Solche Beiträge sind grundsätzlich zu begrüßen, da sie Laien komplexe biologische Themen näherbringen. Dennoch wirft das Video durch seine Darstellungsweise und impliziten Annahmen einige Fragen auf, die eine kritische Einordnung erfordern. Unser Fokus liegt dabei auf der Betonung, dass das Geschlecht in der Biologie eine binäre, auf Gametenproduktion basierende Kategorie ist, die durch ontogenetische Variationen nicht aufgelöst wird.
Gender & Sex
Das Video beginnt mit einer hilfreichen Unterscheidung zwischen sozialen Aspekten des Menschen in Bezug auf seine Geschlechtlichkeit (hier "Gender" genannt) und dem "biologischen" Geschlecht (Sex), wobei es sich bewusst auf Letzteres konzentriert. Wir verzichten in diesem Beitrag auf eine erneute detaillierte Einordnung dieser Begriffe aus sexualbiologischer Perspektive und verweisen stattdessen auf unser Glossar sowie vorherige Beiträge zur Allgemeinen Sexualbiologie, in denen wir u. a. erläutern, welche Bedeutung der Begriff "Gender" in der Biologie hat und warum das Adjektiv "biologisch" redundant ist (in der Sexualbiologie gibt es nur dieses eine Geschlecht, definiert als reproduktive Rolle im Rahmen der geschlechtlichen Fortpflanzung auf Basis der Anisogamie).
Aus dieser biologischen Perspektive heraus definiert das Quarks-Video das Geschlecht zunächst ebenfalls korrekt: Weiblich als Produzentin großer, immobiler Eizellen und männlich als Produzent beweglicher Spermien. Zwitter (Hermaphroditen) produzieren beides, während Organismen ohne Gametenproduktion als asexuell gelten. Hier ist jedoch eine erste Präzisierung notwendig: Der im Video geäußerte Hinweis, wer keine Keimzellen produziere, habe "kein Geschlecht", bezieht sich biologisch auf asexuell reproduzierende Organismen. Bei sexuell reproduzierenden Spezies bleibt die geschlechtliche Zuordnung erhalten, auch wenn Individuen aufgrund von Alter, Sterilität oder anderen Faktoren vorübergehend oder dauerhaft keine Gameten produzieren. Denn entscheidend ist der eingeschlagene Entwicklungspfad hin zu Eizellen- oder Spermienproduktion. Die Formulierung im Video ist etwas missverständlich und könnte zu der Annahme führen, Sterilität löse das Geschlecht auf, was nicht der Fall ist.
Abgesehen davon ist dieser erste Abschnitt lobenswert. Er betont klar die Zweigeschlechtlichkeit, dass es in der Biologie keine dritten oder weiteren Geschlechter gibt, und weder asexuelle Reproduktion noch Zwittrigkeit zusätzliche Geschlechter darstellen.
Geschlechtschromosomen, SRY-Gen und Genkaskaden
Der weitere Verlauf des Videos beleuchtet die historische und aktuelle Forschung zu Geschlechtschromosomen, dem SRY-Gen (Sex-determining Region of Y) und weiteren Genen wie WNT4, die die jeweilige Geschlechtsentwicklung fördern oder hemmen, sowie die Rolle von Hormonen. Diese Darstellung ist fachlich solide und für ein Laienpublikum zugänglich aufbereitet. Es wird korrekt erklärt, dass das SRY-Gen bis zur neunten Schwangerschaftswoche die Hodenentwicklung anstoßen kann, während WNT4 ab etwa der zwölften Woche Eierstöcke unterstützt und Hodenbildung unterdrückt. Auch die Notwendigkeit zeitlich präziser Genexpression und kontinuierlicher Hormonwirkung wird richtig hervorgehoben.
Problematisch ist jedoch der implizite Wechsel von der phylogenetischen Ebene des Geschlechts (die binäre Kategorie über Arten hinweg, basierend auf Gametentypen) zur ontogenetischen Ebene der Geschlechtsentwicklung (wie ein spezifischer Organismus, hier Homo sapiens, seinen Körper um das Geschlecht herum organisiert). Dieser Kategorienwechsel wird im Video nicht transparent kommuniziert, was unterschwellig eine Uneindeutigkeit des Geschlechts an sich andeutet.
