In unserem letzten Beitrag zur Teilnahme von Imane Khelif an den Olympischen Spielen 2024 haben wir auf Basis damals verfügbarer Informationen eine sexualbiologische Einordnung vorgenommen und erhebliche Zweifel an der sportlichen Fairness geäußert. Diese Einschätzung stützte sich auf geleakte Testergebnisse, Aussagen aus dem Umfeld Khelifs sowie bekannte Leistungsparameter. Mit einem nun veröffentlichten Interview von Imane Khelif in der französischen Sportzeitung 'L’Équipe' liegt nun erstmals eine Selbstauskunft dieser Person vor, die zentrale Punkte der früheren Berichte bestätigt.
SRY-Gen und hormonelle Intervention
Im Interview antwortet Khelif auf die Frage, ob trotz weiblichen Phänotyps das SRY-Gen auf einem Y-Chromosom vorhanden sei: "Oui, et c’est naturel." ("Ja, und das ist natürlich.") Damit bestätigt Khelif zum ersten Mal eindeutig das Vorliegen eines Y-Chromosoms mit offenbar funktionellem geschlechtsbestimmendem Abschnitt. Das SRY-Gen ist der zentrale genetische Trigger der männlichen Geschlechtsentwicklung.
Ebenfalls erstmals bestätigt Khelif, vor Wettkämpfen eine medikamentöse Hormontherapie zur Senkung des Testosteronspiegels erhalten zu haben: "J’ai déjà baissé mon taux de testostérone pour des compétitions." ("Ich habe meinen Testosteronspiegel für Wettkämpfe bereits gesenkt.") und gibt weiter an, den Wert für das Qualifikationsturnier in Dakar sogar auf nahe null reduziert zu haben. Entscheidend ist dabei nicht allein der aktuelle Hormonwert, sondern die Tatsache, dass eine solche Androgensuppression überhaupt notwendig war – ein Umstand, der bei Frauen in der Regel nicht gegeben ist.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der offensichtliche Widerspruch in Khelifs Aussagen. Einerseits heißt es: "Je n'ai rien fait pour changer la manière dont la nature m'a faite" ("Ich habe nichts getan, um die Art und Weise zu verändern, wie die Natur mich gemacht hat."). Andererseits bestätigt Khelif ausdrücklich, den eigenen Testosteronspiegel medikamentös gesenkt zu haben, um an Wettkämpfen teilnehmen zu können. Aus fachlicher Sicht ist eine gezielte Androgensuppression zweifellos ein Eingriff in den natürlichen endokrinen Zustand des Körpers. Zwar bezieht sich Khelifs Aussage erkennbar auf die Frage nach gegengeschlechtlichen Behandlungen im Sinne einer Transition, doch physiologisch betrachtet wurde sehr wohl interveniert.
Erneute sexualbiologische Einordnung
Die Kombination aus
- männlich assoziierter Chromosomenkombination (46,XY),
- vorhandenem SRY-Gen,
- Notwendigkeit einer Testosteronsuppression,
führt trotz (oder gerade wegen?) fehlenden Angaben zu inneren Reproduktionsorganen aus sexualbiologischer Sicht zu einer klaren Abgrenzung möglicher Diagnosen.
Eine weibliche DSD wie das Swyer-Syndrom (46,XY Gonadendysgenesie) wird damit faktisch ausgeschlossen. In etwa 85 % der Fälle von Swyer-Syndrom ist zwar ebenfalls ein intaktes SRY-Gen vorhanden, es kommt jedoch durch nachgelagerte Defekte in Genen wie SOX9 oder MAP3K1 zu keiner Hodenbildung und damit zu keiner relevanten Androgenwirkung, weder pränatal noch pubertär [1][2]. Eine leistungsrelevante Testosteronproduktion, die aktiv gesenkt werden müsste, ist hier nicht zu erwarten. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios liegt angesichts der von Khelif selbst geschilderten Befunde nahe null.
Das Swyer-Syndrom weist zwar eine hohe Neigung zur Tumorbildung auf (Inzidenz von 20-30 %) [3], allerdings erscheinen hormonaktive Gonaden- oder Nebennierentumoren als Erklärung extrem unwahrscheinlich, da sie weder die stabile Entwicklung noch die lebenslange sportliche Leistungsfähigkeit erklären würden.
