Freitag, 6. März 2026

"Die erste nicht-binäre Person?" – Was eine Steinzeitbestattung wirklich über Geschlechterrollen verrät

Kürzlich berichtete die britische Zeitung 'Daily Mail' über eine angeblich spektakuläre archäologische Entdeckung: Eine Frau aus der Jungsteinzeit, die vor rund 7000 Jahren "wie ein Mann" bestattet worden sei, könne die "erste nicht-binäre Person" der Geschichte gewesen sein: The first non-binary person? Stone Age woman was buried like a MAN 7,000 years ago - suggesting they had a 'complex identity'

Als Quelle nennt der Artikel eine aktuelle Studie im 'American Journal of Biological Anthropology'. Ein Blick in die Primärpublikation zeigt jedoch ein deutlich differenzierteres Bild. Die Studie von Sébastien Villotte und Kollegen untersucht Bestattungspraktiken und körperliche Aktivitätsmuster in zwei neolithischen Gemeinschaften in der heutigen ungarischen Region Polgár [1]. Ziel ist es, mögliche Zusammenhänge zwischen biologischem Geschlecht, Arbeitsteilung und Bestattungssitten zu untersuchen. Von einer "nicht-binären Person" ist in der Studie jedoch nirgends die Rede.

Worum es in der Studie tatsächlich geht

Die Studie analysiert 125 gut erhaltene erwachsene Skelette aus zwei nahe gelegenen neolithischen Fundorten: Polgár-Ferenci-hát (ca. 5300 bis 5070 Jahre vor unserer Zeitrechnung) und Polgár-Csőszhalom (ca. 4800 bis 4650 v. u. Z.). Bis auf 9 Exemplare waren alle Skelette geschlechtlich bestimmbar. Neben den Grabbeigaben und der Lage der Körper untersuchten die Autoren auch sogenannte "activity-related skeletal changes", also Veränderungen an Knochen, die mit bestimmten körperlichen Belastungen zusammenhängen. Dazu zählen etwa Verschleißerscheinungen an der Wirbelsäule, Veränderungen an Muskelansatzstellen des Arms oder spezielle Gelenkfacetten an den Mittelfußknochen, die auf häufiges Knien oder bestimmte Körperhaltungen hindeuten können.

Die zentrale Forschungsfrage lautet nicht, welche "Geschlechtsidentitäten" Menschen der Steinzeit hatten, sondern wie sich soziale Rollen im Verhältnis zum biologischen Geschlecht in materiellen Spuren widerspiegeln. Die Autoren definieren "Genderrollen" ausdrücklich als gesellschaftliche Erwartungen bezüglich Tätigkeiten und Verhaltensweisen, die mit bestimmten Geschlechtskategorien verbunden sind, nicht als intrinsisches Empfinden der eigenen Identität.

Dabei ergibt sich ein interessantes Bild: Während am älteren Fundort Polgár-Ferenci-hát kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern in der Bestattungspraxis festzustellen sind, zeigen sich am jüngeren Fundort Polgár-Csőszhalom relativ klare Muster. Dort liegen Frauen meist auf der linken Körperseite und Männer auf der rechten, und bestimmte Grabbeigaben scheinen geschlechtsspezifisch verteilt zu sein. Gürtel aus Spondylus-Muschelperlen treten überwiegend bei Frauen auf, polierte Steinwerkzeuge überwiegend bei Männern. Diese Muster sind allerdings nicht absolut.

Die "ungewöhnliche" Bestattung

Der mediale Aufhänger des Daily-Mail-Artikels ist eine einzelne Bestattung, die nicht dem üblichen Muster entspricht. Unter den untersuchten Individuen befindet sich eine biologisch eindeutig als weiblich bestimmte Person, die mit einem polierten Steinwerkzeug bestattet wurde, also mit einem Objekt, das sonst typischerweise mit männlichen Gräbern assoziiert ist.

Zusätzlich zeigen einige Skelette – darunter auch dieses – sogenannte metatarsale Facetten an den Zehenknochen. Diese Knochenveränderungen können darauf hinweisen, dass eine Person häufig eine bestimmte kniende Körperhaltung einnahm. Insgesamt wurden solche Merkmale bei neun Männern und einer Frau festgestellt, die auch mit den entsprechenden Werkzeugen bestattet waren.

Die Autoren interpretieren diese Kombination vorsichtig als möglichen Hinweis darauf, dass diese Frau Tätigkeiten ausübte, die in dieser Gesellschaft häufiger von Männern übernommen wurden. Entscheidend ist jedoch: Die Studie stellt klar, dass solche Befunde mit Vorsicht zu interpretieren sind, da sowohl die Stichprobengröße als auch die Aussagekraft einzelner Aktivitätsmarker begrenzt sind: "Most of these changes provide general information, and even in specific cases, it seems difficult to attribute a single activity to a given “marker.”"

