Dienstag, 30. Dezember 2025

Sind Menschen "von Natur aus" monogam?

Die Frage, ob der Mensch von Natur aus monogam ist oder nicht, gehört zu den Dauerbrennern der Sexual- und Evolutionsbiologie. Sie wird leidenschaftlich diskutiert – oft mit ideologischen Untertönen, manchmal mit selektiv ausgewählten Beispielen aus Ethnologie oder Tierwelt. Der Evolutionsanthropologe Mark Dyble von der Universität Cambridge schlägt in einem im August 2025 auf 'bioRxiv' veröffentlichten Preprint einen anderen, überraschend nüchternen Weg ein: Statt Heiratsnormen oder moralische Vorstellungen zu vergleichen, schaut er auf das messbare Ergebnis menschlichen Fortpflanzungsverhaltens – auf Geschwister [1].

Geschwister als Schlüssel zum Paarungssystem

Dyble nutzt ein einfaches, aber wirkungsvolles Prinzip: Je monogamer eine Population reproduziert, desto häufiger haben Kinder dieselben beiden Eltern, sind also Vollgeschwister. In streng monogamen Systemen bestehen Geschwistergruppen fast ausschließlich aus Vollgeschwistern, während in nicht-monogamen oder stark polygamen Systemen viele Halbgeschwister entstehen. Diese Logik lässt sich nicht nur beim Menschen, sondern bei allen sexuell reproduzierenden Säugetieren anwenden.

Auf dieser Grundlage analysiert Dyble fast 200.000 Geschwisterpaare aus 106 menschlichen Populationen weltweit – von ethnografisch dokumentierten kleinräumigen Gesellschaften bis hin zu genetisch untersuchten archäologischen Gemeinschaften. Diese Daten stellt er vergleichbaren genetischen Daten aus 35 nichtmenschlichen Säugetierarten gegenüber.

Das zentrale Ergebnis ist ebenso klar wie provokant. Die menschlichen Daten clustern eng mit sozial monogamen Säugetierarten. Im Durchschnitt sind etwa zwei Drittel aller menschlichen Geschwister Vollgeschwister – ein Wert, der fast identisch mit dem monogamer Arten wie Wölfen, Erdmännchen oder Gibbons ist. Nicht-monogame Säugetiere wie Schimpansen liegen dagegen deutlich darunter, oft im einstelligen Prozentbereich. Dyble behauptet dabei nicht, dass alle Menschen monogam leben oder lebten. Die Spannbreite ist groß, von Populationen mit relativ vielen Halbgeschwistern bis hin zu solchen, in denen nahezu ausschließlich Vollgeschwister vorkommen. Entscheidend sei aber das Gesamtbild. Über Kulturen, Zeiten und Lebensweisen hinweg ist Monogamie beim Menschen offenbar der statistische Regelfall – nicht die Ausnahme.

Extra-Pair-Sex und seine unterschätzten Effekte

Ein besonders spannender Aspekt ist die Modellierung sogenannter "extra-pair paternity", also Kinder, die außerhalb einer primären Paarbindung gezeugt werden. Dyble zeigt, dass schon relativ moderate Raten von außerehelichem oder außerpartnerschaftlichem Sexualverhalten einen starken Effekt auf die Geschwisterstruktur haben. Bereits bei etwa 25 % außerpartnerschaftlicher Vaterschaft sinkt der Anteil von Vollgeschwistern drastisch. Überträgt man dieses Modell auf die realen menschlichen Daten, ergibt sich im Durchschnitt eine geschätzte Rate von rund 12 % außerpartnerschaftlicher Fortpflanzung mit deutlicher kultureller Variation. Damit liegt der Mensch weit näher an monogamen als an promiskuitiven Säugetierarten.
 
Besonders interessant wird das Bild dort, wo der Mensch von anderen monogamen Säugetieren abweicht. Menschen leben typischerweise in großen, gemischtgeschlechtlichen Gruppen mit mehreren gleichzeitig reproduzierenden Paaren. Zudem bringen Frauen meist nur ein Kind pro Schwangerschaft zur Welt – im Gegensatz zu vielen monogamen Säugetieren mit größeren Würfen. Monogamie beim Menschen ist also kein simples Kopieren eines tierischen Modells, sondern eine eigenständige evolutionäre Lösung.

Dyble argumentiert, dass diese Form der Monogamie eng mit anderen menschlichen Besonderheiten wie hoher väterlicher Investition, langer Kindheit, komplexen Verwandtschaftsnetzwerken und ausgeprägter Kooperation über die Kernfamilie hinaus zusammenhängt. Er trennt somit klar zwischen Beziehungen und reproduktiven Ergebnissen – ein wichtiger Punkt in Zeiten moderner Verhütung, der oft übersehen wird. Zweitens zeigt er, dass menschliche Sexualität zwar flexibel, kulturell geprägt und variabel ist, sich aber dennoch innerhalb bestimmter biologischer Leitplanken bewegt.

Die verbreitete Gegenüberstellung von "natürlicher Promiskuität" versus "kulturell erzwungener Monogamie" greife damit zu kurz. Stattdessen zeichnet sich ein Bild ab, in dem Monogamie eine tief verwurzelte, aber keineswegs starre menschliche Strategie ist.
 