Tatsächlich kann es, wie beim Zeitstempel 4:12 richtig angemerkt, passieren, dass ein Mensch mit Y-Chromosom wegen WNT4 oder anderer Faktoren primäre weibliche Geschlechtsorgane entwickelt. Dass also ein 46,XY-Individuum den Entwicklungspfad in Richtung Eizellenproduktion einschlägt. Oder kurz gesagt: Ein Menschenweibchen (auch bekannt als Frau) eine genetische Anomalie hat. Das verdeutlicht, dass auf phylogenetischer Ebene gar keine Ambivalenz existiert. Das Geschlecht bleibt auch in solchen Fällen weiterhin binär und klar zuordenbar, unabhängig von individuellen (ggf. gestörten) Organisationspfaden. Durch diese kategoriale Vermischung könnte der uninformierte Zuschauer fälschlich annehmen, dass Variationen beispielsweise in der Genexpression das Konzept des Geschlechts selbst relativieren, was biologisch unhaltbar wäre.
Überhaupt beschränkt sich das Quarks-Video bewusst (aber ohne dies explizit anzusprechen) ausschließlich auf die Geschlechtsdetermination beim Menschen bzw. im weitesten Sinne bei den allermeisten Säugetieren. Diese anthropozentrische Perspektive suggeriert implizit, dass die Komplexität der menschlichen Ontogenese bereits die Binarität des Geschlechts widerlege. Betrachtet man jedoch die enorme Vielfalt der Geschlechtsbestimmungsmechanismen im Tierreich – von ZZ/ZW-Systemen bei Vögeln über temperaturgesteuerte Determination bei Schildkröten und Krokodilen bis hin zu sozial abhängigen Systemen bei manchen Fischen –, wird die Sache sogar noch komplexer. Dennoch bleibt die fundamentale Binarität in allen sexuell reproduzierenden Arten erhalten. Kritiker der binären Geschlechterordnung verweisen hier gelegentlich auf Schleimpilze (z. B. Physarum polycephalum), die isogame sexuelle Reproduktion betreiben und über zahlreiche (bis zu hunderten) Paarungs- bzw. Kreuzungstypen (mating types) verfügen, die von Laien oft als "viele Geschlechter" missverstanden werden. Tatsächlich handelt es sich hierbei um ein multi-alleles Inkompatibilitätssystem an wenigen Loci (bei P. polycephalum drei), das die Kreuzungskompatibilität regelt. Auch in solchen Systemen bleibt die Fortpflanzung strikt binär organisiert: Es sind immer genau zwei kompatible Haploide erforderlich, deren Fusion zur diploiden Zygote führt. Die Vielzahl der Paarungstypen maximiert lediglich die Kreuzungswahrscheinlichkeit in einer Population, ohne die grundlegende Zweitypigkeit der Gameten (auch bei Isogamie, trotz identischer Morphologie) oder die binäre sexuelle Reproduktion aufzuheben.
Es existieren somit genau zwei Gametentypen und damit genau zwei Geschlechter. Die Vielfalt der ontogenetischen Wege ändert nichts an der phylogenetischen Zweigeschlechtlichkeit, sondern unterstreicht lediglich, wie robust und konvergent diese binäre Ordnung über Millionen Jahre Evolution hinweg ist.
Was bedeuten "Abweichungen" vom Entwicklungspfad?
Das Video diskutiert Fälle, in denen Chromosomen nicht mit äußeren Geschlechtsmerkmalen übereinstimmen, und führt das Androgen-Insensitivitäts-Syndrom (AIS) als Beispiel an, das erstmals in den 1950er Jahren von John McLean Morris als "männlicher Pseudohermaphroditismus" beschrieben wurde [1]. Betroffene weisen XY-Chromosomen auf, entwickeln aber äußerlich weiblich assoziierte Merkmale bei Vorhandensein interner Hoden und Fehlen von Eierstöcken. Als Ursache wird korrekt ein Defekt des Androgenrezeptors genannt, der Hormone wie Testosteron unwirksam macht. Allerdings ist die ergänzende Nennung eines "Enzymmangels" an dieser Stelle falsch. Dies beschreibt vielmehr das 5-Alpha-Reduktase-Mangel-Syndrom, eine separate Störung der Geschlechtsentwicklung (DSD), bei der Testosteron nicht oder unzureichend in das für die Virilisierung der Genitalien benötigte Dihydrotestosteron (DHT) umgewandelt wird.
Die Behauptung im Video, es gäbe auch "umgekehrt" einen Phänotyp Mann bei Genotyp Frau, ist nicht gänzlich falsch, zeichnet aber ein falsches Bild. Beim kongenitalen adrenogenitalen Syndrom (Congenital Adrenal Hyperplasia; CAH), auch Nebennierenrindenhyperplasie genannt, einer Stoffwechselstörung der Nebennierenrinde meist aufgrund eines 21-Hydroxylase-Mangels, entstehen zwar in manchen Fällen durchaus 46,XX-Individuen mit stark virilisierten äußeren Genitalien, die teilweise männlich wirken können, doch ein echtes Gegenstück zur kompletten Androgen-Insensitivität ist das nicht. Denn diese Stoffwechselstörung kann beide Geschlechter betreffen. Bei Jungen führt sie häufig zu einer verfrühten (Schein-)Pubertät bei gleichzeitiger Verkümmerung der Hoden. Die Formulierung einer symmetrischen "Umkehrung" suggeriert hier eine Bidirektionalität, die in der Realität nicht vorliegt.
