Besonders heftig entzündet sich der Streit um das "biologische" Geschlecht des Menschen an sogenannten Störungen der geschlechtlichen Entwicklung (Disorders of Sex Development; DSD), die auf ersten Blick nicht dem Normalzustand von eindeutig männlich oder weiblich entsprechen. Ein häufig von biologisch durchaus versierten Kritikern des Genderismus vorgebrachtes Argument in dieser Debatte ist, dass sich sämtliche dieser DSD-Fälle letztlich einem Entwicklungspfad in Richtung der Produktion von entweder Eizellen oder Spermien und somit binär dem funktional näherstehenden Geschlecht zuordnen lassen. Da es sich hierbei um die gültige Geschlechtsdefinition auf Basis der Anisogamie (also der Tatsache, dass es genau zwei Typen von Gameten gibt) handelt, ist dieser Standpunkt evolutionsbiologisch stichhaltig und für die allermeisten DSD in der Tat zutreffend. Dennoch sind wir der Ansicht, dass damit ein allzu vereinfachendes Kategoriensystem verteidigt wird: die berühmten "zwei Schubladen", in die angeblich jeder Mensch einsortiert werden könne. Dieses "Schubladenmodell" führt letzten Endes nämlich in eine Argumentationsfalle.
Wie Eierstöcke und Hoden unterschieden werden
Die Unterscheidung zwischen Eierstock- und Hodengewebe erfolgt sexualbiologisch (d. h. Taxon übergreifend!) primär durch eine histologische Untersuchung, also die mikroskopische Analyse von entnommenem Gewebe der Geschlechtsdrüsen (Gonaden). In der Humanmedizin erfolgt dies z. B. bei einer Gonadenbiopsie oder nach operativer Entfernung der Gonaden. In der medizinischen Praxis kommen außerdem bildgebende Verfahren (Ultraschall, MRT), hormonelle Analysen und genetische Tests zum Einsatz, doch erst die histologische Diagnostik liefert in der Regel die eindeutige gonadale Zuordnung.
Hodengewebe zeigt dabei u. a. Samenkanälchen (Tubuli seminiferi) mit Sertoli-Zellen (diese produzieren Nährstoffe und Wachstumsfaktoren während der Spermatogenese), Testosteron produzierende Leydig-Zellen und je nach Funktionalität bereits reifende Spermatozyten (Vorläuferzellen der Spermien).
Eierstockgewebe zeigt hingegen Follikel in unterschiedlichen Entwicklungsstadien (Primär-, Sekundärfollikel etc.) sowie gelegentlich ein Corpus luteum oder Corpus albicans (Gelbkörper bzw. ihr bindegewebig degeneriertes Endstadium).
Ovotestes und ovotestikuläre DSD
Als Ovotestis bezeichnet man eine Gonade, die sowohl Eierstock- als auch Hodengewebe enthält (Eierstock = Ovar; Hoden = Testis). In der Tierwelt kommen sie häufiger vor, etwa bei bestimmten Weichtieren, Fischen oder Ringelwürmern, und erfüllen dort eine reproduktiv-funktionale Rolle im Rahmen des echten Hermaphroditismus. Beim Menschen hingegen gelten Ovotestes als entwicklungsbiologische Anomalie, also als eine Form der Disorders of Sex Development.
Im klinischen Kontext spricht man bei Menschen mit Ovotestes daher von einer ovotestikulären Störung der Geschlechtsentwicklung. Deren Häufigkeit wird auf etwa 1:100.000 Lebendgeburten (0,001 %) geschätzt [1][2]. Bis 1992 wurden nur etwa 500 Fälle in der medizinischen Fachliteratur dokumentiert [2][3]. Histologisch lassen sich in einem solchen Organ typischerweise Strukturen wie Samenkanälchen und Follikelanlagen gleichzeitig nachweisen. Entweder als indifferentes Mischgewebe (mixed type) oder getrennt nebeneinander (bipolar type), wobei an der Übergangszone häufig ebenfalls Mischgewebe aufritt:
#Pathology #PediPath #Uropath #DSD 18 MO baby, amb, genitalia, 46XX: bilateral bipolar ovotestes. pic.twitter.com/piexCVyRO3
— Miguel Reyes-Múgica (@mreyesm) May 21, 2016
Für einen vertiefenden Einblick in die Histologie von ovotestikulärem Gewebe siehe Baskin et al. (2025) [4].
