Wie definieren wir "Geschlecht" in der Wissenschaft? Diese Frage ist nicht nur terminologisch, sondern berührt grundlegende biologische Prinzipien. Ein aktueller Fachartikel von Todd und Callard (2026) reagiert kritisch auf den sogenannten "Sullivan Review" der britischen Regierung und stellt insbesondere ein binäres Verständnis von Geschlecht infrage [1]. Für eine naturwissenschaftlich orientierte Perspektive, wie sie in der Sexualbiologie üblich ist, lohnt sich jedoch ein genauer Blick. Denn viele Argumente des Papers stehen im Spannungsfeld zu einem zentralen biologischen Konzept: der Anisogamie, also der Existenz zweier unterschiedlicher Gametentypen.
Anisogamie als Fundament des Geschlechtsbegriffs
In der Biologie ist Geschlecht kein Bündel äußerer und innerer Merkmale, sondern funktional über die Produktion von Gameten definiert. Sexuelle Fortpflanzung bei vielzelligen Organismen beruht nahezu universell auf Anisogamie: Es gibt kleine, bewegliche Gameten (Spermazellen/Spermien) und große, nährstoffreiche Gameten (Eizellen). Diese fundamentale Zweiteilung begründet die Existenz von zwei reproduktiven Strategien und damit von zwei Geschlechtern. Der entscheidende Punkt ist, dass sich diese Definition nicht auf einzelne Merkmale wie Genitalien, Hormone oder Chromosomen stützt, sondern auf die zugrundeliegende reproduktive Funktion.
Das ist wichtig, weil viele Argumente des Papers genau diese Ebenen vermischen. Wenn dort etwa darauf hingewiesen wird, dass verschiedene biologische Merkmale variieren oder sich verändern können, ist das korrekt, berührt aber nicht die grundlegende binäre Organisation der Geschlechter.
Variabilität biologischer Merkmale ist kein Gegenargument
Die Autoren betonen behaupten, dass Geschlecht aus vielen Komponenten bestünde, die nicht immer eindeutig zusammenpassen. Daraus wird implizit gefolgert, dass ein binäres Modell unzureichend sei. Hier ist eine wichtige Unterscheidung nötig. Die Variabilität von Merkmalen wie Hormonen, Chromosomen oder sekundären Geschlechtsmerkmalen beschreibt die Ausprägung von Geschlecht, nicht dessen Definition. Diese Merkmale sind entwicklungsbiologische und physiologische Konsequenzen der zugrundeliegenden reproduktiven Organisation. Nicht die Merkmale definieren das Geschlecht, sondern umgekehrt definiert das Geschlecht seine typischen Merkmale.
Mit anderen Worten: Dass sich Merkmale überlappen oder atypisch ausgeprägt sein können, stellt die Existenz zweier reproduktiver Klassen (aka Geschlechter) nicht infrage. Es zeigt vielmehr, wie komplex die Entwicklung innerhalb dieser Kategorien ist.
DSD und die Frage eines "dritten Geschlechts"
Ein besonders häufiges Argument gegen die Binarität ist der Verweis auf Störungen der Geschlechtsentwicklung (DSD). Auch das Paper greift diese Perspektive auf und kritisiert, dass binäre Modelle diese Vielfalt nicht angemessen abbilden. Das stimmt jedoch nicht. DSD-Varianten führen nicht zur Ausbildung eines dritten funktionalen Gametentyps. Es existiert kein drittes reproduktives System neben der Produktion von Spermien und Eizellen. Deshalb besteht keine Notwendigkeit, DSD gesondert abzubilden, wenn es um das Thema "Geschlecht" geht. Stattdessen handelt es sich um Variationen oder Abweichungen auf der Ebene der Ausprägung innerhalb der bestehenden Entwicklungswege.
Das bedeutet nicht, dass diese Variationen trivial wären oder komplett ignoriert werden sollten, insbesondere nicht in medizinischen Kontexten. Aber sie widerlegen die binäre Struktur des Geschlechtsbegriffs auf funktionaler Ebene nicht. Die Existenz von Entwicklungsvarianten ist in der Biologie die Regel, nicht die Ausnahme, ohne dass dadurch grundlegende Kategorien aufgehoben werden. DSD finden in "binären Modellen" jedwede Beachtung, die ihnen zugesteht – als anomale Ausprägung des männlichen oder des weiblichen Geschlechts.
