Zum Tag der Trans-Sichtbarkeit veröffentlichte das gesichert Zwangsbeitrag finanzierte Jungendformat "Funk" einen Instagram-Beitrag, der mit dem Anspruch auftritt, wissenschaftlich über Geschlecht aufzuklären:
Die zentrale Botschaft lautet, Geschlecht sei komplexer, als vermeintliche "Hobby-Biolog*innen" behaupten. Diese These verdient eine genauere Betrachtung, denn bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass hier weniger differenziert erklärt als vielmehr selektiv argumentiert wird. Welche wissenschaftliche Qualität hat der Beitrag des Belehrungsrundfunks aus sexualbiologischer Sicht?
ICD-Klassifikation von Störungen der Geschlechtsidentität
Funk beginnt mit einem Verweis auf den Content-Creator Panagiotis Nikolaidis (auf Instagram aktiv als ceo_nikolaidis), der die Aussage tätigte, es gebe nur zwei Geschlechter und alles andere sei unter dem ICD-Code F64 als psychische Störung klassifiziert. Funk entgegnet, dass dieser Code im ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht mehr existiere. Das ist korrekt. Allerdings bleibt ein entscheidender Kontext unerwähnt: In Deutschland ist der ICD-11 bislang nicht implementiert, sodass weiterhin der ICD-10 gilt. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) schreibt auf seiner Website:
"Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, German Modification (ICD-10-GM) ist die amtliche Klassifikation zur Verschlüsselung von Diagnosen in der ambulanten und stationären Versorgung in Deutschland.
Seit dem 1. Januar 2026 ist die ICD-10-GM in der Version 2026 anzuwenden."
Und in dieser gültigen Version ist F64 Störungen der Geschlechtsidentität weiterhin in Kapitel V über Psychische und Verhaltensstörungen aufgeführt [1]. Während Funk also international betrachtet rein formal recht hat, wird die praktische Relevanz im deutschen Kontext ausgeblendet, bei der Nikolaidis richtig liegt. Darüber hinaus wird nicht thematisiert, auf welcher wissenschaftlichen Grundlage die WHO die Umklassifizierung überhaupt vorgenommen hat. Diese Diskussion wäre jedoch notwendig, um den Anspruch einer wissenschaftlich fundierten Einordnung einzulösen. Wir werden darauf demnächst an anderer Stelle noch näher eingehen.
Was definiert Geschlecht wirklich?
Ein zentraler Punkt des Funk-Beitrags ist die Aussage, dass es wissenschaftlich eindeutig mehr als zwei "Chromosomenpaare" gebe. Gemeint sind dabei Konstellationen wie 47,XXY oder 45,X0. Diese Darstellung ist in zweifacher Hinsicht problematisch. Zum einen handelt es sich bei den genannten Beispielen nicht um zusätzliche "Paare", sondern um abweichende Chromosomenkonstellationen. Aber dies ist ein semantischer Schnitzer, der verziehen werden kann. Zum anderen wird hier ein grundlegender Kategorienfehler begangen, der nicht mehr nur als Flüchtigkeitsfehler durchgeht. Geschlecht wird in der Biologie nicht über Chromosomen definiert! Diese sind lediglich ein Mechanismus der Geschlechtsdeterminierung bei bestimmten Arten, etwa Säugetieren. Funk ignoriert das bzw. baut den Strohmann einer falschen Geschlechtsdefinition auf, um sich an diesem abzuarbeiten und so von der übergeordneten Ebene der Geschlechtsdefinition auf die untergeordnete Ebene der Geschlechtsdeterminierungsprozesse einer selektiv gewählten Klasse von Wirbeltieren mit dem Modellorganismus Homo sapiens im Fokus zu wechseln. Das ist ein typischer, anthropozentrischer Kategorienfehler. Biologie ist aber nicht anthropozentrisch.
Das "biologische" Geschlecht – also der Sexus – wird über den Typ der produzierten Gameten definiert [2]. Dieses Prinzip der Anisogamie ist taxonübergreifend gültig. Organismen, die drauf ausgerichtet sind, kleine, bewegliche Gameten zu produzieren, sind männlich. Organismen, die potenziell große, unbewegliche Gameten produzieren, sind weiblich. Diese Definition gilt unabhängig davon, ob Geschlecht chromosomal wie beim Menschen, temperaturabhängig wie beispielsweise bei Meeresschildkröten oder sozial wie beispielsweise bei Anemonenfischen bestimmt wird. Sie ist auch unabhängig davon, ob ein Individuum die jeweiligen Gameten tatsächlich physisch ausbildet. Vor diesem Hintergrund sind abweichende Chromosomenkonstellationen beim Menschen einzuordnen. Sie führen nicht zur Ausbildung eines dritten Gametentyps. Vielmehr handelt es sich in der Regel um Varianten bzw. Störungen innerhalb des männlichen oder weiblichen Entwicklungspfades. Auch seltene uneindeutige Fälle begründen ausdrücklich keinen eigenständigen dritten Entwicklungspfad. Die Existenz von Chromosomenvarianten ist daher kein Beleg für "mehr als zwei Geschlechter".
