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| Bild von Minh Phạm Cao auf Pixabay |
Die menschliche Geburt ist im Vergleich zu anderen Primaten außergewöhnlich schwierig und riskant. Noch heute kommt es weltweit in mehreren Prozent aller Geburten zu sogenannten fetopelvinen Missverhältnissen, bei denen der kindliche Kopf oder Körper nicht durch das mütterliche Becken passt. Warum die Evolution dieses Problem nicht längst "gelöst" hat, beschäftigt die Evolutions- und Sexualbiologie seit Jahrzehnten. Einen Erklärungsansatz lieferten Philipp Mitteroecker und Kollegen in ihrem bereits 2016 in den 'Proceedings of the National Academy of Sciences' (PNAS) erschienenen Paper "Cliff-edge model of obstetric selection in humans" [1]. Die Autoren zeigen darin, dass gerade die Art der natürlichen Selektion bei der menschlichen Geburt zwangsläufig zu einem dauerhaft hohen Risiko führt.
Das klassische Geburtsdilemma neu gedacht
Traditionell wird das Problem schwieriger menschlicher Geburt mit dem sogenannten obstetrischen Dilemma erklärt: Ein schmales Becken sei für effizientes zweibeiniges Gehen vorteilhaft, während große kindliche Köpfe aufgrund wachsender Gehirne evolutiv begünstigt seien. Beides zusammen führe zu einem Konflikt. Mitteroecker et al. (2016) stellen diese Erklärung nicht vollständig infrage, zeigen aber, dass sie allein nicht ausreicht. Selbst wenn ein breiteres Becken kaum Nachteile für das Gehen hätte, würde das Geburtsrisiko nicht automatisch verschwinden. Der Schlüssel liegt den Forschern nicht primär im Mittelwert der Becken- oder Kopfgröße, sondern in der Form der zugrundeliegenden Fitnessverteilung.
Zentral ist die Idee einer asymmetrischen Fitnessfunktion. Vereinfacht gesagt steigt der evolutionäre Nutzen eines größeren Neugeborenen – etwa durch bessere Überlebenschancen, größere Gehirne oder langfristige Gesundheit – kontinuierlich an. Dieses Plus gilt jedoch nur bis zu einem kritischen Punkt. Sobald das Kind relativ zum mütterlichen Becken zu groß wird, bricht der reproduktive Erfolg abrupt ein. Ohne medizinische Hilfe ist eine natürliche Geburt dann nicht mehr möglich. Die Autoren beschreiben diese Situation als "Cliff-Edge", also als Fitnesskurve mit steigendem Verlauf und einem plötzlichen Absturz. Anders als bei klassischen Glockenkurven liegt das Problem nicht in extremen Ausreißern, sondern in der scharfen Grenze zwischen Erfolg und Misserfolg.
Warum immer einige Frauen "über den Rand fallen"
Ein zentrales Ergebnis des Modells ist zunächst kontraintuitiv: Selbst wenn die Evolution durch natürliche Selektion optimal "nachregelt", bleibt zwangsläufig ein bestimmter Anteil der Bevölkerung jenseits dieser Fitnesskante. Der Grund dafür ist die breite, annähernd symmetrische Verteilung der beteiligten Merkmale. Sowohl die Größe des Neugeborenen als auch die Dimensionen des mütterlichen Beckens variieren genetisch und umweltbedingt stark. Da beide Merkmale teilweise unabhängig voneinander vererbt werden, da das Kind Gene von Mutter und Vater erhält, lässt sich ihre Differenz nicht beliebig präzise einstellen. Die Evolution maximiert daher den durchschnittlichen Fortpflanzungserfolg der Population, nicht die Sicherheit jeder einzelnen Geburt. Das mathematische Optimum schließt notwendigerweise eine Minderheit von Fällen mit fetopelvinem Missverhältnis ein.
Besonders spannend aus sexualbiologischer Perspektive ist die Erweiterung des Modells auf beide Geschlechter. Gene, die zu großen Köpfen oder schmaleren Becken beitragen, wirken nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern. Während Männer von großen Körper- oder Kopfmaßen profitieren können, tragen Frauen das volle Risiko bei der Geburt. Diese genetische Kopplung der Geschlechter verschärft das Problem: Selektion auf männliche Merkmale kann indirekt weibliche Geburtsrisiken erhöhen. Das Paper macht damit deutlich, dass sexuelle Dimorphie und unterschiedliche Selektionsdrücke auf Männer und Frauen ein zentraler Bestandteil der Erklärung sind.
Der Einfluss moderner Medizin auf die Evolution
Ein besonders kontroverser und zugleich hochaktueller Aspekt ist die Rolle des Kaiserschnitts. Durch die moderne Geburtshilfe ist das abrupte Fitness-Ende am "Cliff" teilweise entschärft worden. Frauen und Kinder überleben heute auch dann, wenn ein natürliches Geburtshindernis besteht. Das Modell sagt voraus, dass dies langfristig zu einer evolutionären Verschiebung führen kann. Merkmale, die früher durch hohe Mortalität ausselektiert wurden, könnten sich nun weiter ausbreiten. Die Autoren schätzen, dass sich die Häufigkeit fetopelviner Missverhältnisse in den letzten Jahrzehnten bereits um etwa 10 bis 20 % erhöht haben könnte – nicht wegen individueller Fehlanpassung, sondern als logische Folge veränderter Selektionsbedingungen. Zahlen des Statistischen Bundesamtes bestätigen diese Annahme, da sich der Anteil der Kaiserschnitte seit 2004 von 26,8 % auf 32,6 % im Jahr 2023 erhöht hat, was eine prozentuale Steigerung um 17,8 % bedeutet [2].
Fazit
Das Cliff-Edge-Modell liefert eine elegante und zugleich ernüchternde Antwort auf eine alte Frage der Sexual- und Evolutionsbiologie. Schwierige menschliche Geburt ist kein evolutionärer "Fehler", sondern eine unvermeidliche Konsequenz asymmetrischer Fitness aufgrund geschlechtsspezifischer Selektionskonflikte.
Quellen
[1] P. Mitteroecker,S.M. Huttegger,B. Fischer, & M. Pavlicev, Cliff-edge model of obstetric selection in humans, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 113 (51) 14680-14685, https://doi.org/10.1073/pnas.1612410113 (2016).
[2] Statistisches Bundesamt: Anzahl von Kaiserschnitten und Geburten insgesamt in Deutschland in den Jahren von 2004 bis 2023 (abgerufen am 16.11.2024)

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