Donnerstag, 21. Mai 2026

Sexuell übertragbare Infektionen in Europa auf Rekordniveau

Die Zahl sexuell übertragbarer Infektionen (STI) steigt in Europa (genauer gesagt in EU- und EWR-Staaten) seit Jahren an. Nun melden die europäischen Gesundheitsbehörden neue Höchststände. Nach aktuellen Daten des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) erreichten bakterielle STI im Jahr 2024 in mehreren Bereichen Rekordwerte: Bacterial STIs reach record highs in Europe, as congenital syphilis cases nearly double

Besonders betroffen sind Gonorrhoe (umgangssprachlich eher bekannt als "Tripper") und Syphilis, deren Fallzahlen innerhalb weniger Jahre deutlich zugenommen haben. Gleichzeitig weisen die Berichte auf erhebliche Defizite in Prävention, Testangeboten und gesundheitlicher Versorgung hin. Die Entwicklung betrifft nicht nur einzelne Risikogruppen. Zwar bleiben gleichgeschlechtlich fixierte Männer weiterhin besonders stark betroffen, doch auch in heteronormalen Bevölkerungsgruppen nehmen Infektionen zu. Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei der deutliche Anstieg der Syphilis bei Frauen im gebärfähigen Alter.

Bild von MasterTux auf Pixabay


Gonorrhoe und Syphilis auf historischem Höchststand

Die Zahlen des ECDC verdeutlichen die Dynamik der Entwicklung. Im Jahr 2024 wurden in den vom ECDC erfassten europäischen Staaten 106.331 Gonorrhoe-Fälle registriert [1]. Seit 2015 entspricht dies einem Anstieg von über 300 Prozent. Auch die Syphilis hat sich in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt und erreichte 45.577 gemeldete Fälle [2]. Chlamydien bleiben weiterhin die am häufigsten diagnostizierte bakterielle STI mit 213.443 registrierten Infektionen [3].

Diese Entwicklungen sind medizinisch und gesundheitspolitisch relevant, denn unbehandelte Infektionen können erhebliche gesundheitliche Folgen nach sich ziehen. Dazu gehören chronische Schmerzen, Entzündungen, Unfruchtbarkeit oder langfristige Organschäden. Syphilis kann in fortgeschrittenen Stadien unter anderem das Herz-Kreislauf-System und das Nervensystem betreffen.

Fast doppelt so viele Fälle kongenitaler Syphilis

Besonders alarmierend bewertet das ECDC die Entwicklung bei der kongenitalen Syphilis. Dabei wird die Infektion während der Schwangerschaft von der werdenden Mutter auf den Fetus übertragen. Die Zahl dieser Fälle stieg innerhalb eines Jahres nahezu um das Doppelte, von 78 Fällen im Jahr 2023 auf 140 Fälle im Jahr 2024 in den 14 meldenden Ländern.

Kongenitale Syphilis gilt grundsätzlich als weitgehend vermeidbar, sofern Infektionen rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Dass die Zahlen dennoch steigen, deutet auf Lücken in den bestehenden Gesundheitssystemen hin. Das ECDC nennt unter anderem unzureichende Schwangerschaftsvorsorge, Defizite bei der Behandlung und unvollständige Nachverfolgung diagnostizierter Fälle als zentrale Problembereiche.

Prävention wirksam, aber nicht überall zugänglich

Das ECDC betont, dass die Prävention sexuell übertragbarer Infektionen grundsätzlich gut möglich sei. Kondomnutzung bei neuen oder mehreren Sexualpartnern, frühzeitige Testungen bei Symptomen sowie rasche Behandlung und Partnerinformation gehören weiterhin zu den wirksamsten Maßnahmen. Allerdings bestehen innerhalb der erfassten europäischen Staaten deutliche Unterschiede beim Zugang zu STI-Diagnostik und Präventionsangeboten. In 13 von 29 berichtenden Ländern müssen grundlegende STI-Tests weiterhin zumindest teilweise privat bezahlt werden. Solche finanziellen Hürden können dazu führen, dass Infektionen spät oder gar nicht diagnostiziert werden. Hinzu kommt, dass nationale Präventionsstrategien vieler Länder nach Einschätzung des ECDC nicht ausreichend an aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen angepasst wurden.

Im Januar 2026 veröffentlichte das ECDC zudem Empfehlungen zum Einsatz von Doxycyclin als Postexpositionsprophylaxe (Doxy-PEP) zur STI-Prävention bei Personen mit erhöhtem Expositionsrisiko. Dabei wird ein Antibiotikum nach möglicher Exposition eingenommen, um bestimmte bakterielle Infektionen zu verhindern. Die Behörde betont jedoch zugleich die Grenzen dieses Ansatzes. Insbesondere bei Gonorrhoe wird keine breite Anwendung empfohlen, da bereits hohe Resistenzen gegenüber Antibiotika bestehen und eine verstärkte Nutzung die Resistenzentwicklung weiter beschleunigen könnte.

Der Elefant im Raum

Die aktuelle ECDC-Mitteilung benennt allgemeine Präventionsdefizite, Testbarrieren, Versorgungslücken und veränderte Verhaltensmuster als zentrale Treiber steigender STI-Zahlen in den erfassten europäischen Staaten. Diese allgemeinen Faktoren verdienen gewiss Aufmerksamkeit. Zugleich stellt sich jedoch die Frage, ob die Debatte damit vollständig geführt wird oder ob bestimmte mögliche Einflussgrößen politisch oder institutionell nur unzureichend thematisiert werden.

Infektionskrankheiten treten nicht unabhängig von Bevölkerungsdynamiken auf. Unterschiede in Herkunftsregionen beispielsweise in Bezug auf die epidemiologische Ausgangslage haben Einfluss auf Prävalenzen und Übertragungsmuster. Für eine vollumfängliche Datenauswertung wäre es daher notwendig, auch migrationsbezogene Determinanten systematisch zu berücksichtigen. Dazu gehören Unterschiede in STI-Prävalenzen der Herkunftsregionen, Zugangsbarrieren zum Gesundheitssystem, allgemeine Gesundheitskompetenz sowie kulturelle Unterschiede in Sexualbildung und -verhalten.

Im ECDC-Bericht über Syphilis heißt es zwar: "Certain ethnic minorities and migrant populations who are socio-economically disadvantaged are also at higher risk of acquiring syphilis" ("Bestimmte ethnische Minderheiten und Migrantenpopulationen, die sozioökonomisch benachteiligt sind, weisen ebenfalls ein höheres Risiko auf, an Syphilis zu erkranken"). Jedoch wirkt dies eher wie eine Randnotiz, die der aktuellen Situation in Europa und hier insbesondere in der Europäischen Union nicht gerecht zu werden scheint.

Europa hat seit der Mitte der 2010er-Jahre erhebliche demografische Veränderungen erlebt, darunter eine anhaltend hohe Migration aus Regionen mit teils deutlich anderen epidemiologischen Ausgangslagen. Wenn Institutionen der EU auf evidenzbasierte Gesundheitssteuerung verweisen, erscheint die Frage legitim, ob entsprechende Datenauswertungen ausreichend transparent erhoben, veröffentlicht und diskutiert werden. Werden epidemiologische Entwicklungen konsequent entlang aller relevanten Variablen untersucht, oder bleiben bestimmte Forschungsfelder politisch sensibel und deshalb unterbelichtet, weil sie unerwünschte Implikationen für das große Projekt der Vereinten Nationen namens "Replacement Migration" (Bestandserhaltungsmigration) haben könnten? [4]

Eine offene wissenschaftliche Debatte müsste akzeptieren, dass Bevölkerungsdynamiken grundsätzlich gesundheitliche Auswirkungen haben und dass eine differenzierte Analyse migrationsbezogener Faktoren nicht per se diskriminierend ist, sondern Teil einer umfassenden Public-Health-Perspektive sein sollte.

Fazit

Die aktuellen ECDC-Daten machen deutlich, dass sexuell übertragbare Infektionen in Europa kein Randthema der öffentlichen Gesundheit sind. Die anhaltend steigenden Fallzahlen und die bestehenden Versorgungslücken verdeutlichen den Handlungsbedarf. Notwendig sind neben leicht zugängliche Testangeboten, zeitnahen Behandlungsmöglichkeiten, aktuellen nationalen Strategien, umfassender Sexualaufklärung insbesondere eine ergebnisoffene Forschung in Bezug auf migrationsbezogene Ursachen.

Quellen

[1] European Centre for Disease Prevention and Control. Gonorrhoea. In: ECDC. Annual epidemiological report for 2024. Stockholm: ECDC; 2026. https://www.ecdc.europa.eu/sites/default/files/documents/AER%20gonorrhea%202024.pdf

[2] European Centre for Disease Prevention and Control. Syphilis. In: ECDC. Annual Epidemiological Report for 2024. Stockholm: ECDC; 2026. https://www.ecdc.europa.eu/sites/default/files/documents/syphilis-annual-epidemiological-report-2024.pdf

[3] European Centre for Disease Prevention and Control. Chlamydia. In: ECDC. Annual Epidemiological Report for 2024. Stockholm: ECDC; 2026. https://www.ecdc.europa.eu/sites/default/files/documents/chlamydia-%20anual-epidemiological-report-2024.pdf

[4] UN. Population Division. Replacement migration : is it a solution to declining and ageing populations?; [New York] : UN, 21 Mar. 2000. https://digitallibrary.un.org/record/412547/files/unpd-egm_200010_un_2001_replacementmigration.pdf

Mittwoch, 20. Mai 2026

Schwierige Geburt ist kein menschliches Alleinstellungsmerkmal

Die menschliche Geburt gilt häufig als biologischer Sonderfall. Große Köpfe, aufrechter Gang, enger Geburtskanal, daraus entsteht das vertraute Bild einer evolutionär besonders schwierigen, riskanten Entbindung. Eine neue Übersichtsarbeit der Evolutionsbiologin Nicole D. S. Grunstra stellt dieses Narrativ nun grundlegend infrage. In 'Biological Reviews' argumentiert die Autorin anhand einer breit angelegten Literaturauswertung, dass komplizierte Geburten keineswegs ein exklusiv menschliches Phänomen sind, sondern in der Welt der höheren Säugetiere (Plazentatiere) weit verbreitet auftreten [1]. Schwierige Geburten, sogenannte Dystokien, finden sich etwa bei Primaten, Huftieren, Fledermäusen und Meeressäugern.

