Freitag, 29. Mai 2026

Kritische Anmerkungen zur Transgender-Stellungnahme der Giordano-Bruno-Stiftung

Am 27. Mai 2026 veröffentlichte die Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) eine Stellungnahme mit dem Titel "Von Fremd- zu Selbstbestimmung. Warum das Ende des Transsexuellengesetzes überfällig war" [1]. Darin versuchen die Autoren (darunter ein Patentanwalt mit Biologie-Diplom), juristische, soziale und biologische Aspekte rund um Selbstbestimmungsgesetz, Transidentität und Geschlecht zusammenzuführen. Vor allem Kapitel 4 unternimmt den Versuch, evolutionsbiologische Grundlagen in die Debatte einzubringen. Das ist mehr, als man von vielen zeitgenössischen Beiträgen erwarten darf.

Aus sexualbiologischer Perspektive zeigt sich jedoch ein wiederkehrendes Problem. Die Stellungnahme beschreibt den evolutionären Ursprung der Zweigeschlechtlichkeit durchaus korrekt, beginnt dann aber zunehmend, etablierte Begriffe umzudefinieren, Kategorien zu vermischen und terminologische Präzision zugunsten einer erweiterten Deutung von "Geschlecht" aufzugeben.

Von der asexuellen zur sexuellen Fortpflanzung

Der Abschnitt 4.1 zur Evolution sexueller Fortpflanzung gehört aus unserer Sicht zu den stärkeren Teilen der Stellungnahme. Die Darstellung des Übergangs von asexueller zu sexueller Reproduktion, der Rolle genetischer Variation und der evolutionsbiologischen Erklärung von Isogamie und Anisogamie folgt weitgehend dem etablierten Forschungsstand. Die Entstehung zweier unterschiedlicher Gametenstrategien resultiert aus disruptiver Selektion auf Größe, Ressourceninvestition und Reproduktionserfolg. Mittelgroße Gameten sind evolutionär instabil. Genau hier liegt letztlich die Grundlage dessen, was wir "Geschlecht" nennen.

Ein kleinerer Kritikpunkt betrifft die Terminologie. Die Stellungnahme verwendet den im Deutschen geläufigen Begriff "Samenzellen" für männliche Gameten. Der Begriff stammt aus einem historischen Fortpflanzungsverständnis, nach dem Männchen den kompletten neuen Nachkommen in Form eines "Samens" liefern, der im Weibchen keimt. Ein Irrglaube, wie wir heute wissen. Die Vorstellung ist der Botanik entlehnt, wo Samen bereits ein Entwicklungsprodukt sind, nämlich die aus der Befruchtung hervorgegangenen Fortpflanzungs- und Ausbreitungseinheiten der Samenpflanzen. Andere Pflanzen und vor allem Tiere produzieren jedoch keine Samen. Das mag wie eine semantische Spitzfindigkeit erscheinen, aber gerade in einer Stellungnahme, die biologische Präzision beansprucht, lohnt sich saubere Begrifflichkeit.

Dieser Einwand ändert aber nichts am Kernbefund, dass der Abschnitt 4.1 die Evolution der Zweigeschlechtlichkeit korrekt beschreibt. Gerade deshalb fällt umso stärker auf, wie die anschließende Argumentation beginnt, zentrale Kategorien zu verschieben.

Das "Gametengeschlecht"

Der Einstieg in Abschnitt 4.2 ist zunächst noch klar. Die Autoren schreiben:

"Bei der Kombination genetischen Materials (»sex« als Vorgang) kommt es mithin zur Ausbildung von genau zwei fundamentalen Fortpflanzungsrollen bzw. »Geschlechtern« (»sex« als Zustand). Wichtig ist, dass mittelgroße Keimzellen starker Kontraselektion ausgesetzt sind – weshalb es kein drittes oder »Zwischengeschlecht« gibt."

