Empathie gilt oft als eine grundlegende menschliche Fähigkeit. Wir fühlen mit anderen, wenn sie leiden. Doch ist dieses Mitgefühl wirklich bedingungslos? Eine Studie aus der Fachzeitschrift 'Nature' von Singer et al. (2006) zeigt, dass unser Gehirn deutlich differenzierter reagiert [1]. Besonders interessant ist dabei, dass sich Unterschiede zwischen Männern und Frauen zeigen, wenn es um Fairness und "verdientes" Leid geht.
Wie soziale Bewertung Empathie verändert
Zunächst bestätigt die Studie eine zentrale Erkenntnis der Neurowissenschaft. Wenn wir sehen, dass jemand Schmerzen hat, werden in unserem Gehirn ähnliche Areale aktiv wie bei eigenem Schmerz. Dazu gehören vor allem die sogenannte Insula und der anteriore cinguläre Cortex (kurz ACC). Diese Strukturen sind eng mit emotionalem Erleben verbunden und bilden gewissermaßen die neuronale Grundlage von Empathie. Die Versuchspersonen zeigten also grundsätzlich Mitgefühl, wenn sie beobachteten, wie andere Menschen Schmerzreize erhielten. Dieses Ergebnis gilt für beide Geschlechter und passt gut zu bisherigen Modellen, nach denen Empathie auf einer Art "innerem Nachahmen" fremder Zustände beruht.
Der eigentliche Clou der Studie liegt jedoch im Versuchsdesign. Vor der Messung im Gehirnscanner spielten die Teilnehmer ein ökonomisches Spiel mit zwei anderen Personen, die sich entweder fair oder unfair verhielten. So entstand gezielt Sympathie oder Antipathie. Im anschließenden Experiment beobachteten die Probanden dann, wie genau diese Personen Schmerzen erlitten. Das Ergebnis: Empathie ist nicht neutral. Sie hängt stark davon ab, wie wir andere zuvor bewertet haben. Gegenüber fairen Personen blieb die empathische Reaktion bestehen. Bei unfairen Personen hingegen nahm sie deutlich ab. Unser Gehirn "entscheidet" also unbewusst, ob jemand Mitgefühl verdient.
Männer reagieren stärker auf Unfairness
Besonders spannend für eine sexualbiologische Perspektive sind die Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Während Frauen auch gegenüber unfairen Personen weiterhin eine relativ stabile empathische Reaktion zeigten, war diese bei Männern stark reduziert oder sogar ganz verschwunden. Männer fühlten somit deutlich weniger mit unfairen Personen mit als mit fairen. Diese Unterschiede deuten darauf hin, dass soziale Bewertung bei Männern einen stärkeren Einfluss auf empathische Prozesse haben könnte. Allerdings betonen die Autoren selbst, dass weitere Forschung nötig sei, um diese Unterschiede endgültig zu verstehen und einzuordnen.
Noch überraschender ist ein weiterer Befund: Bei Männern wurde beim Anblick unfairer Personen, die Schmerzen erlitten, ein Belohnungssystem im Gehirn aktiv, insbesondere der sogenannte Nucleus accumbens. Dieses Areal ist normalerweise an der Verarbeitung von Belohnung und Motivation beteiligt. Seine Aktivierung deutet darauf hin, dass das Gehirn eine Art "Genugtuung" empfindet, wenn jemand bestraft wird, der sich zuvor unfair verhalten hat. Zusätzlich zeigte sich, dass diese Aktivität mit einem subjektiv angegebenen Wunsch nach Rache korrelierte. Je stärker dieser Wunsch, desto stärker die Aktivierung im Belohnungssystem.
Gerechtigkeit als soziale Strategie?
Die Ergebnisse lassen sich im Kontext evolutionsbiologischer Theorien interpretieren. Kooperation ist für soziale Spezies wie den Menschen überlebenswichtig. Gleichzeitig müssen Regelverstöße sanktioniert werden, um das System stabil zu halten. Die Studie liefert Hinweise darauf, dass unser Gehirn genau solche Mechanismen unterstützt. Fairness wird "belohnt", Unfairness "bestraft" – und zwar nicht nur durch bewusstes Handeln, sondern bereits auf der Ebene emotionaler und neuronaler Reaktionen.
Die stärkeren Effekte bei Männern könnten darauf hindeuten, dass sie in bestimmten sozialen Kontexten sensibler auf Normverletzungen reagieren oder stärker zur Durchsetzung von Gerechtigkeit beitragen.
Fazit
Mitgefühl ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint und unser Gehirn ist dabei weit weniger neutral, als wir vielleicht gerne glauben würden. Die Studie von Singer et al. (2006) zeigt eindrucksvoll, dass Empathie kein rein automatischer Prozess ist, sondern stark von sozialen Bewertungen beeinflusst wird. Besonders interessant ist dabei, dass sich geschlechtsspezifische Unterschiede in der neuronalen Verarbeitung von Fairness und Bestrafung zeigen.
Quellen
[1] Singer, T., Seymour, B., O'Doherty, J. et al. Empathic neural responses are modulated by the perceived fairness of others. Nature 439, 466–469 (2006). https://doi.org/10.1038/nature04271
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