Die Berichte über den Hantavirus-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff MV Hondius haben das Thema Hantaviren in die öffentliche Wahrnehmung gerückt. Üblicherweise werden Hantaviren mit Nagetieren, kontaminierten Aerosolen und schweren Infektionsverläufen in Verbindung gebracht. Weniger bekannt ist jedoch, dass nicht alle Hantaviren biologisch gleich "funktionieren". Eine Studie aus dem Jahr 2023 lenkt den Blick auf einen bislang wenig diskutierten Aspekt: die mögliche Rolle des männlichen Reproduktionstrakts als Ort langfristiger Viruspersistenz [1].
Ein Sonderfall unter den Hantaviren
Die Studie beschäftigt sich nicht mit den in Europa verbreiteten Hantaviren, sondern mit dem Andes-Virus Orthohantavirus andesense (ANDV), das vor allem in Chile und Argentinien vorkommt und auch für die Infektionen auf der MV Hondius verantwortlich ist. ANDV verursacht das sogenannte Hantavirus-Kardiopulmonale Syndrom (HCPS), eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung mit schweren Lungen- und Kreislaufkomplikationen. Die Sterblichkeit kann, je nach Ausbruchsgeschehen, beträchtlich sein.
Das Andes-Virus nimmt unter den Hantaviren eine Sonderstellung ein. Während die meisten Hantaviren vor allem über Ausscheidungen infizierter Nagetiere übertragen werden, existieren für ANDV Hinweise auf Mensch-zu-Mensch-Übertragungen. Als Risikofaktoren wurden unter anderem enger Kontakt, gemeinsame Schlafräume und Kontakt mit Körperflüssigkeiten beschrieben.
Der männliche Reproduktionstrakt als biologischer Rückzugsraum
Die Studie untersucht einen einzelnen Patienten, der sechs Jahre zuvor eine schwere Andes-Virus-Infektion überlebt hatte. Im Rahmen einer Langzeitbeobachtung analysierten die Forscher Körperflüssigkeiten über einen Zeitraum von mehr als 71 Monaten. Dabei zeigte sich, dass Virus-RNA im Sperma noch nachweisbar blieb, als sie in Blut, Urin und anderen Proben längst nicht mehr gefunden wurde.
Männlichen Geschlechtsorgane nehmen in der Immunologie eine besondere Stellung ein. Die Hoden gelten als sogenannter "immunologisch privilegierter" Ort. Das bedeutet nicht, dass dort gar keine Immunabwehr stattfindet, wohl aber, dass bestimmte Immunreaktionen reguliert oder abgeschwächt verlaufen, um empfindliche reproduktive Prozesse zu schützen. Genau solche biologischen Nischen können Viren prinzipiell Möglichkeiten eröffnen, länger im Körper zu verbleiben. Das Phänomen ist keineswegs einzigartig für Hantaviren. So waren laut einer Studie aus dem vergangenen Jahr infektiöse Viruspartikel von SARS-CoV-2 bis zu 8 Monate lang bei 55 % der Genesenen nachweisbar [2]. Auch bei Erregern wie Ebola-, Zika- oder Lassa-Viren wurde eine zeitweilige oder längerfristige Präsenz im Sperma beschrieben.
Die ANDV-Studie liefert noch einen weiteren interessanten Hinweis. Nach der Trennung von Seminalplasma und Zellbestandteilen zeigte sich, dass der Großteil des nachweisbaren Virusmaterials offenbar an Zellen gebunden war und nicht frei im Ejakulat vorlag. Das wirft neue Fragen auf: Welche Zellen tragen das Virus? Spermien selbst? Immunzellen? Epithelzellen? Sertoli-Zellen des Hodens? Die Studie kann das nicht beantworten, benennt aber die Vielfalt möglicher Zelltypen im Ejakulat. Gerade hier überschneiden sich Mikrobiologie und Sexualbiologie. Denn das Ejakulat ist keine bloße "Transportflüssigkeit" für Spermien, sondern ein komplexes biologisches Milieu mit Immunzellen, Zellfragmenten, Signalstoffen und vielfältigen mikrobiologischen Wechselwirkungen.
Was bedeutet "nachweisbar"?
Ein Nachweis von Virus-RNA ist nicht automatisch gleichbedeutend mit einer nachgewiesenen sexuellen Übertragung oder mit sicher vorhandenen infektiösen Viruspartikeln. Die Forscher fanden genetisches Material des Andes-Virus im Sperma zwar noch fast sechs Jahre nach Erkrankungsbeginn. Gleichzeitig gelang es ihnen jedoch nicht, aus den Proben vermehrungsfähige Viren in Zellkulturen zu isolieren.
Das ist wissenschaftlich bedeutsam. PCR-basierte Verfahren weisen Erbmaterial nach. Sie beantworten aber nicht automatisch die Frage, ob tatsächlich noch infektiöse Viren vorhanden sind oder übertragen werden können. Die Autoren betonen, dass die erfolglose Virusisolierung keine endgültige Entwarnung darstellt, weil Hantaviren grundsätzlich schwierig zu kultivieren sind. Gleichzeitig bleibt die Frage nach realer sexueller Transmission damit jedoch offen. "Im Sperma gefunden" bedeutet somit nicht automatisch "sexuell übertragbar", genauso wenig wie "nicht isolierbar" automatisch "ungefährlich" bedeutet.
Fazit
Die Studie von Züst et al. (2023) eröffnet einen ungewöhnlichen Blick auf Hantaviren: nicht nur als zoonotische Erreger schwerer Erkrankungen, sondern auch als mögliche Langzeitbewohner des männlichen Reproduktionstrakts. Der Nachweis von Andes-Virus-RNA im Sperma über nahezu sechs Jahre ist biologisch bemerkenswert und wirft wichtige Fragen zu Persistenz und möglicher Transmission auf. Sexual- und Infektionsbiologie sind hier eng miteinander verflochten.
Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine virologische Fachbewertung dar. In unserer Interessengemeinschaft sind keine Virologen tätig. Die Interpretation der Studie erfolgt aus allgemeiner mikro- und sexualbiologischer Perspektive.
Quellen
[1] Züst, R., Ackermann-Gäumann, R., Liechti, N., Siegrist, D., Ryter, S., Portmann, J., Lenz, N., Beuret, C., Koller, R., Staehelin, C., Kuenzli, A. B., Marschall, J., Rothenberger, S., & Engler, O. (2023). Presence and Persistence of Andes Virus RNA in Human Semen. Viruses, 15(11), 2266. https://doi.org/10.3390/v15112266
[2] Furtado MH, Souza FG, Andrade LM, Aguiar RS, González JC, Zeh AK, et al. PD06-09 SARS-COV-2 PERSISTENCE IN SEMEN AS A WINDOW TO STUDY LONG COVID. Journal of Urology [Internet]. 2025 May 1 [cited 2026 May 18];213(5S):e173. Available from: https://doi.org/10.1097/01.JU.0001109764.27496.08.09

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen