Mittwoch, 21. Januar 2026

Neue Einblicke in eine unterschätzte Männerkrankheit

Rasterelektronenmikroskopie von E. coli (Foto: NIAID)
Bakterielle Entzündungen der Prostata gehören zu den häufigsten, aber zugleich am wenigsten verstandenen Erkrankungen des männlichen Urogenitaltrakts. Ein aktuelles Paper aus 'Nature Microbiology' beschreibt nun erstmals detailliert, wie bestimmte Kolibakterien (Escherichia coli) gezielt Prostatazellen infizieren können und welche molekularen Mechanismen dahinterstecken [1]. 

Die Studie liefert damit neue Ansatzpunkte, um chronische Prostatitis besser zu verstehen und möglicherweise künftig gezielter zu behandeln.

Prostatitis: Häufig, hartnäckig und biologisch komplex

Die bakterielle Prostatitis betrifft weltweit etwa ein Prozent aller Männer, mit Häufungen bei jüngeren und älteren Altersgruppen. Besonders problematisch ist ihre Neigung zu chronischen und wiederkehrenden Verläufen. Obwohl Antibiotika verfügbar sind, sprechen viele Patienten nur unzureichend darauf an. Ein Grund dafür könnte sein, dass sich die Erreger in der Prostata anders verhalten als etwa in der Blase – ein Aspekt, der bislang kaum erforscht war. Genau hier setzt die neue Studie an.

Neuartiges Prostata-Modell aus Stammzellen

Ein zentrales Ergebnis der Arbeit des Forschungsteams der Julius-Maximilians-Universität Würzburg ist die Entwicklung eines neuartigen In-vitro-Modells der Prostata. Die Forscher nutzten adulte Stammzellen aus Mäusen, um sogenannte Organoide zu erzeugen – also Mini-Gewebe, die die natürliche Struktur der Prostata nachahmen. Durch die Kultivierung als zweidimensionale Zellschicht und die gezielte Zugabe des männlichen Hormons Dihydrotestosteron entstanden vor allem sogenannte luminale Prostatazellen, also genau jene Zelltypen, die in der echten Prostata Sekret bilden und androgenabhängig funktionieren. Dieses Modell erwies sich als besonders realitätsnah und ermöglichte erstmals detaillierte Infektionsstudien.

E. coli bevorzugen hormonabhängige Zellen

Die Infektionsexperimente zeigten ein klares Muster: Uropathogene E. coli-Stämme – also Bakterien, die typischerweise Harnwegsinfektionen auslösen – binden bevorzugt an luminale Prostatazellen. Diese Zellen sind stark vom Androgenstoffwechsel abhängig und spielen eine Schlüsselrolle für die Funktion der Prostata als exokrine Drüse. Die Bakterien drangen aktiv in diese Zellen ein und konnten sich dort vermehren, was ihnen vermutlich hilft, dem Immunsystem und Antibiotika zu entgehen. Damit ähnelt das Geschehen der bekannten Strategie von E. coli in der Harnblase, erhält aber in der Prostata eine eigene biologische Ausprägung.

Besonders spannend ist die Identifikation des bakteriellen Adhäsionsproteins FimH als entscheidenden Faktor für die Infektion. FimH sitzt an der Spitze feiner bakterieller Härchen und wirkt wie ein molekularer Schlüssel, mit dem sich E. coli an Wirtszellen anheftet. Während bisher vor allem Rezeptoren der Blase bekannt waren, entdeckte das Team nun einen bislang unbeachteten Bindungspartner in der Prostata: die prostatische saure Phosphatase, kurz PPAP. Dieses Enzym ist hochspezifisch für luminale Prostatazellen und spielt eine Rolle für die Zusammensetzung des Prostatasekrets und damit indirekt auch für die Spermienfunktion.

Die Studie zeigt, dass FimH gezielt an bestimmte Zuckerstrukturen der PPAP bindet. Wird diese Bindung blockiert – etwa durch den Zucker D-Mannose oder durch genetisches Ausschalten von PPAP – sinkt die Infektionsrate deutlich. Besonders bemerkenswert ist, dass die Ergebnisse nicht nur im Mausmodell, sondern auch an menschlichem Prostatagewebe bestätigt wurden. Damit entsteht erstmals ein plausibles biologisches Modell, das erklärt, warum bestimmte Bakterien die Prostata so effektiv besiedeln können.

Die Prostata ist nicht nur ein Zielorgan für Infektionen, sondern ein zentrales Organ männlicher Sexualfunktion. Chronische Entzündungen stehen im Verdacht, Ejakulation, Libido, Fertilität und allgemeines Wohlbefinden zu beeinträchtigen. Dass ausgerechnet ein prostatatypisches Enzym als Eintrittspforte für Bakterien dient, unterstreicht die enge Verknüpfung von Sexualfunktion und Infektionsbiologie.

Fazit

Die Studie von Guedes, Peters & Joshi et al. (2026) liefert einen wichtigen Baustein zum Verständnis bakterieller Prostatitis. Sie zeigt, dass uropathogene Escherichia coli nicht zufällig, sondern hochspezifisch hormonabhängige Prostatazellen angreifen, indem sie ein zentrales prostatatypisches Protein als Rezeptor nutzen. Für die Sexualbiologie eröffnet dies neue Perspektiven auf die Verwundbarkeit männlicher Reproduktionsorgane und auf innovative Therapieansätze, etwa durch die Blockade bakterieller Adhäsionsmechanismen.

Quellen

[1] Guedes, M., Peters, S., Joshi, A. et al. Uropathogenic Escherichia coli invade luminal prostate cells via FimH–PPAP receptor binding. Nat Microbiol (2026). https://doi.org/10.1038/s41564-025-02231-0

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