Das Paper argumentiert, dass binäre Kategorien in der Datenerhebung problematisch seien, weil sie Vielfalt unsichtbar machen könnten. Dieser Punkt ist ernst zu nehmen, greift aber aus naturwissenschaftlicher Perspektive zu kurz, denn jede wissenschaftliche Kategorie ist eine Abstraktion. Auch in der Biologie werden komplexe Systeme auf funktionale Kerne reduziert, um vergleichbar und analysierbar zu bleiben. Der Geschlechtsbegriff erfüllt genau diese Funktion. Er beschreibt die grundlegende Organisation der sexuellen Fortpflanzung. Nicht mehr, nicht weniger. Das schließt nicht aus, dass in bestimmten Kontexten zusätzliche Variablen sinnvoll sind, etwa hormonelle Profile oder chromosomale Besonderheiten. Entscheidend ist jedoch, dass diese Ergänzungen die Basiskategorie differenzieren, nicht ersetzen.
Vermischung von biologischen und sozialen Ebenen
Ein zentrales Problem der Debatte ist die enge Verknüpfung biologischer Argumente mit sozialwissenschaftlichen und normativen Überlegungen. Die Kritik an Datenerhebungsmethoden wird häufig mit Fragen von Identität, Anerkennung und Ethik verknüpft. Diese Themen sind gesellschaftlich sicherlich wichtig, gehören aber analytisch auf eine gänzlich andere Ebene. Die biologische Definition von Geschlecht basiert auf reproduktiver Funktion und ist unabhängig davon, wie Individuen sich selbst verstehen oder gesellschaftlich positioniert werden. Wenn diese Ebenen vermischt werden, entsteht leicht der Eindruck, die biologische Kategorie selbst sei beliebig oder rein konstruiert. Das entspricht jedoch nicht dem Stand der evolutionsbiologischen Forschung.
Das Paper äußert erhebliche Bedenken gegenüber einer klaren und konsistenten Verwendung von Begriffen wie "männlich" und "weiblich" und sieht darin potenzielle ethische Probleme. Aus naturwissenschaftlicher Perspektive stellt sich hier jedoch eine grundlegende Frage: Welche Aufgabe haben wissenschaftliche Begriffe überhaupt? Ihr Zweck ist es, Realität möglichst präzise und widerspruchsfrei zu beschreiben. Im Fall des Geschlechts bedeutet das eine funktionale Definition über die Produktion von Gameten. Diese Definition ist keine soziale Zuschreibung und auch keine Frage individueller Selbstwahrnehmung, sondern eine Beschreibung biologischer Tatsachen. Wenn man beginnt, diese Begriffe aus Rücksicht auf subjektive Empfindungen umzudeuten, verliert man ihre analytische Schärfe und damit ihre wissenschaftliche Brauchbarkeit.
Das bedeutet nicht, dass respektvoller Umgang mit Menschen irrelevant wäre. Entscheidend ist jedoch, dass Respekt nicht durch eine Verwischung von Begriffen hergestellt werden muss. Eine Person kann als Individuum respektiert werden, ohne dass biologische Kategorien aufgegeben oder umdefiniert werden. Biologische Begriffe dienen der Beschreibung von Realität und müssen konsistent bleiben. Fragen von Identität, Anerkennung und sozialem Umgang gehören in einen anderen Diskursbereich. Werden beide Ebenen vermischt, entstehen begriffliche Unschärfen, die weder der Wissenschaft noch der gesellschaftlichen Debatte helfen.
Fazit
Das Paper von Todd und Callard (2026) liefert eine engagierte und politisch relevante Kritik an aktuellen Entwicklungen in der Datenerhebung zu Geschlecht. Aus sexualbiologischer Sicht überzeugt es jedoch nur begrenzt. Die zentrale Schwäche liegt in der Gleichsetzung von Variabilität biologischer Merkmale mit einer Infragestellung der binären Geschlechtsstruktur. Für eine naturwissenschaftlich fundierte Perspektive ist entscheidend, zwischen Definition und Ausprägung zu unterscheiden. Geschlecht ist auf funktionaler Ebene binär organisiert, während seine biologischen und sozialen Erscheinungsformen vielfältig sein können. Ein reflektierter Umgang mit dieser Spannung ist notwendig, sowohl für die Forschung als auch für die öffentliche Debatte.
Quellen
[1] Todd, J. J., and F. Callard. 2026. “ A Critical Response to the UK's ‘Sullivan Review’ Into Sex and Gender in Research and Data.” Transactions of the Institute of British Geographers e70057. https://doi.org/10.1111/tran.70057.
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