Samstag, 9. Mai 2026

Zwischen Diskurs und Ideologie: Meine ersten Tage auf Bluesky

Meinungsbeitrag von Marco Bergmann
Sprecher & Mitgründer der IG Sexualbiologie


In den vergangenen Jahren war zu beobachten, wie zahlreiche wissenschaftliche Organisationen und einzelne Forscher die Plattform X verließen und zu Bluesky wechselten. Begründet wurde dieser Exodus häufig mit dem Argument, dass das Diskussionsklima auf X zunehmend verrohe und sachliche Debatten dort kaum noch möglich seien. Eine Studie von Shiffman & Wester (2025) untersuchte diese Entwicklung bereits systematisch und wurde in einem früheren Blogpost vorgestellt (siehe Der wissenschaftliche Exodus von X zu Bluesky). Die dort beschriebenen Dynamiken weckten schließlich auch meine eigene wissenschaftliche Neugier. Ich wollte mir selbst ein Bild davon machen, wie sich Diskurse auf Bluesky tatsächlich gestalten und meldete mich deshalb vor wenigen Tagen dort an.

Erste Irritation

Nach der Einrichtung meines Profils teilte ich zunächst ganz unbefangen unseren aktuellsten Blogpost über den Auftritt von Leonie Plaar bei Jan Fleischhauer sowie die Reaktion von Marie-Luise Vollbrecht darauf (siehe Aktivistische Pseudowissenschaft im ZDF: Leonie Plaar zu Gast bei Jan Fleischhauer). Zwar bin ich nicht selbst Autor dieses Artikels, als Sprecher unserer IG vertrete ich die darin formulierten Inhalte jedoch selbstverständlich.

Unter dem Beitrag kommentierte kurz darauf eine Person und verwies auf Aussagen Vollbrechts auf X. Konkret zitierte sie folgenden Beitrag:
 
Offen gesagt war mir zunächst nicht ganz klar, worauf die Person damit hinauswollte. Wenn man Vollbrecht kritisieren möchte, gäbe es aus meiner Sicht deutlich geeignetere Zitate als dieses. Denn die Aussage, dass es "die Wissenschaft" als monolithische Instanz nicht gibt, ist im Kern zutreffend. Wissenschaft lebt gerade davon, dass Hypothesen hinterfragt, überprüft und gegebenenfalls verworfen werden. 
 
Ich antwortete daraufhin mit einem bewusst differenzierten Kommentar, der meine persönliche Einschätzung widerspiegelte:

Vollbrecht hat ja recht, dass es "die Wissenschaft" als Instanz nicht gibt. Jeder der "die Wissenschaft" als Autoritätsargument in Debatten einbringt, hat die wissenschaftliche Methode nicht verstanden. Und Konsens ist im Grunde der Tod von Wissenschaft. Hier punktet sie also gegenüber Plaar. 1/2

— Marco Bergmann (@citizenlifescy.bsky.social) 8. Mai 2026 um 16:47
 
Gefolgt vom zweiten Teil:

Trotzdem ist mein Eindruck, dass Vollbrecht kluge Dinge sagt, jedoch mitunter anders agiert. Zur wissenschaftlichen Methode gehört z. B. auch, eigene Thesen zu verteidigen. Dass sie nicht an der Podiumsdiskussion nach dem Vortrag teilnehmen wollte, zeugte nicht gerade von Falsifikationswillen. 2/2

— Marco Bergmann (@citizenlifescy.bsky.social) 8. Mai 2026 um 16:47
 
Aus meiner Sicht war das weder polemisch noch provokativ, sondern eine sachliche und differenzierte Einordnung, die eigentlich als Grundlage für einen offenen Diskurs dienen könnte. Die Reaktion fiel allerdings anders aus. Die Worte "Vollbrecht hat recht" waren offenbar der Trigger für einen totalen Meltdown, bei dem alles Weitere ausgeblendet wird. Die betreffende Person blockierte mich nicht nur unmittelbar, sondern sprach auf ihrem Profil zusätzlich eine öffentliche Blockempfehlung gegen mich aus, weil ich angeblich Vollbrecht "unterstützen" würde. Diese Reaktion fand ich bemerkenswert. Offenbar genügte bereits eine differenzierte Auseinandersetzung mit einer Aussage Vollbrechts, um als problematisch markiert zu werden. Zunächst hielt ich das noch für einen verwirrten Einzelfall. 
 
Doch dieser Eindruck hielt nicht lange...

Blocklisten als Instrument sozialer Abschottung

Innerhalb kürzester Zeit wurde ich von zahlreichen Nutzern blockiert und landete auf mehreren Blocklisten, ohne dass zuvor überhaupt irgendeine direkte Interaktion stattgefunden hatte. Dieses Verhalten widerspricht meinem Verständnis eines offenen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurses. Bluesky bietet mit sogenannten "Moderationslisten" ein technisches Instrument, mit dem sich Personen gesammelt und proaktiv aus Diskussionen ausschließen lassen. Natürlich hat jeder das Recht, seine eigenen Grenzen im digitalen Raum zu ziehen. Auffällig ist jedoch, wie schnell solche Listen offenbar dazu genutzt werden, Menschen pauschal bestimmten ideologischen Kategorien zuzuordnen.

