Donnerstag, 21. Mai 2026

Sexuell übertragbare Infektionen in Europa auf Rekordniveau

Die Zahl sexuell übertragbarer Infektionen (STI) steigt in Europa (genauer gesagt in EU- und EWR-Staaten) seit Jahren an. Nun melden die europäischen Gesundheitsbehörden neue Höchststände. Nach aktuellen Daten des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) erreichten bakterielle STI im Jahr 2024 in mehreren Bereichen Rekordwerte: Bacterial STIs reach record highs in Europe, as congenital syphilis cases nearly double

Besonders betroffen sind Gonorrhoe (umgangssprachlich eher bekannt als "Tripper") und Syphilis, deren Fallzahlen innerhalb weniger Jahre deutlich zugenommen haben. Gleichzeitig weisen die Berichte auf erhebliche Defizite in Prävention, Testangeboten und gesundheitlicher Versorgung hin. Die Entwicklung betrifft nicht nur einzelne Risikogruppen. Zwar bleiben gleichgeschlechtlich fixierte Männer weiterhin besonders stark betroffen, doch auch in heteronormalen Bevölkerungsgruppen nehmen Infektionen zu. Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei der deutliche Anstieg der Syphilis bei Frauen im gebärfähigen Alter.

Bild von MasterTux auf Pixabay


Gonorrhoe und Syphilis auf historischem Höchststand

Die Zahlen des ECDC verdeutlichen die Dynamik der Entwicklung. Im Jahr 2024 wurden in den vom ECDC erfassten europäischen Staaten 106.331 Gonorrhoe-Fälle registriert [1]. Seit 2015 entspricht dies einem Anstieg von über 300 Prozent. Auch die Syphilis hat sich in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt und erreichte 45.577 gemeldete Fälle [2]. Chlamydien bleiben weiterhin die am häufigsten diagnostizierte bakterielle STI mit 213.443 registrierten Infektionen [3].

Diese Entwicklungen sind medizinisch und gesundheitspolitisch relevant, denn unbehandelte Infektionen können erhebliche gesundheitliche Folgen nach sich ziehen. Dazu gehören chronische Schmerzen, Entzündungen, Unfruchtbarkeit oder langfristige Organschäden. Syphilis kann in fortgeschrittenen Stadien unter anderem das Herz-Kreislauf-System und das Nervensystem betreffen.

Fast doppelt so viele Fälle kongenitaler Syphilis

Besonders alarmierend bewertet das ECDC die Entwicklung bei der kongenitalen Syphilis. Dabei wird die Infektion während der Schwangerschaft von der werdenden Mutter auf den Fetus übertragen. Die Zahl dieser Fälle stieg innerhalb eines Jahres nahezu um das Doppelte, von 78 Fällen im Jahr 2023 auf 140 Fälle im Jahr 2024 in den 14 meldenden Ländern.

Kongenitale Syphilis gilt grundsätzlich als weitgehend vermeidbar, sofern Infektionen rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Dass die Zahlen dennoch steigen, deutet auf Lücken in den bestehenden Gesundheitssystemen hin. Das ECDC nennt unter anderem unzureichende Schwangerschaftsvorsorge, Defizite bei der Behandlung und unvollständige Nachverfolgung diagnostizierter Fälle als zentrale Problembereiche.

Prävention wirksam, aber nicht überall zugänglich

Das ECDC betont, dass die Prävention sexuell übertragbarer Infektionen grundsätzlich gut möglich sei. Kondomnutzung bei neuen oder mehreren Sexualpartnern, frühzeitige Testungen bei Symptomen sowie rasche Behandlung und Partnerinformation gehören weiterhin zu den wirksamsten Maßnahmen. Allerdings bestehen innerhalb der erfassten europäischen Staaten deutliche Unterschiede beim Zugang zu STI-Diagnostik und Präventionsangeboten. In 13 von 29 berichtenden Ländern müssen grundlegende STI-Tests weiterhin zumindest teilweise privat bezahlt werden. Solche finanziellen Hürden können dazu führen, dass Infektionen spät oder gar nicht diagnostiziert werden. Hinzu kommt, dass nationale Präventionsstrategien vieler Länder nach Einschätzung des ECDC nicht ausreichend an aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen angepasst wurden.

Im Januar 2026 veröffentlichte das ECDC zudem Empfehlungen zum Einsatz von Doxycyclin als Postexpositionsprophylaxe (Doxy-PEP) zur STI-Prävention bei Personen mit erhöhtem Expositionsrisiko. Dabei wird ein Antibiotikum nach möglicher Exposition eingenommen, um bestimmte bakterielle Infektionen zu verhindern. Die Behörde betont jedoch zugleich die Grenzen dieses Ansatzes. Insbesondere bei Gonorrhoe wird keine breite Anwendung empfohlen, da bereits hohe Resistenzen gegenüber Antibiotika bestehen und eine verstärkte Nutzung die Resistenzentwicklung weiter beschleunigen könnte.