Dem ist biologisch wenig hinzuzufügen. Exakt das beschreibt die evolutionsbiologische Logik der Zweigeschlechtlichkeit. Problematisch wird es unmittelbar danach, wo es heißt, das sogenannte "Gametengeschlecht" folge einer klaren binären Verteilung. Bei dieser Wortkreation ist das Problem größer als nur eine semantische Spitzfindigkeit. Nicht das "Gametengeschlecht" folgt einer binären Verteilung. Das Geschlecht folgt einer binären Verteilung. Gameten besitzen kein Geschlecht. Organismen besitzen Geschlechter. Das klingt zunächst wie terminologische Pedanterie. Tatsächlich berührt es aber den Kern der gegenwärtigen Debatte.

In der Biologie bezeichnet Geschlecht reproduktive Klassen von Organismen, definiert durch den Typ der produzierten Gameten. Genau diese Definition erlaubt es überhaupt, Geschlecht artübergreifend sinnvoll zu beschreiben, von Algen über Fische bis zu Primaten. Die Einführung eines zusätzlichen "Gametengeschlechts" erzeugt daher keine neue analytische Kategorie. Sie benennt lediglich das um, was die Biologie bereits seit langem "Geschlecht" nennt.

Hier zeigt sich ein verbreitetes Muster, das der Humanmedizin entstammt und von postmodernen Sozial- und Kultur(pseudo)wissenschaften aufgegriffen wurde: Geschlecht wird in zahlreiche angeblich gleichrangige Teilkategorien zerlegt, etwa "chromosomales Geschlecht", "gonadales Geschlecht", "hormonelles Geschlecht", "anatomisches Geschlecht" und nun eben auch das "Gametengeschlecht". Für die Beschreibung menschlicher Entwicklungsprozesse kann eine solche Differenzierung in bestimmten Kontexten zwar durchaus sinnvoll sein. Problematisch wird sie aber, wenn daraus folgt, Geschlecht selbst sei eine Ansammlung beliebig gewichteter Einzelmerkmale.

Denn dadurch verliert der Begriff seine biologische Allgemeingültigkeit. Würde man Geschlecht primär über ein Baukastensystem bestehend aus Chromosomen, Hormonen oder bestimmten anatomischen Eigenschaften definieren, entstünde sofort ein Vergleichsproblem über Artgrenzen hinweg. Viele Spezies determinieren ihr Geschlecht gar nicht über ein XY-System. Andere zeigen flexible hormonelle Profile oder Geschlechtswechsel. Sollten all diese Organismen plötzlich kein Geschlecht mehr besitzen? Natürlich nicht! Deshalb ist die hierarchisch übergeordnete reproduktive Definition so zentral. Sie ist gerade deshalb stark, weil sie nicht anthropozentrisch ist. Alle übrigen Merkmale, die wir mit Geschlecht assoziieren, korrelieren mit dieser reproduktiven Organisation. Und zwar nicht zufällig, sondern als direkte Folge der Zweigeschlechtlichkeit.

Auch die anschließende Diskussion sogenannter "Intersexualität" wirft Präzisierungsbedarf auf. Zunächst terminologisch: In der medizinischen Fachsprache wurde hierfür längst die Sammelkategorie DSD (Differences bzw. Disorders of Sex Development) etabliert [2]. Das ist erneut keine bloße Sprachkosmetik, sondern spiegelt wider, dass es sich um Variationen beziehungsweise Störungen der Geschlechtsentwicklung handelt, nicht um eigenständige "Zwischengeschlechter". Gerade deshalb erscheint die Verwendung des Begriffs "Intersexualität" hier irritierend, denn zuvor hatte die Stellungnahme selbst bereits korrekt festgestellt, dass es kein drittes oder "Zwischengeschlecht" im evolutionsbiologischen Sinne gibt.

Noch problematischer wird es beim Begriff "Hermaphroditismus". Die Autoren definieren ihn als Sammelbegriff für Individuen mit "männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen". Das ist biologisch nicht korrekt. Hermaphroditismus bezeichnet echte Doppelgeschlechtlichkeit, also Organismen mit männlicher und weiblicher Sexualfunktion. Ein Hermaphrodit produziert beide Gametentypen, simultan oder zeitlich versetzt. Darauf bezieht sich der Begriff. Wer lediglich Merkmale beider Geschlechter aufweist, ist dadurch noch kein Hermaphrodit, sondern fällt in die Kategorie des Pseudohermaphroditismus. Dieser Begriff wird zwar aus ethischen Gründen für DSD-Betroffene abgelehnt, weil er als herabwürdigend empfunden wird. Da Menschen als Trockennasenaffen jedoch ebenfalls Tiere sind, ist dieser zoologische Begriff trotzdem korrekt.

