Im Februar 2023 berichtete 'The Telegraph' (Sarah Knapton, Science Editor) über einen Vorstoß des sogenannten EEB Language Project, das dazu aufruft, in den Evolutions- und Ökologiewissenschaften etablierte Begriffe wie "männlich", "weiblich", "Mann", "Frau", "Mutter" oder sogar "survival of the fittest" zu vermeiden und durch alternative, als inklusiver verstandene Formulierungen zu ersetzen: Use 'egg-producing' not 'female', say scientists in call to phase out binary language
Begründet wird dies mit der These, traditionelle Terminologie reproduziere ein "binäres" und "heteronormatives" Weltbild und könne daher "schädlich" sein. Der Vorschlag hat international Aufmerksamkeit erregt – nicht zuletzt, weil er einen Kernbereich der Biologie betrifft: die Beschreibung von Geschlecht, Fortpflanzung und Selektion. Dieser Vorstoß wirft daher grundlegende wissenschaftstheoretische Fragen auf.
Biologische Sprache ist kein soziales Etikett
Biologische Fachsprache ist historisch nicht zufällig entstanden. Begriffe wie männlich und weiblich bezeichnen in der Sexualbiologie keine sozialen Rollen oder Identitäten, sondern klar definierte reproduktive Kategorien. Organismen, die kleine, bewegliche Gameten (Spermien bei Tieren bzw. Spermazellen bei Pflanzen) produzieren, versus solche, die große, nährstoffreiche Gameten (Eizellen) hervorbringen. Diese Unterscheidung – die Anisogamie – ist kein kulturelles Konstrukt, sondern ein evolutionsbiologisches Faktum, das sich quer durch das Tierreich zieht.
Die vom EEB Language Project vorgeschlagenen Ersatzbegriffe wie "sperm-producing" und "egg-producing" wirken auf den ersten Blick präzise, sind es aber nur scheinbar. Sie umschreiben exakt das, was die Begriffe männlich und weiblich seit jeher bezeichnen – ohne einen wissenschaftlichen Mehrwert zu liefern. Sie fragmentieren etablierte Konzepte und erschweren den Anschluss an bestehende Literatur, Theorien und Datensätze.
Man kann diesen Punkt mit einem einfachen Gedankenexperiment verdeutlichen: Angenommen, die Biologie hätte historisch nicht die Begriffe männlich und weiblich geprägt, sondern von Beginn an ausschließlich von "spermienproduzierenden" und "eizellenproduzierenden" Organismen gesprochen. Diese Begriffe hätten über Jahrzehnte hinweg Eingang in Lehrbücher, Forschung, Medizin und schließlich auch in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden und dort gesellschaftliche Relevanz erlangt. Unter diesen Bedingungen ist es höchst plausibel, dass genau diese Bezeichnungen heute als "problematisch" kritisiert würden – etwa weil sie Individuen auf ihre reproduktive Funktion reduzierten, weil sie Menschen ohne Gametenproduktion ausschlössen oder weil sie als "biologistisch" und normierend empfunden würden. In einer solchen alternativen historischen Entwicklung würden Aktivisten vermutlich fordern, die vermeintlich neutraleren Kategorien (wie "männlich" und "weiblich"?) einzuführen, um die "schädliche" Fixierung auf Reproduktion zu überwinden.
Es ist also nicht der biologische Gehalt der Begriffe, der hier im Fokus steht, sondern ihre soziale Sichtbarkeit und kulturelle Aufladung. Genau darin liegt das eigentliche Problem – eine Wissenschaftssprache, die fortlaufend an politische Stimmungen angepasst wird, kann keine stabile Grundlage für Erkenntnis mehr bieten.
Geschlecht ist binär
Ein zentrales Argument der Projektinitiatoren lautet, die Begriffe "männlich" und "weiblich" würden suggerieren, Geschlecht sei binär. Aus sexualbiologischer Sicht ist aber genau das tatsächlich der Fall. Die Binarität ergibt sich nicht aus Chromosomen, Hormonen oder äußeren Merkmalen, sondern aus der fundamentalen Zweiteilung der Gameten. Natürlich existieren Variationen in der Entwicklung, im Phänotyp und in physiologischen Merkmalen. Diese Vielfalt ist real und biologisch erklärbar. Sie begründet jedoch keine zusätzlichen Geschlechter, sondern stellt Modifikationen innerhalb der beiden gametischen Klassen dar. Wer diese Ebenen vermischt, betreibt keine Präzisierung, sondern Begriffsauflösung.