Nicht nur beim Menschen: Schwierige Geburten kommen bei vielen Plazentatieren vor.
(Bild von Carrie Z auf Pixabay)

Die "obstetrische Zwickmühle" auf dem Prüfstand

Lange Zeit dominierte in Anthropologie und Evolutionsbiologie die Vorstellung des sogenannten "obstetrischen Dilemmas". Dahinter steht die Annahme, dass die Evolution beim Menschen zwei widersprüchliche Anforderungen miteinander versöhnen musste. Einerseits verlangt der aufrechte Gang ein bestimmtes Becken, andererseits benötigen große, "gehirnreiche" Babys ausreichend Platz für die Geburt. Schwierige Geburten erschienen daher als Preis unserer besonderen Evolutionsgeschichte.

Grunstras zentrale These lautet jedoch, dass dieses Erklärungsmodell zu kurz greift, wenn man den Blick auf andere Säugetiere ausweitet. Denn Geburtsprobleme treten auch bei Arten auf, die weder aufrecht gehen noch außergewöhnlich große Gehirne besitzen. Viele nichtmenschliche Säugetiere bringen relativ große Jungtiere zur Welt und kämpfen ebenfalls mit Größenkonflikten zwischen Nachwuchs und Geburtskanal. Das macht die menschliche Situation weniger einzigartig, als häufig angenommen wird.

Schwierige Geburten sind im Tierreich erstaunlich verbreitet

Eine der auffälligsten Aussagen betrifft die phylogenetische Verteilung von Geburtskomplikationen. Dystokien wurden in 16 von 19 bekannten Ordnungen plazentaler Säugetiere dokumentiert. Das umfasst landlebende, fliegende und wasserlebende Arten. Selbst bei Walen und Seekühen, die kein vollständig ausgebildetes knöchernes Becken besitzen, wurden schwierige Geburten beschrieben.

Bei wurfgebärenden Säugetieren wie Hunden, Katzen oder Schweinen spielt etwa die Wurfgröße eine wichtige Rolle. Kleine Würfe können zu wenigen, dafür ungewöhnlich großen Jungtieren führen, die schwer durch den Geburtskanal passen, während große Würfe das Risiko erhöhen, dass einzelne Feten ungünstig liegen oder sich verkeilen.

Besonders bemerkenswert ist, dass die Autorin nicht nur Daten aus Tierhaltung, Zoos oder Veterinärmedizin berücksichtigt, sondern ausdrücklich auch Wildpopulationen. Gerade hier hätte man erwartet, dass natürliche Selektion problematische Geburtsverläufe langfristig minimiert. Doch die Befunde zeigen, dass auch in freilebenden Populationen schwere Geburtskomplikationen vorkommen, teils mit tödlichem Ausgang für Muttertier oder Nachwuchs. Beobachtet wurde dies unter anderem bei Primaten, Antilopen, Elefanten, Giraffen, Walen und Faultieren. Diese Erkenntnis widerspricht der tief verankerten Annahme der Evolutionsbiologie, dass natürliche Selektion reproduktive Risiken vollständig "wegoptimiert".

Reproduktiver Trade-off

Große Jungtiere haben oft bessere Überlebenschancen. Sie kommen entwickelter zur Welt, können schneller laufen, saugen effektiver oder sind widerstandsfähiger gegenüber Umweltbedingungen. Evolutionär kann es sich also lohnen, in große Nachkommen zu investieren. Gleichzeitig steigt damit das Risiko, dass das Jungtier beim Geburtsvorgang schlicht zu groß für den Geburtsweg wird.

Die Autorin beschreibt diese Dynamik mit dem Modell der "cliff-edge selection", einer Art evolutionärer Klippenkante. Solange die Nachkommen größer und kräftiger werden, nimmt der Fitnessvorteil zu. Wird jedoch eine kritische Grenze überschritten, kippt das System abrupt. Es kommt zur Geburtsobstruktion und die Überlebenschancen brechen dramatisch ein. Evolution begünstigt deshalb nicht perfekte Sicherheit, sondern eine durchschnittlich günstige Balance, bei der ein kleiner Anteil problematischer Geburten bestehen bleiben kann. Dieses Modell liefert eine elegante Erklärung dafür, weshalb selbst unter starker Selektion weiterhin Geburtskomplikationen auftreten.

Gehirngröße erklärt nicht alles

Ein weiterer wichtiger Befund betrifft die Rolle der Gehirnentwicklung. Die verbreitete Vorstellung, dass große Gehirne zwangsläufig schwierige Geburten verursachen, mag für Menschen teilweise zutreffen, hält dem vergleichenden Datenmaterial aber nur begrenzt stand.

Die Studie zeigt, dass Geburtsprobleme über ein breites Spektrum unterschiedlicher Gehirngrößen hinweg auftreten. Einige Säugetiere mit deutlich kleineren relativen Gehirnen erleben ebenfalls häufige Größenkonflikte zwischen Fötus und Mutterkörper. Umgekehrt erklärt auch die menschliche Gehirnentwicklung nicht vollständig die Komplexität unserer Geburtssituation. Entscheidend scheinen vielmehr mehrere Faktoren gemeinsam zu sein, darunter Körpergröße, Gestalt des Nachwuchses, Entwicklungszustand bei der Geburt und die Relation zwischen mütterlichem und fetalem Körperbau. Damit verschiebt sich die Diskussion weg von einer singulären Erklärung über "große Köpfe" hin zu einem multifaktoriellen Verständnis reproduktiver Biologie.

Gleiche Risikofaktoren verbinden Menschen und andere Säugetiere

Besonders spannend ist, wie stark sich die Risikofaktoren über Artgrenzen hinweg ähneln. Erstgebärende haben bei Menschen wie bei vielen anderen Säugetieren ein erhöhtes Risiko für schwierige Geburten. Auch geringere mütterliche Körpergröße, ungünstige Ernährungsbedingungen, junges Alter bei der ersten Fortpflanzung oder ein besonders großes Jungtier erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Geburtsproblemen. Diese Parallelen finden sich bei Menschen ebenso wie bei Rindern, Schafen, Pferden, Primaten und Wildhuftieren.

Auffällig ist dabei die Rolle von Umwelt und Entwicklung. Beim Menschen können Mangelernährung in Kindheit und Jugend, Wachstumsstörungen oder frühe Schwangerschaften die Passung zwischen Becken und Fötus beeinflussen. Vergleichbare Muster zeigen sich auch bei Wildtieren, deren Körperwachstum durch ökologische Belastungen eingeschränkt wurde. Die Grenze zwischen "evolutionärem Problem" und "ökologischem Problem" ist also oft fließend.

Die vielleicht weitreichendste Konsequenz der Studie ist ein Perspektivwechsel. Schwierige Geburt muss nicht länger als menschliche Anomalie verstanden werden. Stattdessen deutet vieles darauf hin, dass Geburt bei Plazentatieren grundsätzlich ein biologisch riskanter Vorgang ist. Evolution hat die Risiken reduziert, aber offenbar nicht vollständig beseitigt. Der Grund dafür könnte in den grundlegenden Kompromissen reproduktiver Strategien liegen. Wer große, konkurrenzfähige oder weit entwickelte Nachkommen hervorbringt, bewegt sich zwangsläufig näher an einer Grenze, an der Geburtsprobleme wahrscheinlicher werden. Der Mensch steht damit nicht außerhalb der allgemeinen Säugetierbiologie, sondern mitten in ihr.

Fazit

Grunstras Übersichtsarbeit liefert einen wichtigen Impuls für die Evolutionsbiologie. Sie zeigt, dass schwierige Geburten keine exklusive Folge von Bipedie und großem Gehirn sind, sondern ein weit verbreitetes Merkmal plazentaler Säugetiere. Die menschliche Geburt bleibt biologisch besonders interessant, aber nicht einzigartig. Reproduktion entsteht nicht aus idealen Lösungen, sondern aus evolutionären Kompromissen.

Mehr zum Thema:


Quellen

[1] Grunstra, N.D.S. (2026), Humans are not unique: difficult birth is common in placental mammals. Biol Rev. https://doi.org/10.1002/brv.70174

Dienstag, 19. Mai 2026

Viren im Sperma: Hantaviren sexualbiologisch betrachtet

Die Berichte über den Hantavirus-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff MV Hondius haben das Thema Hantaviren in die öffentliche Wahrnehmung gerückt. Üblicherweise werden Hantaviren mit Nagetieren, kontaminierten Aerosolen und schweren Infektionsverläufen in Verbindung gebracht. Weniger bekannt ist jedoch, dass nicht alle Hantaviren biologisch gleich "funktionieren". Eine Studie aus dem Jahr 2023 lenkt den Blick auf einen bislang wenig diskutierten Aspekt: die mögliche Rolle des männlichen Reproduktionstrakts als Ort langfristiger Viruspersistenz [1].


Ein Sonderfall unter den Hantaviren

Die Studie beschäftigt sich nicht mit den in Europa verbreiteten Hantaviren, sondern mit dem Andes-Virus Orthohantavirus andesense (ANDV), das vor allem in Chile und Argentinien vorkommt und auch für die Infektionen auf der MV Hondius verantwortlich ist. ANDV verursacht das sogenannte Hantavirus-Kardiopulmonale Syndrom (HCPS), eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung mit schweren Lungen- und Kreislaufkomplikationen. Die Sterblichkeit kann, je nach Ausbruchsgeschehen, beträchtlich sein.

Das Andes-Virus nimmt unter den Hantaviren eine Sonderstellung ein. Während die meisten Hantaviren vor allem über Ausscheidungen infizierter Nagetiere übertragen werden, existieren für ANDV Hinweise auf Mensch-zu-Mensch-Übertragungen. Als Risikofaktoren wurden unter anderem enger Kontakt, gemeinsame Schlafräume und Kontakt mit Körperflüssigkeiten beschrieben.

Der männliche Reproduktionstrakt als biologischer Rückzugsraum

Die Studie untersucht einen einzelnen Patienten, der sechs Jahre zuvor eine schwere Andes-Virus-Infektion überlebt hatte. Im Rahmen einer Langzeitbeobachtung analysierten die Forscher Körperflüssigkeiten über einen Zeitraum von mehr als 71 Monaten. Dabei zeigte sich, dass Virus-RNA im Sperma noch nachweisbar blieb, als sie in Blut, Urin und anderen Proben längst nicht mehr gefunden wurde.

Männlichen Geschlechtsorgane nehmen in der Immunologie eine besondere Stellung ein. Die Hoden gelten als sogenannter "immunologisch privilegierter" Ort. Das bedeutet nicht, dass dort gar keine Immunabwehr stattfindet, wohl aber, dass bestimmte Immunreaktionen reguliert oder abgeschwächt verlaufen, um empfindliche reproduktive Prozesse zu schützen. Genau solche biologischen Nischen können Viren prinzipiell Möglichkeiten eröffnen, länger im Körper zu verbleiben. Das Phänomen ist keineswegs einzigartig für Hantaviren. So waren laut einer Studie aus dem vergangenen Jahr infektiöse Viruspartikel von SARS-CoV-2 bis zu 8 Monate lang bei 55 % der Genesenen nachweisbar [2]. Auch bei Erregern wie Ebola-, Zika- oder Lassa-Viren wurde eine zeitweilige oder längerfristige Präsenz im Sperma beschrieben.

