"Biology is not binary" – "Biologie ist nicht binär" – so lautet der Titel eines offenen Briefes von 38 Wissenschaftlern an die britische Gleichstellungsministerin Bridget Phillipson, der kürzlich als Google-Docs-Dokument veröffentlicht und von über 320 weiteren Akademikern und Aktivisten mitgezeichnet wurde: Biology is not binary: a letter from biologists, doctors, and other experts to Bridget Phillipson, Minister for Women and Equalities
Der Brief reagiert auf politische und juristische Entwicklungen im Vereinigten Königreich – insbesondere auf Entscheidungen des UK Supreme Court (siehe: Supreme Court stärkt Zweigeschlechtlichkeit) und Leitlinien der Equality and Human Rights Commission –, die den Begriff "biologisches Geschlecht" für rechtliche Regelungen heranziehen. Die Unterzeichner argumentieren, ein strikt binäres Verständnis von Geschlecht sei wissenschaftlich unhaltbar und politisch gefährlich. Damit positioniert sich das Schreiben innerhalb einer breiteren internationalen Debatte über Geschlecht, Recht und medizinische Praxis. Aus unserer Sicht stellt der Brief jedoch ein Beispiel dafür dar, wie biologische Begriffe politisiert und wissenschaftlich unscharf verwendet werden.
Sexualbiologische Grundlagen
Aus sexualbiologischer Sicht ist das Geschlecht (Sexus; engl. sex) keine lose Sammlung von Merkmalen, wie der Brief behauptet, sondern eine grundlegende Organisationsform vielzelliger Fortpflanzung. In anisogamen Systemen – also nahezu allen vielzelligen Tieren und Pflanzen – existieren zwei reproduktive Strategien: die Produktion kleiner, beweglicher Gameten und die Produktion großer, nährstoffreicher Gameten. Diese beiden Strategien definieren die Kategorien männlich und weiblich. Alle weiteren Merkmale wie Hormone, sekundäre Geschlechtseigenschaften, Verhaltensdispositionen und morphologische Unterschiede sind funktionale Konsequenzen dieser reproduktiven Spezialisierung [1].
Dass diese Folgeerscheinungen variieren oder atypische Ausprägungen annehmen können, berührt nicht die zugrundeliegende binäre Struktur, sondern bestätigt vielmehr die zentrale Rolle der Gametenproduktion als Organisationsprinzip biologischer Geschlechtlichkeit. Im Folgenden werden wir deshalb darlegen, warum die im Brief formulierten Argumente zentrale Kategorien biologischer Organisation verfehlen.
"Biologie ist nicht binär"?
Bereits der Titel des offenen Briefes lenkt die Debatte in eine problematische Richtung. Selbstverständlich ist "Biologie" nicht binär – die Biologie untersucht Vielfalt, Kontinua, Übergänge und Plastizität in nahezu allen Merkmalen lebender Systeme. Doch genau darin liegt die begriffliche Verschiebung: Gegenstand der politischen und rechtlichen Auseinandersetzung ist nicht "die Biologie" im Ganzen, sondern das Geschlecht. Indem der Titel vom präzisen Begriff des Sexus zu dem unscharfen Sammelbegriff "Biologie" übergeht, wird eine klar definierbare reproduktionsbiologische Kategorie in ein Feld allgemeiner Variation überführt.
Dabei ist es in der Biologie selbstverständlich, dass unterschiedliche Merkmalsdimensionen unterschiedlich strukturiert sind. Einige sind kontinuierlich verteilt (etwa Körpergröße oder Hormonspiegel), andere kategorial organisiert. Die Gametentypen, die den Sexus definieren, gehören zur zweiten Kategorie. Die Vermischung kategorialer und kontinuierlicher Merkmalsdimensionen erzeugt den Eindruck, als müsse jede biologische Klassifikation spektral gedacht werden. Tatsächlich zeigt die Evolutionsbiologie, dass Variation und kategoriale Organisation keine Gegensätze sind. Der Titel des Briefes verdeckt diese Unterscheidung und trägt so zur begrifflichen Unschärfe der Debatte bei.
