Sonntag, 4. Januar 2026

Lurch des Jahres: Botschafter der Alpen mit faszinierender Fortpflanzung

Alpensalamander (Salamandra atra)
Bild von Tom auf Pixabay
Die AG Feldherpetologie und Artenschutz der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) e.V. hat den Alpensalamander (Salamandra atra) zum "Lurch des Jahres 2026" gekürt. Hierbei handelt es sich um eine Auszeichnung, die alljährlich Amphibien und Reptilien in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rückt und auf ihre besondere Bedeutung für unsere Natur sowie auf bestehende Schutzbedarfe aufmerksam macht. Mit der diesjährigen Wahl wird ein ungewöhnlicher, überwiegend im Hochgebirge lebender Schwanzlurch vorgestellt, dessen Lebensweise, Fortpflanzungsbiologie und Gefährdungsfaktoren beispielhaft für die Herausforderungen alpiner Lebensräume stehen.

Ein Bewohner der kühlen Höhen

Der Alpensalamander ist ein in den Alpen heimischer Schwanzlurch, der durch seine einfarbig schwarzglänzende Haut auffällt und sich deutlich von anderen europäischen Amphibien unterscheidet. Sein Verbreitungsgebiet reicht von den hohen Lagen der Alpen bis zu einigen angrenzenden Gebirgszügen des Balkans, wobei er in Deutschland nur in den südlichen Regionen Bayerns und im äußersten Südosten Baden-Württembergs vorkommt. In feuchten Bergwäldern, strukturreichen Alpweiden, Schutthalden und Heiden als seinem bevorzugten Lebensraum findet dieser Lurch die kühlen, feuchten Mikroklimata, die er zum Überleben braucht. Typischerweise hält er sich unter Steinen, in Felsspalten oder in Totholzhaufen versteckt, um Austrocknung zu vermeiden und die streng terrestrischen Lebensbedingungen zu meistern. Im Gegensatz zu den meisten Amphibien ist der Alpensalamander als besondere Anpassung an die oft wasserarmen Hochgebirge nämlich nicht auf Gewässer zur Fortpflanzung angewiesen.

Eine außergewöhnliche Fortpflanzungsbiologie

Das wohl faszinierendste Merkmal des Alpensalamanders ist seine Fortpflanzung. Während die Mehrheit der Amphibien Eier legt und eine aquatische Larvenphase durchläuft, praktiziert Salamandra atra eine echte Viviparie: Die Paarung findet an Land statt, die Befruchtung ist intern, und die Entwicklung der Larven erfolgt komplett im Mutterleib. Nach einer extrem langen Tragzeit von zwei bis vier Jahren bringt das Weibchen in der Regel zwei vollständig entwickelte Jungtiere zur Welt. Damit hält der Alpensalamander den Rekord für die längste bekannte Schwangerschaft unter Wirbeltieren.

Die embryonale Ernährung ist dabei besonders spannend: Die sich entwickelnden Larven fressen zunächst unbefruchtete Eier (Oophagie) und später sogar spezielle Zellen des Uterus (Epitheliophagie), die durch die Mutter bereitgestellt werden, bis sie geboren werden [1]. Evolutionsbiologisch ist das ein echter "Gamechanger": Die Jungtiere entwickeln sich nicht nur geschützt im Körper der Mutter, sondern werden dort auch aktiv versorgt. Damit verschiebt sich die Entwicklung weg von einer rein dotterbasierten Ernährung hin zu einer Form der mütterlichen Nährstoffversorgung, die in der Evolutionsbiologie als Matrotrophie bezeichnet wird. Zwar besitzt der Alpensalamander keine Plazenta wie Säugetiere, doch funktional ist das Prinzip vergleichbar: Der Nachwuchs erhält Ressourcen direkt aus dem Körper der Mutter, was man als plazenta-ähnliche Strategie beschreiben kann. Solche Systeme sind spannend, weil sie zeigen, wie sich immer intensivere Mutter-Kind-Interaktionen schrittweise entwickeln können – von "Eier im Körper austragen" hin zu einer immer stärkeren physiologischen Versorgung. Für das Leben in kalten, oft gewässerarmen Hochlagen ist das ein enormer Vorteil, denn es macht den Alpensalamander vollständig unabhängig von Laichgewässern. Diese Form der Jungtierversorgung ist eine bemerkenswerte Anpassung an das Leben in kalten, oft gewässerarmen Hochlagen, denn sie macht den Alpensalamander vollständig unabhängig von Laichgewässern.