Der Fall Hanne Gaby Odiele
Als Beispiel führt Funk das belgische Model Hanne Gaby Odiele an, das mit Androgenresistenz geboren wurde. Die Darstellung ist in ihrer stark vereinfachten Form zwar nicht falsch, bleibt jedoch oberflächlich. Entscheidend ist, dass bei dieser Person innenliegende Hoden vorhanden waren, die in der Kindheit operativ entfernt wurden [3]. Damit ist der Entwicklungspfad eindeutig dem männlichen Geschlecht zuzuordnen, da er auf die Produktion von Mikrogameten ausgerichtet ist. Äußere Merkmale oder hormonelle Wirkungen ändern nichts an dieser grundlegenden biologischen Einordnung.
Die Identität einer Person oder ihre gesellschaftliche Rolle sind unabhängig vom Geschlecht zu betrachten. Als was sich eine Person identifiziert, wie sie sich kleidet usw. ist für die Frage nach dem Sexus irrelevant, denn diese Eigenschaften betreffen die soziale und individuelle Ebene, nicht jedoch die biologische Definition und Zuordnung. Davon abgesehen liegt auch Odiele ausdrücklich nicht auf einem Geschlechtsentwicklungspfad in Richtung einer gametenbasierten Sexualrolle abseits männlich oder weiblich. Diese Person bestätigt damit, dass es nur zwei Geschlechter gibt.
Wie häufig ist "Intergeschlechtlichkeit" wirklich?
Wir haben diese Frage bereits hier ausführlich diskutiert. Funk spricht davon, dass 1 bis 2 Prozent der Bevölkerung "intergeschlechtlich" seien. Diese Zahl ist nur haltbar, wenn man eine sehr breite Definition zugrunde legt, die auch eindeutig zuordenbare Varianten einschließt. Eine engere, biologisch präzisere Definition kommt zu deutlich niedrigeren Zahlen. Studien wie die von Leonard Sax aus dem Jahr 2002 legen nahe, dass der Anteil mit rund 0,02 % deutlich geringer ist [4]. Die häufig zitierte Zahl von bis zu 2 Prozent ist daher irreführend, wenn sie ohne Kontext verwendet wird. Menschen mit uneindeutiger Geschlechtsausprägung sind in der Bevölkerung ungefähr um den Faktor 100 seltener als Rothaarige.
Der rhetorische Umweg über Hunde
Funk greift ein… nennen wir es spaßeshalber mal "Argument" aus dem Podcast "Hoss und Hopf" auf, welches besagt, man könne sich auch als Hund identifizieren. Anstatt diese These von Philip Hopf inhaltlich zu prüfen, wird sie durch eine Definition von Transidentität umgangen. Dabei wäre eine genauere Analyse durchaus aufschlussreich. Denn die Argumentationsstruktur, mit der Geschlecht dekonstruiert wird, indem Entwicklungsstörungen mit Geschlechtern gleichgesetzt werden, lässt sich prinzipiell auch auf andere biologische Kategorien übertragen. Wenn Abweichungen vom typischen Entwicklungsverlauf ausreichen, um neue Kategorien zu begründen, stellt sich die Frage, warum dies nicht auch für das Konzept "Spezies" gelten sollte, welches im Gegensatz zum Geschlecht in den Biowissenschaften tatsächlich unscharf definiert ist.
Das oft behauptete "Geschlechterspektrum" wird oft damit begründet, dass Männer und Frauen sich aus einem bipotenten Zustand entwickeln und Zwischenstufen in der Ausprägung gleichzeitig Zwischenstufen des Geschlechts und damit "mehr als zwei Geschlechter" begründen. Embryologische Entwicklungsprozesse zeigen aber beispielsweise auch, dass viele Wirbeltiere ähnliche Zwischenstadien durchlaufen (siehe Stundenglas-Modell: Wie Embryonen sich entwickeln). Es scheint fast so, als würden menschliche Embryonen die Evolution vom Fisch zum Säugetier im Zeitraffer durchlaufen. Beim Menschen sind aus diesem Grund diverse Atavismen wie rudimentäre Kiemenbögen, Schwanzfortsätze, zusätzliche Brustwarzen, fellartiger Haarwuchs in normalerweise unbehaarten Körperregionen (Hypertrichose) etc. dokumentiert.
