Sprecher & Mitgründer der IG Sexualbiologie
In den vergangenen Jahren war zu beobachten, wie zahlreiche wissenschaftliche Organisationen und einzelne Forscher die Plattform X verließen und zu Bluesky wechselten. Begründet wurde dieser Exodus häufig mit dem Argument, dass das Diskussionsklima auf X zunehmend verrohe und sachliche Debatten dort kaum noch möglich seien. Eine Studie von Shiffman & Wester (2025) untersuchte diese Entwicklung bereits systematisch und wurde in einem früheren Blogpost vorgestellt (siehe Der wissenschaftliche Exodus von X zu Bluesky). Die dort beschriebenen Dynamiken weckten schließlich auch meine eigene wissenschaftliche Neugier. Ich wollte mir selbst ein Bild davon machen, wie sich Diskurse auf Bluesky tatsächlich gestalten und meldete mich deshalb vor wenigen Tagen dort an.
Erste Irritation
Nach der Einrichtung meines Profils teilte ich zunächst ganz unbefangen unseren aktuellsten Blogpost über den Auftritt von Leonie Plaar bei Jan Fleischhauer sowie die Reaktion von Marie-Luise Vollbrecht darauf (siehe Aktivistische Pseudowissenschaft im ZDF: Leonie Plaar zu Gast bei Jan Fleischhauer). Zwar bin ich nicht selbst Autor dieses Artikels, als Sprecher unserer IG vertrete ich die darin formulierten Inhalte jedoch selbstverständlich.Unter dem Beitrag kommentierte kurz darauf eine Person und verwies auf Aussagen Vollbrechts auf X. Konkret zitierte sie folgenden Beitrag:
Es stört mich wirklich, wenn Leute immer von "die WISSENSCHAFT" reden als wär das irgendso eine heidnische unfehlbare Gottheit und so tun als seine Wissenschaftler so moderne Priester und Prediger und wir müssen uns jetzt nur einigen wer die wirklich
— Frau Marie 🐦 (@Frollein_VogelV) February 15, 2024
Vollbrecht hat ja recht, dass es "die Wissenschaft" als Instanz nicht gibt. Jeder der "die Wissenschaft" als Autoritätsargument in Debatten einbringt, hat die wissenschaftliche Methode nicht verstanden. Und Konsens ist im Grunde der Tod von Wissenschaft. Hier punktet sie also gegenüber Plaar. 1/2
— Marco Bergmann (@citizenlifescy.bsky.social) 8. Mai 2026 um 16:47
Trotzdem ist mein Eindruck, dass Vollbrecht kluge Dinge sagt, jedoch mitunter anders agiert. Zur wissenschaftlichen Methode gehört z. B. auch, eigene Thesen zu verteidigen. Dass sie nicht an der Podiumsdiskussion nach dem Vortrag teilnehmen wollte, zeugte nicht gerade von Falsifikationswillen. 2/2
— Marco Bergmann (@citizenlifescy.bsky.social) 8. Mai 2026 um 16:47
Blocklisten als Instrument sozialer Abschottung
Innerhalb kürzester Zeit wurde ich von zahlreichen Nutzern blockiert und landete auf mehreren Blocklisten, ohne dass zuvor überhaupt irgendeine direkte Interaktion stattgefunden hatte. Dieses Verhalten widerspricht meinem Verständnis eines offenen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurses. Bluesky bietet mit sogenannten "Moderationslisten" ein technisches Instrument, mit dem sich Personen gesammelt und proaktiv aus Diskussionen ausschließen lassen. Natürlich hat jeder das Recht, seine eigenen Grenzen im digitalen Raum zu ziehen. Auffällig ist jedoch, wie schnell solche Listen offenbar dazu genutzt werden, Menschen pauschal bestimmten ideologischen Kategorien zuzuordnen.So fand ich mich plötzlich auf Listen wieder, auf denen neben Trollen, Spam-Bots und Rechtsextremisten auch Begriffe wie "anti-vaxxers", "bigots", "TERFs", "anti-LGBT" oder ähnliche Sammelkategorien auftauchten. Das hat durchaus eine gewisse Ironie. Als schwuler Mann mit transidenten Personen im Freundeskreis empfand ich diese Zuschreibungen eher als absurd als als beleidigend. Interessant war für mich dabei weniger die persönliche Betroffenheit als vielmehr die Dynamik dahinter. Offenbar reicht bereits die Feststellung, dass es beim Menschen zwei reproduktive Rollen gibt oder dass Wissenschaft kein sakrosanktes Autoritätskonstrukt ist, um in bestimmten digitalen Milieus als verdächtig zu gelten.