Es handelt sich also schlicht um eine statistische Ausnahme innerhalb eines kulturellen Musters.

Was die Studie daraus folgert

Die Schlussfolgerung der Autoren ist vergleichsweise zurückhaltend. Sie argumentieren, dass die Gesellschaft von Csőszhalom offenbar durch geschlechtsspezifische Rollen geprägt war, gleichzeitig aber individuelle Abweichungen zuließ. Mit anderen Worten: Es gab offenbar kulturelle Erwartungen darüber, welche Tätigkeiten eher Männern oder Frauen zugeschrieben wurden. Diese Erwartungen wurden jedoch nicht strikt eingehalten. Einzelne Personen konnten Tätigkeiten übernehmen, die normalerweise dem anderen Geschlecht zugeordnet waren.

Diese Interpretation passt gut zu einem bekannten Muster in vielen historischen Gesellschaften. Geschlechterrollen sind häufig statistische Trends, keine absolut starren Regeln. Bemerkenswert ist zudem, dass die Autoren ausdrücklich betonen, dass ihre Methode nicht darauf abzielt, individuelle Geschlechtsidentitäten zu rekonstruieren: "We did not attempt to “reconstruct” the activities practiced individually or collectively by the individuals buried at the two sites." und "This approach allows us to explore how socially constructed gender roles—that is, expectations regarding behaviors and activity patterns associated with biological sex—may have been materially expressed, and to what extent the roles recognized in death might have mirrored those experienced during life, without attempting to reconstruct broader aspects of gender identity or experience." (Hervorhebung durch den Autor).

Die Analyse soll also lediglich untersuchen, inwieweit Bestattungspraktiken und körperliche Aktivitätsmuster miteinander korrespondieren. Der Sprung von diesen vorsichtigen Aussagen zur Schlagzeile von der "ersten nicht-binären Person" ist daher erheblich.

Die mediale Überinterpretation

Genau hier setzt die problematische Zuspitzung des Daily-Mail-Artikels an. Die Zeitung übernimmt zwar viele Details der Studie korrekt, deutet sie aber in eine Richtung, die im wissenschaftlichen Text nicht vorkommt. Aus der Beobachtung, dass eine Frau in einem Grab mit typischerweise "männlichen" Attributen gefunden wurde, wird implizit die Frage abgeleitet, ob diese Person vielleicht gar nicht "wirklich" eine Frau gewesen sei.

Diese Schlussfolgerung ist weder methodisch noch logisch zwingend. Die Studie zeigt lediglich, dass eine biologisch weibliche Person möglicherweise Tätigkeiten ausübte, die in dieser Gemeinschaft häufiger von Männern ausgeführt wurden. Eine solche Konstellation lässt sich problemlos erklären, ohne moderne Kategorien von Geschlechtsidentität in die Steinzeit zu projizieren. Möglich wären etwa eine besondere soziale Rolle, individuelle Spezialisierung, familiäre Traditionen oder schlicht statistische Ausnahmen innerhalb einer Arbeitsteilung.

Interessanterweise kann die mediale Interpretation sogar in eine paradoxe Richtung führen. Wenn man aus der Tatsache, dass eine Frau Tätigkeiten ausübt, die üblicherweise Männern zugeschrieben werden, ableitet, sie könne deshalb "nicht wirklich eine Frau" gewesen sein, reproduziert man letztlich ein stark stereotypisiertes Rollenverständnis. Weiblichkeit würde dann implizit daran geknüpft, dass Frauen sich auch tatsächlich "wie Frauen verhalten". Genau diese Art von essentialistischer Rollenlogik wird in vielen modernen Debatten eigentlich kritisiert.

Methodische Grenzen der Studie

Ein weiterer Punkt, der in populären Berichten häufig untergeht, betrifft die Grenzen der Aussagekraft archäologischer Befunde. Erstens handelt es sich um eine relativ kleine Stichprobe aus zwei spezifischen Fundorten. Die Autoren betonen selbst, dass die Ergebnisse deshalb nur vorsichtig verallgemeinert werden sollten.

Zweitens lassen sich aus Knochenveränderungen keine konkreten Tätigkeiten rekonstruieren, sondern nur allgemeine Belastungsmuster. Die untersuchten Marker geben Hinweise auf körperliche Beanspruchung, erlauben aber keine eindeutige Zuordnung zu bestimmten Berufen oder sozialen Rollen.