Die ANDV-Studie liefert noch einen weiteren interessanten Hinweis. Nach der Trennung von Seminalplasma und Zellbestandteilen zeigte sich, dass der Großteil des nachweisbaren Virusmaterials offenbar an Zellen gebunden war und nicht frei im Ejakulat vorlag. Das wirft neue Fragen auf: Welche Zellen tragen das Virus? Spermien selbst? Immunzellen? Epithelzellen? Sertoli-Zellen des Hodens? Die Studie kann das nicht beantworten, benennt aber die Vielfalt möglicher Zelltypen im Ejakulat. Gerade hier überschneiden sich Mikrobiologie und Sexualbiologie. Denn das Ejakulat ist keine bloße "Transportflüssigkeit" für Spermien, sondern ein komplexes biologisches Milieu mit Immunzellen, Zellfragmenten, Signalstoffen und vielfältigen mikrobiologischen Wechselwirkungen.

Was bedeutet "nachweisbar"?

Ein Nachweis von Virus-RNA ist nicht automatisch gleichbedeutend mit einer nachgewiesenen sexuellen Übertragung oder mit sicher vorhandenen infektiösen Viruspartikeln. Die Forscher fanden genetisches Material des Andes-Virus im Sperma zwar noch fast sechs Jahre nach Erkrankungsbeginn. Gleichzeitig gelang es ihnen jedoch nicht, aus den Proben vermehrungsfähige Viren in Zellkulturen zu isolieren.

Das ist wissenschaftlich bedeutsam. PCR-basierte Verfahren weisen Erbmaterial nach. Sie beantworten aber nicht automatisch die Frage, ob tatsächlich noch infektiöse Viren vorhanden sind oder übertragen werden können. Die Autoren betonen, dass die erfolglose Virusisolierung keine endgültige Entwarnung darstellt, weil Hantaviren grundsätzlich schwierig zu kultivieren sind. Gleichzeitig bleibt die Frage nach realer sexueller Transmission damit jedoch offen. "Im Sperma gefunden" bedeutet somit nicht automatisch "sexuell übertragbar", genauso wenig wie "nicht isolierbar" automatisch "ungefährlich" bedeutet.

Fazit

Die Studie von Züst et al. (2023) eröffnet einen ungewöhnlichen Blick auf Hantaviren: nicht nur als zoonotische Erreger schwerer Erkrankungen, sondern auch als mögliche Langzeitbewohner des männlichen Reproduktionstrakts. Der Nachweis von Andes-Virus-RNA im Sperma über nahezu sechs Jahre ist biologisch bemerkenswert und wirft wichtige Fragen zu Persistenz und möglicher Transmission auf. Sexual- und Infektionsbiologie sind hier eng miteinander verflochten.

Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine virologische Fachbewertung dar. In unserer Interessengemeinschaft sind keine Virologen tätig. Die Interpretation der Studie erfolgt aus allgemeiner mikro- und sexualbiologischer Perspektive.

Quellen

[1] Züst, R., Ackermann-Gäumann, R., Liechti, N., Siegrist, D., Ryter, S., Portmann, J., Lenz, N., Beuret, C., Koller, R., Staehelin, C., Kuenzli, A. B., Marschall, J., Rothenberger, S., & Engler, O. (2023). Presence and Persistence of Andes Virus RNA in Human Semen. Viruses, 15(11), 2266. https://doi.org/10.3390/v15112266

[2] Furtado MH, Souza FG, Andrade LM, Aguiar RS, González JC, Zeh AK, et al. PD06-09 SARS-COV-2 PERSISTENCE IN SEMEN AS A WINDOW TO STUDY LONG COVID. Journal of Urology [Internet]. 2025 May 1 [cited 2026 May 18];213(5S):e173. Available from: https://doi.org/10.1097/01.JU.0001109764.27496.08.09

Montag, 18. Mai 2026

Im Labor erzeugte Spermien, ein Wendepunkt der Reproduktionsmedizin?

Die Reproduktionsmedizin rückt seit Jahren an Grenzen vor, die lange als reine Zukunftsmusik galten. Während die Herstellung von Eizellen im Labor häufig als das zentrale Ziel der sogenannten In-vitro-Gametogenese (IVG) diskutiert wurde, galt die Erzeugung funktionsfähiger menschlicher Spermien außerhalb des Körpers als besonders schwierig. Nun berichtete kürzlich das US-amerikanische Biotech-Unternehmen Paterna Biosciences in einer Exklusivstory in der Computer- und Technologiezeitschrift 'Wired', menschliche Spermien im Labor erzeugt und mit ihnen Embryonen hergestellt zu haben: A Startup Says It Grew Human Sperm in a Lab—and Used It to Make Embryos

Noch sucht man eine entsprechende peer-reviewte Publikation auf der Website des Unternehmens oder andere unabhängige Bestätigungen vergeblich. Dennoch wirft der Bericht Fragen auf, die wissenschaftlich hochrelevant sind. 

Der lange Weg zum Spermium

Die Entstehung von Spermien ist biologisch ein hochkomplexer Prozess. Im Hoden entwickeln sich aus spermienbildenden Stammzellen über mehrere Entwicklungsstufen reife Spermien. Dabei müssen sich die Zellen teilen, ihren Chromosomensatz halbieren und zugleich jene charakteristische Struktur mit Kopf und Schwanz ausbilden, die später Beweglichkeit und Befruchtung ermöglicht. Jeder Schritt wird im Körper durch fein abgestimmte molekulare Signale kontrolliert.

Genau an diesem Punkt setzt die Arbeit von Paterna Biosciences an. Das Unternehmen will die "Anleitung" entschlüsselt haben, mit der sich spermienbildende Stammzellen außerhalb des Körpers zu reifen Spermien entwickeln lassen. Anders als manche Ansätze der IVG arbeitet Paterna dabei offenbar nicht mit induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS-Zellen), die aus Haut- oder Blutzellen zurückprogrammiert werden, sondern direkt mit bereits vorhandenen spermienbildenden Stammzellen aus Hodengewebe. Mithilfe computergestützter Modelle sollen jene molekularen Faktoren identifiziert worden sein, die in den jeweiligen Entwicklungsphasen benötigt werden. Durch das Testen unterschiedlicher Molekülkombinationen habe das Unternehmen schließlich eine Art biologischen "Cocktail" gefunden, der die Spermatogenese außerhalb des Körpers ermöglichen soll.

Hoffnung für Männer ohne nachweisbare Spermien

Die klinische Bedeutung eines solchen Verfahrens könnte erheblich sein. Männliche Faktoren spielen bei etwa der Hälfte aller Fälle ungewollter Kinderlosigkeit eine Rolle. Besonders schwierig sind jene Situationen, in denen im Ejakulat überhaupt keine Spermien nachweisbar sind. Bislang bleibt betroffenen Männern oft nur eine invasive operative Suche nach Spermien direkt im Hodengewebe. Dieser Eingriff kann mehrere Stunden dauern, erfolgt unter Narkose und führt nicht immer zum Erfolg. Paterna Biosciences verfolgt dagegen ein anderes Ziel. Eine kleine Gewebeprobe aus dem Hoden soll hier genügen, um daraus im Labor große Mengen reifer Spermien zu erzeugen.

Nach Darstellung des Unternehmens liegt das Problem bei manchen Formen männlicher Infertilität möglicherweise nicht in den Stammzellen selbst, sondern in ihrer biologischen Umgebung. Wenn das natürliche Mikromilieu im Hoden gestört ist, könnten Stammzellen ihre Entwicklung nicht vollenden. Das Labor würde dann gewissermaßen als künstlich geschaffene, funktionierende Entwicklungsumgebung dienen. Auch für Jungen, die vor der Pubertät eine Chemotherapie erhalten und später keine eigene Spermienproduktion entwickeln, könnte ein solcher Ansatz perspektivisch relevant werden. Hodengewebe kann heute bereits kryokonserviert werden. Eine sichere Rückübertragung oder erfolgreiche Nutzung dieser Gewebe bleibt bislang jedoch experimentell.

Embryonen aus Laborspermien?

Besonders aufmerksam macht die Aussage, dass die erzeugten Spermien bereits zur Herstellung von Embryonen verwendet worden seien. Dies diente laut Bericht zunächst als Machbarkeitsnachweis dafür, dass die Zellen grundsätzlich befruchtungsfähig sind. Eine Anwendung zur Einleitung von Schwangerschaften steht ausdrücklich noch nicht bevor. Geplant sind vergleichende Untersuchungen mit natürlicherweise gewonnenen und im Labor erzeugten Spermien. Analysiert werden sollen Befruchtungsraten, embryonale Entwicklung sowie mögliche genetische Veränderungen. Erst solche Daten können beantworten, ob das Verfahren tatsächlich wirksam und sicher ist. Die Zurückhaltung ist wichtig. In der Geschichte der Reproduktionsmedizin gab es bereits frühere Behauptungen zur In-vitro-Spermatogenese, die sich später als unvollständig belegt erwiesen oder offene Fragen hinterließen. Ohne unabhängige Prüfung bleibt auch die aktuelle Meldung zunächst ein vielversprechender, aber vorläufiger Befund, der mit gebotener Skepsis betrachtet werden muss.

Die Meldung fügt sich allgemein in eine größere Entwicklung der Reproduktionsbiotechnologie ein. Parallel arbeiten Forscher weltweit an Verfahren, mit denen Eizellen und Spermien aus pluripotenten Stammzellen erzeugt werden könnten. Tierexperimentell wurden auf diesem Weg bereits Nachkommen erzeugt [1][2]. Sollten solche Technologien eines Tages sicher funktionieren, könnten sie weit über klassische Fertilitätsbehandlungen hinausreichen. Diskutiert werden reproduktive Szenarien, die bislang biologisch unmöglich erscheinen, etwa neuen Möglichkeiten für gleichgeschlechtliche Paare. So wurde im Mausmodell bereits Nachkommen mit zwei genetischen Vätern geschaffen [3]. Auch Mäusejunge mit zwei genetischen Müttern wurden erzeugt [4]. Damit entstehen jedoch nicht nur medizinische Chancen, sondern auch ethische und rechtliche Fragen. Wer hätte Zugang zu solchen Verfahren? Wie würden sie reguliert? Und wie verändert sich unser gesellschaftliches Verständnis von Elternschaft, wenn Keimzellen zunehmend technisch erzeugbar werden?