Bei der ovotestikulären DSD lassen sich drei Hauptvarianten unterscheiden:
Unilaterale ovotestikuläre DSD
Auf einer Körperseite befindet sich ein Ovotestis, auf der anderen eine normale Gonade (entweder ein Eierstock oder ein Hoden). Diese Form kommt innerhalb der ovotestikulären DSD vergleichsweise häufig vor (ca. 63 % der Fälle) [5]. Die unterschiedliche Funktion und Struktur beider Seiten kann erhebliche diagnostische und therapeutische Implikationen wie u. a. ein erhöhtes Krebsrisiko sowie einen untypischen Hormonhaushalt haben.
Bilaterale ovotestikuläre DSD
Beide Körperseiten weisen je einen Ovotestis auf. Diese Variante ist besonders selten (nur ca. 6 % der Fälle), aber in der Fachliteratur dokumentiert. Bilaterale Ovotestes zeigen die maximale gonadale Ambiguität im Menschen, wobei funktionale Gametenproduktion äußerst selten beobachtet wird. In der Regel sind Betroffene steril.
Laterale ovotestikuläre DSD
Auf einer Körperseite (meist rechts) befindet sich ein histologisch eindeutig identifizierbarer Hoden, auf der anderen ein ebenso klar abgegrenzter Eierstock [6]. Diese Variante (ca. 31 % der Fälle) ist ungewöhnlich, da die Gonaden nicht hybrid, sondern jeweils rein männlich oder weiblich sind, nur eben in einem Körper nebeneinander. Auch hier sind Patienten meist steril und von erhöhten gesundheitlichen Risiken betroffen. Über einen seltenen Fall (den bis dahin gerade mal fünften) einer solchen Störung mit gleichzeitigem Auftreten eines Klinefelter-Syndrom Mosaizismus (46,XX/47,XXY) berichten Talreja et al. (2015) [7].
In allen drei Varianten können zusätzlich uneindeutige äußere Genitalien, Mischformen innerer Strukturen (z. B. Müller- und Wolff-Gänge) sowie ein intermediärer Hormonhaushalt auftreten. Die chromosomale Ausstattung der Betroffenen variiert. Es gibt dokumentierte Fälle mit 46,XX, 46,XY, aber auch Mosaiken oder Chimären. Die ovotestikuläre DSD ist damit ein Beispiel dafür, wie komplex die geschlechtliche Entwicklung des Menschen verlaufen kann und warum einfache Kategorisierungen biologisch nicht immer ausreichen.
"Hermaphroditismus des Menschen"
Das Vorhandensein von histologisch nachweisbarem Hoden- und Eierstockgewebe in einem menschlichen Organismus ist ein besonders spannendes Phänomen. Während man die anderen DSD noch relativ eindeutig einem geschlechtlichen Entwicklungspfad und damit dem jeweils funktional näherstehenden Geschlecht zuordnen kann, ist dies bei den ovotestikulären DSD nicht ohne zusätzliche Annahmen und argumentative Kompromisse möglich, die jedoch streng genommen den Rahmen der biologischen Geschlechtsdefinition verlassen. In medizinischen Fallberichten wird dieses Phänomen deshalb gelegentlich (wenn auch zunehmend unüblich gemäß der Chicago-Klassifikation von 2006 [8]) als "echter Hermaphroditismus" des Menschen bezeichnet [9].