Drittens spiegeln Bestattungen immer kulturelle Entscheidungen der Hinterbliebenen wider. Sie müssen nicht zwingend exakt das Leben einer Person abbilden. Grabbeigaben können symbolische Bedeutungen haben, die sich unserer Interpretation entziehen.

All diese Faktoren machen deutlich, dass jede weitreichende Interpretation mit Vorsicht zu genießen ist.

Déjà-vu aus der Wikingerzeit: der Fall Birka

Die aktuelle Debatte erinnert an einen früheren archäologischen Fall, der in den Medien ähnlich rezipiert wurde: das berühmte Wikingergrab Bj 581 aus der schwedischen Handelsstadt Birka. Dieses Grab war bereits seit dem späten 19. Jahrhundert bekannt und galt lange als eines der spektakulärsten Kriegergräber der Wikingerzeit. Es enthielt ein vollständiges Waffenarsenal, darunter Schwert, Axt, Speere und Pfeile, sowie zwei Pferde und ein Spielbrett, das häufig als Hinweis auf militärische Strategie interpretiert wird. Aufgrund dieser Ausstattung wurde die dort bestattete Person über mehr als ein Jahrhundert selbstverständlich als männlicher Krieger angesehen.

Erst eine genomische Analyse, die 2017 veröffentlicht wurde, brachte eine überraschende Wendung: Die DNA-Untersuchung zeigte eindeutig das Fehlen eines Y-Chromosoms und damit ein biologisch weibliches Individuum [2]. Die Autoren fassten den Befund damals nüchtern zusammen: "The genomic results revealed the lack of a Y-chromosome and thus a female biological sex."

Auch in diesem Fall reagierten viele Medien mit stark zugespitzten Interpretationen. Schlagzeilen sprachen von Belegen für besonders "fluide" Geschlechterrollen in der Wikingerzeit. Das eigentliche Paper formuliert jedoch deutlich vorsichtiger. Die Autoren betonen vor allem, dass archäologische Interpretationen häufig von modernen Vorannahmen geprägt sind und daher mit Vorsicht behandelt werden sollten. Der Fund sagte ebenfalls nichts darüber aus, dass die Person eine andere Geschlechtsidentität gehabt hätte oder dass die Wikinger ein modernes Konzept nicht-binärer Identitäten kannten.

Gerade deshalb ist der Vergleich mit der aktuellen Studie aus dem neolithischen Ungarn aufschlussreich. In beiden Fällen handelt es sich um eine Abweichung von einem statistischen Muster, nicht um dessen Auflösung. Archäologische Befunde zeigen hier vor allem, dass soziale Rollen in historischen Gesellschaften nicht immer strikt entlang biologischer Geschlechtsgrenzen verliefen. Die häufige mediale Neigung, solche Ausnahmen sofort als Beleg für moderne Identitätskonzepte zu interpretieren, sagt daher meist mehr über gegenwärtige Debatten aus als über die Gesellschaften der Vergangenheit.

Fazit

Die anthropologische Studie von Villotte et al. (2026) liefert einen interessanten Einblick in soziale Strukturen zweier neolithischer Gemeinschaften in Ungarn. Sie zeigt, dass Bestattungssitten teilweise geschlechtsspezifischen Mustern folgten, gleichzeitig aber auch individuelle Ausnahmen vorkamen. Eine einzelne weibliche Person wurde mit Gegenständen bestattet, die normalerweise in Männergräbern auftreten, und zeigte Aktivitätsmerkmale, die häufiger bei Männern beobachtet wurden. Daraus schließen die Autoren vorsichtig, dass soziale Rollen nicht vollständig starr gewesen sein dürften. Die mediale Darstellung als "erste nicht-binären Person" der Geschichte geht jedoch deutlich über das hinaus, was die Studie tatsächlich belegt. Sie illustriert vor allem, wie schnell moderne Identitätskonzepte in archäologische Befunde hineinprojiziert werden können.

Quellen

[1] Villotte, S., T. Szeniczey, S. Kacki, and A. Anders. 2026. “Fixed and Fluid: The Two Faces of Gender Roles—A Combined Study of Activity Patterns and Burial Practices in the European Neolithic.” American Journal of Biological Anthropology 189, no. 2: e70217. https://doi.org/10.1002/ajpa.70217.

[2] Hedenstierna-Jonson C, Kjellström A, Zachrisson T, et al. A female Viking warrior confirmed by genomics. Am J Phys Anthropol. 2017; 164: 853–860. https://doi.org/10.1002/ajpa.23308

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