Schließlich irritiert die Aussage, "Intersexualität" beziehungsweise DSD seien "weder abnormal noch vernachlässigbar", begründet mit Prävalenzschätzungen. Das überzeugt biologisch nicht. Eine Entwicklungsanomalie wird nicht dadurch normtypisch, dass man ihre absolute Zahl auf Millionen Menschen hochrechnet. "Abnormal" ist in der Biologie zunächst ein wertfreier deskriptiver Begriff. Er bezeichnet eine Abweichung von typischer Entwicklung oder Funktion. DSD sind seltene Anomalien der Geschlechtsentwicklung. Genau deshalb werden sie überhaupt als medizinisch beschreibbare Kategorien geführt. Wer jede statistische oder funktionale Abweichung aus normativen Gründen aus dem Bereich des "Abnormalen" entfernen möchte, riskiert am Ende, biologische Sprache vollständig moralisch zu überformen. Das hilft weder der Wissenschaft noch den betroffenen Menschen.

Der "Dirty-Rotten-Trick" der fehlenden Funktion

Die gbs-Stellungnahme behauptet im Kapitel 4.3: "Für unsere weitere Argumentation ist zudem der überraschende Tatbestand wichtig, dass viele Menschen gar kein Gametengeschlecht besitzen – weil funktionsfähige Keimzellen fehlen."

Hier zeigt sich exemplarisch ein argumentativer Kunstgriff, der sich durch weite Teile der Debatte zieht. Zunächst wird eine neue Kategorie eingeführt, das "Gametengeschlecht". Anschließend wird dessen Existenz an die aktuell vorhandene individuelle Funktionalität geknüpft. Und schließlich wird die Kategorie dekonstruiert, weil diese Funktionalität auf Ebene einzelner Individuen "überraschenderweise" nicht immer gegeben ist. Das Problem liegt hier nicht in der Beobachtung, dass Menschen infertil sein können. Das ist trivial. Das Problem liegt darin, dass hier zwei völlig unterschiedliche Ebenen biologischer Analyse durcheinandergeraten: ontogenetische Funktionalität und phylogenetische Reproduktionsrolle.

Ontogenetisch betrachtet kann ein Individuum selbstverständlich funktionsunfähig sein. Ein Mensch kann infertil geboren werden, postmenopausal sein, eine Gonadendysgenesie aufweisen, nach Krebsbehandlung steril sein oder nie funktionsfähige Gameten produziert haben. Phylogenetisch definiert sich Geschlecht jedoch nicht über die momentane Leistungsfähigkeit einzelner Körper, sondern über die evolutionäre Reproduktionsrolle, die der Kategorie überhaupt erst ihren Sinn verleiht. Deshalb bleibt eine postmenopausale Frau weiblich. Ein präpubertärer Junge bleibt männlich. Ein Mann nach Vasektomie verliert nicht sein Geschlecht und eine Frau nach Ovarektomie wird ebenfalls nicht geschlechtslos. Die Biologie klassifiziert Geschlecht nicht anhand momentaner Outputmessung. Sie orientiert sich an der entwicklungsbiologischen Organisation eines Organismus im Rahmen einer reproduktiven Klasse. Und genau deshalb braucht es auch kein zusätzliches "Gametengeschlecht".

Die gesamte Konstruktion wirkt letztlich absurd. Man erfindet eine redundant benannte Kategorie, verknüpft sie mit einer unnötig engen Funktionalitätsbedingung und präsentiert anschließend deren Scheitern als Argument gegen die Robustheit biologischer Geschlechtszuordnung. Das mag rhetorisch geschickt sein. Biologisch ist es ein Kategorienfehler.