Dieser komplexe intrauterine Entwicklungsprozess macht den Alpensalamander zu einem unikalen Forschungsobjekt in der Evolutionsbiologie und zu einer Ausnahme unter den mitteleuropäischen Lurchen. Zusätzlich bringt dieses Fortpflanzungssystem eine sehr geringe Reproduktionsrate mit sich, bei der sich ein einzelnes Weibchen meist nur alle drei bis fünf Jahre vermehrt. Diese enorme Investition in wenige, dafür vollständig entwickelte Jungtiere macht den Alpensalamander perfekt angepasst an das raue Hochgebirge, sie bedeutet aber zugleich, dass sich Bestände nur sehr langsam erholen können, wenn sie einmal unter Druck geraten.

Bedrohungen und Schutz

Trotz seiner in manchen Regionen noch stabiler Bestände steht der Alpensalamander vor mehreren Herausforderungen. Der natürliche Klimawandel sowie anthropogene Einflüsse wie Freizeitnutzung alpiner Landschaften und Lebensraumverlust durch Infrastrukturmaßnahmen setzen dieser hochspezialisierten Art zu. Besonders alarmierend ist die potenzielle Bedrohung durch den Salamander-Chytridpilz Batrachochytrium salamandrivorans (Bsal), der bei anderen Salamanderarten bereits verheerende Bestandsrückgänge verursacht hat und auch für Salamandra atra gefährlich sein könnte, wie experimentelle Studien nahelegen [2]. Weitere Risiken entstehen durch Zerschneidung von Lebensräumen, Verkehrstod auf Bergstraßen sowie durch die fortschreitende Erderwärmung, welche die kühlen, feuchten Lebensräume des Alpensalamanders schrumpfen lässt [3]. Schutzmaßnahmen umfassen daher nicht nur die Bewahrung geeigneter Lebensräume und die Minimierung direkter anthropogener Störungen, sondern auch Monitoring-Programme und gezielte Forschung zur Krankheitsprävention. Öffentlichkeitsarbeit sowie Sensibilisierung für den Schutz alpiner Ökosysteme sind zentrale Anliegen der Auszeichnung als Lurch des Jahres.

Fazit

Die Wahl des Alpensalamanders zum Lurch des Jahres 2026 trifft den Nerv einer Zeit, in der die Biodiversität unserer Gebirgslandschaften stärker ins Blickfeld rücken muss. Diese geheimnisvollen, schwarz glänzenden Salamander symbolisieren nicht nur die einzigartige Vielfalt alpiner Lebensräume, sondern auch deren Anfälligkeit gegenüber Klimaveränderungen und anderen anthropogenen Belastungen. Mit seiner ungewöhnlichen Lebensweise, insbesondere der viviparen Fortpflanzung, eröffnet der Alpensalamander faszinierende Einblicke in die Anpassungsfähigkeit von Amphibien. Zugleich mahnt er, dass spezialisierte Arten oft besonders verletzlich sind und effektiven Schutz brauchen.

Quellen

[1] Guex, G.D., Chen, P.S. Epitheliophagy: Intrauterine cell nourishment in the viviparous alpine salamander,Salamandra atra (Laur.). Experientia 42, 1205–1218 (1986). https://doi.org/10.1007/BF01946392

[2] Böning P, Lötters S, Barzaghi B, Bock M, Bok B, Bonato L, et al. (2024) Alpine salamanders at risk? The current status of an emerging fungal pathogen. PLoS ONE 19(5): e0298591. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0298591

[3] Koblmüller, S., Schäffer, S., Donabaum, R., Sedlmayr, I., Kammel, W., Bernhart, E., & Zangl, L. (2025). Unique and Under Pressure: Conservation Genetics of an Isolated Alpine Salamander Population. Biology, 14(10), 1428. https://doi.org/10.3390/biology14101428

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