Über diese Fehler hinweg bleibt festzuhalten, dass die genannten Anomalien lediglich die Ausprägung des Geschlechts betreffen, nicht das Geschlecht selbst. AIS und ähnliche Syndrome sind männliche DSD-Varianten, da der männliche Entwicklungspfad (erkennbar an der Hodenbildung) eingeschlagen wird. Es gibt hierbei weder eine teilweise Entwicklung hin zum weiblichen Geschlecht noch eine Entwicklung in Richtung eines anderen Geschlechts oder eines Zwischenzustands. Das Vorhandensein von Hoden unterstreicht dies eindeutig. Das Quarks-Video impliziert hier eine Diskrepanz, die das binäre System anzweifelt, doch biologisch handelt es sich um Abweichungen innerhalb des männlichen Pfads, nicht um eine Abweichung von der Binarität.
Das Video spricht außerdem pauschal von Geschlechtsmerkmalen, ohne zwischen primären Geschlechtsorganen und -merkmalen, die direkt mit der Gametenproduktion oder -leitung zusammenhängen, und sekundären Merkmalen zu differenzieren. Diese fehlende Unterscheidung verstärkt den falschen Eindruck, der äußere Phänotyp wäre gleichbedeutend mit dem zugrundeliegenden Geschlecht und könne dieses gewissermaßen überstimmen, obwohl die primären Organe und der eingeschlagene Gonadenweg entscheidend bleiben.
Mikrochimärismus und genetische Mosaike
Ein weiterer Abschnitt widmet sich Mikrochimärismus (Austausch fetaler und maternaler Zellen während der Schwangerschaft) und genetischen Mosaiken (z. B. Verlust von Chromosomen bei der Zellteilung). Das Video referenziert wissenschaftliche Quellen von Bianchi et al. (1996) [2], die männliche DNA in Müttern nachweisbar fanden, und eine dänische Untersuchung aus dem Jahr 2015 [3], bei der 21 von 154 Mädchen Y-Chromosomen in Blutzellen aufwiesen. Auch der altersbedingte Verlust des Y-Chromosoms (mLOY) bei Männern über 60 wird thematisiert. Diese Phänomene sind korrekt dargestellt, stellen jedoch weder das Geschlecht noch die Geschlechtsentwicklung infrage. Es handelt sich um separate biologische Prozesse wie allogene Zellübertragung oder somatische Mutationen.
Zudem bleibt bei mLOY fast immer ein Mosaik bestehen. Moderne Tests (z. B. Multiplex-PCR) detektieren weiterhin schwache Y-Signale und fordern bei Auffälligkeiten Nachuntersuchungen. Extremfälle bei sehr alten Männern mit hohem mLOY-Anteil kommen zwar vor und führen ggf. zu Fehlinterpretationen, sie werden aber nicht als "weiblich" klassifiziert, sondern als abklärungsbedürftig.
Der Kontext des Videos, der aus dem Fazit ziemlich deutlich hervorgeht, scheint auf Geschlechtstests im Sport abzuzielen, wo der öffentlich-rechtliche WDR offenbar Argumente gegen solche Tests sammelt, insbesondere im Frauensport (z. B. falsch-positive Y-Nachweise). Faktisch wird das Geschlecht jedoch auf Basis (potenzieller) Gameten definiert, nicht auf Basis somatischer Zellen, weshalb Mikrochimärismus und Mosaike für die rein biologische Fragestellung "Mann oder Frau?" irrelevant sind. Die Sportfrage ist hingegen gesellschaftlich, nicht rein biologisch. Relevant wäre hier in der Tat nicht der Chromosomenstatus, sondern ob der männlichen Pfad eingeschlagen wurde und den Athleten einen unfairen Vorteil gegenüber Frauen verschafft, wovon vor allem im Kraftsport im Regelfall auszugehen ist, da geschlechtsspezifische Unterschiede der Muskelkraft bereits im Säuglingsalter bestehen (siehe Geschlechtsunterschiede in der Muskelkraft entstehen früh). Szenarien wie mLOY sind für den Sportkontext somit irrelevant, da "sehr alte Männer" zweifelsfrei Männer sind, die in der Regel nicht zu sportlichen Wettkämpfen antreten, zumal mLOY mit kürzerer Lebenserwartung, Krebsrisiko und Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert ist.