Die Stellungnahme verweist außerdem auf Körpergröße und -gewicht als Beispiele von Merkmalen mit erheblicher Überschneidung zwischen Männern und Frauen. Männer seien im Durchschnitt größer und schwerer, doch etwa ein Drittel aller Frauen liege im selben Größen- und Gewichtsbereich. Das ist korrekt. Zur besseren Veranschaulichung hat die Biostatistikerin in unserem Team beide Parameter auf Basis der Daten aus der NAKO-Gesundheitsstudie anhand der jeweiligen Standardabweichungen geplottet [3]:



Hier lohnt ein kurzer Blick auf die Logik biologischer Datenauswertung. Merkmale wie die Körpergröße definieren das Geschlecht nicht. Umgekehrt werden Merkmale wie die Körpergröße statistisch für bereits geschlechtlich zugeordnete Individuen erhoben und anschließend zwischen diesen Gruppen verglichen. Erst dadurch kann man überhaupt Aussagen formulieren wie "Männer sind im Durchschnitt größer" oder "32 % der Frauen liegen im selben Größenbereich". Würde Körpergröße selbst die Geschlechtszuordnung bestimmen, könnte man keine geschlechtsspezifischen Referenzwerte bilden. Man hätte zunächst lediglich eine Häufigkeitsverteilung von Körpergrößen in einer Population. Würde diese Verteilung, wie beim Menschen, eine charakteristische Bimodalität (Zweigipfligkeit) zeigen, wäre dies ein Hinweis auf eine zugrundeliegende biologische Struktur, die erklärt werden müsste.

Mit anderen Worten: Der Sexualdimorphismus verschwindet nicht durch statistische Überlappung, sondern wird durch sie überhaupt erst sichtbar. Dass Frauen und Männer sich hinsichtlich vieler Merkmale überlappen, ist bei sexuell dimorphen Arten vollkommen erwartbar. Entscheidend sind populationsstatistische Unterschiede zwischen reproduktiven Klassen, nicht die Illusion zweier vollständig getrennter Körperwelten. Niemand käme auf die Idee, bei einem männlichen Löwen mit ungewöhnlich geringer Mähne oder einer außergewöhnlich großen Löwin von einem "Zwischengeschlecht" zu sprechen. Variation innerhalb und Überlappung zwischen Geschlechtern widerlegen die Zweigeschlechtlichkeit nicht. Sie setzen sie vielmehr voraus.

An mehreren Stellen vermitteln die Autoren zudem der Eindruck, dass sie in ihrer Stellungnahme stillschweigend zwischen Phänotyp und Stereotyp oszillieren, ohne die Begriffe sauber auseinanderzuhalten. Ein Phänotyp bezeichnet die beobachtbare Merkmalsausprägung eines Organismus. Dazu zählen unter anderem Körperbau, Stimmcharakteristika, Fettverteilung, Gesichtsstruktur, Behaarungsmuster oder andere sexuell dimorphe Eigenschaften. Stereotype hingegen sind kulturelle Erwartungsmodelle über Verhalten, Rollen oder Ausdrucksformen. Diese Ebenen sind nicht identisch. Wer etwa auf Schulter-Hüft-Relation, Stimmfrequenz oder Gesichtsmorphologie Bezug nimmt, beschreibt zunächst keine Geschlechterrolle und kein soziales Vorurteil, sondern biologische Merkmale. Zwar können phänotypische Unterschiede kulturell überzeichnet und so stereotypisiert werden. Aber daraus folgt nicht, dass biologische Phänotypen selbst bloß stereotype Konstrukte wären.

Schere, Stein, Papier, Echse, Spock, Phänotyp, Geschlecht

Im folgenden Abschnitt 4.4 driftet die Stellungnahme endgültig weg vom biologischen Geschlechtsbegriff und hinein in eine Mischung aus Alltagswahrnehmung, Kulturtheorie, subjektiver Erfahrung und normativer Interessenabwägung. Dagegen wäre eigentlich nichts einzuwenden, solange die Ebenen sauber getrennt blieben. Genau das geschieht hier jedoch nicht mehr. Die Autoren schreiben etwa: "Das Gametengeschlecht ist nur in begrenzten Situationen tatsächlich relevant, nämlich wenn es um Fortpflanzung geht."

