In Diskussionen über "Geschlechtervielfalt" taucht häufig die Vorstellung eines linearen "Geschlechterspektrums" ("Sex Spectrum") auf: männlich als Pol auf der einen Seite, weiblich auf der anderen, dazwischen "Intersexualität" bzw. Störungen der Geschlechtsentwicklung (Disorders of Sex Development, DSD) als eine Art Zwischenstufe. Solche Darstellungen wirken auf den ersten Blick intuitiv, greifen biologisch jedoch zu kurz.
Die Geschlechtsentwicklung verläuft nicht entlang eines einzigen Kontinuums mit fließenden Übergängen zwischen zwei Polen. Stattdessen beginnt sie mit einem bipotenten Ausgangszustand und entwickelt sich anschließend entlang zweier grundlegender Entwicklungspfade: eines weiblichen oder eines männlichen. Unterschiede oder Störungen der Geschlechtsentwicklung entstehen dabei nicht "zwischen" diesen Pfaden, sondern als Abweichungen innerhalb eines der beiden Entwicklungssysteme.
Der bipotente Ausgangspunkt
Zu Beginn der embryonalen Entwicklung existiert für beide Geschlechter ein gemeinsamer Ausgangszustand. In den ersten Wochen besitzen Embryonen noch keine eindeutig männlich oder weiblich differenzierten Geschlechtsorgane. Dieser frühe Zustand wird häufig als strukturell "bipotent" bezeichnet. Die Evolution nutzt hier einen effizienten Trick: Statt zwei komplett separate Baupläne parallel zu entwickeln, baut sie zunächst eine gemeinsame Grundstruktur auf. Das spart Energie, Zellen und genetische Information, was ein klarer Vorteil im ressourcenknappen frühen Embryo ist [1].
Laborexperimente mit Mäusen zeigen, dass zu diesem Zeitpunkt die Geschlechtsentwicklung beeinflusst werden kann. Durch gezieltes Ausschalten spezifischer Gene, wie beispielsweise Sox9 in 46,XY-Embryonen oder Rspo1 in 46,XX-Embryonen, können Forscher eine Umkehr des erwarteten Geschlechtsentwicklungspfad bewirken [2][3]. Dieses sogenannte "Sex Reversal" ist ein etabliertes Verfahren in der biomedizinischen Forschung, um die genetischen und hormonellen Grundlagen der Geschlechtsentwicklung überhaupt erst zu verstehen.
Im Verlauf der der Embryogenese führen genetische Signale, Hormonproduktion und Rezeptorwirkungen dazu, dass sich die Entwicklung entlang eines weiblichen oder männlichen Pfades organisiert.
Der weibliche Entwicklungspfad und beispielhafte DSD
Auf der linken Seite des Schaubilds befindet sich der weibliche Entwicklungspfad. Dieser endet in einer typischen weiblichen Phänotypausprägung. Entlang dieses Pfades können jedoch unterschiedliche Störungen der Geschlechtsentwicklung auftreten. Beispielhaft haben wir hier:
Swyer-Syndrom (46,XY)
Beim Swyer-Syndrom liegt genetisch ein 46,XY-Karyotyp vor, die Gonaden entwickeln sich jedoch nicht zu funktionsfähigen Hoden. Dadurch bleibt die typische männliche hormonelle Entwicklung aus, und die betroffenen Personen entwickeln einen weiblichen Phänotyp, weshalb diese DSD dem weiblichen Geschlecht zugeordnet wird. Biologisch handelt es sich dabei nicht um eine "Zwischenstufe", sondern um eine Entwicklungsabweichung innerhalb des Systems der Geschlechtsdifferenzierung.
Turner-Syndrom (45,X0)
Beim Turner-Syndrom fehlt ganz oder teilweise eines der beiden X-Chromosomen. Betroffene Personen entwickeln sich weiblich, weisen jedoch charakteristische Besonderheiten der körperlichen Entwicklung auf, etwa Kleinwuchs oder eine eingeschränkte Ovarialfunktion. Auch hier bleibt die Entwicklung dem weiblichen Pfad zugeordnet.
Adrenogenitales Syndrom (AGS)
Beim adrenogenitalen Syndrom (auch bekannt als Debré-Fibiger-Syndrom, kongenitale Nebennierenhyperplasie oder im Englischen als Congenital adrenal hyperplasia (CAH)) kommt es durch Veränderungen der Nebennierenfunktion zu einer erhöhten Androgenproduktion. Bei weiblichen Personen kann dies zu unterschiedlich starken Vermännlichung (Virilisierungen) der äußeren Geschlechtsmerkmale führen. Die sogenannte "Prada-Skala" verdeutlicht dies [4]:
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| Aus Prader, A.: Der Genitalbefund beim Pseudohermaphroditismus femininus des kongenitalen adrenogenitalen Syndroms (Helv Paediatr Acta, 1954) |
Die Existenz solcher Ausprägungsvarianten der weiblichen Genitalanatomie bedeutet jedoch nicht, dass ein neuer Geschlechtstyp oder ein "Zwischengeschlecht" entsteht. Vielmehr zeigt sich, wie komplex hormonelle Prozesse innerhalb eines weiblichen Entwicklungspfades sein können.
