Sonntag, 8. März 2026

Ameise ohne Männchen: Wenn Fortpflanzung ganz ohne Sex funktioniert

Eine kürzlich in der Fachzeitschrift 'Current Biology' veröffentlichte Studie von Keiko Hamaguchi und Kollegen beschreibt eine bemerkenswerte biologische Besonderheit: eine parasitische Ameisenart, die vollständig ohne Männchen und ohne Arbeiterinnen existiert [1]. Die neu beschriebene Art Temnothorax kinomurai produziert ausschließlich neue Königinnen aus unbefruchteten Eiern. Die Entdeckung eröffnet spannende Einblicke in die Vielfalt von Fortpflanzungsstrategien in sozialen Insekten und zeigt, wie radikal sich die Organisation von Geschlecht und Reproduktion im Laufe der Evolution verändern kann.

Ein radikal verschobenes Geschlechterverhältnis

In den meisten Ameisenkolonien existiert eine klar strukturierte Arbeitsteilung: reproduktive Weibchen (Königinnen), sterile Weibchen (Arbeiterinnen) und kurzlebige Männchen. Dieses System gilt als klassisches Beispiel für eusoziale Organisation. Bei T. kinomurai ist dieses Schema jedoch vollständig aufgelöst. Die Forscher fanden weder Arbeiterinnen noch Männchen. Stattdessen produzieren die Königinnen ausschließlich weibliche Nachkommen, die wiederum selbst reproduktionsfähig sind. Das Geschlechterverhältnis ist damit extrem verschoben. Die Population besteht praktisch nur aus fortpflanzungsfähigen Weibchen.

Temnothorax kinomurai. (A) Junge, gynomorphe (ursprünglich geflügelte) Königin (links) versucht, eine Arbeiterin von T. makora (rechts) zu stechen. (B) Nest von T. kinomurai mit jungen, geflügelten und flügellosen Königinnen von T. kinomurai (hellbraun) sowie dunkelbraunen Arbeiterinnen der Wirtsart T. makora. (Foto: Keiko Hamaguchi1, Kyoichi Kinomura, Ren Kitazawa, Natsumi Kanzaki, Jürgen Heinze, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)

Aus sexualbiologischer Sicht ist das besonders interessant, weil hier die Produktion beider Geschlechter als ein grundlegender Mechanismus sexueller Fortpflanzung vollständig entfällt. Das System funktioniert dennoch stabil, weil jede neue Königin potenziell eine eigene reproduktive Linie begründen kann.

Parthenogenese als Fortpflanzungsstrategie

Der Schlüssel zu diesem ungewöhnlichen System ist die sogenannte thelytoke Parthenogenese (Thelytokie). Bei dieser Form der Jungfernzeugung entstehen ausschließlich weibliche Nachkommen aus unbefruchteten Eiern. Anders als bei vielen anderen Ameisenarten, bei denen unbefruchtete Eier normalerweise zu Männchen führen (Arrhenotokie), entstehen hier also wieder Weibchen. Die Studie zeigt, dass die Spermatheka, also das Organ zur Speicherung von Spermien, bei den untersuchten Königinnen stark reduziert ist und kein Spermium enthält. Die Fortpflanzung erfolgt also tatsächlich ohne Paarung.

Parthenogenese ist im Tierreich zwar bekannt, bleibt jedoch meist eine Ausnahme oder tritt nur unter bestimmten Bedingungen auf. Der Grund liegt darin, dass sexuelle Fortpflanzung durch die Kombination der Erbinformationen zweier Individuen eine deutlich größere genetische Vielfalt erzeugt. Diese Vielfalt erhöht die Anpassungsfähigkeit von Populationen an veränderte Umweltbedingungen und erschwert es Parasiten oder Krankheitserregern, sich dauerhaft auf eine genetisch einheitliche Wirtslinie einzustellen. Asexuelle Fortpflanzung kann zwar kurzfristig effizient sein, weil jedes Individuum Nachkommen produzieren kann, doch langfristig fehlt oft die genetische Variabilität, die für evolutionäre Flexibilität wichtig ist. Dass eine Ameisenart ihre gesamte Fortpflanzung ausschließlich auf diese Strategie stützt, ist daher bemerkenswert.

Sozialparasitismus statt eigener Arbeiterinnen

Eine weitere Besonderheit von T. kinomurai liegt in ihrer Lebensweise. Da die Art keine eigenen Arbeiterinnen besitzt, ist sie auf andere Ameisen angewiesen. Die parasitischen Königinnen dringen in Kolonien einer Wirtsart ein (in diesem Fall der Ameise Temnothorax makora). Dort nutzen sie die Arbeiterinnen der Wirtskolonie, um ihre eigene Brut aufzuziehen. Dieses Verhalten wird als sozialer Parasitismus bezeichnet.

Für die Evolution der Fortpflanzungsstrategie ist das entscheidend: Weil die parasitäre T. kinomurai keine eigene Arbeiterkaste mehr benötigt, kann sie ihre gesamte Energie in reproduktive Weibchen investieren. Dadurch entsteht ein Lebenszyklus, der ausschließlich auf die Produktion neuer Königinnen ausgerichtet ist.

Die Autoren diskutieren, dass Systeme wie dieses Hinweise darauf liefern könnten, wie sich parasitische Linien aus ursprünglich freilebenden Arten entwickeln. In anderen Ameisenarten wurden bereits sogenannte „cheater lineages“ beobachtet: genetische Linien, die sich vor allem reproduktiv vermehren und weniger in die soziale Arbeit investieren. Parthenogenese könnte dabei ein wichtiger Schritt sein, um eine solche reproduktiv isolierte Linie zu stabilisieren. Im Fall von T. kinomurai scheint ein solcher Prozess besonders weit fortgeschritten zu sein. Die Art hat nicht nur die sexuelle Fortpflanzung aufgegeben, sondern auch die gesamte Arbeiterkaste verloren und ihre Fortpflanzung vollständig auf reproduktive Weibchen konzentriert.

Fazit

Die neu beschriebene Ameise Temnothorax kinomurai stellt ein extremes Beispiel für die Vielfalt biologischer Fortpflanzungssysteme dar. Eine Population, die ausschließlich aus reproduktiven Weibchen besteht und ihre Nachkommen ohne Befruchtung produziert, widerspricht der klassischen Vorstellung von sexueller Reproduktion. Gleichzeitig verdeutlicht die Studie von Hamaguchi et al. (2026), wie eng Fortpflanzungsstrategie, Sozialstruktur und ökologische Nische miteinander verknüpft sind. In Kombination mit sozialem Parasitismus ermöglicht Parthenogenese hier ein erstaunlich effizientes, wenn auch ungewöhnliches Lebensmodell.

Quellen

[1] Keiko Hamaguchi, Kyoichi Kinomura, Ren Kitazawa, Natsumi Kanzaki, Jürgen Heinze, A parasitic, parthenogenetic ant with only queens and without workers or males, Current Biology, Volume 36, Issue 4, 2026, Pages R123-R124, ISSN 0960-9822, https://doi.org/10.1016/j.cub.2025.11.080.

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