Samstag, 9. August 2025

SSE-Symposium zwischen Biologie und Didaktik

Auf der Jahreskonferenz der Society for the Study of Evolution (SSE) im Juni 2025 widmete sich ein dreistündiges Symposium mit dem Titel "Teaching Sex and Gender in Science Education" der Frage, wie das Geschlecht (Sex) und dessen soziale Implikationen ("Gender") in der biologischen Lehre vermittelt werden sollen. Die Beiträge eint der Anspruch, die binäre Geschlechterauffassung zu überwinden und durch komplexere, inklusivere Modelle zu ersetzen. Gleichzeitig wird betont, dass Unterricht nicht nur wissenschaftlich korrekt, sondern auch sozial verträglich gestaltet werden müsse. Dieser Ansatz wirft grundlegende Fragen auf. Inwieweit darf oder soll Didaktik wissenschaftliche Begriffe umformen, um sozialen Zielen zu dienen?

Zur Erinnerung: Aus einer strikt naturalistisch Perspektive auf die materielle Welt lässt sich Geschlecht klar über Anisogamie definieren, also die Existenz zweier unterschiedlicher Gametentypen. Diese Definition ist universell (taxonübergreifend) und evolutionär fundiert. Alle weiteren Merkmale, von Chromosomen über Hormone bis hin zu Verhalten, sind nachgelagerte Ausprägungen dieser grundlegenden Fortpflanzungsstrategie. Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein genauer Blick auf die vier Vorträge des Symposiums.

Multivariate Modelle und die Auflösung des Binären

Der Vortrag von Dr. Sara Lipshutz (Assistenzprofessorin im Fachbereich Biologie an der Duke University) mit dem Titel "Multivariate models of animal sex: breaking binaries leads to a better understanding of evolution" stellte die These auf, dass Geschlecht eine komplexe Ansammlung von Merkmalen auf verschiedenen Ebenen sei und daher nicht sinnvoll binär gefasst werden könne. Diese Argumentation vermischt jedoch zwei Ebenen: die Definition eines Begriffs und die Vielfalt seiner Ausprägungen. Es ist unstrittig, dass geschlechtsassoziierte Merkmale variabel sind. Daraus folgt jedoch nicht, dass das zugrundeliegende Klassifikationskriterium selbst variabel oder mehrdimensional sein muss.

Die Konzentration auf ein "multivariates Modell" führt hier zu einem kategorialen Fehler. Geschlecht wird nicht durch eine Vielzahl korrelierter Eigenschaften definiert, sondern durch die Funktion im reproduktiven System. Die Anisogamie liefert genau dieses Kriterium. Organismen, die kleine Gameten produzieren, sind männlich, solche mit großen Gameten weiblich. Diese Definition bleibt auch dann stabil, wenn einzelne Merkmale atypisch ausgeprägt sind. Ein Modell, das Geschlecht als bloßes Bündel von Eigenschaften behandelt, löst die Kategorie letztlich auf und ersetzt sie durch eine unscharfe Beschreibung, die ihren biologischen Erklärungswert verliert. Mit diesem Modell ließen sich nämlich keine Organismen mehr als männlich oder weiblich identifizieren.

Entwicklungsbiologie und "sexuelle Diversität"

Dr. Thomas Sanger (außerordentlicher Professor für Biologie an der Loyola University Chicago) betonte in seinem Vortrag "Shining light into the black box: The developmental bases of sexual diversity" die Rolle der Entwicklung bei der Entstehung sexueller Merkmale und argumentierte, dass diese Komplexität genutzt werden könne, um "Missverständnisse" über Geschlecht zu korrigieren. Auch hier wird ein entscheidender Schritt übersprungen. Die Entwicklungsprozesse, die zur Differenzierung von Organismen führen, sind selbst Produkte eines binären reproduktiven Systems. Sie erklären, wie sich männliche und weibliche Phänotypen ausprägen, nicht ob diese Kategorien existieren.

Die Darstellung von Entwicklung als Quelle "sexueller Diversität" ist insofern problematisch, als sie implizit suggeriert, die Vielfalt der Ausprägungen stelle die binäre Struktur infrage. Tatsächlich verhält es sich nämlich umgekehrt. Die Vielfalt entsteht innerhalb eines binären Rahmens. Die Entwicklungsbiologie kann zeigen, wie komplex dieser Prozess ist, aber sie ersetzt nicht die grundlegende Definitionsebene. Wenn diese Unterscheidung verwischt wird, droht die Biologie zu einem Instrument politischer Argumentation zu werden, anstatt empirische Zusammenhänge zu klären.

