und das Kiwi-Emoji 🥝). Sie hält unbeirrt fest, dass die Verleugnung biologischer Unterschiede das politische Subjekt "Frau" unsichtbar macht und die historischen Wurzeln weiblicher Unterdrückung negiert.

Besonders bemerkenswert ist die Teilnahme von Till Randolf Amelung. Die transidentifizierende biologisch weibliche Person mit rechtlich männlichem Geschlechtseintrag ist seit 2024 im Vorstand der Initiative Queer Nations e. V. und gehört zu den Herausgebern des 'Jahrbuchs Sexualitäten'. Als sogenannter "Transmann" warnt Amelung eindringlich: "Durch die queerpolitischen Versuche einer Umdeutung des biologischen Geschlechts wirken wir Transpersonen jetzt so verpeilt wie Flacherdler. Damit erweist man uns einen Bärendienst!"

Gerade diese Mischung aus renommierter Frauenrechtlerin, zwei Wissenschaftlerinnen und einer kritischen Position aus transidentifizierenden Kreisen zeigt, dass es hier nicht um "Hass und Hetze" seitens rechtsextremer Ideologien geht, sondern um eine ernsthafte, innerlinke und wissenschaftsbasierte Auseinandersetzung. Alle vier vertreten Positionen, die biologische Realitäten ernst nehmen und die Folgen einer Entkopplung von Geschlecht und Biologie für Frauenrechte kritisch sehen. Doch das reichte bereits aus, um die Veranstaltung in Teilen der linken Szene als bedrohlich erscheinen zu lassen.

Debattenräume unter Druck

Dieser Vorfall ist bezeichnend für den postmodernen Zeitgeist. Eine politisch eher links zu verortende Veranstaltung wird nicht etwa von Rechtsextremisten im "finstersten Osten" sabotiert, sondern von Linksextremisten in der weltoffenen Kulturstadt Hamburg. "Linke außer Rand und Band" trifft es daher wohl am ehesten. Statt Argumente auszutauschen, setzen Aktivisten auf Druck hinter den Kulissen. Sie mobilisieren das soziale und wirtschaftliche Umfeld, um abweichende Stimmen zum Schweigen zu bringen.

Besonders aufschlussreich – um nicht zu sagen ironisch – ist in diesem Kontext allerdings auch eine Formulierung aus der Stellungnahme der Veranstalter "Zum Versagen des kritischen Geistes": "Und dafür dämonisiert man notfalls auch andersdenkende Feministinnen, als seien sie Björn Höcke." Mit dieser lapidaren Formulierung bedienen die Veranstalter selbst dieselben ideologischen Mechanismen, die sie kritisieren. Björn Höcke (AfD) kann und sollte kritisiert werden. Ihn jedoch zum nächsten Reichskanzler zu stilisieren, wie es vermeintliche "Demokraten", große Teile insbesondere der "öffentlich-rechtlichen" Medienlandschaft und Linksextremisten (gibt es da überhaupt noch einen Unterschied?) tun, verhöhnt nicht nur die Opfer des Nationalsozialismus, sondern es handelt sich um dieselbe Rhetorik der Dämonisierung, der auch Marie-Luise Vollbrecht und andere Gender-Kritiker ausgesetzt sind. Sie zu dämonisieren ist falsch. Mindestens zu insinuieren, als wäre es bei oppositionellen Politikern akzeptabel, ist es ebenfalls. Statt sich mit Aussagen auseinanderzusetzen, werden sie als moralisch verwerflich gebrandmarkt, um sie aus dem Debattenraum zu verbannen. Diese Methode schadet letztlich jeder offenen Gesellschaft.