Der Wired-Artikel wurde von einem Leser mit dem Pseudonym "THE_END_IS_NEAR" mit galligem Humor kommentiert: "This is not a good thing. Other than opening jars, sperm is the only thing women need us for!!" Hinter dem Scherz steckt ein bemerkenswerter Subtext. In der Evolutionsbiologie werden Männchen vieler Arten durchaus als vergleichsweise "teure" oder ressourcenintensive Gen-Transporter beschrieben, deren zentraler reproduktiver Beitrag in der Bereitstellung genetischen Materials besteht. Wenn männliche Keimzellen künftig technisch erzeugbar würden, bekäme diese zugespitzte Perspektive eine neue, bittersüße Pointe.

Fazit

Der vom Biotechnologieunternehmen Paterna Biosciences berichtete Vorstoß markiert möglicherweise einen wichtigen Moment in der Entwicklung der Reproduktionsmedizin. Die Herstellung menschlicher Spermien im Labor, ausgehend von spermienbildenden Stammzellen, wäre ein bedeutender Schritt für die Behandlung bestimmter Formen männlicher Infertilität. Zugleich handelt es sich bislang um einen nicht unabhängig bestätigten Unternehmensbericht. Ob hier tatsächlich eine neue reproduktive Grenze überschritten wurde, wird sich erst zeigen, wenn belastbare Daten vorliegen. Schon jetzt macht die Meldung jedoch deutlich, wie dynamisch sich das Forschungsfeld entwickelt und welche gesellschaftlichen Fragen sich daraus in Zukunft ergeben werden.

Quellen

[1] Takashi Yoshino et al., Generation of ovarian follicles from mouse pluripotent stem cells. Science 373, eabe0237 (2021). DOI: 10.1126/science.abe0237

[2] Yukiko Ishikura, Hiroshi Ohta, Takuya Sato, Yusuke Murase, Yukihiro Yabuta, Yoji Kojima, Chika Yamashiro, Tomonori Nakamura, Takuya Yamamoto, Takehiko Ogawa, Mitinori Saitou, In vitro reconstitution of the whole male germ-cell development from mouse pluripotent stem cells, Cell Stem Cell, Volume 28, Issue 12, 2021, Pages 2167-2179.e9, ISSN 1934-5909, https://doi.org/10.1016/j.stem.2021.08.005.

[3] Heidi Ledford, Max Kozlov. The mice with two dads: scientists create eggs from male cells. Nature 615, 379-380 (2023). https://doi.org/10.1038/d41586-023-00717-7

[4] Jeremy Rehm. Healthy mice from same-sex parents have their own pups. Nature (2018). https://doi.org/10.1038/d41586-018-06999-6

Donnerstag, 14. Mai 2026

Neuer Name für das Polyzystische Ovarialsyndrom

Das sogenannte Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) gehört zu den häufigsten hormonellen Erkrankungen weltweit. Dennoch bleibt es oft lange unerkannt oder wird missverstanden. Viele Betroffene kämpfen nicht nur mit körperlichen Beschwerden, sondern auch mit psychischer Belastung und mangelnder medizinischer Unterstützung. Nun sorgt eine internationale Entscheidung für Aufmerksamkeit: Aus PCOS soll künftig PMOS werden. Die Umbenennung soll verdeutlichen, dass es sich um eine komplexe Stoffwechsel- und Hormonerkrankung handelt, die weit über Veränderungen an den Eierstöcken hinausgeht.
 

Was ist PCOS bzw. PMOS?

Das bisher unter dem Namen PCOS bekannte Syndrom betrifft vor allem Frauen im gebärfähigen Alter. Etwa eine von acht Frauen ist betroffen. Die Erkrankung ist mit Störungen des Hormonhaushalts verbunden und kann sich sehr unterschiedlich äußern. Häufig treten Zyklusstörungen, unerfüllter Kinderwunsch, Akne, vermehrte Körperbehaarung oder Gewichtszunahme auf. Auch Stoffwechselprobleme wie Insulinresistenz, Bluthochdruck oder ein erhöhtes Risiko für Diabetes gehören dazu. Darüber hinaus berichten viele Betroffene über psychische Belastungen wie Depressionen, Angststörungen oder Essstörungen.

Die bisherige Bezeichnung "Polyzystisches Ovarialsyndrom" war allerdings schon lange umstritten. Zum einen haben nicht alle Betroffenen tatsächlich Zysten an den Eierstöcken. Zum anderen reduziert der Name die Erkrankung stark auf die Fortpflanzungsorgane, obwohl sie den gesamten Organismus betreffen kann. Genau hier setzt die neue Bezeichnung an.

Hintergrund der Umbenennung

Ein internationales Wissenschaftskonsortium hat am 12. Mai im führenden medizinischen Fachjournal 'The Lancet' vorgeschlagen, die Erkrankung künftig "Polyendokrines metabolisches Ovarialsyndrom" zu nennen, kurz PMOS [1]. Die neue Bezeichnung soll die hormonellen ("polyendokrin") und stoffwechselbezogenen ("metabolisch") Aspekte der Erkrankung stärker in den Vordergrund rücken. Die Forscher argumentieren, dass der bisherige Name medizinisch irreführend sei. Er könne dazu beitragen, dass Beschwerden unterschätzt oder Fehldiagnosen gestellt werden. Außerdem verweise der Begriff ausschließlich auf Eierstöcke, obwohl manche wissenschaftlichen Hinweise darauf hindeuten, dass bestimmte genetische oder hormonelle Merkmale auch bei Männern auftreten könnten.

Mit der Umbenennung verbinden die Fachleute mehrere Hoffnungen: mehr Aufmerksamkeit für die Erkrankung, weniger Stigmatisierung und eine bessere medizinische Versorgung. Auch die Forschung könnte profitieren, etwa bei der Suche nach genetischen Ursachen oder neuen Therapieansätzen. Bislang existiert keine speziell zugelassene Standardtherapie für die Erkrankung.

Zwischen Reproduktionsmedizin und gesellschaftlichen Erwartungen

Ein besonders sensibler Punkt der Debatte betrifft den starken Reproduktionsbezug der bisherigen Bezeichnung. Diese lenkt den Blick vor allem auf Eierstöcke, Zyklus und Fruchtbarkeit. Genau das wurde im internationalen Konsensprozess vielfach kritisiert. Viele Betroffene berichteten, dass sie sich durch die Bezeichnung auf ihre Fortpflanzungsfähigkeit reduziert fühlten. Gerade in Gesellschaften, in denen Mutterschaft eng mit weiblicher Identität verknüpft wird, kann dies zusätzlichen Druck und Stigmatisierung erzeugen. Die Forscher betonen deshalb, dass PMOS nicht nur eine gynäkologische Erkrankung ist. Der neue Name soll helfen, den Blick von einer rein reproduktionsbezogenen Perspektive zu lösen und die vielfältigen gesundheitlichen Auswirkungen stärker sichtbar zu machen.

Interessant ist zudem, dass im Konsensprozess intensiv darüber diskutiert wurde, welche Begriffe kulturell angemessen und möglichst wenig stigmatisierend sind. Einige Vorschläge wurden verworfen, weil sie in bestimmten kulturellen Kontexten problematisch erschienen oder missverstanden werden konnten. So wurde das vorgeschlagene Akronym "EMOS" verworfen, weil es kulturell mit der Emo-Subkultur assoziiert wurde.

Reicht ein neuer Name aus?

So nachvollziehbar die Gründe für die Umbenennung sind, bleibt die Frage, ob ein neuer Name allein tatsächlich etwas verändert. Kritiker der bereits lange diskutierten Namensänderung weisen darauf hin, dass viele Probleme von Betroffenen tiefer liegen. Lange Wartezeiten auf Diagnosen, fehlendes Wissen in der medizinischen Praxis und eine oftmals unzureichende psychosoziale Betreuung lassen sich durch eine Namensänderung nicht wettmachen.

Die neue Bezeichnung wirkt auf den ersten Blick nicht minder kompliziert und medizinisch-technisch. Es ist fraglich, ob PMOS für Betroffene leichter verständlich oder weniger belastend ist als PCOS. Zudem besteht die Gefahr, dass eine bloße sprachliche Veränderung als Fortschritt präsentiert wird, ohne dass sich die konkrete Versorgung verbessert. Wenn die neue Bezeichnung andererseits dazu beiträgt, PMOS stärker als komplexe hormonelle und metabolische Erkrankung anzuerkennen, könnte dies langfristig auch zu mehr Forschung und besserer Unterstützung führen.

Fazit

Die Umbenennung von PCOS in PMOS markiert einen wichtigen Schritt in der medizinischen Diskussion um eine oft missverstandene Erkrankung. Der neue Name soll verdeutlichen, dass es sich nicht nur um ein gynäkologisches Problem handelt, sondern um eine komplexe Störung mit Auswirkungen auf Hormonsystem, Stoffwechsel und psychische Gesundheit. Ob sich dadurch tatsächlich die Situation der Betroffenen verbessert, wird sich allerdings erst in den kommenden Jahren zeigen.

Quellen

[1] Teede H, Khomami M, Morman R et al. Polyendocrine metabolic ovarian syndrome, the new name for polycystic ovary syndrome: a multistep global consensus process. The Lancet, 2026. DOI: 10.1016/S0140-6736(26)00717-8

Dienstag, 12. Mai 2026

Verändert gegengeschlechtliche Hormontherapie die Persönlichkeit?

Eine aktuelle Studie aus Schweden widmet sich einer Frage, die in öffentlichen Debatten oft emotional diskutiert, wissenschaftlich aber bislang nur selten systematisch untersucht wurde: Verändert eine gegengeschlechtliche Hormontherapie die Persönlichkeit? Forscher des Karolinska Institutet und der Karolinska Universitätsklinik in Stockholm analysierten dazu Persönlichkeitsmerkmale von transidentifizierenden Personen vor Beginn einer gegengeschlechtlichen Hormontherapie und erneut nach mindestens sechs Monaten Behandlung. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal 'Comprehensive Psychoneuroendocrinology' veröffentlicht [1].

Kerninhalt der Studie

Die Forscher untersuchten Veränderungen anhand des international etablierten Persönlichkeitsmodells der sogenannten "Big Five". Dabei geht es um die fünf großen Persönlichkeitsdimensionen Neurotizismus, Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. 


Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Persönlichkeit durch Hormone offenbar weniger drastisch verändert, als manche vermuten. Gleichzeitig deuten einige Befunde darauf hin, dass hormonelle Veränderungen durchaus mit bestimmten psychischen und emotionalen Entwicklungen zusammenhängen können.

