Eine aktuelle Studie aus Schweden widmet sich einer Frage, die in öffentlichen Debatten oft emotional diskutiert, wissenschaftlich aber bislang nur selten systematisch untersucht wurde: Verändert eine gegengeschlechtliche Hormontherapie die Persönlichkeit? Forscher des Karolinska Institutet und der Karolinska Universitätsklinik in Stockholm analysierten dazu Persönlichkeitsmerkmale von transidentifizierenden Personen vor Beginn einer gegengeschlechtlichen Hormontherapie und erneut nach mindestens sechs Monaten Behandlung. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal 'Comprehensive Psychoneuroendocrinology' veröffentlicht [1].
Kerninhalt der Studie
Die Forscher untersuchten Veränderungen anhand des international etablierten Persönlichkeitsmodells der sogenannten "Big Five". Dabei geht es um die fünf großen Persönlichkeitsdimensionen Neurotizismus, Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit.
Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Persönlichkeit durch Hormone offenbar weniger drastisch verändert, als manche vermuten. Gleichzeitig deuten einige Befunde darauf hin, dass hormonelle Veränderungen durchaus mit bestimmten psychischen und emotionalen Entwicklungen zusammenhängen können.
Die Frage nach dem Einfluss von Sexualhormonen auf Verhalten und Persönlichkeit beschäftigt die Forschung seit Jahrzehnten. Bekannt ist bereits, dass Männer und Frauen im Durchschnitt bei einigen Persönlichkeitsmerkmalen unterschiedliche Werte zeigen. Frauen erreichen in vielen Untersuchungen beispielsweise höhere Werte bei "Verträglichkeit" oder "Neurotizismus", während Männer häufig etwas höhere Werte bei Durchsetzungsfähigkeit oder Risikofreude aufweisen. Bislang war jedoch kaum untersucht worden, wie sich eine gezielte Veränderung des Hormonhaushalts im Rahmen einer gegengeschlechtlichen Behandlung auf solche Persönlichkeitsdimensionen auswirkt.
Methodik
An der Studie nahmen insgesamt 58 Transgender-Personen teil. Diese Kohorte bestand aus 34 transidenten Frauen, die eine testosteronbasierte Hormontherapie erhielten (nachfolgend "Transmänner" genannt), sowie 24 transidenten Männern, die eine feminisierende Behandlung mit Estradiol und Antiandrogenen begannen ("Transfrauen"). Alle Probanden füllten vor Beginn der Behandlung und nach mindestens sechs Monaten erneut den umfangreichen Persönlichkeitsfragebogen NEO-PI-R aus. Dieser gilt als eines der bekanntesten Instrumente der Persönlichkeitspsychologie. Er erfasst nicht nur die fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit, sondern auch zahlreiche Unterbereiche.
Die Forscher schlossen Personen mit schweren psychiatrischen oder neurologischen Erkrankungen aus, um mögliche Störeinflüsse möglichst gering zu halten. Dennoch betonen sie selbst, dass soziale Faktoren wie beispielsweise Coming-out-Erfahrungen oder Veränderungen der Lebenssituation ebenfalls Einfluss auf die Ergebnisse gehabt haben könnten.
Testosteron und sinkender Neurotizismus
Besonders auffällig waren die Veränderungen bei den Transmännern unter Testosterontherapie. In dieser Gruppe sanken die Werte im Bereich "Neurotizismus" signifikant. Neurotizismus beschreibt in der Persönlichkeitspsychologie die Tendenz, emotional belastbar oder eben emotional verletzlich zu sein. Menschen mit hohen Neurotizismus-Werten berichten häufiger von Ängstlichkeit, Unsicherheit, Grübeln oder emotionaler Instabilität. Interessanterweise zeigten sich die stärksten Veränderungen in den Unterbereichen "Depression" und "Verletzlichkeit". Transmänner wirkten nach mehreren Monaten Testosterontherapie emotional stabiler und weniger anfällig für Belastung.
Diese Befunde passen zu früheren Studien, die ebenfalls Verbesserungen psychischer Belastung unter geschlechtsangleichender Hormontherapie beobachtet haben. Gleichzeitig ist jedoch Vorsicht geboten. Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass Testosteron automatisch psychische Probleme "heilt". Wahrscheinlich spielen mehrere Faktoren zusammen, etwa soziale Anerkennung oder die Erleichterung nach Beginn der Behandlung. In der Transgender-Forschung wird der sogenannte "Honeymoon-Effekt" diskutiert, der kurzfristig positive Ergebnisse liefert.