Der Vorfall zeigt, wie weit die Einengung der Debattenräume bereits fortgeschritten ist. Selbst innerhalb des linken Spektrums gilt Kritik an queerfeministischen Entwicklungen als Häresie. Eine Biologin, die die Zweigeschlechtlichkeit als wissenschaftliche Tatsache darstellt, eine Professorin, die auf die materielle Basis des Frauseins verweist, eine Frauenrechtlerin, die klare Begriffe für den Schutz von Frauen fordert, und selbst ein "Transmann" werden als extrem diffamiert. Dabei argumentierten sie letzten Endes auf Basis naturwissenschaftlicher Realitäten: Eine Frau ist ein adultes Menschenweibchen. Ein Weibchen befindet sich auf dem Entwicklungspfad in Richtung Eizellenproduktion. Daraus ergeben sich besondere Schutzrechte. Diese Definition ist nicht ideologisch, sondern folgt biologischen Fakten. Wer sie aufgibt, untergräbt die Grundlage für Frauen- und damit Menschenrechte.

Hoffnung auf Öffentlichkeit

Es bleibt zu wünschen, dass die Aufzeichnung der Diskussion später frei zugänglich sein wird. Die "Geiz-ist-geil-Mentalität" ist zwar abzulehnen und Massengeschmack.TV seien die Einnahmen, die qualitativ hochwertige Inhalte generieren, selbstverständlich gegönnt. Dennoch hat dieses Thema eine derart hohe gesellschaftliche Relevanz, dass eine Bezahlschranke genau das erreichen würde, was die Cancel-Aktivisten wollten. Diese Veranstaltung gehört gerade wegen des Versuchs, sie zu verhindern, umso mehr in die breite Öffentlichkeit. Nur transparente Debatten können ideologische Verhärtungen aufbrechen und zu einer fundierten Auseinandersetzung führen.

Fazit

Der gescheiterte Club Volantaire in Hamburg ist kein Einzelfall, sondern Symptom einer tieferen Krise. Wenn selbst linksliberale Formate, die innere Kritik üben, keinen Raum mehr finden, droht der öffentliche Diskurs komplett zu erstarren. Biologische Realitäten lassen sich nicht wegdefinieren. Frauenrechte brauchen klare Kategorien. Es wird Zeit, dass mehr Menschen für offene Debatten einstehen und Cancel-Versuche entschieden zurückweisen – unabhängig ihrer politischen Verortung.

Donnerstag, 21. Mai 2026

Sexuell übertragbare Infektionen in Europa auf Rekordniveau

Die Zahl sexuell übertragbarer Infektionen (STI) steigt in Europa (genauer gesagt in EU- und EWR-Staaten) seit Jahren an. Nun melden die europäischen Gesundheitsbehörden neue Höchststände. Nach aktuellen Daten des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) erreichten bakterielle STI im Jahr 2024 in mehreren Bereichen Rekordwerte: Bacterial STIs reach record highs in Europe, as congenital syphilis cases nearly double

Besonders betroffen sind Gonorrhoe (umgangssprachlich eher bekannt als "Tripper") und Syphilis, deren Fallzahlen innerhalb weniger Jahre deutlich zugenommen haben. Gleichzeitig weisen die Berichte auf erhebliche Defizite in Prävention, Testangeboten und gesundheitlicher Versorgung hin. Die Entwicklung betrifft nicht nur einzelne Risikogruppen. Zwar bleiben gleichgeschlechtlich fixierte Männer weiterhin besonders stark betroffen, doch auch in heteronormalen Bevölkerungsgruppen nehmen Infektionen zu. Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei der deutliche Anstieg der Syphilis bei Frauen im gebärfähigen Alter.

Bild von MasterTux auf Pixabay


Gonorrhoe und Syphilis auf historischem Höchststand

Die Zahlen des ECDC verdeutlichen die Dynamik der Entwicklung. Im Jahr 2024 wurden in den vom ECDC erfassten europäischen Staaten 106.331 Gonorrhoe-Fälle registriert [1]. Seit 2015 entspricht dies einem Anstieg von über 300 Prozent. Auch die Syphilis hat sich in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt und erreichte 45.577 gemeldete Fälle [2]. Chlamydien bleiben weiterhin die am häufigsten diagnostizierte bakterielle STI mit 213.443 registrierten Infektionen [3].