Der männliche Entwicklungspfad und beispielhafte DSD
Auch beim männlichen Entwicklungspfad können verschiedene Störungen der Geschlechtsentwicklung auftreten. Beispielsweise:
Complete Androgen Insensitivity Syndrome (CAIS)
Beim vollständigen Androgenresistenzsyndrom besitzen betroffene Personen einen 46,XY-Karyotyp, entwickeln Hoden und produzieren Androgene, die Körperzellen reagieren jedoch nicht darauf. Dadurch entwickelt sich trotz männlicher Chromosomenkonstellation eine indifferente oder weibliche gedeutete Genitalanatomie, wie die sogenannte "Quigley-Skala" verdeutlicht [5]:
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| Aus Quigley et al.: Androgen Receptor Defects: Historical, Clinical, and Molecular Perspectives (Endocrine Reviews 16, 1995) |
Auch hierbei handelt es sich jedoch nur um Entwicklungsstörungen der männlichen Genitalien. Obwohl wir hier Erscheinungsformen finden, die auch in der Prada-Skala vorkommen (was am Bipotential der beteiligten Strukturen wie dem Genitalhöcker liegt), bewegen wir uns hier weiterhin ausschließlich auf dem männlichen Geschlechtsentwicklungspfad, nicht irgendwo zwischen den Geschlechtern.
Klinefelter-Syndrom (47,XXY)
Beim Klinefelter-Syndrom liegt ein zusätzliches X-Chromosom vor. Die Betroffenen entwickeln sich männlich, häufig jedoch mit Besonderheiten wie vermindertem Testosteronspiegel oder eingeschränkter Fruchtbarkeit. Die Entwicklung bleibt klar innerhalb des männlichen Pfades.
5-Alpha-Reduktase-Mangel (5-ARD)
Bei dieser DSD wird Testosteron nicht ausreichend in Dihydrotestosteron (DHT) umgewandelt, das für bestimmte Schritte der männlichen Entwicklung wichtig ist. Dies kann dazu führen, dass die äußeren Geschlechtsmerkmale bei der Geburt uneindeutig erscheinen oder sich erst in der Pubertät stärker männlich entwickeln. Auch dieses Beispiel zeigt keine "Mitte" zwischen den Geschlechtern, sondern eine Variation innerhalb des männlichen Entwicklungspfades.
Fazit
Die verbreitete Darstellung eines linearen "Sex Spectrum" suggeriert, männlich und weiblich seien lediglich zwei Extrempunkte eines einzigen Kontinuums. Biologisch beschreibt das viele Prozesse der Geschlechtsentwicklung jedoch nur unzureichend. Unser Schaubild versucht stattdessen drei Dinge deutlich zu machen:
- Es gibt einen gemeinsamen embryonalen Ausgangspunkt.
- Die Entwicklung organisiert sich entlang zweier grundlegender Pfade.
- DSD entstehen innerhalb dieser Pfade, nicht als eigenständige "Mitte" zwischen ihnen.
DSD sind reale biologische Phänomene, die zeigen, dass die menschliche Geschlechtsentwicklung komplex ist und nicht immer vollständig typisch verläuft. Daraus folgt jedoch nicht, dass das Geschlecht selbst als lineares Kontinuum zwischen männlich und weiblich verstanden werden kann.
Quellen
[1] Dagmar Wilhelm, Stephen Palmer, and Peter Koopman. Sex Determination and Gonadal Development in Mammals. Physiological Reviews 2007 87:1, 1-28 DOI: 10.1152/physrev.00009.2006
[2] Francisco Barrionuevo, Stefan Bagheri-Fam, Jürgen Klattig, Ralf Kist, Makoto M. Taketo, Christoph Englert, Gerd Scherer, Homozygous Inactivation of Sox9 Causes Complete XY Sex Reversal in Mice, Biology of Reproduction, Volume 74, Issue 1, 1 January 2006, Pages 195–201, https://doi.org/10.1095/biolreprod.105.045930
[3] Anne-Amandine Chassot, Fariba Ranc, Elodie P. Gregoire, Hermien L. Roepers-Gajadien, Makoto M. Taketo, Giovanna Camerino, Dirk G. de Rooij, Andreas Schedl, Marie-Christine Chaboissier, Activation of β-catenin signaling by Rspo1 controls differentiation of the mammalian ovary, Human Molecular Genetics, Volume 17, Issue 9, 1 May 2008, Pages 1264–1277, https://doi.org/10.1093/hmg/ddn016
[4] PRADER A. Der Genitalbefund beim Pseudohermaphroditismus femininus des kongenitalen adrenogenitalen Syndroms; Morphologie, Häufigkeit, Entwicklung und Vererbung der verschiedenen. Helv Paediatr Acta. 1954 Jul;9(3):231-48. PMID: 13201003
[5] Charmian A. Quigley, Alessandra de Bellis, Keith B. Marschke, Mostafa K. El-Awady, Elizabeth M. Wilson, Frank S. French, Androgen Receptor Defects: Historical, Clinical, and Molecular Perspectives, Endocrine Reviews, Volume 16, Issue 3, 1 June 1995, Pages 271–321, https://doi.org/10.1210/edrv-16-3-271


