Donnerstag, 22. Januar 2026

Polyandrie: Wie Umweltbedingungen Paarungsstrategien formen

Bild von Nature_Blossom auf Pixabay
Polyandrie – also die Paarung eines Weibchens mit mehreren Männchen – gehört längst zum festen Inventar der modernen Sexualbiologie. Dennoch bleibt eine zentrale Frage offen: Wann und unter welchen Bedingungen lohnt sich dieses Verhalten tatsächlich für Weibchen? Ein im Dezember 2025 in 'BMC Ecology and Evolution' veröffentlichter Open-Access-Artikel von Fragkiskos Darmis und Anja Günther vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön geht dieser Frage mit einem außergewöhnlich detaillierten Langzeitexperiment an Hausmäusen nach und liefert dabei spannende neue Einsichten in die ökologische Bedingtheit sexueller Strategien [1].

Polyandrie ist verbreitet – aber nicht immer vorteilhaft

Die Forscher setzen bei einem grundlegenden Befund an: In vielen Tierarten, darunter auch Säugetieren, sind Würfe mit mehreren Vätern keineswegs selten. Lange wurde jedoch diskutiert, ob dies primär ein Nebeneffekt männlicher Konkurrenz und sexueller Nötigung ist oder ob Weibchen aktiv davon profitieren. Die Autoren zeigen, dass diese Frage nicht pauschal beantwortet werden kann. Vielmehr hängt der Nutzen polyandrischer Paarungen entscheidend von den Umweltbedingungen ab, unter denen sich Fortpflanzung vollzieht.

Besonders bemerkenswert ist das Studiendesign. Über fünf Generationen hinweg lebten Hausmäuse in halbnatürlichen Gehegen, in denen alle Individuen genetisch erfasst und ihr gesamter Fortpflanzungserfolg dokumentiert wurden. Gleichzeitig manipulierten die Forschenden gezielt die Umweltqualität, indem sie entweder nährstoffreiches oder nährstoffärmeres Futter anboten. Dadurch konnte erstmals bei einem Säugetier experimentell getestet werden, wie Ressourcenqualität – nicht bloß -menge – die evolutionären Kosten und Nutzen von Polyandrie beeinflusst.

Strategie zählt nur im "harten" Umfeld

Ein zentrales Ergebnis: Weibchen, deren Würfe von mehreren Männchen gezeugt wurden, hatten nur unter schlechteren Umweltbedingungen signifikant mehr überlebende Jungtiere. In hochwertigen Nahrungsumgebungen verschwand dieser Vorteil vollständig. Das spricht dafür, dass genetische oder soziale Vorteile polyandrischer Paarungen – etwa höhere genetische Vielfalt oder geringeres Infanticid-Risiko – erst dann zum Tragen kommen, wenn Ressourcen limitierend sind. Gute Bedingungen "überdecken" gewissermaßen diese Effekte.

Auch soziale Faktoren spielten eine Rolle. In Populationen mit einem Überschuss an fortpflanzungsfähigen Männchen nahm die Häufigkeit multipler Vaterschaft zu. Interessanterweise zeigte sich dieser Zusammenhang vor allem unter guten Umweltbedingungen. Das deutet darauf hin, dass Polyandrie nicht nur ein weibliches Anpassungsverhalten ist, sondern auch durch männliche Konkurrenz, alternative Paarungstaktiken oder erhöhte Paarungsgelegenheiten geprägt wird.

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die lebenslange Fortpflanzungsleistung der Weibchen. Unter schlechter Nahrungsqualität hing der individuelle Fortpflanzungserfolg stark davon ab, wie konsequent ein Weibchen zu multipler Vaterschaft neigte. Unter guten Bedingungen hingegen waren fast alle Weibchen ähnlich erfolgreich – unabhängig von ihrer Paarungsstrategie. Evolutionär gesprochen heißt das: Sexuelle Strategien werden vor allem dort selektiert, wo Umweltstress Unterschiede sichtbar macht.

Fazit

Darmis & Günther (2025) liefern ein starkes Argument für eine kontextabhängige Sicht auf Sexualverhalten. Polyandrie ist weder grundsätzlich "gut" noch bloß ein Nebenprodukt männlicher Dominanz, sondern eine flexible Strategie, deren Nutzen von ökologischen und sozialen Rahmenbedingungen abhängt. Für die Sexualbiologie ist das ein wichtiger Schritt weg von vereinfachenden Erklärungen hin zu einem dynamischen Zusammenspiel von Umwelt, Verhalten und Evolution.

Quellen

[1] Darmis, F., Guenther, A. Environmental quality shapes the fitness payoffs of multiple paternity. BMC Ecol Evo 25, 134 (2025). https://doi.org/10.1186/s12862-025-02478-5

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