Diese Entwicklungen sind medizinisch und gesundheitspolitisch relevant, denn unbehandelte Infektionen können erhebliche gesundheitliche Folgen nach sich ziehen. Dazu gehören chronische Schmerzen, Entzündungen, Unfruchtbarkeit oder langfristige Organschäden. Syphilis kann in fortgeschrittenen Stadien unter anderem das Herz-Kreislauf-System und das Nervensystem betreffen.

Fast doppelt so viele Fälle kongenitaler Syphilis

Besonders alarmierend bewertet das ECDC die Entwicklung bei der kongenitalen Syphilis. Dabei wird die Infektion während der Schwangerschaft von der werdenden Mutter auf den Fetus übertragen. Die Zahl dieser Fälle stieg innerhalb eines Jahres nahezu um das Doppelte, von 78 Fällen im Jahr 2023 auf 140 Fälle im Jahr 2024 in den 14 meldenden Ländern.

Kongenitale Syphilis gilt grundsätzlich als weitgehend vermeidbar, sofern Infektionen rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Dass die Zahlen dennoch steigen, deutet auf Lücken in den bestehenden Gesundheitssystemen hin. Das ECDC nennt unter anderem unzureichende Schwangerschaftsvorsorge, Defizite bei der Behandlung und unvollständige Nachverfolgung diagnostizierter Fälle als zentrale Problembereiche.

Prävention wirksam, aber nicht überall zugänglich

Das ECDC betont, dass die Prävention sexuell übertragbarer Infektionen grundsätzlich gut möglich sei. Kondomnutzung bei neuen oder mehreren Sexualpartnern, frühzeitige Testungen bei Symptomen sowie rasche Behandlung und Partnerinformation gehören weiterhin zu den wirksamsten Maßnahmen. Allerdings bestehen innerhalb der erfassten europäischen Staaten deutliche Unterschiede beim Zugang zu STI-Diagnostik und Präventionsangeboten. In 13 von 29 berichtenden Ländern müssen grundlegende STI-Tests weiterhin zumindest teilweise privat bezahlt werden. Solche finanziellen Hürden können dazu führen, dass Infektionen spät oder gar nicht diagnostiziert werden. Hinzu kommt, dass nationale Präventionsstrategien vieler Länder nach Einschätzung des ECDC nicht ausreichend an aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen angepasst wurden.

Im Januar 2026 veröffentlichte das ECDC zudem Empfehlungen zum Einsatz von Doxycyclin als Postexpositionsprophylaxe (Doxy-PEP) zur STI-Prävention bei Personen mit erhöhtem Expositionsrisiko. Dabei wird ein Antibiotikum nach möglicher Exposition eingenommen, um bestimmte bakterielle Infektionen zu verhindern. Die Behörde betont jedoch zugleich die Grenzen dieses Ansatzes. Insbesondere bei Gonorrhoe wird keine breite Anwendung empfohlen, da bereits hohe Resistenzen gegenüber Antibiotika bestehen und eine verstärkte Nutzung die Resistenzentwicklung weiter beschleunigen könnte.

Der Elefant im Raum

Die aktuelle ECDC-Mitteilung benennt allgemeine Präventionsdefizite, Testbarrieren, Versorgungslücken und veränderte Verhaltensmuster als zentrale Treiber steigender STI-Zahlen in den erfassten europäischen Staaten. Diese allgemeinen Faktoren verdienen gewiss Aufmerksamkeit. Zugleich stellt sich jedoch die Frage, ob die Debatte damit vollständig geführt wird oder ob bestimmte mögliche Einflussgrößen politisch oder institutionell nur unzureichend thematisiert werden.