Mit derselben Methodik, mit der pseudowissenschaftliche Gender Studies das biologische Konzept "Geschlecht" zu dekonstruieren versuchen, könnte man nun also das biologische Konzept soziale Konstrukt "Spezies" dekonstruieren und zu der Erkenntnis gelangen, dass "Spezies" ein Spektrum ist. Und da es mit sogenannten "Alterhumans" sogar Menschen gibt, bei denen die "Spezies-Identität" nicht mit der "biologischen Spezieszugehörigkeit" übereinstimmt, müssen wir alle Tiere mit Menschenrechten ausstatten. Artgerecht ist nur die Freiheit!
Diese absurde Analogie zeigt, dass die zugrundeliegende Argumentation des Genderismus selbst inkonsistent ist. Sie ist weder geeignet, Geschlecht noch andere biologische Kategorien sinnvoll zu erweitern. Das Hopf-Argument ist damit genauso sinnvoll, wie die Argumentationskette von Funk. Gar nicht!
Relevanz und Aussagekraft der zitierten Studie
Funk verweist auf eine Studie von Gower et al. (2018), die zeigt, dass ein LGBT-freundliches Schulklima mit weniger Mobbing korreliert [5]. Diese Ergebnisse sind plausibel und unterstützen Maßnahmen gegen Diskriminierung. Allerdings ist die Studie für die Frage nach der biologischen Definition von Geschlecht überhaupt nicht relevant. Sie trifft keine Aussage darüber, wie viele Geschlechter es gibt, sondern untersucht soziale Dynamiken im schulischen Umfeld. Die Vermischung dieser Ebenen trägt eher zur Verwirrung als zur Klärung bei.
Unabhängig davon bleibt unstrittig, dass niemand aufgrund seiner Identität gemobbt oder ausgegrenzt werden sollte. Ein respektvoller Umgang mit unterschiedlichen Lebensrealitäten ist eine grundlegende gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Genau deshalb ist es wichtig, den Begriff "Mobbing" nicht unscharf zu verwenden. Es muss offenbar immer wieder betont werden, dass die Benennung biologischer Grundlagen kein Mobbing darstellt. Wer darauf hinweist, dass das menschliche Geschlecht an die Produktion von Gameten gebunden ist und damit binär organisiert ist, beschreibt zunächst einmal nur einen naturwissenschaftlichen Befund. Diese Beschreibung ist unabhängig davon, wie sich einzelne Menschen identifizieren oder welche gesellschaftlichen Schlussfolgerungen daraus gezogen werden.
Problematisch wird es aus unserer Sicht eher dort, wo Personen, die biologische Sachverhalte darlegen, pauschal als "Hobby-Biolog*innen" diskreditiert werden. Eine solche Herabwürdigung ersetzt keine Argumente, sondern verschiebt die Debatte auf eine persönliche Ebene. In gewisser Weise reproduziert genau dieses Verhalten das, was man eigentlich kritisieren möchte: eine Form von sozialem Druck, der darauf abzielt, abweichende Positionen zu delegitimieren, statt sich inhaltlich mit ihnen auseinanderzusetzen.
Gewaltstatistik und ihre Deutung
Ein weiterer für die Frage nach der Anzahl der Geschlechter zwar irrelevanter, aber für die allgemeine gesellschaftliche Debatte durchaus wichtiger Punkt ist der Hinweis auf eine zunehmende Zahl von Gewalttaten gegen sogenannte "LSBTIQ*-Personen" in Deutschland. Grundlage hierfür ist der "Lagebericht zur kriminalitätsbezogenen Sicherheit von LSBTIQ*" des Bundeskriminalamtes vom 16. Mai 2025 [6]. Tatsächlich weist der Bericht für den Zeitraum von 2022 auf 2023 einen deutlichen Anstieg entsprechender Straftaten in der Größenordnung von rund 50 Prozent aus. Solche Zahlen verdienen Aufmerksamkeit.
Ein Anstieg registrierter Delikte kann verschiedene Ursachen haben. Neben einer möglichen realen Zunahme von Übergriffen spielt auch das Anzeigeverhalten eine Rolle. Wenn Sensibilisierungskampagnen ausgeweitet werden, neue Meldestrukturen entstehen oder bestimmte Tatbestände stärker in den Fokus rücken, kann dies ebenfalls zu steigenden Fallzahlen führen, ohne dass sich das tatsächliche Geschehen im gleichen Maße verändert hat. Der Lagebericht selbst liefert keine differenzierte Auswertung darüber, wie viele der erfassten Fälle zu Verurteilungen führen oder wie sie juristisch im Detail eingeordnet werden.