Dies wird auch aus den im Brief angeführten Quellen deutlich. Es handelt sich überwiegend um fachlich seriöse Publikationen aus der Endokrinologie, klinischen Medizin, Neuroendokrinologie, Öffentlichen Gesundheit sowie angrenzenden sozialwissenschaftlichen Feldern. Viele der zitierten Arbeiten erscheinen in etablierten Fachzeitschriften und behandeln reale biologische Prozesse. Disziplinär adressieren sie jedoch vor allem medizinische Praxis und gesundheitspolitische Fragestellungen und damit im weitesten Sinne physiologische Variabilität. Weitgehend ausgeblendet bleiben hingegen evolutions- und reproduktionsbiologische Grundlagenarbeiten, in denen Geschlecht funktional über anisogame Fortpflanzung definiert wird. Diese Schwerpunktsetzung bedeutet nicht, dass die zitierten Studien unzutreffend wären; sie beleuchten vielmehr eine andere Ebene biologischer Beschreibung. Diese Differenz zwischen medizinisch-physiologischer Vielfalt und der reproduktionsbiologischen Definition des Geschlechts wird im Brief selbst allerdings nur am Rande sichtbar.
Variationen der Geschlechtsentwicklung und die Frage der "Nicht-Binarität"
Die Autoren argumentieren, dass chromosomale Variationen, Abweichungen in der Entwicklung der Geschlechtseigenschaften und medizinische Eingriffe zeigen würden, dass Geschlecht nicht binär sei. Aus sexualbiologischer Perspektive liegt hier eine Kategorienverwechslung vor. Abweichungen bzw. Störungen der Geschlechtsentwicklung (Disorders of Sex Development, DSD) betreffen die Ausdifferenzierung des Körpers entlang der männlichen oder weiblichen Entwicklungsbahn. Sie stellen keine dritten reproduktiven Strategien dar. Auch wenn äußere Genitalien oder hormonelle Signalwege atypisch ausgebildet sind, bleibt der organismische Bauplan auf eine der beiden Gametenfunktionen ausgerichtet oder entwickelt sich entlang einer davon partiell abweichenden, aber nicht neuen, reproduktiven Achse. Dies gilt insofern auch für die seltenen Entwicklungsstörungen aus der Gruppe der ovotestikulären DSD, bei denen gewissermaßen beide Entwicklungspfade gleichzeitig eingeschlagen werden, jedoch explizit kein dritter.
Medizinische Eingriffe können phänotypische Merkmale verändern, aber sie bedeuten weder einen funktionalen Wechsel des Geschlechts noch schaffen sie neue Gametenklassen und damit keine neue Geschlechtkategorie im biologischen Kontext – und nur dieser ist anzuwenden, wenn wir über den Sexus sprechen. Die binäre Klassifikation ist daher keine "vereinfachte Regel", sondern eine Beschreibung der fundamentalen reproduktiven Organisation.
Hormone, Genexpression und physiologische Plastizität
Der Brief hebt hervor, dass Hormone, Genexpression und physiologische Prozesse nicht binär seien und sich durch hormonelle Therapien erheblich verändern könnten. Diese Beobachtung ist korrekt, doch die Schlussfolgerung ist es nicht. Endokrine Signalwege sind Regulationsmechanismen innerhalb eines bereits sexuell differenzierten Organismus. Hormone modulieren Gewebe, Stoffwechsel und sekundäre Geschlechtseigenschaften; sie definieren jedoch nicht die zugrundeliegende Geschlechtskategorie. Die Fähigkeit von Zellen, auf Östrogene oder Androgene zu reagieren, ist selbst ein Ergebnis sexueller Differenzierung. Physiologische Plastizität zeigt die Anpassungsfähigkeit des Körpers, nicht die Auflösung der zugrundeliegenden reproduktiven Binarität. Dass medizinische Praxis differenzierte Referenzwerte benötigt, unterstreicht die Bedeutung individueller Variabilität in der logischerweise anthropozentrisch orientierten Humanmedizin – nicht jedoch die Existenz zusätzlicher Geschlechter im Kontext der (ausdrücklich nicht anthropozentrischen) Biologie.