Die Frage nach dem Einfluss von Sexualhormonen auf Verhalten und Persönlichkeit beschäftigt die Forschung seit Jahrzehnten. Bekannt ist bereits, dass Männer und Frauen im Durchschnitt bei einigen Persönlichkeitsmerkmalen unterschiedliche Werte zeigen. Frauen erreichen in vielen Untersuchungen beispielsweise höhere Werte bei "Verträglichkeit" oder "Neurotizismus", während Männer häufig etwas höhere Werte bei Durchsetzungsfähigkeit oder Risikofreude aufweisen. Bislang war jedoch kaum untersucht worden, wie sich eine gezielte Veränderung des Hormonhaushalts im Rahmen einer gegengeschlechtlichen Behandlung auf solche Persönlichkeitsdimensionen auswirkt.

Methodik

An der Studie nahmen insgesamt 58 Transgender-Personen teil. Diese Kohorte bestand aus 34 transidenten Frauen, die eine testosteronbasierte Hormontherapie erhielten (nachfolgend "Transmänner" genannt), sowie 24 transidenten Männern, die eine feminisierende Behandlung mit Estradiol und Antiandrogenen begannen ("Transfrauen"). Alle Probanden füllten vor Beginn der Behandlung und nach mindestens sechs Monaten erneut den umfangreichen Persönlichkeitsfragebogen NEO-PI-R aus. Dieser gilt als eines der bekanntesten Instrumente der Persönlichkeitspsychologie. Er erfasst nicht nur die fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit, sondern auch zahlreiche Unterbereiche.

Die Forscher schlossen Personen mit schweren psychiatrischen oder neurologischen Erkrankungen aus, um mögliche Störeinflüsse möglichst gering zu halten. Dennoch betonen sie selbst, dass soziale Faktoren wie beispielsweise Coming-out-Erfahrungen oder Veränderungen der Lebenssituation ebenfalls Einfluss auf die Ergebnisse gehabt haben könnten.

Testosteron und sinkender Neurotizismus

Besonders auffällig waren die Veränderungen bei den Transmännern unter Testosterontherapie. In dieser Gruppe sanken die Werte im Bereich "Neurotizismus" signifikant. Neurotizismus beschreibt in der Persönlichkeitspsychologie die Tendenz, emotional belastbar oder eben emotional verletzlich zu sein. Menschen mit hohen Neurotizismus-Werten berichten häufiger von Ängstlichkeit, Unsicherheit, Grübeln oder emotionaler Instabilität. Interessanterweise zeigten sich die stärksten Veränderungen in den Unterbereichen "Depression" und "Verletzlichkeit". Transmänner wirkten nach mehreren Monaten Testosterontherapie emotional stabiler und weniger anfällig für Belastung.

Diese Befunde passen zu früheren Studien, die ebenfalls Verbesserungen psychischer Belastung unter geschlechtsangleichender Hormontherapie beobachtet haben. Gleichzeitig ist jedoch Vorsicht geboten. Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass Testosteron automatisch psychische Probleme "heilt". Wahrscheinlich spielen mehrere Faktoren zusammen, etwa soziale Anerkennung oder die Erleichterung nach Beginn der Behandlung. In der Transgender-Forschung wird der sogenannte "Honeymoon-Effekt" diskutiert, der kurzfristig positive Ergebnisse liefert.

Mehr emotionale Offenheit bei Transfrauen

Bei den Transfrauen zeigten sich insgesamt deutlich weniger Veränderungen. Dennoch fanden die Forscher einen interessanten Effekt: Der Unterbereich "Gefühle" innerhalb der Persönlichkeitsdimension "Offenheit" nahm zu. Dieser Bereich beschreibt unter anderem die Bereitschaft, eigene Gefühle bewusst wahrzunehmen und emotionalen Erfahrungen Aufmerksamkeit zu schenken.

Diese Ergebnisse könnten darauf hindeuten, dass feminisierende Hormontherapie emotionale Selbstwahrnehmung oder emotionale Ausdrucksfähigkeit beeinflusst. Allerdings waren die Veränderungen insgesamt eher moderat. Bemerkenswert ist zudem, dass die Transfrauen im Gegensatz zu den Transmännern keine deutliche Verbesserung beim Neurotizismus zeigten. Die Autoren diskutieren sogar, dass dies klinisch relevant sein könnte, da emotionale Belastungen in dieser Gruppe teilweise bestehen blieben: "The reduction in “Neuroticism” and “Vulnerability” in the AFAB with treatment, but a worsening or no change in the AMAB may be concerning."

Persönlichkeit bleibt insgesamt erstaunlich stabil

Vielleicht die wichtigste Erkenntnis der Studie lautet, dass die Persönlichkeit sich durch eine Hormontherapie nicht grundlegend verändert. Obwohl einzelne Bereiche statistisch signifikante Veränderungen zeigten, blieben die meisten Persönlichkeitsdimensionen über die Zeit relativ stabil. Das entspricht auch der allgemeinen psychologischen Forschung. Persönlichkeit gilt im Erwachsenenalter als vergleichsweise konstant. Die Ergebnisse widersprechen damit vereinfachenden Vorstellungen, nach denen Hormone Menschen völlig "umprogrammieren" würden. Vielmehr scheint es eher um feine Verschiebungen bestimmter emotionaler oder sozialer Tendenzen zu gehen.

Ein weiterer spannender Aspekt der Studie betrifft die Ausgangswerte vor Beginn der Behandlung. Die Unterschiede zwischen den Gruppen entsprachen nur teilweise den bekannten Unterschieden zwischen Männern und Frauen. Die Forscher diskutieren deshalb die Möglichkeit, dass transidente Personen nicht einfach entlang einer klassischen männlich-weiblichen Achse eingeordnet werden können. Vielmehr könnten sich eigenständige Muster ergeben. Diese Überlegung knüpft an neuere neurobiologische Forschung an. Einige Studien zur Hirnstruktur bei Transgender-Personen deuten ebenfalls darauf hin, dass sich keine simple "Verschiebung" hin zu typisch männlichen oder typisch weiblichen Mustern beobachten lässt (siehe Das "Transgender-Gehirn").

Ergänzung bekannter Befunde

Die vorliegende Persönlichkeitsstudie ergänzt die neurobiologische Perspektive anderer aktueller Arbeiten wie beispielsweise den Preprint von Hüpen et al., über den wir bereits an anderer Stelle berichteten (siehe Wie Hormonbehandlungen das erwachsene Gehirn verändern) [2]. Während die schwedische Big-Five-Studie nur moderate Veränderungen der Persönlichkeit fand, beschreibt diese MRT-Studie bereits nach einigen Monaten gegengeschlechtlicher Hormontherapie messbare strukturelle Veränderungen des Gehirns. Dazu zählen unter anderem Veränderungen der kortikalen Dicke und Hirnfaltung in Regionen mit hoher Dichte an Sexualhormonrezeptoren.

Auf den ersten Blick wirken beide Arbeiten teilweise widersprüchlich. Tatsächlich untersuchen beide Studien jedoch unterschiedliche Ebenen: Die eine misst relativ stabile Persönlichkeitsmerkmale, die andere biologische Hirnveränderungen und subjektives Wohlbefinden. Beides steht wechselseitig miteinander in Zusammenhang, ist jedoch nicht gleichzusetzen. Menschen können sich psychisch deutlich besser fühlen, ohne dass sich ihre grundlegende Persönlichkeit stark verändert. Besonders interessant ist, dass beide Arbeiten zwar ausschließlich Erwachsene untersuchten und dennoch hormonelle Effekte beobachteten.

Die Grenzen der Studie

Die schwedische Untersuchung hat jedoch mehrere Einschränkungen. Die Teilnehmerzahl war relativ klein, was ein typisches Problem solcher Transgender-Kohrtenstudien ist. Außerdem wurden die Veränderungen nur über etwa sechs Monate verfolgt. Langfristige Entwicklungen bleiben daher offen. Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem solcher Forschung: Persönlichkeit wird nie ausschließlich biologisch geprägt. Der Beginn einer gegengeschlechtlichen Behandlung verändert oft viele Lebensbereiche gleichzeitig. Betroffene erleben mehr soziale Akzeptanz, beginnen offener zu leben oder verändern ihr Umfeld. Solche extrinsischen Faktoren können psychische Veränderungen ebenfalls beeinflussen.

Die Forscher betonen deshalb ausdrücklich, dass sich die beobachteten Effekte nicht eindeutig allein auf die Hormone zurückführen lassen: "Within this study it is not possible to differentiate between changes caused by changes in sex hormone levels and those caused by social or psychological factors that follows the initiation of GAHT."

Wichtig ist außerdem, dass die Studie ausschließlich Erwachsene untersuchte. Die Teilnehmer begannen die Hormontherapie im Median mit etwa 20 beziehungsweise 26 Jahren. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf Kinder oder Jugendliche übertragen. Gerade die Pubertät gilt aus neurobiologischer Sicht als Phase besonders hoher Plastizität des Gehirns. Sexualhormone beeinflussen in dieser Zeit tiefgreifende Umbauprozesse des Nervensystems, die unter anderem emotionale Verarbeitung, Sozialverhalten und Persönlichkeitsentwicklung betreffen können. Ob und wie gegengeschlechtliche Hormonbehandlungen in dieser Entwicklungsphase langfristig auf Persönlichkeitsmerkmale wirken, lässt sich aus der vorliegenden Studie daher nicht beantworten.

Auch methodisch gibt es Einschränkungen. So wurden zahlreiche statistische Vergleiche durchgeführt, ohne die Ergebnisse streng für Mehrfachtests zu korrigieren. Einzelne Befunde könnten daher zufällig entstanden sein.

Trotz aller Einschränkungen liefert die Studie einen wichtigen Beitrag zur sexualbiologischen Forschung. Sie zeigt, dass gegengeschlechtliche Hormontherapie nicht nur körperliche Veränderungen hervorruft, sondern offenbar auch mit emotionalen und psychischen Prozessen verbunden ist. Besonders relevant ist dabei, dass die beobachteten Veränderungen im post-pubertären Alter überwiegend moderat ausfielen. Das spricht gegen alarmistische Vorstellungen über drastische Persönlichkeitsveränderungen durch Hormone. Gleichzeitig unterstreicht die Studie, dass biologische Faktoren durchaus einen Einfluss auf emotionale Verarbeitung und psychische Stabilität haben können.

Fazit

Die schwedische Studie von Holmberg et al. (2026) liefert vorsichtige, aber interessante Hinweise darauf, dass gegengeschlechtliche Hormontherapie bestimmte Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen kann. Besonders bei transidenten Frauen zeigte sich unter Testosteron eine Abnahme emotionaler Belastung und Verletzlichkeit. Bei transidenten Männern fanden sich Hinweise auf eine stärkere emotionale Wahrnehmung. Gleichzeitig bleibt die Persönlichkeit insgesamt erstaunlich stabil. Die Ergebnisse sprechen eher für subtile Veränderungen einzelner emotionaler Tendenzen als für grundlegende Persönlichkeitswechsel. Die Studie macht außerdem deutlich, wie groß der Forschungsbedarf weiterhin ist. Langzeitstudien mit größeren Gruppen und verschiedenen Alterskohorten könnten künftig helfen, die komplexen Zusammenhänge zwischen Hormontherapie, psychischer Gesundheit und Persönlichkeit noch besser zu verstehen.