Mehr emotionale Offenheit bei Transfrauen
Bei den Transfrauen zeigten sich insgesamt deutlich weniger Veränderungen. Dennoch fanden die Forscher einen interessanten Effekt: Der Unterbereich "Gefühle" innerhalb der Persönlichkeitsdimension "Offenheit" nahm zu. Dieser Bereich beschreibt unter anderem die Bereitschaft, eigene Gefühle bewusst wahrzunehmen und emotionalen Erfahrungen Aufmerksamkeit zu schenken.
Diese Ergebnisse könnten darauf hindeuten, dass feminisierende Hormontherapie emotionale Selbstwahrnehmung oder emotionale Ausdrucksfähigkeit beeinflusst. Allerdings waren die Veränderungen insgesamt eher moderat. Bemerkenswert ist zudem, dass die Transfrauen im Gegensatz zu den Transmännern keine deutliche Verbesserung beim Neurotizismus zeigten. Die Autoren diskutieren sogar, dass dies klinisch relevant sein könnte, da emotionale Belastungen in dieser Gruppe teilweise bestehen blieben: "The reduction in “Neuroticism” and “Vulnerability” in the AFAB with treatment, but a worsening or no change in the AMAB may be concerning."
Persönlichkeit bleibt insgesamt erstaunlich stabil
Vielleicht die wichtigste Erkenntnis der Studie lautet, dass die Persönlichkeit sich durch eine Hormontherapie nicht grundlegend verändert. Obwohl einzelne Bereiche statistisch signifikante Veränderungen zeigten, blieben die meisten Persönlichkeitsdimensionen über die Zeit relativ stabil. Das entspricht auch der allgemeinen psychologischen Forschung. Persönlichkeit gilt im Erwachsenenalter als vergleichsweise konstant. Die Ergebnisse widersprechen damit vereinfachenden Vorstellungen, nach denen Hormone Menschen völlig "umprogrammieren" würden. Vielmehr scheint es eher um feine Verschiebungen bestimmter emotionaler oder sozialer Tendenzen zu gehen.
Ein weiterer spannender Aspekt der Studie betrifft die Ausgangswerte vor Beginn der Behandlung. Die Unterschiede zwischen den Gruppen entsprachen nur teilweise den bekannten Unterschieden zwischen Männern und Frauen. Die Forscher diskutieren deshalb die Möglichkeit, dass transidente Personen nicht einfach entlang einer klassischen männlich-weiblichen Achse eingeordnet werden können. Vielmehr könnten sich eigenständige Muster ergeben. Diese Überlegung knüpft an neuere neurobiologische Forschung an. Einige Studien zur Hirnstruktur bei Transgender-Personen deuten ebenfalls darauf hin, dass sich keine simple "Verschiebung" hin zu typisch männlichen oder typisch weiblichen Mustern beobachten lässt (siehe Das "Transgender-Gehirn").
Ergänzung bekannter Befunde
Die vorliegende Persönlichkeitsstudie ergänzt die neurobiologische Perspektive anderer aktueller Arbeiten wie beispielsweise den Preprint von Hüpen et al., über den wir bereits an anderer Stelle berichteten (siehe Wie Hormonbehandlungen das erwachsene Gehirn verändern) [2]. Während die schwedische Big-Five-Studie nur moderate Veränderungen der Persönlichkeit fand, beschreibt diese MRT-Studie bereits nach einigen Monaten gegengeschlechtlicher Hormontherapie messbare strukturelle Veränderungen des Gehirns. Dazu zählen unter anderem Veränderungen der kortikalen Dicke und Hirnfaltung in Regionen mit hoher Dichte an Sexualhormonrezeptoren.
Auf den ersten Blick wirken beide Arbeiten teilweise widersprüchlich. Tatsächlich untersuchen beide Studien jedoch unterschiedliche Ebenen: Die eine misst relativ stabile Persönlichkeitsmerkmale, die andere biologische Hirnveränderungen und subjektives Wohlbefinden. Beides steht wechselseitig miteinander in Zusammenhang, ist jedoch nicht gleichzusetzen. Menschen können sich psychisch deutlich besser fühlen, ohne dass sich ihre grundlegende Persönlichkeit stark verändert. Besonders interessant ist, dass beide Arbeiten zwar ausschließlich Erwachsene untersuchten und dennoch hormonelle Effekte beobachteten.