Später folgt die Analogie: "Ein auf Gameten reduzierter Geschlechtsbegriff […] ist ebenso kurzsichtig wie ein Sexualitätsbegriff, der nur auf Fortpflanzung abzielende Handlungen als »echten Sex« begreift."

Diese Argumentation verfehlt den Kernpunkt. Im engen reproduktionsbiologischen Sinn bezeichnet "sex" tatsächlich bloß die Vereinigung komplementärer Gameten, also Syngamie. Intimität fällt in den Definitionsbereich der "Erotik" (von griechisch Eros = körperliche Liebe). Natürlich wird der Begriff "Sex" im kulturellen und umgangssprachlichen Kontext wesentlich weiter verwendet. Niemand bestreitet das. Aber daraus folgt nicht, dass der biologische Geschlechts- oder Sexualitätsbegriff plötzlich seine definierende Grundlage verliert.

Die Stellungnahme verweist ausdrücklich auf Alltagssituationen wie Flirten. Gerade dieses Beispiel illustriert jedoch eher die Grenzen der eigenen Argumentation. Ja, der Gametentyp ist sensorisch nicht direkt wahrnehmbar und Menschen reagieren deshalb in erster Linie phänotypisch aufeinander. Aber Menschen können sich auch in ihrer Wahrnehmung irren. Androphile Männer können daher unter Umständen transidentifizierende Frauen (sogenannte "Transmänner") attraktiv finden und mit ihnen flirten. Aber anfängliche Wahrnehmung ist nicht identisch mit geschlechtlicher Zielkategorie. Täuschbarkeit widerlegt keine Kategorien.

Die erotische Fixierung (umgangssprachlich "sexuelle Orientierung") ist definitionsgemäß geschlechtsbezogen. Sie ist nicht bloß eine Präferenz für bestimmte Frisuren, Körperproportionen, Kleidungscodes oder "Genderperformances". Gerade bei Männern ist die erotische Fixierung im Schnitt deutlich exklusiver auf eines der beiden Geschlechter bezogen als bei Frauen [4]. Männliche Androphilie ist daher häufig mit einer ausgeprägten Gynophobie verbunden und umgekehrt [5]. Gemeint ist damit ausdrücklich keine irrationale Angststörung, sondern, analog zu Begriffen wie Hydrophobie oder Lipophilie, eine gerichtete innere Abstoßungsreaktion gegenüber intimer Bezogenheit auf das weibliche Geschlecht.

Wer das für theoretische Wortklauberei hält, sollte sich schlicht fragen, weshalb exklusive gleichgeschlechtliche Partnerschaften überhaupt existieren. Die Vorstellung, ein homoerotisch fixierter Mann könne seine geschlechtliche Zielkategorie beliebig zugunsten phänotypischer Eindrücke umlernen, weil "der Phänotyp das Geschlecht aussticht", kollidiert frontal mit dem Begriff exklusiver Homoerotik (umgangssprachlich "Homosexualität"). Deshalb ist es problematisch, wenn Geschlecht im Namen phänotypischer Alltagstauglichkeit immer weiter relativiert wird.

Auffällig ist auch die wiederholte Verwendung der Formulierung "zugewiesenes Geschlecht". Bereits diese Wortwahl transportiert ein bestimmtes Deutungsmodell, das zumindest erklärungsbedürftig ist. Geschlechter werden bei Menschen nicht "zugewiesen", sondern anhand beobachtbarer Merkmale festgestellt. In der Praxis geschieht dies meist zunächst pränatal per Ultraschall über die Genitalentwicklung und anschließend bei Geburt durch Inspektion der äußeren Genitalien. Dabei handelt es sich nicht um einen Akt sozialer Zuschreibung, sondern um einen diagnostischen Vorgang.

Natürlich können seltene DSD-Zustände in Einzelfällen zu Fehlbestimmungen führen. Bestimmte schwere Formen der Androgenresistenz etwa können insbesondere dort diagnostische Herausforderungen erzeugen, wo medizinische Ressourcen begrenzt sind. Aber aus der Möglichkeit seltener Fehlklassifikationen folgt nicht, dass Geschlecht "zugewiesen" wird. Nach derselben Logik müsste man behaupten, Blutgruppen würden ebenfalls bloß "zugewiesen", weil diagnostische Irrtümer prinzipiell vorkommen können.