Quellen

[1] Mats Holmberg, Alex Wallen, Ivanka Savic, The effect of gender-affirming hormonal treatment on personality traits - a NEO-PI-R study, Comprehensive Psychoneuroendocrinology, Volume 25, 2026, 100338, ISSN 2666-4976, https://doi.org/10.1016/j.cpnec.2026.100338.

[2] Hüpen, Philippa and van Egmond, Lieve Thecla and Haltrich, Lara and Maier, David Joel and Derntl, Birgit and Habel, Ute, Longitudinal Effects of Gender-Affirming Hormone Therapy on Brain Structure in Transgender Individuals. Available at SSRN: https://ssrn.com/abstract=6139319 or http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.6139319

Montag, 11. Mai 2026

Neue Hinweise zur Rolle von Androgenen bei Hirntumoren

Warum erkranken Männer häufiger an bestimmten Krebsarten und warum verlaufen manche Tumorerkrankungen bei ihnen aggressiver? Diese Frage beschäftigt die Krebsforschung seit Jahren. Besonders bei Hirntumoren wie dem Glioblastom zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Ein aktueller Artikel in der Fachzeitschrift 'Nature', liefert nun überraschende Hinweise darauf, dass männliche Sexualhormone möglicherweise nicht nur Risiken erhöhen, sondern unter bestimmten Bedingungen sogar eine schützende Funktion übernehmen können [1].
 

Androgenmangel lässt Hirntumoren schneller wachsen

Im Mittelpunkt stehen sogenannte Androgene, also männliche Sexualhormone wie Testosteron. Sie prägen während der Entwicklung typische männliche Merkmale, beeinflussen aber gleichzeitig auch das Gehirn und das Immunsystem. Lange Zeit ging die Forschung eher davon aus, dass Androgene das Wachstum bestimmter Tumoren fördern können. Frederick S. Varn vom Jackson Laboratory for Genomic Medicine in Farmington (Connecticut) zeichnet nun jedoch ein wesentlich komplexeres Bild.

Sein Artikel beschreibt Mäusemodelle mit Glioblastomen, einer besonders aggressiven Form von Hirntumoren. Bei diesen zeigte sich zunächst etwas Unerwartetes: Tiere, denen Androgene entzogen wurden, entwickelten schneller wachsende Tumoren als Mäuse mit normalen Hormonspiegeln. Besonders interessant war, dass dieser Effekt vor allem im Gehirn auftrat. Wurden Tumorzellen dagegen an anderen Stellen des Körpers implantiert, verlangsamte sich das Tumorwachstum unter Androgenmangel. Damit wird deutlich, dass Sexualhormone im Gehirn offenbar anders wirken als im restlichen Körper. Genau diese Besonderheit, dass Hormone je nach Organ bzw. Zelltyp sehr unterschiedliche Effekte entfalten können, ist bemerkenswert.

Was ist die Ursache?

Es fanden sich außerdem Hinweise auf einen möglichen Mechanismus hinter diesem Effekt. Der Verlust von Androgenen führte zu neuroinflammatorischen Prozessen im Gehirn. Bestimmte Immunzellen des Gehirns, sogenannte Mikroglia, aktivierten dabei eine Stressachse zwischen Gehirn und Nebenniere, die sogenannte HPA-Achse. In der Folge wurden vermehrt Glukokortikoide ausgeschüttet, also Stresshormone, die die Aktivität von T-Zellen hemmen. Gerade diese T-Zellen sind jedoch entscheidend für die körpereigene Abwehr von Tumoren.

Vereinfacht gesagt könnte ein Mangel an männlichen Sexualhormonen dazu beitragen, dass das Immunsystem im Gehirn weniger effektiv gegen Tumorzellen vorgeht. Das würde erklären, warum die Tumoren bei androgenarmen Mäusen schneller wachsen konnten.

Was bedeutet das für den Menschen?

Die Übertragbarkeit von Tiermodellen auf den Menschen ist immer mit Einschränkungen verbunden. Besonders bemerkenswert ist bei der vorliegenden Arbeit jedoch, dass auch klinische Daten von Menschen analysiert wurden. Männer mit Glioblastom, die zusätzlich Testosteron erhielten, zeigten längere Überlebenszeiten als Patienten ohne eine solche Behandlung. Das ist zwar noch kein endgültiger Beleg für die Wirksamkeit neuer androgenbasierter Krebstherapien, eröffnet aber eine wichtige Diskussion über die Rolle von Hormonen in der Krebsmedizin.

Die Ergebnisse werfen auch gesellschaftlich interessante Fragen auf. In öffentlichen Debatten werden Testosteron und andere Androgene häufig vor allem mit Risiken, Aggression oder problematischen Gesundheitsfolgen verbunden. Die neue Forschung zeigt jedoch, dass Sexualhormone in bestimmten Kontexten auch wichtige Schutzfunktionen übernehmen können. Ein differenzierter Blick auf Hormone ist daher nicht nur wissenschaftlich sinnvoll, sondern auch gesellschaftlich notwendig.

Fazit

Varn (2026) zeigt eindrücklich, wie eng Sexualhormone, Gehirn und Immunsystem miteinander verbunden sind. Die Beziehung zwischen Sexualhormonen und Krebs ist weit komplexer als lange angenommen. Während Androgene in manchen Geweben Tumorwachstum fördern können, scheinen sie im Gehirn unter bestimmten Bedingungen sogar eine schützende Rolle für die Immunabwehr zu spielen. Dieser Befund eröffnet neue Perspektiven für die Krebsforschung und zeigt einmal mehr, wie wichtig sexualbiologische Ansätze für das Verständnis von Gesundheit sind.

Quellen

[1] Varn, F.S. Male sex hormone loss aids brain tumour growth. Nature 2026, https://doi.org/10.1038/d41586-026-01159-7.

Samstag, 9. Mai 2026

Zwischen Diskurs und Ideologie: Meine ersten Tage auf Bluesky

Meinungsbeitrag von Marco Bergmann
Sprecher & Mitgründer der IG Sexualbiologie


In den vergangenen Jahren war zu beobachten, wie zahlreiche wissenschaftliche Organisationen und einzelne Forscher die Plattform X verließen und zu Bluesky wechselten. Begründet wurde dieser Exodus häufig mit dem Argument, dass das Diskussionsklima auf X zunehmend verrohe und sachliche Debatten dort kaum noch möglich seien. Eine Studie von Shiffman & Wester (2025) untersuchte diese Entwicklung bereits systematisch und wurde in einem früheren Blogpost vorgestellt (siehe Der wissenschaftliche Exodus von X zu Bluesky). Die dort beschriebenen Dynamiken weckten schließlich auch meine eigene wissenschaftliche Neugier. Ich wollte mir selbst ein Bild davon machen, wie sich Diskurse auf Bluesky tatsächlich gestalten und meldete mich deshalb vor wenigen Tagen dort an.

Erste Irritation

Nach der Einrichtung meines Profils teilte ich zunächst ganz unbefangen unseren aktuellsten Blogpost über den Auftritt von Leonie Plaar bei Jan Fleischhauer sowie die Reaktion von Marie-Luise Vollbrecht darauf (siehe Aktivistische Pseudowissenschaft im ZDF: Leonie Plaar zu Gast bei Jan Fleischhauer). Zwar bin ich nicht selbst Autor dieses Artikels, als Sprecher unserer IG vertrete ich die darin formulierten Inhalte jedoch selbstverständlich.

Unter dem Beitrag kommentierte kurz darauf eine Person und verwies auf Aussagen Vollbrechts auf X. Konkret zitierte sie folgenden Beitrag:
 
Offen gesagt war mir zunächst nicht ganz klar, worauf die Person damit hinauswollte. Wenn man Vollbrecht kritisieren möchte, gäbe es aus meiner Sicht deutlich geeignetere Zitate als dieses. Denn die Aussage, dass es "die Wissenschaft" als monolithische Instanz nicht gibt, ist im Kern zutreffend. Wissenschaft lebt gerade davon, dass Hypothesen hinterfragt, überprüft und gegebenenfalls verworfen werden. 
 
Ich antwortete daraufhin mit einem bewusst differenzierten Kommentar, der meine persönliche Einschätzung widerspiegelte:

Vollbrecht hat ja recht, dass es "die Wissenschaft" als Instanz nicht gibt. Jeder der "die Wissenschaft" als Autoritätsargument in Debatten einbringt, hat die wissenschaftliche Methode nicht verstanden. Und Konsens ist im Grunde der Tod von Wissenschaft. Hier punktet sie also gegenüber Plaar. 1/2

— Marco Bergmann (@citizenlifescy.bsky.social) 8. Mai 2026 um 16:47
 
Gefolgt vom zweiten Teil:

Trotzdem ist mein Eindruck, dass Vollbrecht kluge Dinge sagt, jedoch mitunter anders agiert. Zur wissenschaftlichen Methode gehört z. B. auch, eigene Thesen zu verteidigen. Dass sie nicht an der Podiumsdiskussion nach dem Vortrag teilnehmen wollte, zeugte nicht gerade von Falsifikationswillen. 2/2

— Marco Bergmann (@citizenlifescy.bsky.social) 8. Mai 2026 um 16:47
 
Aus meiner Sicht war das weder polemisch noch provokativ, sondern eine sachliche und differenzierte Einordnung, die eigentlich als Grundlage für einen offenen Diskurs dienen könnte. Die Reaktion fiel allerdings anders aus. Die Worte "Vollbrecht hat recht" waren offenbar der Trigger für einen totalen Meltdown, bei dem alles Weitere ausgeblendet wird. Die betreffende Person blockierte mich nicht nur unmittelbar, sondern sprach auf ihrem Profil zusätzlich eine öffentliche Blockempfehlung gegen mich aus, weil ich angeblich Vollbrecht "unterstützen" würde. Diese Reaktion fand ich bemerkenswert. Offenbar genügte bereits eine differenzierte Auseinandersetzung mit einer Aussage Vollbrechts, um als problematisch markiert zu werden. Zunächst hielt ich das noch für einen verwirrten Einzelfall. 
 
Doch dieser Eindruck hielt nicht lange...

