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Freitag, 12. Juni 2026

Wissenschaftsförderung in den USA: Ist das Peer Review gefährdet?

Eine kürzlich vom Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland e. V. (VBIO) veröffentlichte Meldung zur geplanten Reform der Forschungsförderung in den USA zeichnet ein alarmierendes Bild. Unter Verweis auf Kritik aus der wissenschaftlichen Community wird die Sorge formuliert, politische Entscheidungsträger könnten künftig stärker über die wissenschaftliche Freiheit und das bewährte Peer-Review-System bestimmen: Wissenschaftsorganisationen in den USA warnen vor politischer Kontrolle statt Peer View

Das Thema verdient jedoch eine differenziertere Betrachtung, denn es ist deutlich komplexer, als es der VBIO unter Verweis auf einen CNN-Bericht darstellt.


Peer Review und Wissenschaftsförderung

Das Peer-Review-Verfahren dient in erster Linie der fachlichen Begutachtung wissenschaftlicher Publikationen, in zweiter Instanz aber auch der Bewertung von Förderanträgen. Es soll sicherstellen, dass Qualität, Methodik, Plausibilität und wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn durch Experten des jeweiligen Fachgebiets bewertet werden. Auf Basis dieser Empfehlungen entscheiden Journale, ob sie einen Artikel oder eine Studie veröffentlichen und damit in den Gesamtkorpus der Wissenschaftsliteratur aufnehmen. Auch Förderorganisationen entscheiden auf dieser Grundlage über die Empfehlung von Projekten. 

Die grundsätzliche Entscheidung über die Vergabe öffentlicher Fördermittel bleibt hingegen eine politische Entscheidung. Schließlich handelt es sich im Regelfall um Steuergelder, über deren Verwendung demokratisch legitimierte Institutionen bestimmen müssen.

Aus diesem Grund ist es keineswegs ungewöhnlich, dass Regierungen Forschungsschwerpunkte definieren. Ob mehr Mittel in Krebsforschung, künstliche Intelligenz, Kernfusion, Raumfahrt oder Klimaforschung fließen sollen, ist eine politische Prioritätensetzung. In demokratischen Gesellschaften gehört dies zum regulären Aufgabenbereich gewählter Regierungen und Parlamente. Die Vorstellung, wissenschaftliche Förderung könne vollständig außerhalb politischer Entscheidungen stattfinden, entspricht weder der Realität noch den Grundprinzipien demokratischer Haushaltsführung.

Unterschiede in der Praxis

In Deutschland erfolgt die projektbezogene Grundlagenforschung vor allem über die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die ein hohes Maß an wissenschaftlicher Selbstverwaltung genießt. Peer Review ist hier zentral und politische Einflussnahme auf Einzelentscheidungen ist traditionell gering. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) setzt eher strategische Programme.

In den USA laufen große Teile der Förderung hingegen direkt über Behörden wie die National Science Foundation (NSF) und die National Institutes of Health (NIH). Auch hier ist Peer Review zwar der Kern der Qualitätsbewertung, doch haben politische Beauftragte (sogenannte "Appointees") und die Exekutive insgesamt deutlich mehr Einfluss auf Prioritätensetzung und Programmgestaltung (z. B. über sogenannte "Broader Impacts"-Kriterien). Das US-System ist damit politisch responsiver als das deutsche, was man verstehen muss, wenn man die Debatte verstehen will.

Kurz gesagt: Die US-Regierung darf entscheiden, wie viel Geld z. B. für Klimaforschung ausgegeben wird. Sie sollte aber nicht entscheiden, welche konkrete Klimastudie wissenschaftlich überlegen ist.

Worin besteht der Konflikt?

Kritiker der US-Reformen befürchten, dass politische Akteure künftig nicht nur Förderschwerpunkte festlegen, sondern fachliche Bewertungen einzelner Projekte stärker übergehen oder zusätzliche politische Filter einbauen könnten. Sollte dies tatsächlich im größeren Umfang geschehen, wäre die Sorge berechtigt. Die Stärke moderner Wissenschaftssysteme beruht wesentlich darauf, dass die Qualitätsbewertung durch Fachleute erfolgt und nicht durch politische Akteure.

Gleichzeitig sollte jedoch auch die Gegenposition ernst genommen werden: Das System war bereits zuvor nicht frei von politischen oder ideologischen Einflüssen. In den vergangenen Jahren wurden Förderentscheidungen zunehmend an Konzepte wie "Diversity, Equity and Inclusion" (DEI) oder vergleichbare gesellschaftspolitische Zielsetzungen gekoppelt. Aus dieser Perspektive wirkt die aktuelle Reform weniger wie eine erstmalige Politisierung der Wissenschaft, als die sie gerade skandalisiert wird, sondern lediglich wie die Korrektur einer längst bestehenden Politisierung.

