In den vergangenen Jahren wurde häufig über einen deutlichen Anstieg von Transidentitäten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen berichtet. Umso größer war die Aufmerksamkeit, als im Herbst 2025 Stimmen laut wurden, die von einem möglichen Trendbruch sprachen: Die Identifikation als "trans" oder "nicht-binär" gehe bei jungen Menschen deutlich zurück. Solche Aussagen wurden in sozialen Medien schnell aufgegriffen und teils politisch zugespitzt. Für eine wissenschaftlich informierte Debatte ist jedoch entscheidend, genau hinzusehen: Welche Daten liegen vor, was messen sie tatsächlich und wie belastbar sind Aussagen über einen Rückgang?
Umfrageergebnisse aus Studentenpopulationen
Ausgangspunkt der Debatte war eine Auswertung des britisch-kanadischen Politologen Eric Kaufmann, der auf der Plattform X Umfragedaten aus Studentenpopulationen analysierte. Im Fokus standen dabei Studenten, die sich weder als Frau noch als Mann identifizieren, also als "nicht-binär".
Kaufmann berichtete, dass der Anteil nicht-binärer Selbstidentifikationen an einzelnen Hochschulen zwischen Anfang 2023 und 2025 um bis zu 75 % zurückgegangen sei. Begleitet wurde diese Beobachtung von der zugespitzten Formulierung, "trans identification is in free fall among the young" ("Trans-Identifikation befindet sich bei jungen Menschen im freien Fall"):
1/ NEW: trans identification is in free fall among the young
— Eric Kaufmann (@epkaufm) October 14, 2025
(h/t @FIRE data in particular) pic.twitter.com/i0Z1BNcWG8
Diese Aussage erzeugte große Resonanz – nicht zuletzt, weil sie einem zuvor gut dokumentierten Anstieg widersprach. Zugleich machte sie deutlich, wie stark Begriffe wie "trans" und "nicht-binär" im öffentlichen Diskurs häufig gleichgesetzt werden, obwohl sie empirisch und konzeptuell nicht identisch sind.
Nationale US-Daten und methodische Einordnung
Die Psychologieprofessorin Jean M. Twenge nahm Kaufmanns These zum Anlass für eine eigene, differenzierte Datenanalyse. Sie wies in einem Beitrag auf ‚Persuasion‘ mit dem Titel "Transgender Identity Really Has Fallen Among Young People" zunächst darauf hin, dass Kaufmanns ursprüngliche Daten nicht direkt die Identifikation als Transgender erfassten, sondern das "nicht-Identifizieren" als männlich oder weiblich. Twenge betont außerdem methodische Kritikpunkte, unter anderem die fehlende Gewichtung der Umfragedaten. Um die Frage fundierter zu prüfen, analysierte sie mehrere groß angelegte, national repräsentative US-Erhebungen, die explizit nach Transidentität fragten.
Zunächst zeigte die Household Pulse Survey einen Rückgang der Transidentifikation bei 18- bis 22-Jährigen im Jahr 2024. Twenge blieb hier jedoch vorsichtig, da sich der Effekt nur auf einen kurzen Zeitraum beschränkte und parallel neue Antwortoptionen für nicht-binäre Identitäten eingeführt worden waren – was das Antwortverhalten beeinflusst haben könnte. Entscheidender waren schließlich Daten aus der Cooperative Election Study (CES), die seit Jahren konsistente Fragen zu Transgender und nicht-binärer Identifikation stellt. Diese Daten deuten darauf hin, dass sowohl die Identifikation als trans als auch als nicht-binär unter jungen Erwachsenen in den USA zwischen 2022 und 2024 deutlich zurückging.
Bei den 18- bis 22-Jährigen sank der Anteil Transidentifizierter in diesem Zeitraum um fast die Hälfte; die nicht-binäre Identifikation nahm zwischen 2023 und 2024 sogar um mehr als 50 % ab. Auffällig ist dabei ein Kohorteneffekt: Personen, die in den frühen 2000er-Jahren geboren wurden, zeigten höhere Identifikationsraten als frühere und spätere Geburtsjahrgänge, was wiederum die Hypothese der Rapid-Onset Gender Dysphoria (ROGD) stützt. Twenge betont jedoch ausdrücklich eine zentrale Einschränkung: Für 2025 liegen noch keine CES-Daten vor. Ob es sich um den Beginn eines dauerhaften Trends oder um eine kurzfristige Schwankung handelt, lässt sich derzeit nicht abschließend beurteilen.
Gegenthese: Weiteres Wachstum
Eine deutlich andere Perspektive vertritt der Psychologe Angelo Vincent De Boni, der sich ebenfalls auf X auf langfristige Entwicklungen beruft:
NO, sorry but trans id youth are NOT decreasing 📊📈
— Vincent-psych (@VincentPsychSE) October 14, 2025
- my analysis, I scoured data across western nations
- I also work globally with this population
Deep dive thread 🧵📉⤵️ 1/9 pic.twitter.com/lHQgOge24C
Auf Basis seiner Auswertungen zeigt sich für die USA bei Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren ein kontinuierlicher Anstieg der Transidentifikation:
- 2016: 0,7 % (≈150.000 Jugendliche)
- 2022: 1,4 % (≈300.000 Jugendliche)
- 2025: 3,3 % (≈724.000 Jugendliche)
Demnach hätte sich der Anteil transidenter Jugendlicher innerhalb von neun Jahren nahezu verfünffacht. De Boni interpretiert dies als Ausdruck eines anhaltenden Wachstumstrends, der inzwischen mehr als 700.000 Jugendliche in den USA umfasst. Auch für Europa verweist er auf steigende Werte. Laut Daten aus dem FRA LGBTI Survey und Analysen von ILGA-Europe lag der Anteil trans bzw. genderdiverser Identifikationen bei:
- 2012: 1,2 %
- 2019: 1,8 %
- 2025: ca. 2,0 %
Diese Zahlen sprechen – zumindest auf aggregierter Ebene – eher für eine fortgesetzte Zunahme als für einen klaren Rückgang.