Hinzu kommt, dass die vorgeschlagenen Ersatzbegriffe die behauptete Binarität inhaltlich gar nicht auflösen, sondern lediglich sprachlich umetikettieren. Solange es in der sexuellen Fortpflanzung nur zwei Gametentypen gibt, bleibt Geschlecht notwendigerweise binär – unabhängig davon, ob man die zugehörigen Organismen männlich und weiblich nennt oder als "spermienproduzierend" und "eizellenproduzierend" beschreibt. Eine dritte oder vierte Kategorie entsteht durch diese Umbenennung nicht, da es dafür kein biologisches Substrat gibt. Kategorien jenseits dieser beiden Klassen existieren real nicht und können folglich auch nicht durch Sprache "inklusiv" abgebildet werden. Die Forderung nach alternativer Terminologie suggeriert damit eine Offenheit, die auf der Ebene der zugrundeliegenden Biologie schlicht nicht vorhanden ist.
Wenn Inklusivität auf Kosten der Präzision geht
Das EEB Language Project vertritt die Meinung, dass Begriffe wie "Fitness" in "survival of the fittest", Menschen mit Behinderungen diskriminiere und mit Eugenik in Verbindung stehe. Wissenschaft lebt jedoch von klaren, stabilen Begriffen. Der Anspruch, Sprache müsse primär potenzielle soziale Kränkungen vermeiden, verschiebt den Zweck wissenschaftlicher Terminologie. Begriffe wie "Fitness" beschreiben wohldefinierte Konzepte der Evolutionsbiologie: den relativen Fortpflanzungserfolg von Varianten in einer Population. Sie auf individuelle Lebensschicksale oder moralische Wertungen zu beziehen, ist eine Kategorienverwechslung.
Dass evolutionäre Fitness nicht alle Individuen einbezieht, die keine Nachkommen haben, ist kein Mangel des Begriffs, sondern ausdrücklich ein bestimmender Teil seiner Definition. Evolution wirkt nicht auf das Wohlbefinden Einzelner, sondern auf die statistische Reproduktion von Merkmalen. Wer diesen Umstand sprachlich verwischt, vernebelt das Verständnis evolutionärer Prozesse.
Vor allem der Eugenik-Vorwurf scheint weniger einer präzisen historischen oder fachlichen Analyse zu entspringen, sondern erfüllt vor allem eine rhetorische Funktion: Er versieht einen etablierten wissenschaftlichen Begriff mit einer starken moralischen Negativkonnotation. Wer an der Terminologie festhält, gerät dadurch implizit in den Verdacht, menschenfeindliche oder diskriminierende Positionen zu tolerieren. Auf diese Weise wird keine sachliche Debatte über Begriffspräzision geführt, sondern ein moralischer Druck aufgebaut, der auf Konformität abzielt. Sprache soll nicht deshalb geändert werden, weil sie wissenschaftlich unzulänglich ist, sondern weil ihre Beibehaltung als ethisch anstößig markiert wird. Eine solche Moralisierung der Fachsprache läuft auf eine Form moralischer Erpressung hinaus, wie wir sie in der deutschen Alltagssprache mit Begriffen wie "Mohrenapotheke", "Indianer" oder "Zigeunerschnitzel" erleben. Wer sich der geforderten Sprachänderung verweigert, muss damit rechnen, moralisch diskreditiert zu werden – unabhängig von der fachlichen Qualität seiner Argumente.
Sprache verändern heißt Theorie verändern
Besonders problematisch ist die implizite Annahme des EEB Language Project, Sprache könne neutral "angepasst" werden, ohne die zugrundeliegende Theorie zu berühren. Tatsächlich ist Fachsprache eng mit den Konzepten verknüpft, die sie trägt. Wenn Begriffe wie "männlich" und "weiblich" aus der Biologie verdrängt werden, wird nicht nur Sprache geändert, sondern das theoretische Fundament der Sexualbiologie unterminiert.
Der im Telegraph-Artikel zitierte Bildungsforscher Frank Furedi spricht hier treffend von einem Übergang von Wissenschaft zu "ideologischer Interessenvertretung". Wissenschaftliche Begriffe verlieren ihre Funktion, wenn sie primär nach politischer Anschlussfähigkeit und nicht nach empirischer Trennschärfe bewertet werden.
Fazit
Die biologische Fachsprache aus Angst vor Missverständnissen oder ideologischer Kritik zu entkernen, halten wir für einen Irrweg. Präzision ist keine Ausgrenzung, und Binarität im biologischen Sinne ist kein soziales Werturteil. Die Zweigeschlechtlichkeit auf Basis der Anisogamie ist ein erklärungsstarkes, empirisch robustes Modell, das weder durch sprachliche Umschreibungen noch durch moralische Aufladung verbessert wird. Inklusion in der Wissenschaft bedeutet, Menschen den Zugang zur Erkenntnis zu ermöglichen – nicht, die Erkenntnis selbst sprachlich zu relativieren. Eine Wissenschaft, die ihre zentralen Begriffe aufgibt, verliert nicht nur an Klarheit, sondern auch an Erklärungs- und Bildungskraft.