Infektionskrankheiten treten nicht unabhängig von Bevölkerungsdynamiken auf. Unterschiede in Herkunftsregionen beispielsweise in Bezug auf die epidemiologische Ausgangslage haben Einfluss auf Prävalenzen und Übertragungsmuster. Für eine vollumfängliche Datenauswertung wäre es daher notwendig, auch migrationsbezogene Determinanten systematisch zu berücksichtigen. Dazu gehören Unterschiede in STI-Prävalenzen der Herkunftsregionen, Zugangsbarrieren zum Gesundheitssystem, allgemeine Gesundheitskompetenz sowie kulturelle Unterschiede in Sexualbildung und -verhalten.

Im ECDC-Bericht über Syphilis heißt es zwar: "Certain ethnic minorities and migrant populations who are socio-economically disadvantaged are also at higher risk of acquiring syphilis" ("Bestimmte ethnische Minderheiten und Migrantenpopulationen, die sozioökonomisch benachteiligt sind, weisen ebenfalls ein höheres Risiko auf, an Syphilis zu erkranken"). Jedoch wirkt dies eher wie eine Randnotiz, die der aktuellen Situation in Europa und hier insbesondere in der Europäischen Union nicht gerecht zu werden scheint.

Europa hat seit der Mitte der 2010er-Jahre erhebliche demografische Veränderungen erlebt, darunter eine anhaltend hohe Migration aus Regionen mit teils deutlich anderen epidemiologischen Ausgangslagen. Wenn Institutionen der EU auf evidenzbasierte Gesundheitssteuerung verweisen, erscheint die Frage legitim, ob entsprechende Datenauswertungen ausreichend transparent erhoben, veröffentlicht und diskutiert werden. Werden epidemiologische Entwicklungen konsequent entlang aller relevanten Variablen untersucht, oder bleiben bestimmte Forschungsfelder politisch sensibel und deshalb unterbelichtet, weil sie unerwünschte Implikationen für das große Projekt der Vereinten Nationen namens "Replacement Migration" (Bestandserhaltungsmigration) haben könnten? [4]

Eine offene wissenschaftliche Debatte müsste akzeptieren, dass Bevölkerungsdynamiken grundsätzlich gesundheitliche Auswirkungen haben und dass eine differenzierte Analyse migrationsbezogener Faktoren nicht per se diskriminierend ist, sondern Teil einer umfassenden Public-Health-Perspektive sein sollte.

Fazit

Die aktuellen ECDC-Daten machen deutlich, dass sexuell übertragbare Infektionen in Europa kein Randthema der öffentlichen Gesundheit sind. Die anhaltend steigenden Fallzahlen und die bestehenden Versorgungslücken verdeutlichen den Handlungsbedarf. Notwendig sind neben leicht zugängliche Testangeboten, zeitnahen Behandlungsmöglichkeiten, aktuellen nationalen Strategien, umfassender Sexualaufklärung insbesondere eine ergebnisoffene Forschung in Bezug auf migrationsbezogene Ursachen.

Quellen

[1] European Centre for Disease Prevention and Control. Gonorrhoea. In: ECDC. Annual epidemiological report for 2024. Stockholm: ECDC; 2026. https://www.ecdc.europa.eu/sites/default/files/documents/AER%20gonorrhea%202024.pdf

[2] European Centre for Disease Prevention and Control. Syphilis. In: ECDC. Annual Epidemiological Report for 2024. Stockholm: ECDC; 2026. https://www.ecdc.europa.eu/sites/default/files/documents/syphilis-annual-epidemiological-report-2024.pdf

[3] European Centre for Disease Prevention and Control. Chlamydia. In: ECDC. Annual Epidemiological Report for 2024. Stockholm: ECDC; 2026. https://www.ecdc.europa.eu/sites/default/files/documents/chlamydia-%20anual-epidemiological-report-2024.pdf

[4] UN. Population Division. Replacement migration : is it a solution to declining and ageing populations?; [New York] : UN, 21 Mar. 2000. https://digitallibrary.un.org/record/412547/files/unpd-egm_200010_un_2001_replacementmigration.pdf

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