Dagegen wird oft eingewendet, dass menschliche Ovotestes nicht in beiderlei Art funktionsfähig seien, weshalb man die betroffene Person zumindest im Falle einer funktionalen Gametenproduktion trotzdem eindeutig einem der beiden Geschlechter zuordnen könnte. Andererseits sind viele eindeutig als männlich oder weiblich eingeordnete Menschen ebenfalls unfruchtbar. Funktionalität ist biologisch relevant, aber kein notwendiges Kriterium zur Geschlechtszugehörigkeit. Darüber hinaus gibt es dokumentierte Fälle, in denen die verbliebene Gonade nach Entfernung eines Ovotestis plötzlich funktionale Gameten produzierte und zwar unabhängig von der sonstigen Anatomie der Person. Vor allem bei der lateralen Variante ist die Entfernung des Hodens meistens Standard aufgrund des hohen Risikos für Gonadoblastome oder Dysgerminome. Die Gonade, die grundsätzlich am wahrscheinlichsten funktioniert, ist der Eierstock, weshalb in schätzungsweise 80 % der Fälle nach der Operation der verbliebene Eierstock fruchtbare Eizellen produzieren kann [10][11]. Und selbst das Ovargewebe in Ovotestes zeigt in etwa 50 % der Fälle zumindest Anzeichen eines Eisprungs (Ovulation) [12]. Spermatogenese in Ovotestes wurde hingegen bis 1994 nur in zwei von 283 Fällen (0,7 %) nachgewiesen [13].
Nach unserem Kenntnisstand wurde bislang in der Tat noch nie ein Fall beobachtet, in dem eine Person gleichzeitig beide Gametentypen voll funktional hervorbrachte. Es existieren jedoch dokumentierte Einzelfälle, die zumindest eine potenziell sequentielle Funktionalität beider gonadalen Anteile nahelegen. So beschrieb Simon D. Parvin (1982) einen phänotypisch männlichen, zytogenetisch abgesicherten "echten Hermaphroditen", der ein Kind gezeugt hatte; die histologische Untersuchung des entfernten Ovars zeigte darüber hinaus Hinweise auf eine stattgefundene Ovulation [14]. In einem weiteren Fallbericht von Ch. Kanaka-Gantenbein et al. (2007) wurde bei einem 13-jährigen Kind mit männlichem Phänotyp und 46,XX/47,XXY-Mosaik-Karyotyp histologisch ein Ovar mit Follikeln und rupturiertem Gelbkörper (vereinbar mit spontaner Ovulation) nachgewiesen, während kontralateral dysgenetisches Hodengewebe vorlag [15]. Auch wenn diese Berichte keine gleichzeitige doppelte Gametenproduktion dokumentieren, zeigen sie doch, dass in seltenen Fällen beide gonadalen Komponenten zumindest prinzipiell funktionale Aktivität entfalten können. Dieser Umstand bleibt biologisch bemerkenswert und rechtfertigt die Diskussion als "echte", wenn auch im evolutionsbiologischen Sinne nicht funktionale Doppelgeschlechtlichkeit.
Diese Differenzierung ist wichtig, denn Hermaphroditismus beschreibt eine evolutionär stabile Fortpflanzungsstrategie innerhalb einer Art, was bei einer Entwicklungsstörung wie der ovotestikulären DSD eindeutig nicht der Fall ist. Und auch Selbstbefruchtung ist beim Menschen lediglich ein hypothetisches Szenario, bei dem ein Chimären-Embryo aus der Verschmelzung einer genetisch männlichen und einer genetisch weiblichen Zygote entsteht, ein individuelles funktionsfähiges Gonadengewebe beider Typen bildet und die jeweils produzierten Geschlechtszellen miteinander fusionieren [16][17]. Derartiges wurde beim Menschen zwar noch nicht beobachtet, allerdings bei Hauskaninchen, die ebenfalls keine "echten Hermaphroditen" im evolutionsbiologischen Sinne sind [18].
