Samstag, 20. Dezember 2025

Das Becken der Frau: Jägerinnen, Trägerinnen, Mütter?

Über Jahrzehnte prägte ein scheinbar simples Bild unser Verständnis der menschlichen Vorgeschichte. Männer jagten, Frauen sammelten und kümmerten sich um Kinder. Doch seit einigen Jahren gerät dieses Bild zunehmend ins Wanken. Neuere archäologische Funde, ethnographische Neubewertungen und vor allem biomechanische Studien zur menschlichen Anatomie werfen die Frage auf, ob die Rollenverteilung in frühen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften nicht deutlich flexibler war als lange angenommen. Eine besonders spannende Debatte entzündet sich dabei am weiblichen Becken. Könnte seine Form nicht nur mit Schwangerschaft und Geburt, sondern auch mit effizientem Lastentragen und womöglich sogar mit der Jagd zusammenhängen?

Geburtsdilemma, doch "Frauen tragen günstiger"

Die traditionelle Erklärung für Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Becken ist eng mit der Geburt verknüpft. Das sogenannte "obstetrische Dilemma" besagt, dass das weibliche Becken einen evolutionären Kompromiss darstellt [1]. Einerseits muss es breit genug sein, um die Geburt großhirniger Säuglinge zu ermöglichen, andererseits darf es den aufrechten Gang nicht zu ineffizient machen. In diesem Modell sind geschlechtsspezifische Unterschiede vor allem reproduktiv begründet, während Jagd, Mobilität und schwere körperliche Arbeit primär dem Mann zugeschrieben werden. Dieses Paradigma dominierte die Anthropologie über Jahrzehnte und bildete den impliziten Hintergrund vieler Interpretationen archäologischer Funde.

Seit den 2000er Jahren rücken jedoch biomechanische Studien eine andere Perspektive in den Fokus. Besonders einflussreich sind Arbeiten wie "Women carry for less" von Cara M. Wall-Scheffler (2022) [2]. In experimentellen Untersuchungen mit weiblichen Probanden zeigte sich, dass Frauen beim Tragen von Lasten – insbesondere von Kindern oder hüftseitig platzierten Gewichten – häufig weniger Energie pro Strecke verbrauchen als Männer. Ein breiteres Becken verändert die Hebelverhältnisse der Hüftmuskulatur und kann die Stabilisierung des Rumpfes erleichtern. Diese Befunde legen nahe, dass die weibliche Morphologie nicht nur ein Kompromiss, sondern auch eine aktive Anpassung an wiederholtes Lasttragen sein könnte, eine alltägliche Tätigkeit in mobilen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften.

Männer jagen, Frauen gebären?

Aus dieser biomechanischen Perspektive entstand die provokante Frage, ob Frauen nicht auch bei der Jagd eine größere Rolle gespielt haben könnten. Wenn sie effizient Lasten tragen konnten, etwa Beute oder Ausrüstung, wäre ihre Beteiligung an Jagdzügen zumindest plausibel. Diese Idee wird jedoch oft missverstanden. Die meisten Forscher, darunter auch Wall-Scheffler selbst, argumentieren nicht für eine einfache Umkehrung des alten Rollenbildes, sondern für dessen Erweiterung. Jagd ist mehr als der finale Speerwurf; sie umfasst Planung, Nachverfolgung, Transport und Verarbeitung. In all diesen Phasen könnten Frauen substanzielle Beiträge geleistet haben, ohne dass dies im archäologischen Befund eindeutig sichtbar wäre.

Aber: Nicht alle Studien stützen die Annahme funktionaler Vorteile eines breiteren Beckens. Eine häufig zitierte Arbeit von Warrener et al. (2015) zeigte, dass eine größere Beckenbreite nicht zwangsläufig mit höheren oder niedrigeren Kosten beim Gehen und Laufen verbunden ist [3]. Diese Ergebnisse relativieren einfache Ursache-Wirkungs-Ketten zwischen Beckenform, Energieeffizienz und evolutionärer Selektion. Kritiker weisen zudem darauf hin, dass viele Trage-Experimente unter modernen Bedingungen stattfinden und sich nur eingeschränkt auf das Leben im Pleistozän übertragen lassen.

Parallel zur biomechanischen Debatte sorgten archäologische und ethnographische Studien für Aufmerksamkeit. Besonders viel diskutiert wurde der Fund eines etwa 9.000 Jahre alten Grabes in den Anden, publiziert von Haas und Kollegen (2020), in dem eine Frau mit Jagdwaffen bestattet war [4]. Ergänzend dazu analysierte ein Team um Abigail Anderson (2023) ethnographische Daten und kam zu dem Schluss, dass Frauen in einem Großteil dokumentierter Jäger-und-Sammler-Gesellschaften zumindest gelegentlich an der Jagd beteiligt waren [5]. Ihre Arbeit "The Myth of Man the Hunter" löste intensive Kontroversen aus, da Kritiker methodische Schwächen und eine zu großzügige Definition von "Jagd" bemängelten. Dennoch unterstreicht die Debatte, dass weibliche Jagdbeteiligung kein exotischer Ausnahmefall gewesen sein muss.

Ein multikausales Bild der Evolution

Heute zeichnet sich zunehmend ein komplexeres Bild ab. Die Form des menschlichen Beckens dürfte das Ergebnis mehrerer überlappender Selektionsdrücke sein: Geburt, aufrechter Gang, Körpergröße, Muskelansatz und eben auch Lasttragen. Monokausale Erklärungen werden der biologischen Realität nicht gerecht. In diesem Rahmen erscheint die Idee, dass die Rolle der Frau ausschließlich durch Mutterschaft definiert war, ebenso verkürzt wie die Annahme, sie seien gleichberechtigte Großwildjägerinnen gewesen.

Fazit

Die Hypothese, dass das weibliche Becken nicht nur ein Geburtskompromiss, sondern auch eine funktionale Anpassung an das Tragen von Lasten und möglicherweise an jagdbezogene Tätigkeiten ist, erweitert unser Verständnis menschlicher Evolution. Vor allem zeigt sie, wie stark kulturelle Vorannahmen lange Zeit wissenschaftliche Interpretationen beeinflusst haben. Statt klarer Rollenbilder tritt ein flexibles, kontextabhängiges Modell früher menschlicher Lebensweisen. Männer jagten, Frauen trugen, sammelten und jagten gelegentlich mit. Diese Teamarbeit der Geschlechter trug mit dazu bei, das Überleben früher Menschenpopulationen zu sichern.

Mehr zum Thema


Quellen

[1] Lewis, C.L., Laudicina, N.M., Khuu, A. and Loverro, K.L. (2017), The Human Pelvis: Variation in Structure and Function During Gait. Anat. Rec., 300: 633-642. https://doi.org/10.1002/ar.23552

[2] Wall-Scheffler CM. Women carry for less: body size, pelvis width, loading position and energetics. Evolutionary Human Sciences. 2022;4:e36. doi:10.1017/ehs.2022.35

[3] Warrener AG, Lewton KL, Pontzer H, Lieberman DE (2015) A Wider Pelvis Does Not Increase Locomotor Cost in Humans, with Implications for the Evolution of Childbirth. PLOS ONE 10(3): e0118903. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0118903

[4] Randall Haas et al., Female hunters of the early Americas. Sci. Adv. 6, eabd0310 (2020). DOI: 10.1126/sciadv.abd0310

[5] Anderson A, Chilczuk S, Nelson K, Ruther R, Wall-Scheffler C (2023) The Myth of Man the Hunter: Women’s contribution to the hunt across ethnographic contexts. PLOS ONE 18(6): e0287101. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0287101

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts