Montag, 2. Februar 2026

Warum männliche Smaragdeidechsen häufiger überfahren werden

Foto: Janezdrilc, CC0, via Wikimedia Commons
Wer sich mit Sexualbiologie beschäftigt, begegnet immer wieder einer scheinbar einfachen, aber tief spannenden Frage: Warum sterben Männchen und Weibchen oft unterschiedlich häufig, obwohl sie zur selben Art gehören und im selben Lebensraum leben? Ein aktuelles Paper aus der herpetologischen Fachzeitschrift 'SALAMANDRA' (Szabolcs et al., 2025) liefert dazu ein anschauliches Beispiel aus Nordost-Ungarn: Bei der Östlichen Smaragdeidechse (Lacerta viridis) ist die Zahl der Verkehrsopfer deutlich männlich dominiert [1].

Sexuelle Unterschiede in der Sterblichkeit

In vielen Tierarten sind Männchen und Weibchen nicht nur unterschiedlich gefärbt oder gebaut, sie leben auch unterschiedlich gefährlich. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass sich die Geschlechter im Verhalten häufig unterscheiden: Wer mehr umherstreift, sich stärker exponiert oder intensiver nach Paarungspartnern sucht, gerät automatisch häufiger in riskante Situationen. Die Forscher knüpften genau an diese Idee an und ordneten sie in den größeren Zusammenhang ein, dass Sterblichkeit je nach Alter und Geschlecht variieren kann, besonders während Phasen von Ortswechseln, Erkundung oder Fortpflanzungsaktivität.

Untersucht wurde ein 58 Kilometer langes Straßennetz in einer abwechslungsreichen Landschaft rund um Tokaj in Nordost-Ungarn. Dort wechseln sich unter anderem trockene Hänge, Wälder, Weinberge, Feuchtwiesen und Ackerflächen ab – also genau die Art von Mosaik-Landschaft, in der Smaragdeidechsen gut leben können. Die Erhebung fand in zwei Jahren statt (2013 und 2020), jeweils in zweiwöchigen Monitoringphasen während der Aktivitätszeit von April bis Oktober. Ein Autor fuhr die Strecke mit dem Fahrrad ab, dokumentierte jeden gefundenen Kadaver per GPS, bestimmte die Art und wenn möglich auch das Geschlecht. Die Kadaver wurden entfernt, um Doppelzählungen zu vermeiden.

Unter den überfahrenen Smaragdeidechsen dominieren die Männchen

Insgesamt wurden 41 überfahrene Eidechsen gefunden, davon 37 L. viridis. Andere Arten kamen nur vereinzelt vor und wurden deshalb statistisch nicht weiter ausgewertet. Bei den Smaragdeidechsen war das Bild allerdings auffällig. Von den Tieren, bei denen das Geschlecht bestimmbar war, waren 29 Männchen unter den Verkehrsopfern, während Weibchen kaum auftauchten. Einige Kadaver waren zwar so stark beschädigt, dass keine sichere Bestimmung mehr möglich war, aber der Trend bleibt klar: Die Mortalität ist deutlich männlich verzerrt.

Wir sehen hier nicht einfach Zufall, sondern sehr wahrscheinlich eine Folge davon, dass Männchen und Weibchen unterschiedliche Aufgaben im Fortpflanzungssystem übernehmen und dabei unterschiedlich oft in gefährliche Situationen geraten.

Saisonaler Hotspot

Ein weiteres starkes Ergebnis ist die zeitliche Verteilung: Die Roadkills traten nur in vier Monaten gehäuft auf, mit einem klaren Höhepunkt im späten Frühling und Frühsommer, besonders von Mai bis Juni. Statistisch wich dieses Muster deutlich von einer gleichmäßigen Verteilung über die Saison ab. Genau diese Phase passt sehr gut zur Fortpflanzungszeit der Smaragdeidechse. Und hier wird die Brücke zur Sexualbiologie besonders anschaulich: In vielen Reptilienarten sind Männchen während der Paarungszeit deutlich aktiver, suchen intensiver nach Weibchen, konkurrieren mit Rivalen und bewegen sich dafür über größere Distanzen. Mehr Bewegung bedeutet aber auch mehr Straßenquerungen, mehr Exposition, mehr Risiko.

Die Autoren argumentieren überzeugend, dass Autofahrer kaum gezielt Männchen überfahren, zumal Eidechsen auf der Straße wenn überhaupt oft nur als schneller Schatten wahrgenommen werden. Die plausibelste Erklärung ist daher eine biologische. Männchen verlassen häufiger ihr gewohntes Gebiet, um Paarungspartnerinnen zu finden, und geraten dadurch öfter auf Straßen. Das ist ein klassisches Muster sexuell selektierter Risiken: Wer in der Fortpflanzung "gewinnen" will, muss Zeit, Energie, Sichtbarkeit und eben auch Wagnis investieren. Männchen tragen in vielen Arten das höhere Risiko, weil sie aktiv suchen und konkurrieren. Der evolutionäre Hintergrund ist dabei nicht, dass Männchen generell unvorsichtiger wären, sondern dass Fortpflanzungserfolg bei ihnen oft stärker davon abhängt, überhaupt Paarungen zu erreichen. Das kann dazu führen, dass riskantes Verhalten sich dennoch lohnt, selbst wenn es die Sterblichkeit erhöht.

Spannend ist auch, was die Studie indirekt nahelegt: Weibchen scheinen in diesem Gebiet nicht in ähnlichem Ausmaß durch die Suche nach Eiablageplätzen oder durch eigene Bewegungen gefährdet zu sein. Zumindest spiegeln die Daten keine vergleichbar hohe weibliche Straßenmortalität wider.

Spielt der Lebensraum neben der Straße eine Rolle?

Wo Straßen liegen und welche Habitate angrenzen, kann massiv beeinflussen, wo Tiere überfahren werden. Deshalb testete das Team, ob bestimmte Landnutzungstypen (z. B. Ackerflächen, Wälder, Weinberge, Siedlungsflächen) in der Umgebung von Roadkill-Fundorten häufiger vorkommen als entlang der Straße allgemein. Dafür wurden Pufferzonen berechnet und die Landnutzungskategorien statistisch verglichen. Überraschenderweise wurde dabei kein signifikanter Unterschied festgestellt. Die Landnutzung erklärte somit nicht, warum es an manchen Stellen zu Roadkills kam und an anderen nicht. Das ist überraschend, aber biologisch dennoch gut erklärbar, denn L. viridis ist eine relativ flexible Art, die in vielen offenen, warmen und strukturreichen Lebensräumen zurechtkommt, einschließlich menschlich geprägter Bereiche wie Weinberge oder Gärten. Wenn eine Art nicht extrem habitatgebunden ist, dann ist es plausibel, dass die Landschaftsstruktur in diesem Maßstab weniger stark bestimmt, wo genau Roadkills passieren.

Deutlich klarer war dagegen der Zusammenhang mit der Verkehrsstärke. Die Straßenabschnitte, in denen Roadkills gefunden wurden, hatten im Durchschnitt höhere Fahrzeugzahlen pro Tag als die Gesamtheit der untersuchten Abschnitte. Auch in einem statistischen Modell zeigte sich, dass mit steigender Verkehrsdichte die Zahl der überfahrenen Smaragdeidechsen zunahm. Das klingt erst einmal trivial. Mehr Autos bedeutet mehr Risiko. Aber die Fachliteratur ist hier nicht immer eindeutig. Bei manchen Arten oder Situationen ist der Zusammenhang schwächer oder sogar uneinheitlich, weil Tiere stark befahrene Straßen komplett meiden oder sich Effekte je nach Jahreszeit verschieben. Umso interessanter ist, dass bei L. viridis im untersuchten Zeitraum tatsächlich ein klarer positiver Effekt sichtbar war.

Wie groß ist das Problem wirklich?

Ein wichtiger Teil des Papers ist die Einordnung: 37 tote Smaragdeidechsen über zwei Untersuchungsjahre sind zwar nicht "nichts", aber auch kein Massensterben. Die Autoren betonen außerdem, dass Roadkill-Daten fast immer eine Unterschätzung sind, weil Kadaver durch Aasfresser, Verkehr oder Witterung schnell verschwinden können, oder weil sie schlicht übersehen werden. Gerade bei kleinen Tieren ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass viele Opfer nicht registriert werden.

Trotzdem kommen die Autoren zu dem Schluss, dass Straßenmortalität für diese Eidechsenpopulationen vermutlich kein gravierendes Naturschutzproblem darstellt. Sie argumentieren, dass die lokalen Bestände vermutlich groß sind und dass Eidechsen durch ihre Beweglichkeit und Geschwindigkeit beim Überqueren von Straßen generell weniger gefährdet sein könnten als langsamere Reptilien. Besonders eindrücklich ist der Vergleich mit einer parallel untersuchten Schlangen-Population in derselben Region, bei der wesentlich höhere Roadkill-Zahlen gefunden wurden, was gut dazu passt, dass Schlangen als Straßenopfer oft stärker betroffen sind.

Fazit

Szabolcs et al. (2025) liefern ein schönes Beispiel dafür, wie sich Sexualbiologie außerhalb von Laboren oder klassischen Verhaltensbeobachtungen zeigt: Männliche Smaragdeidechsen sterben häufiger, weil sie während der Fortpflanzungszeit mehr unterwegs sind. Die Straße wird dabei zur ungewollten Selektionsfalle, die jene Individuen häufiger trifft, die sich stärker exponieren. Besonders spannend ist, dass nicht die umgebende Landschaftsstruktur, sondern vor allem Zeitpunkt und Verkehrsdichte die Muster erklären und dass sich der Mortalitätspeak genau mit der Paarungszeit deckt.

Quellen

[1] Szabolcs, M., E. Mizsei, B. Mester & S. Lengyel (2025): Male-biased road mortality of Eastern Green Lizards (Lacerta viridis) in Northeast Hungary. – Salamandra 61(2): 263–266. 

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