Zwischen Binarität und Realität
Alle diese Beobachtungen stellen die biologische Binarität des Geschlechts im Sinne der Anisogamie ausdrücklich nicht infrage! Es gibt nur zwei Gametentypen (bei Tieren in Form von Eizellen und Spermien) und damit auch nur zwei Geschlechter. Die Existenz einer klar identifizierbaren Hoden-Ovar-Kombination innerhalb eines einzigen Körpers zeigt dennoch, dass die metaphorischen "Schubladen" nicht sauber trennen, was biologisch vorkommen kann. Denn wohin sortiert man eine Person, die sowohl eine potenziell Oogenese-fähige Ovarseite als auch eine potenziell Spermatogenese-fähige Hodenseite besitzt? In welche Schublade gehört ein Mensch, dessen primäre Geschlechtsorgane sich nicht auf ein eindeutiges Fortpflanzungssystem festlegen lassen?
Die Realität der Biologie ist komplexer als es simple Kategorisierungen suggerieren. Die Binarität der Fortpflanzungslogik bleibt zwar als objektiv beobachtbare Naturkonstante bestehen, aber die Vorstellung, dass sich am Ende jede einzelne DSD-Ausprägung in eine von zwei Schubladen pressen ließe, ist wissenschaftlich fragwürdig und aus unserer Sicht nicht ohne willkürliche Annahmen und Kategorisierungen vertretbar. Beispielsweise könnte man über die jeweilige Chromosomenkombination eine Geschlechtszuordnung vornehmen. Da jedoch das Geschlecht nicht auf Basis seiner Determinierungsmechanismen einer willkürlich gewählten Klasse von Wirbeltieren definiert wird und außerdem andere DSD diesen Ansatz konterkarieren [19], ist er aus unserer Sicht ungültig.
Die Geschlechtsentwicklung bei Säugetieren verläuft grundsätzlich antagonistisch organisiert. Ausgehend von einer bipotenten Gonadenanlage und einem indifferenten inneren Gangsystem (Wolff- und Müller-Gänge) setzt – vereinfacht gesprochen – ein genetisch und hormonell gesteuerter Differenzierungsprozess ein, der jeweils ein Fortpflanzungssystem fördert und das andere aktiv unterdrückt. Entwickelt sich Hodengewebe, führen Faktoren wie SRY-abhängige Signalwege, Anti-Müller-Hormon (AMH) und Androgene zur Ausbildung männlicher Strukturen und zur Regression der Müller-Gänge. Entwickelt sich hingegen Ovargewebe, bleibt die Wolff-Struktur mangels Androgenstimulation regressiv, während sich Müller-Strukturen differenzieren. Diese wechselseitige Hemmung erklärt, warum selbst Individuen mit ovotestikulärer DSD nicht zwei vollständig ausgebildete, parallel funktionsfähige Fortpflanzungssysteme entwickeln. Die zugrunde liegenden molekularen Programme sind nicht auf Koexistenz, sondern auf Dominanz ausgelegt. Entsprechend findet man bei ovotestikulären DSD häufig asymmetrische oder inkomplette Ausprägungen, und zwar sowohl bei Menschen [20] als auch bei anderen Säugetieren [21].
Manche Autoren argumentieren daher, man könne in solchen Fällen ein "primäres" und ein "sekundäres" Fortpflanzungssystem unterscheiden. Beispielsweise ließe sich ein Individuum mit einem voll entwickelten Hoden und einem unterentwickelten Eierstock, männlichen inneren Strukturen und lediglich rudimentären Müller-Gang-Überresten als "primär männlich" klassifizieren. Diese Argumentation folgt einer entwicklungsbiologischen Dominanzlogik: Das stärker ausgeprägte System definiert das Geschlecht.