Die Vorstellung, Geschlecht entstehe wesentlich durch einen deklarativen Sprechakt, erinnert an performative Ontologien, in denen Realität durch Benennung hervorgebracht wird. In der Religion bedeutet dies, dass Glaubenswahrheiten durch Riten, Symbole und Sprache nicht nur abgebildet, sondern durch ihren Vollzug erschaffen werde (z. B. bei der Konsekration einer Oblate zum Leib Christi durch das Hochgebet des Priesters). Die gbs wandelt also offenbar neuerdings auf neo-religiösen Pfaden.

Nicht zuletzt überzeugen die selektiv gewählten Vorzeigebeispiele Hunter Schafer und Benjamin Melzer als Hinweis auf eine angeblich vollständige phänotypische "Angleichung" nur begrenzt. Selbstverständlich können medizinische Maßnahmen Erscheinungsbilder erheblich verändern. Niemand bestreitet das. Aber eine vollständige geschlechtliche "Angleichung" im biologischen Sinn bleibt unmöglich. Die begleitende Presseveröffentlichung der gbs liefert hierzu eine unfreiwillig komische Illustration. Dort heißt es unter dem KI-generierten Titelbild der Stellungnahme: "Im realen Leben sind trans-Männer von cis-Männern und trans-Frauen von cis-Frauen oft nicht zu unterscheiden."

Giordano-Bruno-Stiftung präsentiert: Das reale* Leben
*erstellt mit KI

Vom unsinnigen Präfix "cis-" für Menschen ohne Geschlechtsidentitätsstörung mal abgesehen: Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, das "reale Leben" ausgerechnet mit einem künstlich erzeugten Bild illustrieren zu wollen. Wir fühlen uns direkt an einen Gag aus der Serie "The Simpsons" erinnert, in der ein TV-Spot den Actionfilm "Truckasaurus: The Movie" mit Marlon Brando als Sprecher der Hauptrolle ankündigt – gefolgt vom schnellen Hinweis aus dem Off: "Sie hörten einen Stimmenimitator."
 
 
Der zugrundeliegende Punkt verdient dennoch eine sachliche Einordnung. Es existiert Forschung zur menschlichen Wahrnehmung sexuellen Dimorphismus, darunter Untersuchungen mit digital manipulierten oder gemorphten "Doppelgesichtern" und künstlichen Zwischenstufen [6][7]. Diese Arbeiten zeigen, dass Menschen selbst bei graduell veränderten Stimuli häufig erstaunlich sensitiv auf sexuell dimorphe Merkmalsmuster reagieren. Gleichzeitig zeigen solche Befunde aber auch etwas, das zur Vollständigkeit nicht unerwähnt bleiben sollte: Bei einem Teil transidentifizierender Personen können tatsächlich vergleichsweise geringe hormonelle oder ästhetische Veränderungen genügen, um ein überzeugendes visuelles Passing zu ermöglichen. Doch daraus folgt wiederum nicht, dass Geschlecht verschwände oder durch visuelle Ambiguität bedeutungslos würde.

Vom evolutionären Humanismus zur postmodernen Dekonstruktion

Ohne auf die weiteren Inhalte der gbs-Stellungnahme noch weiter einzugehen, bleibt am Ende eine bemerkenswerte Irritation zurück. Die Giordano-Bruno-Stiftung versteht sich als Vertreterin des evolutionären Humanismus, des Naturalismus, wissenschaftlicher Rationalität und skeptischer Aufklärung. Umso erstaunlicher wirkt es, wenn ausgerechnet ihre evolutionsbiologische Argumentation Muster reproduziert, die man sonst eher aus postmodernen oder poststrukturalistischen Denkansätzen kennt.

