Sonntag, 21. Dezember 2025

Kommentar zum Titelthema "Geschlecht" im Skeptiker 3/2025 der GWUP

Meinungsbeitrag* von Marco Bergmann
Sprecher & Mitgründer der IG Sexualbiologie und GWUP-Mitglied

Mit großer Begeisterung habe ich den Artikel "Geschlecht – die neuen Irrungen und Wirrungen um einen altbewährten biologischen Begriff" in der Ausgabe 3/2025 des Skeptikers – der Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) – gelesen. Der Autor Dittmar Graf, emeritierter Professor für Biologiedidaktik an der Universität Gießen, setzt sich darin mit den aktuellen Diskussionen rund um den Begriff "Geschlecht" auseinander, die oft durch uneinheitliche oder widersprüchliche Definitionen geprägt sind. Dabei wird deutlich, dass häufig biologische und gesellschaftlich geprägte Aspekte vermischt werden. Graf spricht sich für eine klare, biologische Definition aus, die sich an der Fortpflanzungsfunktion auf Basis der Keimzellen (Gameten) orientiert. Eine präzise Unterscheidung zwischen biologischen Fakten und sozialen Konzepten könne laut ihm helfen, die Debatte besser einzuordnen. Zudem warnt er davor, dass ungenaue Begriffsverwendungen wissenschaftliche Erkenntnisse durch ideologisch geprägte Sichtweisen verzerren können. Er plädiert deshalb für eine sachliche, wissenschaftlich begründete Auseinandersetzung, um Missverständnisse und Fehldeutungen zu vermeiden.

Aus meiner Sicht ist die Darstellung des Kollegen Graf nachvollziehbar und deckt sich größtenteils mit den Positionen unserer Interessengemeinschaft. Dennoch reproduziert er aus meiner Sicht in einem Punkt die Verzerrung ideologischer Narrative, indem er die soziologische Begriffsbestimmung für "Gender" übernimmt.

Seinen etymologischen Ursprung hat das Wort "Gender" im lateinischen "gignere", was sich frei als "hervorbringen" übersetzen lässt. Der deutsche Zoologe Oscar Hertwig beschrieb bereits vor knapp 150 Jahren in einer Arbeit zur Befruchtung von Seeigeln die Verschmelzung von Eikern und Spermakern als zentrales Merkmal der sexuellen Fortpflanzung [1]. Darauf aufbauend beschrieb er die Ausformung eines Organismus zu einem geschlechtsreifen, fortpflanzungsfähigen Individuum. Seitdem wird in der Biologie die Genese von Geschlechtsindividuen als Spermien- bzw. Eizellenlieferant mit dem Terminus "Gender" bezeichnet (vgl. Kutschera 2016 [2]). In der Botanik beschreibt die "Gender Ratio" beispielsweise das Verhältnis von Pollenproduzenten gegenüber Fruchtknotenbereitstellern. Gender wird hier also explizit als Ausmaß der funktionalen Beteiligung an der Fortpflanzung definiert (vgl. Geber 1999 [3]). Mit der sogenannten "Gender-Specific Medicine" werden in der Humanmedizin die hervorgebrachten biologischen Unterschiede der beiden Geschlechter, z. B. in Hinblick auf die unterschiedliche Wirkung von Medikamenten bei Männern und Frauen, beachtet. Der Sexus eines Organismus bestimmt somit sein Gender. Bei der Trockennasenaffenspezies Homo sapiens begründet die potenzielle Gametenproduktion die Zuordnung zum jeweiligen Sexus und dadurch folgerichtig auch die Herausbildung eines männlichen oder weiblichen Geschlechtsindividuums/Genders.

In diesem Lichte betrachtet ist die häufig von deutschsprachigen Befürwortern eines sozialen Geschlechtsbegriffs geäußerte Behauptung, dass der im Deutschen für "sex" und "gender" gleichermaßen verwendete Begriff "Geschlecht" für Verwirrung sorge, entschieden abzuweisen. Sex bedingt Gender. Die Verwirrung entsteht nicht etwa aus dem Umstand, dass im englischen Sprachraum mit separaten Begriffen zwischen der mikroskopisch-zellulären Binarität der Gameten und der (phänotypisch durchaus diversen) makroskopischen Genese von Geschlechtsindividuen unterschieden wird, sondern aus dem Umstand, dass Soziologen letzteres als komplett von der Biologie abgekoppeltes Identitätsmodell umdefiniert haben.