Ideologische Blasen und die Angst vor Widerspruch
Mit etwas Abstand betrachtet, kann man solchen Entwicklungen fast dankbar begegnen. Menschen, die abweichende Positionen reflexhaft ausblenden möchten, entfernen sich letztlich selbst aus dem Diskurs. Wer Diskussionen primär über moralische Kategorisierung und Kontaktschuld statt über valide Argumente führt, schafft sich zwangsläufig eine kommunikative Blase. Bluesky erleichtert diese Form sozialer Abschottung technisch erheblich. Die Möglichkeit, ganze Nutzergruppen kollektiv auszublenden, sorgt dafür, dass man sich fast ausschließlich innerhalb ideologisch homogener Räume bewegt. Das reduziert Reibung, verhindert aber häufig auch ernsthafte Auseinandersetzungen mit Gegenargumenten.Da dieses Instrument existiert, nutze ich es inzwischen ebenfalls und stelle eine entsprechende Moderationsliste mit dem Titel "Wissenschaftsfeinde, Ideologen und sonstige Diskursverweigerer" zur Verfügung. Allerdings unterscheidet sich mein Ansatz in einem wesentlichen Punkt: Niemand landet dort bloß deshalb, weil er eine andere Weltanschauung vertritt oder sachlich widerspricht. Die Liste ist für Leute vorgesehen, die sich aufgrund ihrer ideologischen und damit intrinsisch wissenschaftsfeindlichen Weltanschauung so sehr vor Gegenstimmen fürchten, dass sie sich selbst hinter eine "Brandmauer" begeben. Ich unterstütze sie also lediglich dabei, dass diese Entscheidung von Dauer ist.
Perspektivisch werden auf dieser Liste nicht nur Gender-Ideologen landen, denn meine Erfahrungen aus anderen sozialen Netzwerken zeigen, dass sich bestimmte psychologische Mechanismen erstaunlich ähneln. Ob es um Kreationismus, Flacherdmodelle, esoterische Heilslehren wie Homöopathie oder andere Formen dogmatischer Weltbilder geht, die Reaktionen auf kognitive Dissonanzen folgen häufig vergleichbaren Mustern.


Du scheinst da einen Nerv getroffen zu haben. Mehrere beschweren sich, dass sie auf deiner Liste als „Wissenschaftsfeinde“ gelandet sind, nachdem sie dich blockiert haben. Scheint sie also zu triggern, dass ihnen mal der Spiegel vorgehalten wird. Einer schrieb „Es gibt mehr als zwei Geschlechter. Allein Zwitter sollten doch alle kennen. Es gibt auch Menschen, die unfruchtbar geboren werden, ... Mal melden wäre gut.“ Aber mit diesen Argumenten mal in den Austausch zu gehen, trauen sie sich scheinabr nicht.
AntwortenLöschenIch bekomme das selber mit. Es ist einfach nur absurd. Sie sind doch diejenigen, die seltsame Blocklisten führen, öffentlich Blockempfehlungen aussprechen und diesen blind folgen. So nach dem Motto "Oh nein, da ist jemand, der widerspricht unserer Weltanschauung. *Block*" oder "Unsere Sektenführer sagen, das ist ein Ketzer, daher *Block*". Und dann jammern sie hinterher, wenn sie selber blockiert und als Ideologen markiert werden? Man finde den Fehler.
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