Der Elefant im Raum

Die aktuelle ECDC-Mitteilung benennt allgemeine Präventionsdefizite, Testbarrieren, Versorgungslücken und veränderte Verhaltensmuster als zentrale Treiber steigender STI-Zahlen in den erfassten europäischen Staaten. Diese allgemeinen Faktoren verdienen gewiss Aufmerksamkeit. Zugleich stellt sich jedoch die Frage, ob die Debatte damit vollständig geführt wird oder ob bestimmte mögliche Einflussgrößen politisch oder institutionell nur unzureichend thematisiert werden.

Infektionskrankheiten treten nicht unabhängig von Bevölkerungsdynamiken auf. Unterschiede in Herkunftsregionen beispielsweise in Bezug auf die epidemiologische Ausgangslage haben Einfluss auf Prävalenzen und Übertragungsmuster. Für eine vollumfängliche Datenauswertung wäre es daher notwendig, auch migrationsbezogene Determinanten systematisch zu berücksichtigen. Dazu gehören Unterschiede in STI-Prävalenzen der Herkunftsregionen, Zugangsbarrieren zum Gesundheitssystem, allgemeine Gesundheitskompetenz sowie kulturelle Unterschiede in Sexualbildung und -verhalten.

Im ECDC-Bericht über Syphilis heißt es zwar: "Certain ethnic minorities and migrant populations who are socio-economically disadvantaged are also at higher risk of acquiring syphilis" ("Bestimmte ethnische Minderheiten und Migrantenpopulationen, die sozioökonomisch benachteiligt sind, weisen ebenfalls ein höheres Risiko auf, an Syphilis zu erkranken"). Jedoch wirkt dies eher wie eine Randnotiz, die der aktuellen Situation in Europa und hier insbesondere in der Europäischen Union nicht gerecht zu werden scheint.

Europa hat seit der Mitte der 2010er-Jahre erhebliche demografische Veränderungen erlebt, darunter eine anhaltend hohe Migration aus Regionen mit teils deutlich anderen epidemiologischen Ausgangslagen. Wenn Institutionen der EU auf evidenzbasierte Gesundheitssteuerung verweisen, erscheint die Frage legitim, ob entsprechende Datenauswertungen ausreichend transparent erhoben, veröffentlicht und diskutiert werden. Werden epidemiologische Entwicklungen konsequent entlang aller relevanten Variablen untersucht, oder bleiben bestimmte Forschungsfelder politisch sensibel und deshalb unterbelichtet, weil sie unerwünschte Implikationen für das große Projekt der Vereinten Nationen namens "Replacement Migration" (Bestandserhaltungsmigration) haben könnten? [4]

Eine offene wissenschaftliche Debatte müsste akzeptieren, dass Bevölkerungsdynamiken grundsätzlich gesundheitliche Auswirkungen haben und dass eine differenzierte Analyse migrationsbezogener Faktoren nicht per se diskriminierend ist, sondern Teil einer umfassenden Public-Health-Perspektive sein sollte.

Fazit

Die aktuellen ECDC-Daten machen deutlich, dass sexuell übertragbare Infektionen in Europa kein Randthema der öffentlichen Gesundheit sind. Die anhaltend steigenden Fallzahlen und die bestehenden Versorgungslücken verdeutlichen den Handlungsbedarf. Notwendig sind neben leicht zugängliche Testangeboten, zeitnahen Behandlungsmöglichkeiten, aktuellen nationalen Strategien, umfassender Sexualaufklärung insbesondere eine ergebnisoffene Forschung in Bezug auf migrationsbezogene Ursachen.

Quellen

[1] European Centre for Disease Prevention and Control. Gonorrhoea. In: ECDC. Annual epidemiological report for 2024. Stockholm: ECDC; 2026. https://www.ecdc.europa.eu/sites/default/files/documents/AER%20gonorrhea%202024.pdf

[2] European Centre for Disease Prevention and Control. Syphilis. In: ECDC. Annual Epidemiological Report for 2024. Stockholm: ECDC; 2026. https://www.ecdc.europa.eu/sites/default/files/documents/syphilis-annual-epidemiological-report-2024.pdf

[3] European Centre for Disease Prevention and Control. Chlamydia. In: ECDC. Annual Epidemiological Report for 2024. Stockholm: ECDC; 2026. https://www.ecdc.europa.eu/sites/default/files/documents/chlamydia-%20anual-epidemiological-report-2024.pdf

[4] UN. Population Division. Replacement migration : is it a solution to declining and ageing populations?; [New York] : UN, 21 Mar. 2000. https://digitallibrary.un.org/record/412547/files/unpd-egm_200010_un_2001_replacementmigration.pdf

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