Aus evolutionsbiologischer Perspektive ist das Geschlecht in der Tat kein
Selbstzweck, sondern ein Mechanismus der sexuellen Fortpflanzung. Er
erfüllt keine Funktion im Kontext von Verdauung, Wahrnehmung oder
Kognition, sondern ausschließlich im Rahmen der Reproduktion. Es ist
Produkt und zugleich Motor der Evolution und muss daher primär im
reproduktiven Zusammenhang verstanden werden. Unterschiedliche Abstammungslinien haben verschiedene
Strategien entwickelt, mit dieser Zweiteilung umzugehen. Manche Arten
sind gonochoristisch (getrenntgeschlechtlich), andere simultane oder
sequenzielle Hermaphroditen. Entscheidend für die
Geschlechtsklassifikation im Tierreich sind dabei die Gonaden: Zwei
unterschiedliche Gonadentypen verweisen auf zwei unterschiedliche
Fortpflanzungsrollen im Kontext der Bereitstellung von morphologisch unterschiedlichen Gameten inkl. unterschiedlicher Investition in diese. Diese Definition ist stets in die
jeweilige Reproduktionsstrategie eingebettet. Bei simultanen
Hermaphroditen sind beide Geschlechter innerhalb desselben Individuums
evolutionär funktional eingebunden. Beide Rollen können tatsächlich
reproduktiv wirksam werden. Hier ist die individuelle Funktionalität im
Einzelfall (etwa bei temporärer Sterilität) unerheblich. Entscheidend
ist, dass die jeweilige Strategie vorsieht, dass beide
Geschlechterrollen im Individuum reproduktiv nutzbar sind. Bei
gonochoristischen Säugetieren hingegen ist pro Individuum stets nur eine
Fortpflanzungsrolle evolutionär implementiert. Selbst komplexe Entwicklungsstörungen wie ovotestikuläre DSD stellen in dieser Perspektive
keine alternative doppelgeschlechtliche Reproduktionsstrategie dar. Sie sind keine
eigenständige evolutive Kategorie, sondern Abweichungen innerhalb eines
Systems, das strukturell auf Getrenntgeschlechtlichkeit ausgelegt ist. In
diesem Sinne kann man argumentieren, dass solche Fälle keine "echte" Doppelgeschlechtlichkeit, sondern funktional betrachtet Entwicklungsfehler im System der getrennten Geschlechter sind, demnach nur eines der beiden Geschlechter betreffen und daher zoologisch als Pseudohermaphroditismus zu bewerten sind.
Doch genau hier beginnt das definitorische Problem. Eine solche Zuordnung stützt sich auf nachgelagerte Merkmale wie das Ausmaß der Differenzierung innerer oder äußerer Strukturen, nicht auf die grundlegende biologische Definition des Sexus über die Art der Gametenproduktion bzw. die zugrunde liegende Gonadenanlage. Einerseits entwickeln sich Müller-Gänge typischerweise auf der Seite des Eierstocks (wo kein AMH produziert wird), während Wolff-Gänge auf der Hodenseite dominieren [22]. Die Strukturen, die auf den jeweiligen "primären Entwicklungsweg" hindeuten, können also vor allem bei der lateralen Variante der ovotestikulären DSD asymmetrisch sein. Wenn bei einer Person beide primären Sexualorgane in Form differenzierter Gonaden (Ovar und Hoden) vorhanden sind, verschiebt sich andererseits der Fokus: Dann stellt sich nicht mehr die Frage, welcher Entwicklungsweg dominanter verlaufen ist, sondern wie eine Geschlechtsdefinition anzuwenden ist, die eigentlich von einer eindeutigen gonadalen Festlegung ausgeht. Gerade hier zeigt sich, dass die antagonistische Entwicklungslogik zwar die gleichzeitige Vollausprägung zweier kompletter Reproduktionssysteme bei Säugetieren im Normalfall verhindert, aber nicht zwingend garantiert, dass jede individuelle Ausprägung ohne willkürliche Zusatzannahmen einer einzigen Kategorie zugeordnet werden kann.