Die Umdeutung geht auf den Psychologen John Money zurück. Anfang der 1960er-Jahre von dem Psychoanalytiker Robert J. Stoller eingeführt, bezeichnete "gender identity" ursprünglich das Wissen einer Person, welchem Geschlecht sie angehört und "gender" den Grad von "Maskulinität" bzw. "Femininität" innerhalb der binären Kategorien "männlich" und "weiblich" [4]. Money vertrat die These, dass die geschlechtliche Identität eines Menschen frei formbar sei, da der Mensch zum Zeitpunkt der Geburt intrinsisch geschlechtsneutral zur Welt komme und erst durch soziale Einflüsse sein Gender erlerne. Money definierte die Geschlechtsidentität als die private Erfahrung der Geschlechterrolle und die Geschlechterrolle wiederum als öffentlichen Ausdruck der inneren Geschlechtsidentität [5]. In späteren Publikationen unterschied er allerdings nicht mehr wirklich zwischen "gender identity", "gender role" und "gender", sondern nutzte diese Termini auf teilweise widersprüchliche Art und Weise synonym. Jede halbwegs nachvollziehbare Begriffsbestimmung ging damit verloren. Moneys Thesen finden in den Sozialwissenschaften trotzdem weiterhin Anklang. Moderne Soziologen aus den Bereichen Gender Studies und Queer-Theorie bauen auf Moneys Hypothesen auf und verwenden "Gender" im Sinne eines "sozialen Geschlechts", ohne dabei jedoch einheitlich zu definieren, anhand welcher Merkmale sich diese "Geschlechter" voneinander unterscheiden lassen.

Die entscheidende Frage lautet, ob es sinnvoll ist, den Begriff "Gender" in verschiedenen Disziplinen unterschiedlich zu verwenden. Man denke in diesem Kontext etwa an die Definition von "Metallen": einerseits als eine Gruppe chemischer Elemente mit bestimmten Eigenschaften gegenüber der astrophysikalischen Definition, die alle Elemente außer Wasserstoff und Helium (also auch Nicht- und Halbmetalle) umfasst. Hier scheint es ja zu funktionieren, denselben Begriff für unterschiedliche wissenschaftliche Konzepte zu verwenden. Ob ein solcher Vergleich wirklich trägt, ist allerdings fraglich. Während in den Naturwissenschaften die jeweilige Begriffsverwendung immerhin klar an die Funktion innerhalb eines wissenschaftlichen Systems gekoppelt ist, bleibt bei "Gender" die Trennung zwischen dem biologisch eindeutigen Konzept und dem eher schwammig beschriebenen sozialen Konstrukt diffus und noch dazu politisch aufgeladen.

In der aktuellen Debatte sehe ich persönlich eher die Sozialwissenschaften in der Pflicht, neue Termini für ihre Hypothese eines "sozialen Geschlechts" zu etablieren. Diesen Denkschulen den Begriff "Gender" unkritisch zu überlassen und sie damit naturwissenschaftlich aufzuwerten, sollte vermieden werden, da dies eher zur Verwirrung als zur Klärung beiträgt. Leider beobachte ich in den Biowissenschaften eher einen Trend zur Abkehr vom Gender-Begriff, um sich von den Gender Studies abzugrenzen. Doch wer den Kulturkampf meidet, hat ihn bereits verloren. Schließlich überlässt man ja auch keinen Kreationisten die Deutungshoheit über biologische Konzepte und Fachwörter.

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Quellen

[1] Hertwig, O. (1876): Beitrage zur Kenntnis der Bildung, Befruchtung und Theilung des thierischen Eies. Morphologisches Jahrbuch 1: 347-434.

[2] Kutschera, U. (2016) Sex versus Gender in Sea Urchins and Leeches Two Centuries after Lamarck 1816. J Marine Sci Res Dev 6:210. doi: 10.4172/2155-9910.1000210

[3] Geber, M. (1999): Gender and Sexual Dimorphism in Flowering Plants. Springer EBooks. doi: 10.1007/978-3-662-03908-3

[4] Stoller, R. J. (1964a): A contribution to the study of gender identity. International Journal of Psycho-Analysis, 45, 220–226.

[5] Money, J. (1973): Gender role, gender identity, core gender identity: Usage and definition of terms. Journal of the American Academy of Psychoanalysis, 1, 397–403.


*Dieser Beitrag erschien in leicht gekürzter Form in der Rubrik "Leserforum" der Skeptiker-Ausgabe 4/2025 und wurde von Dittmar Graf in derselben Ausgabe kommentiert. Er argumentiert gegen die Verwendung des Gender-Begriffs in der Biologie, da sich "gender" bereits als "soziales Geschlecht" etabliert habe. Mit derselben Begründung ließe sich jedoch perspektivisch auch der Begriff "Geschlecht" in der von seiner Funktion losgelösten Umdeutung den Sozial- und Geisteswissenschaften opfern.

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