Narrative im Unterricht und ihre Wirkung

Der Beitrag "From “completely erasure” to “there is a place for us here”: How narratives in biology courses influence the experiences of trans-spectrum undergraduates" von Sarah L. Eddy (they|them; University of Minnesota) verschob den Fokus deutlich von der Biologie zur Didaktik und diskutierte, wie verschiedene "Narrative" über Sex und "Gender" das Zugehörigkeitsgefühl von Studenten beeinflussen. Die Ergebnisse zeigen, dass bestimmte Darstellungen als ausschließend empfunden werden können, während andere unterstützend wirken. Diese Beobachtung mag aus pädagogischer Sicht relevant sein, wirft aber die entscheidende Frage auf, ob die Darstellung wissenschaftlicher Sachverhalte primär nach ihrem emotionalen Effekt beurteilt werden sollte. Wenn Lehrinhalte danach ausgewählt oder angepasst werden, ob sie als inklusiv empfunden werden, besteht die Gefahr, dass empirische Genauigkeit zugunsten sozialer Zielsetzungen relativiert wird.

Eine aufschlussreiche Analogie ergibt sich hier aus der Debatte um "Intelligent Design" im Biologieunterricht. Auch dort wurde argumentiert, dass die Evolutionslehre religiöse Gefühle verletzen könne und daher alternative, weltanschaulich anschlussfähige Modelle gleichberechtigt gelehrt werden sollten. Die biologische Fachgemeinschaft hat solche Forderungen mit Verweis auf methodische und empirische Standards entschieden zurückgewiesen. Wissenschaftliche Inhalte werden nicht danach bewertet, ob sie als angenehm oder inklusiv empfunden werden, sondern danach, ob sie empirisch tragfähig sind. Wenn man also nun beginnt, grundlegende Konzepte wie Geschlecht aus didaktischen Gründen umzudeuten, öffnet man prinzipiell dieselbe Tür, nur unter anderen Vorzeichen. Dass eine solche Verschiebung ausgerechnet innerhalb der Fachcommunity selbst vorangetrieben wird, verleiht der Entwicklung eine zusätzliche Brisanz.

Unterrichtsexperimente und ihre Interpretation

Dr. Cissy Ballen (außerordentliche Professorin an der Auburn University im Fachbereich Biowissenschaften) präsentierte schließlich unter dem Vortragstitel "Discussions of sexual diversity in nature increase student sense of belonging in biology" eine Studie, laut der ein "diversitätsorientierter" Unterricht zu Geschlecht positive Effekte auf das Zugehörigkeitsgefühl von Studenten zeigt. Gleichzeitig wird berichtet, dass Studenten danach "genauer" zwischen Sex und "Gender" unterscheiden können.

Auch hier stellt sich die Frage, was unter "genauer" verstanden wird. Wenn die zugrundeliegende Definition von Geschlecht unklar oder verschoben ist, kann eine verbesserte Differenzierung innerhalb dieses Rahmens kaum als Fortschritt gelten. Die positiven Effekte auf das Wohlbefinden sind sicherlich nicht zu bestreiten, doch sie sagen wenig darüber aus, ob die vermittelten Inhalte biologisch präziser sind. Die Betonung des "Nicht-Schadens" als didaktisches Ziel darf nicht zum alleinigen Maßstab werden, sonst geht wissenschaftliche Kohärenz verloren.

Fazit

Das SSE-Symposium zeigt exemplarisch eine Entwicklung in Teilen der biologischen Lehre, die Sorgen bereitet, weg von klar definierten, funktional begründeten Begriffen hin zu komplexen, oft unscharfen Konzepten, die stärker an sozialen Zielsetzungen orientiert sind. Die Betonung von Vielfalt und Inklusion ist verständlich, doch sie darf nicht dazu führen, dass grundlegende biologische Prinzipien relativiert werden. Die Definition von Geschlecht über Anisogamie bietet ein einfaches, universelles und evolutionär konsistentes Fundament. Sie schließt Variabilität nicht aus, sondern ordnet sie ein. Eine Didaktik, die diese Grundlage aufgibt, riskiert, pseudowissenschaftliche Narrative zu verbreiten. Sachgerechte Lehre muss beides leisten: die Klarheit der biologischen Definition bewahren und gleichzeitig sensibel mit den sozialen Implikationen umgehen. Das eine durch das andere zu ersetzen, ist weder wissenschaftlich noch pädagogisch überzeugend.

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