In den letzten Jahren berichten Medien und soziale Netzwerke häufig von einem starken Anstieg der LGBT+-Identifikation. Besonders junge Frauen geben immer öfter an, ambiphil (umgangssprachlich "bisexuell") zu sein – sich also von beiden Geschlechtern angezogen zu fühlen. Gleichzeitig bleibt bei vielen von ihnen das tatsächliche Beziehungs- und Sexualverhalten unverändert heteronormal.
Der Boom der "queeren" Selbstidentifikation
Daten aus groß angelegten Telefonumfragen des Gallup-Instituts belegen einen markanten Trend. Im Jahr 2025 identifizieren sich 9 % der erwachsenen US-Amerikaner als lesbisch, schwul, "bisexuell", transident oder etwas anderes als heterosexuell [1]. Das ist mehr als doppelt so viel wie noch 2012 mit nur 3,5 %. Der Anstieg wird fast ausschließlich von "bisexuellen" Selbstbeschreibungen getragen, die mehr als die Hälfte aller LGBT+-Nennungen ausmachen und rund 5 % der Gesamtbevölkerung betreffen.
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| Aus Gallup (2026): LGBTQ+ Identification Holds at 9% in U.S. |
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| Aus Gallup (2026): LGBTQ+ Identification Holds at 9% in U.S. |
Besonders auffällig ist das Muster bei Frauen: Sie geben doppelt so häufig eine LGBT+-Identität an wie Männer, vor allem durch die Wahl des Labels "bisexuell". Bei Frauen der Generation Z erreichen die Werte bis zu 31 %, bei Millennial-Frauen 18 %. Gallup erfasst dabei ausschließlich die Selbstwahrnehmung und fragt nicht nach konkreten sexuellen Kontakten oder Partnerschaften.
Die Umfragen zeigen also einen klaren Wandel in der Art und Weise, wie Menschen ihre sogenannte "sexuelle Orientierung" benennen, ohne dass damit automatisch eine Veränderung des Alltagsverhaltens einhergeht.
Die Diskrepanz zwischen Label und Lebensrealität
Während die Identitätsdaten beeindruckend steigen, erzählen Verhaltensstudien eine andere Geschichte. Die repräsentative Erhebung des Pew Research Centers aus dem Jahr 2013 unter selbstidentifizierten LGBT+-Personen ergab, dass nur 9 % der "Bisexuellen" einen gleichgeschlechtlichen Partner hatten [2]. Dagegen lebten 84 % dieser Kohorte in einer Beziehung mit einer Person des anderen Geschlechts. Der überwiegende Teil der Befragten, die sich als "bisexuell" bezeichneten, führte also ein weitgehend heteronormales Beziehungsleben.
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| Aus Pew Research Center (2013): A Survey of LGBT Americans |
Ähnlich eindeutig fallen die Ergebnisse einer detaillierten Analyse des Institute for Family Studies aus dem Jahr 2023 aus [3]. Dort zeigte sich, dass selbstidentifizierte "Bisexuelle", insbesondere in der Generation Z, mehr als zweieinhalbmal so häufig gegengeschlechtliche als gleichgeschlechtliche Partner hatten. In einem Zeitraum von zwölf Monaten berichteten 59 % der jungen "Bisexuellen" von einem gegengeschlechtlichen Partner, während nur etwa jeder Vierte einen gleichgeschlechtlichen Kontakt angab. Frauen dominieren diese Gruppe mit einem Verhältnis von vier zu eins gegenüber Männern.
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| Aus Institute for Family Studies (2023): Bisexual America |
Was großen Bevölkerungsumfragen zusätzlich zeigen
Die National Survey of Family Growth des Centers for Disease Control and Prevention liefert weitere wichtige Einblicke. In den Wellen zwischen 2011 und 2017 stieg zwar der Anteil von Frauen, die jemals sexuelle Kontakte mit beiden Geschlechtern hatten, auf fast 20 % in jüngeren Kohorten. Dennoch bleibt die Diskrepanz zwischen Identität und aktuellem Verhalten groß. Viele Frauen, die sich heute als "bisexuell" beschreiben, berichten langfristig oder aktuell vor allem von heteronormalen Beziehungen. Umgekehrt geben laut Copen et al. (2016) 17,4 % heterosexuell identifizierte Frauen zumindest einmalige gleichgeschlechtliche Erfahrungen an. Als lesbisch oder "bisexuell" identifizierten sich allerdings nur 1,3 % bzw. 5,5 % der Frauen. Bei Männern ist dieses Muster deutlich seltener und stabiler (6,2 % gleichgeschlechtliche Erfahrung bei 1,9 % Selbstidentifikation als schwul und 2,0 % als "bisexuell") [4].
Insgesamt leben bis zu 88–90 % der gebundenen "Bisexuellen" in gegengeschlechtlichen Partnerschaften, wobei der Effekt bei Frauen besonders ausgeprägt ist [5]. Diese Daten aus den USA sind zwar nicht 1:1 auf europäische bzw. deutsche Kohorten übertragbar, deuten aber dennoch darauf hin, dass der gesellschaftliche Wandel viele Menschen dazu ermutigt, ein "queeres" Label zu wählen, ohne dass sich ihr tatsächliches Partnerwahlverhalten grundlegend ändert.
Fazit
Die Befunde machen deutlich, dass die Selbstauskunft der eigenen "sexuellen Orientierung" nicht zwangsläufig die tatsächliche erotische Fixierung widerspiegelt. Diese Dimensionen können, besonders bei Frauen, stärker voneinander abweichen als lange angenommen. Vor allem Lebensphase, kultureller Kontext und individuelle Entwicklung wirken hier modulierend. Der Anstieg der "Bisexualitäts"-Identifikation verdeutlicht vor allem eine gesellschaftliche Entwicklung. Gleichzeitig zeigt er, dass echte Verhaltensänderungen seltener sind als die bloße Wahl eines neuen Labels. Wer die Komplexität der menschlichen Partnerwahl verstehen will, sollte daher immer alle drei Ebenen (Identität, Anziehung und tatsächliches Verhalten) getrennt betrachten. Nur so lassen sich fundierte Aussagen beispielsweise über die Prävalenz von gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten treffen und medial berichtete hohe Betroffenenquoten von "Queerness" objektiv einordnen.
Quellen
[1] Gallup. LGBTQ+ Identification Holds at 9% in U.S. 16. Februar 2026. https://news.gallup.com/poll/702206/lgbtq-identification-holds.aspx
[2] Pew Research Center. A Survey of LGBT Americans. 13. Juni 2013. https://www.pewresearch.org/social-trends/2013/06/13/a-survey-of-lgbt-americans/
[3] Institute for Family Studies. Bisexual America. 5. Juni 2023. https://ifstudies.org/blog/bisexual-america
[4] Copen CE, Chandra A, Febo-Vazquez I. Sexual Behavior, Sexual Attraction, and Sexual Orientation Among Adults Aged 18-44 in the United States: Data From the 2011-2013 National Survey of Family Growth. Natl Health Stat Report. 2016 Jan 7;(88):1-14. PMID: 26766410.
[5] Herek, G.M., Norton, A.T., Allen, T.J. et al. Demographic, Psychological, and Social Characteristics of Self-Identified Lesbian, Gay, and Bisexual Adults in a US Probability Sample. Sex Res Soc Policy 7, 176–200 (2010). https://doi.org/10.1007/s13178-010-0017-y




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