Biologische Kategorien werden semantisch fragmentiert. Definitionen werden zugunsten kontextabhängiger Perspektiven aufgeweicht. Subjektive Selbstwahrnehmung gewinnt interpretative Priorität gegenüber funktionalen Naturkategorien. Und dort, wo robuste evolutionsbiologische Definitionen unbequem werden, erscheinen plötzlich neue Hilfskonstruktionen wie das "Gametengeschlecht", das anschließend ebenso rasch wieder dekonstruiert werden darf. Das ist bemerkenswert. Nicht, weil biologische Kategorien über Kritik erhaben wären, denn Wissenschaft lebt von Kritik. Sondern weil hier ausgerechnet eine Stiftung, die sich ausdrücklich auf Evolution und Naturalismus beruft, an entscheidenden Stellen eine Argumentationsweise übernimmt, die biologische Begriffe eher als verhandelbare Sprachspiele behandelt.

Fazit

Die Stellungnahme der Giordano-Bruno-Stiftung zur Transgender-Thematik enthält durchaus biologisch belastbare Elemente, insbesondere dort, wo sie die evolutionsbiologischen Grundlagen der Zweigeschlechtlichkeit korrekt referiert. Dadurch fällt der anschließende Kurswechsel aber umso stärker ins Gewicht. Geschlecht wird schrittweise in Teilkategorien zerlegt, terminologisch umetikettiert, funktional verengt und schließlich relativiert, bis biologische Definitionen hinter subjektiver Wahrnehmung, kulturellem Kontext und phänotypischer Alltagserfahrung zurückzutreten beginnen. Aus sexualbiologischer Perspektive überzeugt das nicht. Die Zweigeschlechtlichkeit ist keine soziale Konvention, sondern eine evolutionsbiologische Organisationsstruktur. Man kann aus ihr unterschiedliche ethische, juristische oder gesellschaftspolitische Konsequenzen ableiten. Aber man sollte wenigstens sauber benennen, an welcher Stelle Biologie endet und normative Interpretation beginnt, statt zugunsten normativer Ziele die Biologie einerseits zu relativieren, um sie andererseits als argumentatives Werkzeug zweckzuentfremden.

Quellen

[1] Thorsten Barnickel, Jessica Hamed, Michael Schmidt-Salomon, Volker Sommer (2026). Von Fremd- zu Selbstbestimmung. Warum das Ende des Transsexuellengesetzes überfällig war. Stellungnahme der Giordano-Bruno-Stiftung, Oberwesel. https://www.giordano-bruno-stiftung.de/sites/gbs/files/gbs_stellungnahme_sbgg_tsg_2026.pdf

[2] Peter A. Lee, Christopher P. Houk, S. Faisal Ahmed, Ieuan A. Hughes, in collaboration with the participants in the International Consensus Conference on Intersex organized by the Lawson Wilkins Pediatric Endocrine Society and the European Society for Paediatric Endocrinology; Consensus Statement on Management of Intersex Disorders. Pediatrics August 2006; 118 (2): e488–e500. DOI: 10.1542/peds.2006-0738

[3] Laut Fischer, B., Sedlmeier, A.M., Hartwig, S. et al. Anthropometrische Messungen in der NAKO Gesundheitsstudie – mehr als nur Größe und Gewicht. Bundesgesundheitsbl 63, 290–300 (2020). https://doi.org/10.1007/s00103-020-03096-w
 
[4] Diamond, L.M. Sexual Fluidity in Male and Females. Curr Sex Health Rep 8, 249–256 (2016). https://doi.org/10.1007/s11930-016-0092-z
 
[5] O’Handley, B. M., Blair, K. L., & Hoskin, R. A. (2017). What do two men kissing and a bucket of maggots have in common? Heterosexual men’s indistinguishable salivary α-amylase responses to photos of two men kissing and disgusting images. Psychology & Sexuality, 8(3), 173–188. https://doi.org/10.1080/19419899.2017.1328459
 
[6] Del Giudice M. Multivariate misgivings: is D a valid measure of group and sex differences? Evol Psychol. 2013 Dec 14;11(5):1067-76. doi: 10.1177/147470491301100511.

[7] Gillian Rhodes, Linda Jeffery, Tamara L. Watson, Emma Jaquet, Chris Winkler, Colin W.G. Clifford, Orientation-Contingent Face Aftereffects and Implications for Face-Coding Mechanisms, Current Biology, Volume 14, Issue 23, 2004, Pages 2119-2123, ISSN 0960-9822, https://doi.org/10.1016/j.cub.2004.11.053.

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