Dienstag, 14. April 2026

Wie der SPIEGEL eine Hochbegabten-Studie interpretiert

Der 'Spiegel' hat kürzlich unter der Schlagzeile "Hochbegabte Männer sind weniger konservativ" über eine neue Studie zu politischen Einstellungen hochbegabter Menschen berichtet. Grundlage ist eine Untersuchung aus dem Fachjournal 'Intelligence', die wir bereits in einem früheren Blogbeitrag vorgestellt haben (siehe Intelligenz, politische Einstellung und Geschlecht). Während unser erster Beitrag die Primärquelle selbst in den Mittelpunkt stellte, lohnt sich nun ein zweiter Blick: Wie werden die Ergebnisse medial interpretiert? Und wird die Studie dabei korrekt wiedergegeben?

Studien-Design und zentrale Fragestellung

Der Spiegel-Artikel greift ein interessantes Detail der Untersuchung heraus und formuliert zugespitzt, hochbegabte Männer seien "weniger konservativ". Diese Aussage ist zwar nicht völlig falsch, aber sie greift deutlich zu kurz und läuft Gefahr, ein verzerrtes Gesamtbild zu erzeugen. Wie bereits in unserem vorherigen Beitrag dargestellt, basiert die Studie "Exploring exceptional minds: Political orientations of gifted adults" von Krolo, Sparfeldt und Rost (2026) [1] auf einer Langzeituntersuchung, die über mehr als drei Jahrzehnte hinweg dieselben Personen begleitet hat. Im Erwachsenenalter wurden deren politische Einstellungen sowohl eindimensional auf einer Links-Rechts-Skala als auch differenzierter über mehrere ideologische Dimensionen erfasst. Ein zentrales Ergebnis lautet dabei zunächst, dass zwischen hochbegabten und durchschnittlich intelligenten Personen keine signifikanten Unterschiede in der allgemeinen politischen Selbstverortung bestehen. Alle Gruppen, unabhängig von Intelligenz oder Geschlecht, ordnen sich im Mittel nahe der politischen Mitte ein.

Dieser zentrale Befund steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zur medialen Darstellung. Denn er widerspricht der impliziten Lesart, es gäbe eine klare politische Richtung, die mit Intelligenz korreliert. Tatsächlich zeigt die neue Studie eher das Gegenteil. Nicht-Hochbegabte sind politisch keineswegs radikaler oder einseitiger, sondern im Durchschnitt ebenso moderat wie die hochbegabte Vergleichsgruppe. Der vom Spiegel zitierte Unterschied betrifft ausschließlich eine spezifische Konstellation innerhalb eines einzelnen Teilbereichs. In der mehrdimensionalen Analyse zeigt sich ein statistisch signifikanter Effekt nur beim Merkmal "Konservatismus" (verstanden als Orientierung an Tradition und kulturelle Normen) und zwar nur bei Männern. Dabei unterscheiden sich hochbegabte Männer nicht signifikant von allen anderen, sondern lediglich nicht-hochbegabte Männer weisen höhere Werte in dieser Dimension auf als hochbegabte Männer. Gerade dieser Punkt ist entscheidend für die Interpretation. Die Studie zeigt keinen generellen Zusammenhang im Sinne von "weniger Intelligenz gleich mehr Konservatismus" oder umgekehrt. Sie identifiziert lediglich einen relativ spezifischen Effekt in einer Teilgruppe von begrenzter Größe. Die Autoren betonen selbst die vorsichtige Interpretation und verweisen auf weiteren Forschungsbedarf.

Zwischen Wissenschaft und medialer Zuspitzung

Der Spiegel-Artikel stellt diesen differenzierten Befund jedoch in einen breiteren Kontext, der leicht missverstanden werden kann. Durch die Verbindung mit älteren Forschungsergebnissen, die schwache Korrelationen zwischen Intelligenz und politischer Orientierung zeigten, entsteht der Eindruck einer klareren und robusteren Beziehung, als sie die vorliegende Studie tatsächlich belegt. Besonders problematisch ist dabei die mögliche Lesart, konservative Männer seien im Durchschnitt weniger intelligent. Die Spiegel behauptet dies zwar nicht explizit, insinuiert dies jedoch durch das Verschweigen zentraler Ergebnisse der Studie. Denn eine solche Schlussfolgerung lässt sich aus den Daten ausdrücklich nicht ableiten.

Die Studie diskutiert verschiedene Erklärungsansätze, etwa die sogenannte Cognitive-Complexity-Openness-Hypothese. Diese besagt, dass intelligentere Menschen komplexere und weniger starre politische Sichtweisen entwickeln könnten. Gleichzeitig zeigen die Daten, dass sich diese mögliche kognitive Offenheit nicht in klaren ideologischen Lagern niederschlägt, sondern eher in moderaten, ausgewogenen Positionen. Intelligente Menschen rücken deshalb sowohl von einseitig konservativen als auch einseitig progressiven Ideologien in Richtung Mitte. Genau das spricht gegen einfache Zuordnungen wie "intelligent gleich links-progressiv" oder "weniger intelligent gleich konservativ-rechts".

Letztlich zeigt sich hier erneut ein typisches Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation. Während wissenschaftliche Studien oft differenzierte, teilweise auch unspektakuläre Befunde liefern, besteht in der Berichterstattung die Tendenz zur selektiven Zuspitzung. Einzelne Ergebnisse werden hervorgehoben und verallgemeinert, während andere, durchaus aufschlussreiche Befunde in den Hintergrund treten.

Fazit

Die vorliegende Studie liefert einen wichtigen Beitrag zur Erforschung politischer Einstellungen hochbegabter Menschen, gerade durch ihre langfristige Anlage und differenzierte Methodik. Ihre Kernaussage ist jedoch deutlich zurückhaltender, als es manche mediale Darstellung nahelegt. Es gibt keine generellen Unterschiede in der politischen Orientierung zwischen hochbegabten und durchschnittlich intelligenten Menschen. Der einzige signifikante Effekt betrifft eine spezifische Geschlechterkonstellation im Bereich des Konservatismus und erlaubt keine weitreichenden Verallgemeinerungen. Wer aus diesen Ergebnissen ableitet, konservative Männer seien im Durchschnitt weniger intelligent, verlässt den Boden der empirischen Daten.

Quellen

[1] Maximilian Krolo, Jörn R. Sparfeldt, Detlef H. Rost, Exploring exceptional minds: Political orientations of gifted adults, Intelligence, Volume 114, 2026, 101986, ISSN 0160-2896, https://doi.org/10.1016/j.intell.2025.101986.

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