Kohorteneffekte statt Zeittrends: Mögliche Ursachen
Ein besonders aufschlussreicher Ansatz zur Einordnung der Daten ist die Unterscheidung zwischen Zeittrends und Kohorteneffekten. Während ein Zeittrend bedeuten würde, dass sich Einstellungen und Selbstidentifikationen gleichzeitig über alle Altersgruppen hinweg verändern, beschreibt ein Kohorteneffekt die dauerhafte Prägung einer bestimmten Geburtsgeneration durch spezifische historische und soziale Bedingungen.
Die Jahrgänge 2000 bis 2004 stellen in dieser Hinsicht eine besondere Kohorte dar. Sie befanden sich während der repressiven Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 in einem Alter von etwa 16 bis 20 Jahren – also genau in jener entwicklungspsychologisch sensiblen Phase, in der Identität, Selbstbild und soziale Zugehörigkeit neu ausgehandelt werden. Diese Phase ist geprägt von einer starken Orientierung an Gleichaltrigen. In dieser Zeit fielen zentrale Sozialisationsräume weg: Schulen, Universitäten, Freizeitangebote und informelle Peer-Treffen waren über Monate hinweg stark eingeschränkt oder ganz geschlossen. Infolge dessen verlagerte sich ein erheblicher Teil sozialer Interaktion in digitale Räume. Plattformen wie TikTok und Community-Foren wie Reddit wurden nicht nur zu Ersatzorten für Kommunikation, sondern auch zu zentralen Arenen der Identitätsaushandlung. Gerade dort sind geschlechtliche Selbstbeschreibungen besonders sichtbar und explizit: Profile, Pronomen, Labels und persönliche Narrative spielen eine größere Rolle als im analogen Alltag. Abweichungen von traditionellen Geschlechternormen werden häufiger benannt, diskutiert und innerhalb spezialisierter Communities positiv rückgekoppelt.
Diese digitalen Räume erzeugen zwar keine Identitäten, sie verändern jedoch die Bedingungen, unter denen Identität erkundet, benannt und sozial bestätigt wird. Die Isolation wirkte hier weniger als Ursache, sondern eher als Verstärker bereits bestehender kultureller Entwicklungen – etwa der wachsenden Betonung individueller Selbstdefinition. Für die betroffene Kohorte entstand so ein historisch einmaliges Sozialisationsmilieu, das sich in erhöhten Raten expliziter transidenter und nicht-binärer Selbstidentifikation niederschlagen konnte. Ein scheinbarer Rückgang in jüngeren Kohorten könnte somit anzeigen, dass sich die Bedingungen von Selbstidentifikationsprozessen erneut verändert haben.
Warum es für Trenddiagnosen noch zu früh ist
Aus Sicht der IG Sexualbiologie ist vor allem eines entscheidend: Die verfügbaren Outcome-Daten für 2025 liegen zeitlich noch sehr nahe. Einzelne Rückgänge über ein oder zwei Erhebungsjahre erlauben noch keine belastbare Aussage über einen echten Trendwechsel. In der empirischen Sozial- und Sexualforschung gelten längere Beobachtungszeiträume als Voraussetzung, um zwischen kurzfristigen Schwankungen, Kohorteneffekten und strukturellen Veränderungen zu unterscheiden.
Gut dokumentiert ist hingegen der Anstieg der Transidentifikation in den vergangenen etwa zehn Jahren. So zeigen Twenge und Kollegen in einer Übersichtsarbeit aus dem vergangenen Jahr, dass sich der Anteil junger Erwachsener in den USA, die sich als Transgender identifizieren, zwischen 2014 und 2022 nahezu verfünffacht hat [1]. Besonders stark war der Anstieg bei 18- bis 24-Jährigen sowie bei weiblichen Personen, die sich als Transmänner oder gender-nonkonform einordneten.
Vor diesem Hintergrund wäre es wissenschaftlich unseriös, auf Basis weniger aktueller Messpunkte bereits von einem Ende oder gar einer Umkehr dieses Trends zu sprechen.
Fazit
Die Diskussionen um einen möglichen Rückgang von Transidentitäten bei Jugendlichen, die kürzlich durch einen Meinungsbeitrag in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) neu angeheizt wurden, machen deutlich, wie sensibel und komplex dieses Forschungsfeld ist. Einige neuere Daten – insbesondere aus den USA – deuten auf kurzfristige Rückgänge bei bestimmten Altersgruppen und Identitätskategorien hin. Gleichzeitig zeigen andere Erhebungen weiterhin steigende oder zumindest stabile Prävalenzen, insbesondere bei jüngeren Jugendlichen und in europäischen Stichproben. Entscheidend ist daher Zurückhaltung: Ob wir es mit einer vorübergehenden Konsolidierung oder einem tatsächlichen langfristigen Rückgang zu tun haben, lässt sich erst mit mehreren weiteren Jahren konsistenter Forschung klären.
Quellen
[1] Twenge, J.M., Wells, B.E., Le, J. et al. Increases in Self-identifying as Transgender Among US Adults, 2014–2022. Sex Res Soc Policy 22, 755–773 (2025). https://doi.org/10.1007/s13178-024-01001-7
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