Es stellt sich an dieser Stelle die Frage, nach welchen Regeln wir Geschlecht allgemein definieren und auf der Ebene des Individuums identifizieren. Und ob dieses Regelset universell (also auch in anomalen Fällen) gilt. In der biologischen Praxis wird Funktionalität in
der Regel nicht als notwendiges Kriterium herangezogen. Andernfalls
müssten sterile Individuen als "geschlechtslos" gelten. Stattdessen arbeitet man mit
strukturellen Indikatoren: Hoden indizieren die männliche, Eierstöcke
die weibliche Fortpflanzungsrolle. Daraus ergeben sich implizite Regeln
wie:
- Eierstöcke indizieren potenzielle Eizellproduktion.
- Nur Weibchen besitzen Eierstöcke.
- Hoden indizieren potenzielle Spermienproduktion.
- Nur Männchen besitzen Hoden.
Diese
Regeln funktionieren robust, solange jedes Individuum genau einen
Gonadentyp besitzt. Bei ovotestikulärer DSD (insbesondere der lateralen
Variante) gerät dieses System jedoch unter Druck. Wird ein Individuum
mit eindeutig nachweisbarem Ovar- und Hodengewebe ausschließlich als
männlich oder ausschließlich als weiblich klassifiziert, entsteht ein
logisches Problem. Man müsste akzeptieren, dass Männchen Organe besitzen
können, die potenziell Eizellen produzieren und dass Weibchen Organe
besitzen können, die potenziell Spermien produzieren. In beiden Fällen
würden die oben genannten Regeln gebrochen.
Der Verweis auf ein "primäres" und ein "sekundäres" Fortpflanzungssystem löst dieses Problem nur scheinbar. Zwar ist das jeweils unterdrückte System häufig unvollständig entwickelt oder funktional eingeschränkt. Doch wenn Funktionalität kein notwendiges Definitionskriterium ist, kann die bloße Reduktion oder partielle Unterdrückung kein Argument für Nicht-Existenz sein. Funktionsfähig oder nicht: ein strukturell vorhandenes Ovar bleibt ein Ovar. Gleiches gilt für Hodengewebe. Das bloße Vorhandensein der jeweiligen Gonade impliziert bereits potenzielle Funktion im Sinne der Gametogenese (jedoch nicht zwingend im Sinne der Zeugung oder Schwangerschaft).
Der Verweis auf ein "primäres" und ein "sekundäres" Fortpflanzungssystem löst dieses Problem nur scheinbar. Zwar ist das jeweils unterdrückte System häufig unvollständig entwickelt oder funktional eingeschränkt. Doch wenn Funktionalität kein notwendiges Definitionskriterium ist, kann die bloße Reduktion oder partielle Unterdrückung kein Argument für Nicht-Existenz sein. Funktionsfähig oder nicht: ein strukturell vorhandenes Ovar bleibt ein Ovar. Gleiches gilt für Hodengewebe. Das bloße Vorhandensein der jeweiligen Gonade impliziert bereits potenzielle Funktion im Sinne der Gametogenese (jedoch nicht zwingend im Sinne der Zeugung oder Schwangerschaft).
Will
man das definitorische Regelwerk konsistent halten, gibt es daher nur
zwei Möglichkeiten: Entweder man verlagert die Definition des Geschlechts von den primären Sexualorganen zum Zwecke der Gametenproduktion auf hierarchisch untergeordnete Folgen der Anisogamie und macht Funktionalität doch zum
notwendigen Kriterium – mit allen problematischen Konsequenzen für
sterile Individuen. Oder man akzeptiert, dass es in seltenen
Ausnahmefällen bei evolutionär gonochoristisch organisierten Säugetieren
Individuen geben kann, in denen beide Geschlechter im Sinne der Anisogamie vorhanden sind, bei denen jedoch die nachfolgende Organisation als funktionellen Hermaphroditismus scheitert. Sexualbiologisch ist Letzteres weniger inkonsistent als
die Aufweichung der grundlegenden Zuordnungsregeln. Ovotestikuläre
DSD wären dann zwar weiterhin ausdrücklich kein "echter Hermaphroditismus" im evolutiven Sinne, sondern eine Form von Pseudohermaphroditismus, wohl aber
ein seltenes Beispiel dafür, dass die klare Zweiteilung der
Fortpflanzungsrollen auf individueller Ebene an strukturelle Grenzen
stoßen kann.