Die Grenzen der Studie
Die schwedische Untersuchung hat jedoch mehrere Einschränkungen. Die Teilnehmerzahl war relativ klein, was ein typisches Problem solcher Transgender-Kohrtenstudien ist. Außerdem wurden die Veränderungen nur über etwa sechs Monate verfolgt. Langfristige Entwicklungen bleiben daher offen. Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem solcher Forschung: Persönlichkeit wird nie ausschließlich biologisch geprägt. Der Beginn einer gegengeschlechtlichen Behandlung verändert oft viele Lebensbereiche gleichzeitig. Betroffene erleben mehr soziale Akzeptanz, beginnen offener zu leben oder verändern ihr Umfeld. Solche extrinsischen Faktoren können psychische Veränderungen ebenfalls beeinflussen.
Die Forscher betonen deshalb ausdrücklich, dass sich die beobachteten Effekte nicht eindeutig allein auf die Hormone zurückführen lassen: "Within this study it is not possible to differentiate between changes caused by changes in sex hormone levels and those caused by social or psychological factors that follows the initiation of GAHT."
Wichtig ist außerdem, dass die Studie ausschließlich Erwachsene untersuchte. Die Teilnehmer begannen die Hormontherapie im Median mit etwa 20 beziehungsweise 26 Jahren. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf Kinder oder Jugendliche übertragen. Gerade die Pubertät gilt aus neurobiologischer Sicht als Phase besonders hoher Plastizität des Gehirns. Sexualhormone beeinflussen in dieser Zeit tiefgreifende Umbauprozesse des Nervensystems, die unter anderem emotionale Verarbeitung, Sozialverhalten und Persönlichkeitsentwicklung betreffen können. Ob und wie gegengeschlechtliche Hormonbehandlungen in dieser Entwicklungsphase langfristig auf Persönlichkeitsmerkmale wirken, lässt sich aus der vorliegenden Studie daher nicht beantworten.
Auch methodisch gibt es Einschränkungen. So wurden zahlreiche statistische Vergleiche durchgeführt, ohne die Ergebnisse streng für Mehrfachtests zu korrigieren. Einzelne Befunde könnten daher zufällig entstanden sein.
Trotz aller Einschränkungen liefert die Studie einen wichtigen Beitrag zur sexualbiologischen Forschung. Sie zeigt, dass gegengeschlechtliche Hormontherapie nicht nur körperliche Veränderungen hervorruft, sondern offenbar auch mit emotionalen und psychischen Prozessen verbunden ist. Besonders relevant ist dabei, dass die beobachteten Veränderungen im post-pubertären Alter überwiegend moderat ausfielen. Das spricht gegen alarmistische Vorstellungen über drastische Persönlichkeitsveränderungen durch Hormone. Gleichzeitig unterstreicht die Studie, dass biologische Faktoren durchaus einen Einfluss auf emotionale Verarbeitung und psychische Stabilität haben können.
Fazit
Die schwedische Studie von Holmberg et al. (2026) liefert vorsichtige, aber interessante Hinweise darauf, dass gegengeschlechtliche Hormontherapie bestimmte Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen kann. Besonders bei transidenten Frauen zeigte sich unter Testosteron eine Abnahme emotionaler Belastung und Verletzlichkeit. Bei transidenten Männern fanden sich Hinweise auf eine stärkere emotionale Wahrnehmung. Gleichzeitig bleibt die Persönlichkeit insgesamt erstaunlich stabil. Die Ergebnisse sprechen eher für subtile Veränderungen einzelner emotionaler Tendenzen als für grundlegende Persönlichkeitswechsel. Die Studie macht außerdem deutlich, wie groß der Forschungsbedarf weiterhin ist. Langzeitstudien mit größeren Gruppen und verschiedenen Alterskohorten könnten künftig helfen, die komplexen Zusammenhänge zwischen Hormontherapie, psychischer Gesundheit und Persönlichkeit noch besser zu verstehen.
Quellen
[1] Mats Holmberg, Alex Wallen, Ivanka Savic, The effect of gender-affirming hormonal treatment on personality traits - a NEO-PI-R study, Comprehensive Psychoneuroendocrinology, Volume 25, 2026, 100338, ISSN 2666-4976, https://doi.org/10.1016/j.cpnec.2026.100338.
[2] Hüpen, Philippa and van Egmond, Lieve Thecla and Haltrich, Lara and Maier, David Joel and Derntl, Birgit and Habel, Ute, Longitudinal Effects of Gender-Affirming Hormone Therapy on Brain Structure in Transgender Individuals. Available at SSRN: https://ssrn.com/abstract=6139319 or http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.6139319

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