Reproduktion als angeblich irrelevanter Bezugspunkt
Der dritte zentrale Punkt des Briefes ist aus unserer Sicht besonders absurd. Er lautet, biologische Binarität sei höchstens im Kontext der Fortpflanzung relevant und daher ungeeignet als Grundlage gesellschaftlicher Regelungen. Diese Aussage verkennt die Rolle reproduktiver Strategien als fundamentale Organisationsprinzipien von Körperbau, Physiologie und Verhalten. Sexuelle Differenzierung beeinflusst Skelettstruktur, Immunfunktion, Energiestoffwechsel, Verletzungsrisiken und Krankheitsverläufe – nicht als zufällige Begleiterscheinungen, sondern als evolutionär entstandene Anpassungen im Kontext anisogamer Fortpflanzung. Die Reproduktion ist daher kein randständiger Sonderfall, sondern der Ursprung der sexuell dimorphen Organisation komplexer Organismen. Dass gesellschaftliche Fragen sensibel und differenziert behandelt werden müssen, ist unbestritten; daraus folgt jedoch nicht, dass die biologischen Grundlagen des Geschlechts beliebig oder lediglich sozial konstruiert seien.
Menschenmännchen (Jungen/Männer) und -weibchen (Mädchen/Frauen) unterscheiden sich folglich nicht nur in Bezug auf die unmittelbare Gametenproduktion, sondern auch hinsichtlich jener körperlichen und physiologischen Eigenschaften, die sich evolutiv im Kontext dieser unterschiedlichen reproduktiven Rollen herausgebildet haben. Diese dimorphen Muster sind so konsistent und populationsübergreifend, dass selbst sehr junge Kinder früh beginnen, Männer und Frauen anhand körperlicher Merkmale zuverlässig zu unterscheiden. Diverse entwicklungspsychologische Studien zeigen, dass Kinder bereits im Vorschulalter stabile Geschlechtskategorien bilden und entsprechende körperliche Unterschiede wahrnehmen und klassifizieren können [2][3][4].
Vor diesem Hintergrund wirkt es aus unserer Sicht befremdlich, die grundlegende Tatsache einer reproduktiv fundierten Zweigeschlechtlichkeit gegenüber einem Kreis promovierter Natur- und Humanwissenschaftler explizieren zu müssen. Die Anerkennung dieser biologischen Realität ist keine ideologische Zuspitzung, sondern eine deskriptive Feststellung über die Organisationsweise einer anisogamen Spezies.
Aktivismus und die Rhetorik eminenzbasierter Wissenschaft
Der offene Brief ist nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein normatives und politisches Dokument. Offene Schreiben dieser Art fungieren häufig als Instrumente wissenschaftlicher Autoritätskommunikation im öffentlichen Raum. Die Vielzahl akademischer Titel und institutioneller Zugehörigkeiten signalisiert Expertise und soll politischer Argumentation besonderes Gewicht verleihen. Dieses Verfahren ersetzt jedoch nicht die inhaltliche Prüfung der vorgebrachten Thesen. Wissenschaftliche Gültigkeit entsteht durch empirische Evidenz und theoretische Kohärentheit, nicht durch die Anzahl und Titel der Unterzeichner.
Auffällig ist zudem die rhetorische Struktur des Schreibens. Es arbeitet mit Verweisen auf biologische Vielfalt, medizinische Komplementarität und potenzielle Schadensfolgen für vulnerable Gruppen, um politische Schlussfolgerungen zu stützen. Dadurch verschiebt sich der Fokus von der Frage biologischer Definitionen hin zu normativen Fragen von Inklusion und sozialer Gerechtigkeit. Diese Ebenen sind legitim, sollten jedoch analytisch getrennt werden. Empirische Aussagen über die Natur des Geschlechts lassen sich nicht aus sozialpolitischen Zielsetzungen ableiten (ebenso wenig wie politische Forderungen allein durch biologische Beschreibungen begründet werden können). Eine sachliche Debatte erfordert daher die klare Unterscheidung zwischen deskriptiven wissenschaftlichen Befunden und normativen gesellschaftlichen Anliegen.
Wer sind die Autoren des Briefes?