Genetische Heterogenität und die "Balkenwaage"-Metapher
Das Video konstatiert im weiteren Verlauf korrekt, dass Organismen genetisch heterogen sind, was eine grundlegende Erkenntnis der Genetik ist, die intraorganismale Variationen wie Mutationen oder Chimärismen umfasst. Diese Heterogenität wird als Quelle biologischer Vielfalt und Evolution erwähnt, was zutrifft. Absurd wird es jedoch, wenn daraus eine "Balkenwaage"-Metapher für das Geschlecht abgeleitet wird: Merkmale wie Chromosomen, Gene und Hormone verteilen sich angeblich auf Waagschalen, was zu einer impliziten "Intergeschlechtlichkeit" bei vielen Menschen führe. Dies ist biologisch unhaltbar. Die Geschlechtsentwicklung ist keine willkürliche Sammlung modularer Elemente, sondern eine sequenzielle Kaskade an Prozessen, die aufeinander aufbauen und nicht beliebig kombiniert werden können. Störungen führen zu DSD innerhalb eines Geschlechts, nicht zu einem Kontinuum zwischen den Geschlechtern. Die Metapher relativiert das binäre Geschlecht unnötig und ignoriert, dass Heterogenität auf somatischer Ebene die gametenbasierte Definition des Geschlechts nicht tangiert.
Veraltete Begriffe und die DSD-Häufigkeit
Zusätzlich sei auf terminologische Ungenauigkeiten hingewiesen. Begriffe wie "Samenzellen" für Spermien und "Samenblase" für die Vesikeldrüsen sind veraltet und der Botanik entlehnt. Männliche Tiere produzieren Spermien, keine Samen! Ebenso problematisch ist der Begriff "Intersexualität", der der modernen DSD-Nomenklatur widerspricht und die Existenz von Zwischengeschlechtern insinuiert, die es mangels intermediärer Gameten nicht gibt. Die genannte DSD-Prävalenz von bis zu 1,7 % umfasst außerdem alle geschlechtsassoziierten Anomalien (z. B. Hypospadie – eine angeborene Entwicklungsstörung der Harnröhre), während echte ambige Fälle nur etwa 0,018 % betreffen (siehe Wie häufig ist "Intersexualität"?). Solche Ungenauigkeiten trüben die wissenschaftliche Präzision und könnten ideologische Narrative bedienen. Indem das Video die obere Grenze von 1,7 % unkommentiert stehen lässt, entsteht ein verzerrter Eindruck von der tatsächlichen Häufigkeit echter Geschlechtsmerkmalsambiguität. Ein Muster, das in vielen populärwissenschaftlichen Beiträgen insbesondere aus der Quarks-Themenwelt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu diesem Thema wiederkehrt.
Fazit zum Fazit
Das Video unterstreicht in seinem Fazit die Notwendigkeit der Zweigeschlechtlichkeit für die Fortpflanzung, relativiert aber unnötig die Binarität durch ontogenetische Variationen, um das populäre Narrativ zu stärken, "jeder sei doch irgendwie ein bisschen inter" (Zitat: "In uns steckt sehr viel mehr Weibliches und Männliches, als auf den ersten Blick auszumachen ist."). Das ist aus fachlicher Sicht falsch. In einem männlichen Organismus steckt biologisch nichts Weibliches. Er enthält keine weiblichen Gameten, keine weibliche Keimzelllinie und keine weibliche Fortpflanzungsfunktion. Allenfalls stecken in ihm Merkmale oder Prozesse, die mit Weiblichkeit assoziiert sind. Das ist ein feiner, aber signifikanter Unterschied, der im Video verwischt wird. Als IG Sexualbiologie plädieren wir stattdessen für eine klare Trennung phylogenetischer und ontogenetischer Ebenen: Das Geschlecht bleibt binär und eindeutig, Anomalien ändern daran nichts.
Quellen
[1] Morris, John McLean, The syndrome of testicular feminization in male pseudohermaphrodites, American Journal of Obstetrics & Gynecology, Volume 65, Issue 6, 1192 - 1211
[2] D.W. Bianchi, G.K. Zickwolf, G.J. Weil, S. Sylvester, & M.A. De Maria, Male fetal progenitor cells persist in maternal blood for as long as 27 years postpartum., Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 93 (2) 705-708, https://doi.org/10.1073/pnas.93.2.705 (1996).
[3] Müller, A. C., Jakobsen, M. A., Barington, T., Vaag, A. A., Grunnet, L. G., Olsen, S. F., & Kamper-Jørgensen, M. (2015). Microchimerism of male origin in a cohort of Danish girls. Chimerism, 6(4), 65–71. https://doi.org/10.1080/19381956.2016.1218583
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