Blocklisten als Instrument sozialer Abschottung

Innerhalb kürzester Zeit wurde ich von zahlreichen Nutzern blockiert und landete auf mehreren Blocklisten, ohne dass zuvor überhaupt irgendeine direkte Interaktion stattgefunden hatte. Dieses Verhalten widerspricht meinem Verständnis eines offenen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurses. Bluesky bietet mit sogenannten "Moderationslisten" ein technisches Instrument, mit dem sich Personen gesammelt und proaktiv aus Diskussionen ausschließen lassen. Natürlich hat jeder das Recht, seine eigenen Grenzen im digitalen Raum zu ziehen. Auffällig ist jedoch, wie schnell solche Listen offenbar dazu genutzt werden, Menschen pauschal bestimmten ideologischen Kategorien zuzuordnen.

So fand ich mich plötzlich auf Listen wieder, auf denen neben Trollen, Spam-Bots und Rechtsextremisten auch Begriffe wie "anti-vaxxers", "bigots", "TERFs", "anti-LGBT" oder ähnliche Sammelkategorien auftauchten. Das hat durchaus eine gewisse Ironie. Als schwuler Mann mit transidenten Personen im Freundeskreis empfand ich diese Zuschreibungen eher als absurd als als beleidigend. Interessant war für mich dabei weniger die persönliche Betroffenheit als vielmehr die Dynamik dahinter. Offenbar reicht bereits die Feststellung, dass es beim Menschen zwei reproduktive Rollen gibt oder dass Wissenschaft kein sakrosanktes Autoritätskonstrukt ist, um in bestimmten digitalen Milieus als verdächtig zu gelten.

Ideologische Blasen und die Angst vor Widerspruch

Mit etwas Abstand betrachtet, kann man solchen Entwicklungen fast dankbar begegnen. Menschen, die abweichende Positionen reflexhaft ausblenden möchten, entfernen sich letztlich selbst aus dem Diskurs. Wer Diskussionen primär über moralische Kategorisierung und Kontaktschuld statt über valide Argumente führt, schafft sich zwangsläufig eine kommunikative Blase. Bluesky erleichtert diese Form sozialer Abschottung technisch erheblich. Die Möglichkeit, ganze Nutzergruppen kollektiv auszublenden, sorgt dafür, dass man sich fast ausschließlich innerhalb ideologisch homogener Räume bewegt. Das reduziert Reibung, verhindert aber häufig auch ernsthafte Auseinandersetzungen mit Gegenargumenten.

Da dieses Instrument existiert, nutze ich es inzwischen ebenfalls und stelle eine entsprechende Moderationsliste mit dem Titel "Wissenschaftsfeinde, Ideologen und sonstige Diskursverweigerer" zur Verfügung. Allerdings unterscheidet sich mein Ansatz in einem wesentlichen Punkt: Niemand landet dort bloß deshalb, weil er eine andere Weltanschauung vertritt oder sachlich widerspricht. Die Liste ist für Leute vorgesehen, die sich aufgrund ihrer ideologischen und damit intrinsisch wissenschaftsfeindlichen Weltanschauung so sehr vor Gegenstimmen fürchten, dass sie sich selbst hinter eine "Brandmauer" begeben. Ich unterstütze sie also lediglich dabei, dass diese Entscheidung von Dauer ist.

Perspektivisch werden auf dieser Liste nicht nur Gender-Ideologen landen, denn meine Erfahrungen aus anderen sozialen Netzwerken zeigen, dass sich bestimmte psychologische Mechanismen erstaunlich ähneln. Ob es um Kreationismus, Flacherdmodelle, esoterische Heilslehren wie Homöopathie oder andere Formen dogmatischer Weltbilder geht, die Reaktionen auf kognitive Dissonanzen folgen häufig vergleichbaren Mustern.

Fazit

Meine ersten Tage auf Bluesky verliefen jedenfalls anders als erwartet. Eigentlich wollte ich mir ein Bild davon machen, ob die Plattform tatsächlich ein besseres Umfeld für wissenschaftlichen Austausch bietet als X. Stattdessen wurde ich innerhalb weniger Tage von inzwischen mehr als 5.800 Nutzern blockiert, im Wesentlichen wegen zweier Aussagen: dass es beim Menschen zwei reproduktive Rollen gibt und dass es "die Wissenschaft" als unfehlbare Instanz nicht gibt. Wenn bereits solche Positionen genügen, um automatisiert aus Teilen eines sozialen Netzwerks ausgeschlossen zu werden, wirft das durchaus Fragen über die dortige Diskurskultur auf. Bluesky wird in den kommenden Jahren vermutlich noch deutlicher zeigen, ob es tatsächlich ein Raum für offenen wissenschaftlichen Austausch sein kann oder eher ein Netzwerk, in dem ideologische Homogenität zum sozialen Standard wird. Spannend zu beobachten bleibt es in jedem Fall.

Nachtrag (20.05.2026):

Die Markierung als Wissenschaftsfeinde und Ideologen hat bei einigen Bluesky-Nutzern, die sich "die Wissenschaft™" auf die Fahne geschrieben haben, offenbar derart schwere kognitive Dissonanzen verursacht, dass sie meine Moderationsliste massenhaft melden mussten, weshalb sie zwischenzeitlich von Bluesky ausgeblendet wurde:


Da ich mich weiterhin auf obskuren Feindeslisten mit erquickenden Titeln wie "Vollpfosten", "Faschotrottel", "Verrottetes Hirn" oder "Nazi, aber zu feige um es zuzugeben" befinde, die überraschenderweise keinen Verstoß gegen die Community-Richtlinien darzustellen scheinen, wunderte mich diese Moderationsentscheidung von Bluesky doch sehr. Insbesondere, da meine Liste erklärt, wofür sie gedacht ist, nämlich für "Nutzer, die sich aufgrund ihrer Weltanschauung (z. B. Gender-Ideologie, Kreationismus, Flacherde, Homöopathie, Tierrechte, Wetterreligion etc.) so sehr vor Gegenrede fürchten, dass sie sich selbst aus dem Diskurs zurückziehen." 

Im Vergleich zu herabwürdigenden Markierungen wie "Rechtsradikale Clowns" oder "Schwachköpfe und andere Psychos" ist meine Attribution nicht nur harmlos, sondern faktisch begründet: Wissenschaft basiert auf dem Prinzip, dass Hypothesen durch kritisches Hinterfragen, ergebnisoffene Debatten und empirische Überprüfung (Falsifikation) bestehen müssen. Wenn bestimmte Ansichten gar nicht erst inhaltlich diskutiert, sondern strukturell blockiert werden, verlässt man de facto den Boden des wissenschaftlichen Diskurses und bewegt sich in den Bereich der Ideologie. Zwar ist es eine notwendige Qualitätssicherung wissenschaftlicher Debattenkultur, völlig hanebüchene Behauptungen aus dem Diskurs auszuschließen. Hier sehe ich aber eher die naturalistischen Biowissenschaften in der Pflicht, anthropozentrische und teils pseudowissenschaftliche Weltanschauungen der Sozial- und Geisteswissenschaften auszuschließen. Die Blockade abweichender oder unbequemer Erkenntnisse ist und bleibt im Kern jedoch dogmatisch, was von mir weiterhin als Wissenschaftsfeindlichkeit/Ideologie ausgelegt und entsprechend quittiert wird. Wer dieses Etikett ablehnt, sollte sich nicht auf eine Weise verhalten, die dazu führt, dass es auf ihn zutrifft. Nach Darlegung dieser Argumentation wurde meine Liste wieder freigeschaltet.

Donnerstag, 7. Mai 2026

Aktivistische Pseudowissenschaft im ZDF: Leonie Plaar zu Gast bei Jan Fleischhauer

Am 30.04.2026 veröffentlichte das ZDF eine Folge des Formats 'Keine Talkshow – Eingesperrt mit Jan Fleischhauer' mit dem Titel "Cancel Culture: Gefahr für die Meinungsfreiheit?":



Zu Gast bei Jan Fleischhauer war die Aktivistin Leonie Plaar. Im Verlauf der Sendung kam erneut der inzwischen viel diskutierte Fall von Marie-Luise Vollbrecht zur Sprache, den wir bereits an anderer Stelle ausführlich behandelt haben (siehe Die Causa Vollbrecht und das Kiwi-Emoji 🥝).

Im Gespräch mit Fleischhauer äußerte Plaar mehrere Behauptungen zur Zweigeschlechtlichkeit, die aus naturwissenschaftlicher Perspektive erhebliche Probleme aufweisen. So bezeichnete sie Vollbrechts Darstellung der Binarität von Geschlecht als "illegitime Wissenschaft" und behauptete zugleich, der aktuelle biowissenschaftliche Konsens verstehe Geschlecht inzwischen als "bimodale Verteilung". Auch diese Thematik haben wir bereits ausführlich analysiert (siehe Warum "Geschlecht" kein Spektrum ist). Kurz zusammengefasst: Die Vorstellung eines "Geschlechterspektrums" entsteht regelmäßig dadurch, dass unterschiedliche Ebenen biologischer Beschreibung miteinander vermischt werden, insbesondere die Ebene des Geschlechts selbst und die Ebene von Geschlechtsmerkmalen des Menschen.

Wenn Meinungsfreiheit zur Desinformation wird

Bereits kurz nach der Ausstrahlung kommentierte eines unserer Mitglieder unter einem Instagram-Beitrag von Plaar zur Sendung:


Die dort formulierte Kritik lässt sich im Kern einfach zusammenfassen: Biologisches Geschlecht ist binär, weil es nur zwei Typen von Gameten gibt (Anisogamie). Genau darauf bezieht sich Vollbrecht in ihren Ausführungen zur Zweigeschlechtlichkeit. Diese Definition ist innerhalb der Biologie weder randständig noch kontrovers, sondern die grundlegende und fachlich etablierte Definition von Geschlecht. Was hingegen vielfältig und teilweise auch statistisch bimodal darstellbar ist, sind konkrete Geschlechtsausprägungen und Geschlechtsmerkmale. Dazu gehören etwa Körpergröße, Muskelmasse, Hormonspiegel oder sekundäre Geschlechtsmerkmale. Die Existenz vielfältiger und sich teilweise überlappender Ausprägungen männlicher oder weiblicher Körper begründet jedoch keine zusätzlichen Geschlechter zwischen oder außerhalb von männlich und weiblich. Genau diese kategoriale Unterscheidung wird in öffentlichen Debatten jedoch immer wieder verwischt.
 
Da es sich bei der Sendung um ein Format des öffentlich-rechtlichen Rundfunks handelt, stellt sich die Frage nach der journalistischen Verantwortung des ZDF. Selbstverständlich darf Leonie Plaar ihre Ansichten im Rahmen der Meinungsfreiheit öffentlich vertreten, auch dann, wenn diese aus naturwissenschaftlicher Perspektive falsch sind. Problematisch wird es aber dort, wo pseudowissenschaftliche Behauptungen in einem öffentlich-rechtlichen Format ohne fachliche Gegenrede stehen bleiben. Genau das war in dieser Sendung der Fall. Plaars Behauptungen widersprechen der etablierten sexualbiologischen Forschung. Dennoch wurden ihre Aussagen weder hinterfragt noch korrigiert. Damit entstand für viele Zuschauer zwangsläufig der Eindruck, es handle sich um eine fachlich gleichwertige Gegenposition innerhalb der Biologie. Das ist jedoch nicht der Fall.