Ein ergänzender Blick auf die Erstunterzeichnenden des Schreibens offenbart ein aufschlussreiches Bild hinsichtlich fachlicher Hintergründe und möglicher thematischer Schwerpunktsetzungen. Unter den namentlich aufgeführten Erstunterzeichnern findet sich eine heterogene Gruppe, die grob drei großen Bereichen zuzuordnen ist: den Biowissenschaften (u. a. Molekularbiologie, Neurowissenschaften, Genetik, Bioinformatik), der Humanmedizin (inklusive klinischer Fachspezialisierungen) sowie den Sozial- und Verhaltenswissenschaften, insbesondere Psychologie und Gender Studies. Daraus ergibt sich näherungsweise folgende Verteilung: Rund ein Drittel stammt aus den biologischen Grundlagenwissenschaften oder angrenzenden Lebenswissenschaften; ein weiteres gutes Drittel sind approbierte Ärzte bzw. klinisch tätige Mediziner; etwa ein Viertel kommt aus Psychologie, Öffentliche Gesundheit, Geistes- oder Sozialwissenschaften (oft aus den interdisziplinären Gender Studies); hinzu kommt eine kleinere Gruppe aus Mathematik, Pflegewissenschaft und interdisziplinären Feldern.
Auffällig ist ferner die kommunikative Selbstverortung der Autoren. Ein erheblicher Teil nennt explizit persönliche Pronomen. Unter den Erstunterzeichnern macht dies etwa ein Drittel aus; innerhalb dieser Gruppe findet sich wiederum ein signifikanter Anteil, der neben binären Pronomen auch nicht-binäre Neopronomen wie "they/them" oder kombinierte Formen verwendet. Diese Praxis ist in naturwissenschaftlichen Publikationen unüblich und deutet auf eine besondere Sensibilität (um nicht zu sagen Bias) gegenüber Identitäts- und Genderdiskursen hin. Dies allein entwertet die fachliche Qualifikation der Beteiligten zwar nicht, kann jedoch als Hinweis darauf gelesen werden, dass ein Teil der Unterzeichner in einem gesellschaftspolitischen Umfeld verankert ist, in dem Fragen geschlechtlicher Identität eine zentralere Rolle spielen, als naturalistische Realwissenschaft – ein Umstand, der bei der Einordnung der Argumentationslinie des Briefes berücksichtigt werden sollte.
Fazit
Der offene Brief "Biology is not binary" weist zu Recht auf biologische Variabilität und medizinische Komplementarität hin, zieht daraus jedoch Schlussfolgerungen, die aus sexualbiologischer Sicht nicht haltbar sind. Morphologische, hormonelle und entwicklungsbiologische Vielfalt erzeugt bimodale Verteilungen und individuelle Besonderheiten, doch diese Variationen entstehen innerhalb einer binären reproduktiven Architektur. "Sex" ist keine "collection of characteristics"; vielmehr ist diese Sammlung die Folge einer organismischen Organisation um die jeweilige Gametenproduktion. Die Anerkennung individueller Unterschiede und medizinischer Bedürfnisse ist mit der Feststellung vereinbar, dass das Geschlecht in anisogamen Organismen universell binär definiert ist. Eine wissenschaftlich präzise Debatte muss diese Unterscheidung klar benennen, statt grundlegende biologische Kategorien aus politischen oder rhetorischen Gründen aufzulösen.
Quellen
[1] Goymann, W., Brumm, H., & Kappeler, P. M. (2023). Biological sex is binary, even though there is a rainbow of sex roles. BioEssays, 45, e2200173. https://doi.org/10.1002/bies.202200173
[2] Slaby, R. G., & Frey, K. S. (1975). Development of gender constancy and selective attention to same-sex models. Child Development, 46(4), 849–856. https://doi.org/10.2307/1128389
[3] Martin, C. L., & Halverson, C. F. (1983). The effects of sex-typing schemas on young children's memory. Child Development, 54(3), 563–574. https://doi.org/10.2307/1130043
[4] Diane N Ruble, Lisa J Taylor, Lisa Cyphers, Faith K Greulich, Leah E Lurye, Patrick E Shrout, The Role of Gender Constancy in Early Gender Development, Child Development, Volume 78, Issue 4, July/August 2007, Pages 1121–1136, https://doi.org/10.1111/j.1467-8624.2007.01056.x
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