Statt einer schwarz-weißen "Schubladenmetapher" plädieren wir daher für eine schwarz-weiße "Spielsteinmetapher": Die allermeisten Menschen haben entweder nur schwarze oder nur weiße Spielsteine gezogen, es gibt jedoch auch ein paar wenige, die beide gezogen haben. Es gibt in diesem Modell keine grauen Zwischenstufen und kunterbunte Regenbogensteine sucht man ebenfalls vergeblich. Das System ist und bleibt somit binär, die mögliche Vielfalt auf Ebene der Organisation dieses binären Systems wird hierbei aber dennoch berücksichtigt.
Fazit
Die Binarität bleibt das übergeordnete Prinzip der menschlichen Fortpflanzung. Die verschiedenen Varianten der ovotestikulären Störung der Geschlechtsentwicklung sind kein Gegenbeweis zur biologischen Zweigeschlechtlichkeit (im Gegenteil!) und auch kein Beleg für das häufig behauptete "Geschlechterspektrum". Aber sie sind sehr wohl der Endgegner einer binären Schubladenmetapher, da sie zeigen, dass diese Schubladen nicht immer trennscharf ist, ohne normative Zusatzannahmen zu treffen.
Quellen
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[10] Wynbrandt, James; Ludman, Mark D. (2010-05-12). The Encyclopedia of Genetic Disorders and Birth Defects. Infobase Publishing. ISBN 978-1-4381-2095-9.
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[13] Krob, G., Braun, A. & Kuhnle, U. True hermaphroditism: Geographical distribution, clinical findings, chromosomes and gonadal histology. Eur J Pediatr 153, 2–10 (1994). https://doi.org/10.1007/BF02000779
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[15] Ch. Kanaka-Gantenbein, E. Papandreou, K. Stefanaki, H. Fryssira, A. Kolialexi, C. Sophocleous, A. Mavrou, S. Kitsiou-Tzeli, G. P. Chrousos; Spontaneous Ovulation in a True Hermaphrodite with Normal Male Phenotype and a Rare 46,XX/47,XXY Klinefelter’s Mosaic Karyotype. Hormone Research 1 August 2007; 68 (3): 139–144. https://doi.org/10.1159/000101190
[16] M. Kemal Irmak, Self-fertilization in human: Having a male embryo without a father, Medical Hypotheses, Volume 75, Issue 5, 2010, Pages 448-451, ISSN 0306-9877, https://doi.org/10.1016/j.mehy.2010.04.021.
[17] Bayraktar, Z. (2018). Potential autofertility in true hermaphrodites. The Journal of Maternal-Fetal & Neonatal Medicine, 31(4), 542–547. https://doi.org/10.1080/14767058.2017.1291619
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[20] Iqbal MZ, Jam MR, Saleem M, Ahmad M. True hermaphrodite: a case report. APSP J Case Rep. 2011 May;2(2):16. Epub 2011 Jul 30. PMID: 22953283; PMCID: PMC3418019.
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[22] Kulali F, Firat Kulali S, Semiz-Oysu A, Segmen-Yilmaz M, Bukte Y. Magnetic Resonance Imaging Findings of Ovotesticular Disorder of Sex Development with Bilateral Gonadoblastoma. I J Radiol. 2017;14(2):e39954. doi: https://doi.org/10.5812/iranjradiol.39954