Ein in den sozialen Medien viel geteilter Beitrag mit dem Titel "Nur Mann und Frau? Warum das nicht so einfach ist" der 'Deutschen Welle' greift eine gegenwärtig stark politisierte Debatte auf, in der unter anderem Donald Trump und Friedrich Merz eine strikt binäre Geschlechterordnung vertreten. Der Artikel stellt dem die Vorstellung eines geschlechtlichen Spektrums entgegen. Aus Sicht der Sexualbiologie lohnt sich hier eine nähere Betrachtung, die zwischen empirischer Vielfalt und begrifflicher Systematik unterscheidet.
Genetische Variationen statt Auflösung der Zweiteilung
Der DW-Artikel betont zu Recht, dass die einfache Gleichung 46,XX = immer weiblich und 46,XY = immer männlich biologisch verkürzt ist. Phänomene wie SRY-Translokationen oder Androgenresistenz zeigen, dass die Geschlechtsentwicklung komplex reguliert wird. Genetische Variationen sind seit langem bekannt und gut dokumentiert.
Allerdings folgt aus dieser Komplexität nicht zwangsläufig die Auflösung der binären Geschlechterordnung. Vielmehr beschreibt die Genetik eine Entwicklungsarchitektur, die funktional weiterhin auf zwei reproduktive Rollen hin organisiert ist: die Produktion von Eizellen oder Spermien. Sogenannte "intersexuelle Ausprägungen" (Disorders of Sex Development; DSD) stellen dabei Varianten oder Abweichungen innerhalb dieses Systems dar, keine eigenständige dritte oder weitere reproduktive Klassen. Die zentrale Frage ist daher, ob Variation bereits eine neue Kategorie begründet oder innerhalb bestehender Kategorien interpretiert werden sollte.
Häufigkeit und Einordnung von "Intersexualität"
Die im Artikel genannte Zahl von 1,7 % "intersexueller" Menschen wird häufig als Argument für ein Spektrum angeführt. In der medizinischen Fachliteratur ist jedoch umstritten, welche medizinischen Konstellationen in diese Statistik einbezogen werden. Viele Fälle betreffen chromosomale Varianten oder hormonelle Besonderheiten ohne uneindeutige äußere Geschlechtsmerkmale. Auf die Zahl 1,7 % gelangt man nur, wenn man sämtliche Formen anomaler Geschlechtsentwicklung einbezieht, selbst wenn diese sich auf sämtlichen Ebenen, die in der Humanmedizin mit dem Geschlecht assoziiert werden, eindeutig einem der beiden Geschlechter zuordnen lassen. Die realistische Zahl von "Intersexualität" im Sinne von DSD mit uneindeutiger Geschlechtsausprägung liegt um etwa den Faktor 100 niedriger bei rund 0,02 % (siehe Wie häufig ist "Intersexualität"?)
Aus sexual- und evolutionsbiologischer Perspektive bleibt jedoch unabhängig von der Häufigkeit entscheidend, dass anomale Geschlechtsentwicklungen – ob nun mit oder ohne uneindeutiger Geschlechtsausprägung – keine zusätzliche reproduktive Strategie etablieren. Die große Mehrheit der DSD-Betroffenen ist je nach Interpretation einzelner Krankheitsbilder entweder eindeutig einem der beiden Fortpflanzungstypen zugeordnet, beiden gleichzeitig oder keinem. In jedem Fall aber eindeutig keinem dritten Fortpflanzungstyp. Das spricht eindeutig für eine dichotome Grundstruktur mit seltenen Entwicklungsvarianten als für ein kontinuierliches Spektrum.
Die hormonelle Dynamik
Der DW-Artikel hebt hervor, dass Hormonspiegel von Umweltfaktoren beeinflusst werden und beide Geschlechter sowohl Östrogene als auch Androgene besitzen. Das ist korrekt und entspricht dem aktuellen Forschungsstand. Hormone wirken kontextabhängig und sind an sich keineswegs strikt geschlechtsspezifisch.
Es bleibt aber festzuhalten, dass hormonelle Profile in ihrer Organisation und typischen Dynamik geschlechtsspezifische Muster aufweisen, insbesondere im Zusammenhang mit Pubertät und Reproduktion. Der Referenzbereich von Androgenen liegt bei Männer in einer Größenordnung, den gesunde Frauen nie erreichen werden. Männer haben beispielsweise einen deutlich höheren Testosteronwert zwischen 12 und 35 nmol/l, während bei Frauen Werte zwischen 0,4 und 2,0 nmol/l als normal gelten. Die Existenz von Überlappungen beispielsweise vor der Pubertät relativiert Unterschiede, hebt sie aber nicht auf.
Das betrifft auch andere dimorphe Geschlechtsausprägungen wie beispielsweise Körpergröße oder Muskelkraft. Eine statistische Verteilung mit Überschneidungen ist nicht identisch mit einem strukturlosen Kontinuum.
Gehirn: Mosaik oder Muster?
Die These vom "mosaikartigen Gehirn", unter anderem aus Studien der Universität Tel Aviv, wird im Artikel als Argument gegen binäre Kategorien angeführt. Tatsächlich zeigen neurobiologische Daten eine erhebliche individuelle Variation. Doch auch hier gilt wie zuvor: Variation schließt Muster nicht aus. Durchschnittliche Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Populationen sind reproduzierbar, auch wenn sie sich nicht zur eindeutigen Klassifikation einzelner Individuen eignen. Biologisch ist entscheidend, dass sich diese Unterschiede im Kontext eines dimorphen Fortpflanzungssystems entwickelt haben.
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Fazit
Der DW-Artikel leistet einen wichtigen Beitrag, indem er auf die Komplexität der Geschlechtsentwicklung hinweist und vereinfachende Darstellungen korrigiert. Problematisch wird es allerdings dort, wo aus Variation unmittelbar eine Auflösung der binären Geschlechterordnung abgeleitet wird. Stattdessen wäre sinnvoll, zwischen zwei Ebenen zu unterscheiden: einer funktionalen Binarität auf Ebene des Geschlechts und einer erheblichen Variabilität auf genetischer, hormoneller und anatomischer Ebene als nachfolgende Ebenen der Geschlechtsmerkmalsausprägung. Zwischenformen und Überlappungen auf Merkmalsebene zeigen Variabilität, ersetzen jedoch nicht die zugrundeliegende organisationale Zweiteilung.
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