Morphologie versus Verwandtschaftsstruktur

In der Debatte um die evolutionären Wurzeln menschlicher Monogamie stehen sich seit Langem zwei unterschiedliche Zugänge gegenüber, die oft unbewusst miteinander vermischt werden. Auf der einen Seite steht die vergleichende Sexualmorphologie, die körperliche Merkmale des Menschen in Beziehung zu anderen Primaten setzt. Auf der anderen Seite steht die Analyse von Verwandtschaftsstrukturen, also die Frage, welche reproduktiven Muster tatsächlich über Generationen hinweg entstehen. Dybles Arbeit macht deutlich, dass diese beiden Ebenen unterschiedliche Aspekte menschlicher Evolution widerspiegeln und nicht zwangsläufig dieselbe Geschichte erzählen müssen.

Die morphologische Perspektive verweist auf eine Reihe gut belegter Befunde, die häufig als Hinweise auf relevante Spermienkonkurrenz beim Menschen interpretiert werden. Dazu gehören die im Verhältnis zur Körpergröße mittlere bis relativ große Penisgröße, die ausgeprägte Eichelform, die Fähigkeit zu mehrfachen Ejakulationen, die verdeckte Ovulation sowie die ausgeprägte weibliche sexuelle Lust und Orgasmusfähigkeit. In der klassischen Interpretation deuten solche Merkmale darauf hin, dass weibliche Mehrfachpaarungen im Verlauf der Evolution zumindest gelegentlich vorkamen und dass männliche Fortpflanzungsstrategien nicht ausschließlich auf sexuelle Exklusivität ausgelegt waren. In diesem Licht erscheint der Mensch morphologisch näher an Schimpansen und Bonobos als an strikt monogamen Primaten wie Gibbons.

Dyble widerspricht dieser morphologischen Einordnung nicht grundsätzlich, verschiebt jedoch den Fokus auf eine andere, oft vernachlässigte Ebene. Er zeigt, dass Sexualmorphologie vor allem über potenzielle Fortpflanzungskonflikte und -optionen Auskunft gibt, nicht aber über das tatsächliche Ergebnis von Fortpflanzung im populationsbiologischen Sinne. Anatomische Merkmale können anzeigen, dass Spermienkonkurrenz möglich oder adaptiv war, sie sagen jedoch wenig darüber aus, wie häufig diese Konkurrenz tatsächlich zur Zeugung von Nachkommen führte. Genau hier setzt die Analyse von Verwandtschaftsstrukturen an.

Die Verwandtschaftsperspektive fragt nicht danach, wer mit wem erotische Handlungen vollzog, sondern wer mit wem Kinder bekam. Dybles Daten zeigen, dass Geschwisterstrukturen beim Menschen – selbst in prähistorischen und mobilen Gesellschaften – deutlich näher an sozial monogamen Säugetieren liegen als an polygynandrischen Primaten. Wäre menschliche Fortpflanzung evolutionär primär durch hohe und regelmäßige Spermienkonkurrenz geprägt, müssten sich dies in einer deutlich höheren Zahl von Halbgeschwistern niederschlagen. Genau das ist aber nicht der Fall.

Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn man akzeptiert, dass menschliche Evolution durch eine Kombination aus Flexibilität und Stabilität gekennzeichnet ist. Morphologische Merkmale spiegeln eine evolutionäre Offenheit wider, die es erlaubt, in bestimmten ökologischen oder sozialen Situationen von strikter Paarbindung abzuweichen. Die Verwandtschaftsstruktur hingegen zeigt, dass solche Abweichungen in der Summe begrenzt blieben und das dominante reproduktive Muster über Generationen hinweg paargebunden war. Monogamie erscheint in diesem Licht nicht als absolute sexuelle Exklusivität, sondern als statistisch stabile Grundform, innerhalb derer es Raum für Variation gab.

Dybles Beitrag ist deshalb weniger eine Widerlegung der morphologischen Argumente als eine Einordnung ihrer Reichweite. Er macht deutlich, dass man aus Körpermerkmalen allein keine direkten Schlüsse auf das evolutionär prägende Fortpflanzungssystem ziehen sollte. Erst die Kombination beider Ebenen zeigt ein konsistentes Bild: Der Mensch besitzt anatomische Merkmale, die gelegentliche sexuelle Konkurrenz ermöglichen, lebt aber reproduktiv in einer Struktur, die langfristige Paarbindungen begünstigt. Monogamie ist damit weder eine kulturelle Fiktion noch ein biologisches Dogma, sondern das emergente Ergebnis einer Evolution, die sexuelle Flexibilität mit reproduktiver Stabilität verbunden hat.

Fazit

Dybles Studie liefert keine moralischen Vorgaben und keine einfachen Antworten für moderne Beziehungsfragen. Sie ordnet den Menschen sachlich in den evolutionären Kontext der Säugetiere ein und zeigt, dass Monogamie beim Menschen weder Mythos noch Zwang, sondern ein statistisch dominantes, biologisch plausibles Muster ist.

Quellen

[1] Mark Dyble, Human monogamy in mammalian context, bioRxiv 2025.08.19.671116; doi: https://doi.org/10.1101/2025.08.19.671116

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