Aufschlussreich ist jedoch ein anderer Aspekt der Daten, der in der "öffentlich-rechtlichen" Darstellung wenig Beachtung findet: die Entwicklung der Tatmotive innerhalb der politisch motivierten Kriminalität gegen homoerotisch veranlagte Menschen sowie Menschen mit Geschlechtsidentitätsstörung oder Pseudohermaphroditismus. Besonders auffällig ist hier nämlich der rapide Anstieg von Taten, die mit religiösen Ideologien begründet werden. In diesem Bereich verzeichnet der Bericht innerhalb eines Jahres einen Zuwachs von etwa 200 Prozent, im Vergleich zu den Jahren 2017 bis 2019 sogar eine Verzehnfachung.
Diese Entwicklung legt nahe, dass bestimmte Milieus und Weltanschauungen offenbar ein wachsendes Konfliktpotenzial bergen, das in der Debatte offen benannt werden sollte. Insbesondere die illegale Massenmigration aus dem arabisch-islamischen Kulturraum ist der Elefant im Raum, der in dem Funk-Beitrag unerwähnt bleibt.
Aufschlussreich ist jedoch ein anderer Aspekt der Daten, der in der "öffentlich-rechtlichen" Darstellung wenig Beachtung findet: die Entwicklung der Tatmotive innerhalb der politisch motivierten Kriminalität gegen homoerotisch veranlagte Menschen sowie Menschen mit Geschlechtsidentitätsstörung oder Pseudohermaphroditismus. Besonders auffällig ist hier nämlich der rapide Anstieg von Taten, die mit religiösen Ideologien begründet werden. In diesem Bereich verzeichnet der Bericht innerhalb eines Jahres einen Zuwachs von etwa 200 Prozent, im Vergleich zu den Jahren 2017 bis 2019 sogar eine Verzehnfachung.
Diese Entwicklung legt nahe, dass bestimmte Milieus und Weltanschauungen offenbar ein wachsendes Konfliktpotenzial bergen, das in der Debatte offen benannt werden sollte. Insbesondere die illegale Massenmigration aus dem arabisch-islamischen Kulturraum ist der Elefant im Raum, der in dem Funk-Beitrag unerwähnt bleibt.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Funk-Beitrag zwar einzelne korrekte Aspekte enthält, diese jedoch in einen argumentativen Rahmen eingebettet sind, der wissenschaftlich nicht überzeugt. Insbesondere wird die Vielfalt der Geschlechtsentwicklung mit einer Vielfalt von Geschlechtern verwechselt. Biologisch ist Geschlecht durch Anisogamie definiert. Es gibt zwei Gametentypen und entsprechend zwei Geschlechter. Die Variabilität innerhalb dieser beiden Kategorien ist real und unbestritten. Sie rechtfertigt jedoch nicht die Annahme zusätzlicher Geschlechter. Der Eindruck entsteht, dass hier weniger biowissenschaftliche Aufklärung als vielmehr eine bestimmte gesellschaftspolitische Perspektive vermittelt werden soll. Gerade von "öffentlich-rechtlichen" Formaten mit Bildungsauftrag wäre eine korrektere Darstellung zu erwarten.
Quellen
[1] ICD-10-GM Version 2026. Kapitel V Psychische und Verhaltensstörungen (F00-F99). Abgerufen am 02.04.2026
[2] Goymann, W., Brumm, H., & Kappeler, P. M. (2023). Biological sex is binary, even though there is a rainbow of sex roles: Denying biological sex is anthropocentric and promotes species chauvinism. BioEssays, 45(2), 2200173. https://doi.org/10.1002/bies.202200173
[3] USA Today (2017). Model Hanne Gaby Odiele reveals she is intersex.
[4] Sax, L. (2002). How common is lntersex? A response to Anne Fausto‐Sterling. The Journal of Sex Research, 39(3), 174–178. https://doi.org/10.1080/00224490209552139
[5] Gower, A.L., Forster, M., Gloppen, K. et al. School Practices to Foster LGBT-Supportive Climate: Associations with Adolescent Bullying Involvement. Prev Sci 19, 813–821 (2018). https://doi.org/10.1007/s11121-017-0847-4
[6] BKA (2025). Lagebericht zur kriminalitätsbezogenen Sicherheit von LSBTIQ*