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Gendermedizin: Was ist das?

Gender Medicine (Gendermedizin) ist im Kern eine sinnvolle Weiterentwicklung der Medizin, die biologische Geschlechtsunterschiede berücksichtigt. Die oft auch "sex- and gender-specific medicine" oder geschlechtsspezifische bzw. geschlechtersensible Medizin genannte Disziplin entstand in den 1990er Jahren, vor allem aus der Beobachtung, dass die klassische Medizin zu stark am männlichen "Standardpatienten" ausgerichtet war. Sie untersucht systematisch, wie biologische Unterschiede (Chromosomen, Hormone, Anatomie, Physiologie) zwischen Männern und Frauen bei Krankheitsverläufen, Symptomen, Medikamentenwirkungen, Nebenwirkungen und Prävention eine Rolle spielen [1].

Beispiele dafür gibt es viele: So zeigen Herzinfarkte bei Frauen oft andere Symptome (weniger klassischer Brustschmerz, mehr Übelkeit, Rückenschmerzen) als bei Männern. Unterschiede bei Autoimmunerkrankungen (häufiger bei Frauen), Schmerzempfindung, Stoffwechsel von Medikamenten, Osteoporose-Risiko, Reaktion auf Anästhesie usw. sind ebenfalls gut dokumentiert. Auch bei Männern gibt es spezifische Aspekte wie z. B. ein höheres Risiko für bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen in jüngeren Jahren.

Eine evidenzbasierte, personalisierte Medizin ergibt aus biologischer Sicht somit vollkommen Sinn. Männer und Frauen sind im Durchschnitt keine identischen Organismen. Zwar gibt es (ähnlich wie bei anderen Merkmalen wie der Körpergröße) selbstverständlich Überschneidungen. Ein spezifisches Krebsmedikament für Männer ist bei Frauen nicht wirkungslos. Aber im Durchschnitt betrachtet spielt das Geschlecht bei der medizinischen Versorgung eine signifikante Rolle.

Die Verschiebung durch den "Gender"-Begriff

Der Begriff "Gender" wurde historisch (besonders in der englischsprachigen Medizin) lange Zeit synonym mit "Sex" verwendet. Spätestens seit den 2000er/2010er Jahren hat sich jedoch die sozialwissenschaftliche Definition durchgesetzt: "Sex" beschreibt das "biologische" Geschlecht, "Gender" bezieht sich auf soziale Rollen, Identität und gesellschaftliche Normen mit Bezug zum Geschlecht. Viele postmoderne Definitionen von "Gendermedizin" integrieren deshalb heute biologische und soziokulturelle Faktoren gleichermaßen.

Das führt jedoch zu einer Ambivalenz. Der positive Aspekt ist, dass soziokulturelle Faktoren wie etwa Lebensstil, Berufsrisiken, Stress durch Rollen oder auch der Zugang zur Versorgung tatsächlich Einfluss auf die Gesundheit haben (z. B. unterschiedliche Belastungen durch Care-Arbeit). Das zu ignorieren wäre naiv. Problematisch ist aus unserer Sicht jedoch, dass die evidenzbasierte Gendermedizin zunehmend mit der postmodernen Gender-Theorie verknüpft wird, wonach Geschlecht primär ein soziales Konstrukt oder ein Spektrum von Identitäten sei. Das führt dazu, dass in manchen Publikationen und Institutionen die biologische Realität der Zweigeschlechtlichkeit als binäre Norm mit seltenen DSD-Varianten relativiert werden. "Geschlechtsidentität", "Inklusion von Trans-Personen" oder "Intersektionalität" rücken stärker in den Vordergrund.

Wir sehen hier eine Ideologisierung, durch die die Errungenschaften der Gendermedizin relativiert werden. Aus einer nützlichen Ergänzung der Humanmedizin wird ein Vehikel, um Geschlecht zu entbiologisieren. In der Praxis mischt sich das teilweise mit "Gender-Affirming Care" (im Sinne von geschlechtsabweisenden Maßnahmen bei Menschen mit Geschlechtsdysphorie), wo die Evidenz für langfristige Nutzen bei Minderjährigen schwach ist und Risiken hoch, wie systematische Erhebungen wie etwa das Cass-Review in UK zeigen [2].

Fazit

Die biologische geschlechtsspezifische Medizin ist wissenschaftlich solide und wichtig. Sie verbessert die Versorgung für beide Geschlechter. Der Begriff "Gendermedizin" ist jedoch oft mehrdeutig und trägt die Spannung zwischen empirischer Biologie und sozialkonstruktivistischer Ideologie in sich. Gute Medizin sollte primär auf Geschlecht im biologischen Sinne fokussieren und soziale Aspekte nur dort einbeziehen, wo sie messbar relevant sind. Wer den Begriff verwendet, sollte immer klären, was genau gemeint ist. Wir verwenden ihn hier als evidenzbasierte Berücksichtigung des Geschlechtsdimorphismus, nicht in Form einer Neuinterpretation von Geschlecht als vorrangig sozial/identitär.

Quellen

[1] Baggio, Giovannella, Corsini, Alberto, Floreani, Annarosa, Giannini, Sandro and Zagonel, Vittorina. "Gender medicine: a task for the third millennium" Clinical Chemistry and Laboratory Medicine (CCLM), vol. 51, no. 4, 2013, pp. 713-727. https://doi.org/10.1515/cclm-2012-0849

[2] Cass, H. (2024). Independent review of gender identity services for children and young people: Final report. https://donoharmmedicine.org/wp-content/uploads/2024/04/CassReview_Final.pdf

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