In der gestrigen Folge der ARD-Sendung "Wer weiß denn sowas?" wurde eine Frage gestellt, die auf eine kürzlich veröffentlichte Studie zur Geschlechtsentwicklung bei Wildvögeln Bezug nahm:
Konkret ging es um einen Kookaburra (Dacelo novaeguineae), der australische Forscher überrascht hatte. Doch womit? Die korrekte Antwort lautete, dass das Tier genetisch männlich war, aber Eier legen konnte – eine Formulierung, die für eine Quizfrage akzeptabel gewählt war. Die zugrundeliegende Studie (Hall et al., 2025) haben wir bereits in einem früheren Blogpost ausführlich vorgestellt und eingeordnet (siehe Überraschende Häufigkeit von Sex Reversal bei Wildvögeln). Umso spannender ist es zu beobachten, wie dieselben Befunde in populären Medien weiterverarbeitet werden. Denn genau hier beginnen die begrifflichen und konzeptionellen Probleme, die wir in diesem Beitrag kritisch beleuchten möchten.
Begriffliche Verschiebungen im Wwdsw-Erklärvideo
Während die Quizantwort selbst noch fundiert blieb, wurde es im erklärenden Video problematischer. Dort hieß es sinngemäß, die Forscher hätten im Körper eines genetisch männlichen Vogels Merkmale wie Follikel und Eileiter gefunden, die "normalerweise nur bei Weibchen vorkommen". Diese Formulierung ist biologisch zwar nicht falsch, aber konzeptionell unsauber. Denn sie legt nahe, dass es sich weiterhin um ein "männliches Tier" handle, das zusätzlich weibliche Merkmale ausgebildet habe. Aus streng sexualbiologischer Perspektive ist jedoch entscheidend, dass ein Tier, das funktionale Ovarstrukturen, Follikel und einen Eileiter besitzt und ein Ei produziert, die biologische Definition eines Weibchens erfüllt – unabhängig davon, welche Chromosomen vorliegen.
Es handelt sich um keine Mischung zweier Geschlechter und auch um keinen Wechsel des Geschlechts, sondern um eine Umkehr der Geschlechtsentwicklung vom chromosomalen Erwartungswert. In der Humanbiologie würde man von einer Form der DSD (Disorders of Sex Development) sprechen. Der Begriff "genetisch männlich" beschreibt in diesem Kontext lediglich die Ausgangslage, nicht den relevanten biologischen Status des Individuums.
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| Jägerliest (Dacelo novaeguineae) – auch als Kookaburra oder "Lachender Hans" bekannt. Image by Rebecca Tregear from Pixabay |
'Popular Science' und das Problem der Schlagzeilen
Noch deutlicher wird die begriffliche Unschärfe im Artikel von 'Popular Science', der im Erklärfilm eingeblendet wurde (Minute 22:22). Die Schlagzeile "Scientists find male bird that laid an egg" ist medial zugespitzt, aber sexualbiologisch hoch problematisch. Denn es gibt kein "männliches Tier", das Eier legt. Eierlegen ist per Definition eine weibliche Fortpflanzungsfunktion. Die korrekte Aussage wäre: Forscher fanden ein Tier mit männlichem Chromosomensatz, das sich phänotypisch und funktional weiblich entwickelt hatte.
Im Fließtext des Artikels wird diese Differenzierung teilweise nachgeholt. Dort ist von "sex reversal", von genetischen Männchen mit vollständig weiblichem Phänotyp und von der Entkopplung genetischer und körperlicher Geschlechtsmerkmale die Rede. Das ist fachlich korrekt. Gleichzeitig bleibt die Grundspannung bestehen, denn die Sprache hält am Etikett "male" fest, obwohl die geschlechtsdefinierende Fortpflanzungsfunktion eindeutig weiblich ist.
Positiv hervorzuheben ist, dass der Artikel klar benennt, was die Studie tatsächlich zeigt, nämlich eine Diskrepanz zwischen Genotyp und Phänotyp. Auch der Hinweis, dass die Geschlechtsbestimmung nicht allein durch Chromosomen erfolgt, sondern durch Genexpression, Hormone und zelluläre Prozesse, ist sachlich richtig. Problematisch wird es dort, wo diese differenzierten Inhalte mit einer Sprache kombiniert werden, die suggeriert, Geschlecht sei grundsätzlich "fluid" oder beliebig. Die Aussage, Geschlechtsbestimmung sei "more fluid than we thought", ist nur dann haltbar, wenn man klarstellt, wovon sie abweicht: von der chromosomalen Erwartung, nicht von der binären Fortpflanzungslogik selbst. Die diskutierte Studie zeigt kein drittes Geschlecht, kein Kontinuum zwischen männlich und weiblich und keinen aktiven Wechsel des funktionalen Geschlechts, sondern eine Umkehr des Entwicklungspfades. Sie zeigt, dass Entwicklungsprozesse fehleranfällig sind – ein Befund, der in der Biologie weder neu noch revolutionär ist (aber dennoch wichtig für Feldforschungen).
Phrasen wie "männlicher Vogel legte Ei" sind eingängig, aber sie verschieben den biologischen Referenzrahmen. Sie ersetzen funktionale Definitionen durch chromosomale Etiketten und laden die Befunde unnötig mit gesellschaftlichen Bedeutungen auf, was auch aus dem Wer-weiß-denn-sowas-Chat hervorging, wo Nutzer den "LGBT-Vogel" feierten. Gerade in der Sexualbiologie ist jedoch nüchterne Präzision entscheidend. Wer Ausnahmen beschreibt, sollte die Regel benennen. Wer Entwicklungsvarianten diskutiert, sollte die zugrundeliegende Struktur nicht aus dem Blick verlieren. Andernfalls entsteht der Eindruck, Biologie bestätige Positionen, die sie in dieser Form gar nicht vertritt.
Fazit
Die Studie zu "Sex Reversal" bei Wildvögeln ist wissenschaftlich hochinteressant und ökologisch relevant. Ihre mediale Aufbereitung zeigt jedoch, wie schnell aus Entwicklungsabweichungen vermeintliche "Vielfalt der Geschlechter" wird. Quizformate und populärwissenschaftliche Portale greifen oftmals zu vereinfachenden Bildern, die biologisch allerdings mehr verwirren als erklären.

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