Demgegenüber passen sämtliche Befunde konsistent zu einer 5-α-Reduktase-Defizienz (5-ARD). Diese DSD ist gekennzeichnet durch:
- 46,XY-Karyotyp mit SRY+,
- Hodenentwicklung (innenliegend)
- funktionierende Testosteronproduktion,
- eingeschränkte Umwandlung zu Dihydrotestosteron (DHT),
- oft weiblich assoziierter Phänotyp bei Geburt,
- virilisierende Effekte in der Pubertät,
- volle androgenvermittelte Leistungsentwicklung von Muskeln, Knochen, Herz-Kreislauf-System.
Damit ist ein entscheidender Punkt erreicht: Die bislang als "unbestätigte Berichte" bezeichneten Informationen wurden nun erstmals direkt von Khelif selbst bestätigt. Aus wissenschaftlicher Sicht sind diese Aussagen höher zu gewichten als jede mediale Interpretation. Sie bedeuten eine klare Validierung der früheren fachlichen Einschätzung.
Zur Frage der Identität und Olympia 2028
Im Interview betont Khelif mehrfach: "Je ne suis pas une trans, je suis une fille." ("Ich bin nicht trans, ich bin ein Mädchen.") Diese Aussage betrifft die soziale und persönliche Geschlechtsidentität, nicht jedoch das Geschlecht (Sexus). Aus sexualbiologischer Sicht ist diese Unterscheidung zentral. Identität ist subjektiv, variabel und sozial geprägt. Der Sexus hingegen ist objektiv, reproduktiv definiert und biologisch eindeutig: Imane Khelif ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit männlich. Und eine männliche Person, die sich als das weibliche Geschlecht identifiziert, ist definitionsgemäß transident. Diese Feststellung ist weder moralisch noch politisch, sondern eine Konsequenz der Biologie.
Zur Frage von Geschlechtstests im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen 2028 erklärt Khelif im Interview Bereitschaft, sich solchen Tests zu unterziehen, falls sie notwendig sein sollten, um bei den Spielen in Los Angeles antreten zu können. Diese Aussage steht im Kontext der Entscheidung des Weltboxverbands (World Boxing), für alle Boxerinnen und Boxer, die an Wettkämpfen teilnehmen wollen, einschließlich der Qualifikation für Olympia 2028, einen verpflichtenden genetischen Geschlechtstest einzuführen, der insbesondere den Nachweis eines Y-Chromosoms erfordert.
Fazit
Mit Khelifs Interview ist eine neue Phase der Debatte erreicht. Die entscheidenden biologischen Parameter wurden erstmals von dieser Person selbst bestätigt. Aus sexualbiologischer Sicht verdichten sich die Hinweise eindeutig auf einen 5-α-Reduktase-Mangel und damit auf einen männlichen Sexus. Die Diskussion über Fairness im Frauensport kann und darf nicht auf Identitätsfragen reduziert werden. Sie muss sich an biologischen Realitäten orientieren. Alles andere ist kein Fortschritt, sondern eine Abkehr von Wissenschaft zugunsten normativer Setzungen.
Quellen
[1] Firman P. Idris, Jocelyn van den Bergen, Gorjana Robevska, Lucas G.A. Ferreira, Karen R. Ferreira, Marina M.L. Kizys, Magnus R. Dias da Silva, Hennie T. Bruggenwirth, Yolande van Bever, Andrew H. Sinclair, Katie L. Ayers, Functional analysis of SRY variants in individuals with 46,XY differences of sex development, Molecular and Cellular Endocrinology, Volume 598, 2025, 112458, ISSN 0303-7207, https://doi.org/10.1016/j.mce.2025.112458.
[2] Alexander Pearlman, Johnny Loke, Cedric Le Caignec, Stefan White, Lisa Chin, Andrew Friedman, Nicholas Warr, John Willan, David Brauer, Charles Farmer, Eric Brooks, Carole Oddoux, Bridget Riley, Shahin Shajahan, Giovanna Camerino, Tessa Homfray, Andrew H. Crosby, Jenny Couper, Albert David, Andy Greenfield, Andrew Sinclair, Harry Ostrer, Mutations in MAP3K1 Cause 46,XY Disorders of Sex Development and Implicate a Common Signal Transduction Pathway in Human Testis Determination, The American Journal of Human Genetics, Volume 87, Issue 6, 2010, Pages 898-904, ISSN 0002-9297, https://doi.org/10.1016/j.ajhg.2010.11.003.
[3] Cherukuri S, Jajoo S S, Dewani D, et al. (August 19, 2022) The Mysteries of Primary Amenorrhea: Swyer Syndrome. Cureus 14(8): e28170. doi:10.7759/cureus.28170
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