Hier zeigte sich auch eine Schwäche des Formats selbst. Jan Fleischhauer mag ein erfahrener Journalist und Debattenmoderator sein, verfügte in diesem Themenfeld jedoch offensichtlich nicht über die notwendigen Fachkenntnisse, um Plaars steile Thesen angemessen einzuordnen oder kritisch nachzufragen. Gerade bei wissenschaftlich sensiblen Themen reicht es nicht aus, kontroverse Positionen lediglich nebeneinanderzustellen und auf die Dynamik der Diskussion zu vertrauen. Öffentlich-rechtliche Formate haben nicht nur einen Unterhaltungs-, sondern ausdrücklich auch einen Bildungsauftrag. Dazu gehört es, zwischen wissenschaftlich fundierten Aussagen und ideologisch motivierter Pseudowissenschaft unterscheiden zu können.

Problematisch ist dabei nicht nur die fachliche Ungenauigkeit, sondern auch die rhetorische Strategie dahinter. Denn es entsteht der Eindruck, biologische Grundlagen müssten relativiert oder umgedeutet werden, um gesellschaftliche Akzeptanz für transidentifizierende Personen zu erreichen. Das ist weder notwendig noch wissenschaftlich redlich. Menschenrechte hängen nicht davon ab, ob biologische Kategorien umdefiniert werden. Wer behauptet, der wissenschaftliche Konsens habe die Zweigeschlechtlichkeit bereits überwunden, verlässt den Boden der Tatsachen.

Reaktion von Marie-Luise Vollbrecht

Inzwischen hatte Vollbrecht im Medienformat 'Triggerwarnung' Gelegenheit, auf die Aussagen und Vorwürfe von Plaar zu reagieren:


Ihren wissenschaftlichen Ausführungen ist dabei weitestgehend zuzustimmen (einzig die unkritische Verwendung des Begriffs "Gender" in der von Soziologen umgedeuteten Form lehnen wir ab; siehe Was bedeutet "Gender" aus biologischer Sicht?). Geschlecht ist binär, mit der Anisogamie als definitorischem Anker. Die häufig verwendete Formulierung eines "bimodalen Spektrums" bleibt dagegen bereits begrifflich unsinnig. Ein Spektrum beschreibt eine Verteilung einer bestimmten Eigenschaft entlang einer einzigen Achse. Eine bimodale Verteilung hingegen beschreibt statistische Häufungen innerhalb einer Verteilung und setzt mindestens zwei Achsen voraus. Geschlechtsmerkmale können entsprechend ihrer Häufigkeit bimodal visualisiert werden, etwa wenn bestimmte Merkmale bei Männern und Frauen unterschiedlich häufig auftreten. Das Geschlecht selbst bleibt dennoch die hierarchisch übergeordnete binäre Kategorie, auf deren Grundlage solche Merkmalsverteilungen überhaupt erst beschrieben werden können.

Deshalb ist es wichtig, die wissenschaftliche Ebene von politischen und aktivistischen Ebenen sauber zu trennen. Und genau an diesem Punkt beginnt aus unserer Sicht auch die notwendige Kritik an Vollbrecht selbst.

Was Vollbrecht auslässt

Wenn Vollbrecht in ihrem Statement erklärt, sogenannte "Transmenschen" seien in ihrem ursprünglich gecancelten Vortrag überhaupt nicht vorgekommen, dann ist das zwar formal richtig, aber zugleich unvollständig. Ihr Vortrag selbst war wissenschaftlich sauber und somit in keiner Weise ideologisch verunreinigt. Die damalige Empörung und insbesondere die öffentliche Diffamierungskampagne beispielsweise seitens Jan Böhmermann in der Late-Night 'ZDF Magazin Royale', der ihren Vortrag als "transfeindlich" bezeichnete, ohne einen einzigen transfeindlichen Ausschnitt präsentieren zu können, waren deshalb sachlich nicht begründbar. Andererseits lässt sich kaum bestreiten, dass Vollbrecht sich außerhalb ihrer wissenschaftlichen Arbeit wiederholt aus einem radikalfeministischen Aktivismus heraus zu Themen rund um sogenannte "Transpersonen" geäußert hat. Dies teilweise polemisch und nicht immer klar differenzierend, beispielsweise in Hinblick auf unterschiedliche Kohorten von sog. "Transpersonen" wie Menschen mit Geschlechtsdysphorie, autogynophilen Männern und Transmaxxern. Gerade diese Positionierungen waren letztlich der eigentliche Auslöser dafür, dass es im Vorfeld ihres Vortrags zu Protesten kam.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass das Ausmaß der Proteste gerechtfertigt gewesen sei oder dass Vollbrechts biologische Aussagen dadurch "illegitim" wären, wie von Plaar behauptet. Wissenschaftliche Richtigkeit hängt nicht von Sympathien für eine Person oder deren gesellschaftspolitische Positionierungen ab. Hier sind wissenschaftliche Tätigkeit und Privatperson genauso zu trennen wie Kunst und Künstler. Dennoch entsteht bei Vollbrecht gelegentlich der Eindruck, als ließen sich ihre wissenschaftlichen Aussagen nicht immer vollständig von ihrem aktivistischen Umfeld isolieren.

Naturalistische Fehlschlüsse

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine weitere Aussage Vollbrechts. Im Video erklärt sie, sie habe niemals gesellschaftliche Schlussfolgerungen aus biologischen Fakten gezogen. Vielmehr seien es queere Aktivisten, die etwa mit Verweisen auf vermeintlich "queere Tiere" naturalistische Fehlschlüsse begehen würden. Letzteres trifft zweifellos zu und wurde auch von uns bereits mehrfach kritisiert (siehe u. a. Queere Tiere? Kritik an ARTE-Doku). Aus dem Verhalten bestimmter Tierarten lassen sich keine normativen Aussagen über menschliche Gesellschaften ableiten. Dass gleichgeschlechtliches Verhalten oder echte Geschlechtswechsel in Tierpopulationen vorkommen, beantwortet keine politischen oder ethischen Fragen des menschlichen Zusammenlebens.

Allerdings greift Vollbrechts eigene Abgrenzung hier aus unserer Sicht zu kurz. Denn auch innerhalb trans-exkludierender radikalfeministischer Positionen lässt sich regelmäßig beobachten, dass biologische Tatsachen nicht einfach nur neutral beschrieben, sondern zumindest implizit gesellschaftlich aufgeladen werden. Die Zweigeschlechtlichkeit fungiert dort oft nicht bloß als wissenschaftliche Feststellung, sondern als argumentative Grundlage für gesellschaftspolitische Positionierungen gegenüber sog. "Transpersonen". Aus der Natur der Zweigeschlechtlichkeit abzuleiten, dass alle Menschen zwingend diese Binarität gesellschaftlich verkörpern müssen oder beispielsweise adulte Menschenmännchen (Männer) unter gar keinen Umständen auch nur ansatzweise Frauenrechte zugestanden bekommen sollten, wäre ebenfalls ein naturalistischer Fehlschluss.

Gleichzeitig darf der Hinweis auf diesen Fehlschluss aber auch nicht zur rhetorischen Wildcard werden, mit der sich biologische Realität beliebig relativieren ließe. Der Mensch ist nun einmal ein biologisches Wesen, und zahlreiche gesellschaftliche Regelungen stehen zwangsläufig in Bezug zu biologischen Gegebenheiten. Das gilt etwa für Schutzrechte oder medizinische Besonderheiten, die sich aus der weiblichen Fortpflanzungsbiologie ergeben und daher logisch an das weibliche Geschlecht gebunden sind. Biologische Kategorien bei bestimmten gesellschaftspolitischen Fragen als relevanten Maßstab heranzuziehen, ist deshalb nicht automatisch "biologistisch". Problematisch wird es erst dort, wo aus biologischen Tatsachen pauschale normative Aussagen über Wert, Legitimität oder gesellschaftliche Stellung bestimmter Personengruppen abgeleitet werden.

Zwei Seiten derselben Medaille

Damit zeigt sich ein grundlegendes Problem auf beiden Seiten der Debatte. Während Aktivisten wie Plaar biologische Kategorien umdeuten, um politische Forderungen zu legitimieren, versuchen Teile der genderkritischen Bewegung umgekehrt, gesellschaftspolitische Positionen durch biologische Tatsachen zu untermauern. Beide Strategien vermischen häufig Beschreibung und Normativität auf problematische Weise.

Vollbrecht und andere Vertreter dieser Strömung können sich deshalb nicht vollständig von den ihnen vorgeworfenen Implikationen freisprechen, indem sie sich nach Motte-and-Bailey-Manier im Nachhinein ausschließlich auf den wissenschaftlich korrekten Kern ihrer Vorträge zurückziehen. Geschlecht ist zwar binär, daran besteht aus fachwissenschaftlicher Sicht kein Zweifel. Daraus folgt jedoch bloß eine biologische Beschreibung der menschlichen Fortpflanzungsorganisation. 
 
Mehr intellektuelle Konsistenz auf allen Seiten der Debatte wäre wünschenswert. Weder braucht es pseudowissenschaftliche Konstruktionen wie das "bimodale Spektrum", um die Rechte von Menschen mit Geschlechtsdysphorie zu verteidigen, noch legitimiert die Zweigeschlechtlichkeit automatisch radikalfeministische Schlussfolgerungen. Wissenschaft beschreibt die Welt. Wie Gesellschaften mit Menschen umgehen sollten, bleibt eine normative Frage, die sich nicht allein wissenschaftlich entscheiden lässt.

Fazit

Die Debatte um Leonie Plaar und Marie-Luise Vollbrecht zeigt, dass wissenschaftliche, politische und normative Ebenen in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen über Geschlecht häufig unsauber vermischt werden. Biologisch bleibt Geschlecht eine binäre Kategorie, begründet durch die Anisogamie und nicht durch beliebig interpretierbare Merkmalsverteilungen. Gleichzeitig folgt aus dieser biologischen Realität nicht automatisch eine bestimmte gesellschaftspolitische Haltung gegenüber Menschen mit Geschlechtsdysphorie oder anderen transidentifizierenden Personen. Wissenschaftliche Tatsachen sollten weder aus aktivistischen Motiven relativiert noch als pauschale Legitimation politischer Positionen instrumentalisiert werden.

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