Dieser Aspekt wird in vielen Berichten nur am Rande erwähnt. Dadurch entsteht der Eindruck, als stünden sich eine "neutrale Wissenschaft" und eine politisch motivierte Regierung gegenüber. Wissenschaftliche Institutionen operieren aber nun mal nicht im gesellschaftlichen Vakuum. Auch innerhalb Forschungseinrichtungen existieren normative Leitbilder und institutionelle Interessen, die stetigem Wandel unterliegen.

Es geht bei staatlicher Forschungsförderung außerdem nicht darum, "welche Ideen verfolgt werden dürfen", wie der VBIO schreibt. Ein Wissenschaftler darf grundsätzlich auch ohne staatliche Förderung forschen, sofern keine gesetzlichen Verbote bestehen. Die Freiheit der Wissenschaft ist daher nicht grundsätzlich bedroht, auch wenn Budgetkürzungen oder Umschichtungen für einzelne Bereiche spürbare Folgen haben können.

Biologie vs. Gender Studies

Für die Biowissenschaften ist diese Diskussion besonders relevant. Viele sexualbiologische Fragestellungen berühren Themen, die heute häufig auch im Rahmen der sozial- und kulturwissenschaftlichen Geschlechterforschung diskutiert werden. Dadurch haben in den vergangenen Jahren Fragen zu Geschlecht und Geschlechtsidentität zunehmend Eingang in die Forschungsförderung und auch die allgemeine wissenschaftliche Kommunikation gefunden, wodurch regelmäßig Spannungen zwischen biologischen, medizinischen und sozialwissenschaftlichen Perspektiven entstehen. Als IG Sexualbiologie bemängeln wir ebenfalls, dass bestimmte theoretische Annahmen über Geschlecht teilweise einen privilegierten Status erhalten, während biologische Einwände als politisch problematisch betrachtet werden.

Das Argument, Wissenschaft müsse vor politischer Einflussnahme geschützt werden, verliert an Überzeugungskraft, wenn politische Einflussnahme bereits zuvor in anderer Form akzeptiert wurde. Gerade der VBIO als biowissenschaftlicher Fachverband hätte diesem Spannungsfeld stärker Rechnung tragen können, statt bloß die Meldung eines links-liberalen US-Fernsehsenders verkürzt wiederzugeben und damit weitgehend die einseitige Perspektive jener Wissenschaftsorganisationen zu repetieren, die die geplanten Änderungen ablehnen.

Das Problem der asymmetrischen Talentabwanderung

Die Berichte aus den USA deuten darauf hin, dass im Zuge der Reformen insbesondere Wissenschaftler aus bestimmten gesellschaftspolitisch sensiblen Forschungsfeldern verstärkt nach Fördermöglichkeiten in Europa suchen. Gleichzeitig verzeichnet Deutschland aufgrund hiesiger politischer Fehlentscheidungen seit Jahren eine gegenläufige Abwanderung zahlreicher MINT-Fachkräfte und technologieorientierter Gründer in Richtung USA. Ausschlaggebend sind dabei häufig strukturelle Faktoren wie bessere Finanzierungsmöglichkeiten, ein innovationsfreundlicheres Umfeld, geringere bürokratische Hürden und allgemein attraktivere Karriereperspektiven. 

Wir sehen darin die Gefahr einer zunehmenden Asymmetrie: Während Europa Forscher aus ideologisch oder politisch umstrittenen Disziplinen anzieht, verliert es zugleich überproportional viele naturwissenschaftlich und technisch orientierte Talente an innovationsstärkere Standorte. Dies wirkt sich bereits negativ auf die Innovationskraft Deutschlands aus (vgl. DataPulse Research und SThree, 2025).

Fazit

Die Diskussion um die geplante Reform der Forschungsförderung in den USA ist komplexer, als es manche Schlagzeilen vermuten lassen. Die zentrale Frage lautet nicht, ob Politik über Fördergelder entscheiden sollte, sondern vielmehr, wo genau die Grenze zwischen legitimer Prioritätensetzung und der Ersetzung fachlicher Begutachtung verläuft. Ebenso wichtig ist, ob bestehende Förderstrukturen tatsächlich so neutral sind, wie ihre Verteidiger häufig behaupten. Eine differenzierte Debatte, die beide Seiten der Politisierung ernst nimmt, wäre hier hilfreich.


Transparenzhinweis: Einer der Autoren dieses Beitrags ist Mitglied im VBIO.

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