So fand ich mich plötzlich auf Listen wieder, auf denen neben Trollen, Spam-Bots und Rechtsextremisten auch Begriffe wie "anti-vaxxers", "bigots", "TERFs", "anti-LGBT" oder ähnliche Sammelkategorien auftauchten. Das hat durchaus eine gewisse Ironie. Als schwuler Mann mit transidenten Personen im Freundeskreis empfand ich diese Zuschreibungen eher als absurd als als beleidigend. Interessant war für mich dabei weniger die persönliche Betroffenheit als vielmehr die Dynamik dahinter. Offenbar reicht bereits die Feststellung, dass es beim Menschen zwei reproduktive Rollen gibt oder dass Wissenschaft kein sakrosanktes Autoritätskonstrukt ist, um in bestimmten digitalen Milieus als verdächtig zu gelten.

Ideologische Blasen und die Angst vor Widerspruch

Mit etwas Abstand betrachtet, kann man solchen Entwicklungen fast dankbar begegnen. Menschen, die abweichende Positionen reflexhaft ausblenden möchten, entfernen sich letztlich selbst aus dem Diskurs. Wer Diskussionen primär über moralische Kategorisierung und Kontaktschuld statt über valide Argumente führt, schafft sich zwangsläufig eine kommunikative Blase. Bluesky erleichtert diese Form sozialer Abschottung technisch erheblich. Die Möglichkeit, ganze Nutzergruppen kollektiv auszublenden, sorgt dafür, dass man sich fast ausschließlich innerhalb ideologisch homogener Räume bewegt. Das reduziert Reibung, verhindert aber häufig auch ernsthafte Auseinandersetzungen mit Gegenargumenten.

Da dieses Instrument existiert, nutze ich es inzwischen ebenfalls und stelle eine entsprechende Moderationsliste mit dem Titel "Wissenschaftsfeinde, Ideologen und sonstige Diskursverweigerer" zur Verfügung. Allerdings unterscheidet sich mein Ansatz in einem wesentlichen Punkt: Niemand landet dort bloß deshalb, weil er eine andere Weltanschauung vertritt oder sachlich widerspricht. Die Liste ist für Leute vorgesehen, die sich aufgrund ihrer ideologischen und damit intrinsisch wissenschaftsfeindlichen Weltanschauung so sehr vor Gegenstimmen fürchten, dass sie sich selbst hinter eine "Brandmauer" begeben. Ich unterstütze sie also lediglich dabei, dass diese Entscheidung von Dauer ist.

Perspektivisch werden auf dieser Liste nicht nur Gender-Ideologen landen, denn meine Erfahrungen aus anderen sozialen Netzwerken zeigen, dass sich bestimmte psychologische Mechanismen erstaunlich ähneln. Ob es um Kreationismus, Flacherdmodelle, esoterische Heilslehren wie Homöopathie oder andere Formen dogmatischer Weltbilder geht, die Reaktionen auf kognitive Dissonanzen folgen häufig vergleichbaren Mustern.

Fazit

Meine ersten Tage auf Bluesky verliefen jedenfalls anders als erwartet. Eigentlich wollte ich mir ein Bild davon machen, ob die Plattform tatsächlich ein besseres Umfeld für wissenschaftlichen Austausch bietet als X. Stattdessen wurde ich innerhalb weniger Tage von inzwischen mehr als 5.800 Nutzern blockiert, im Wesentlichen wegen zweier Aussagen: dass es beim Menschen zwei reproduktive Rollen gibt und dass es "die Wissenschaft" als unfehlbare Instanz nicht gibt. Wenn bereits solche Positionen genügen, um automatisiert aus Teilen eines sozialen Netzwerks ausgeschlossen zu werden, wirft das durchaus Fragen über die dortige Diskurskultur auf. Bluesky wird in den kommenden Jahren vermutlich noch deutlicher zeigen, ob es tatsächlich ein Raum für offenen wissenschaftlichen Austausch sein kann oder eher ein Netzwerk, in dem ideologische Homogenität zum sozialen Standard wird. Spannend zu beobachten bleibt es in jedem Fall.

Nachtrag (20.05.2026):

Die Markierung als Wissenschaftsfeinde und Ideologen hat bei einigen Bluesky-Nutzern, die sich "die Wissenschaft™" auf die Fahne geschrieben haben, offenbar derart schwere kognitive Dissonanzen verursacht, dass sie meine Moderationsliste massenhaft melden mussten, weshalb sie zwischenzeitlich von Bluesky ausgeblendet wurde:


Da ich mich weiterhin auf obskuren Feindeslisten mit erquickenden Titeln wie "Vollpfosten", "Faschotrottel", "Verrottetes Hirn" oder "Nazi, aber zu feige um es zuzugeben" befinde, die überraschenderweise keinen Verstoß gegen die Community-Richtlinien darzustellen scheinen, wunderte mich diese Moderationsentscheidung von Bluesky doch sehr. Insbesondere, da meine Liste erklärt, wofür sie gedacht ist, nämlich für "Nutzer, die sich aufgrund ihrer Weltanschauung (z. B. Gender-Ideologie, Kreationismus, Flacherde, Homöopathie, Tierrechte, Wetterreligion etc.) so sehr vor Gegenrede fürchten, dass sie sich selbst aus dem Diskurs zurückziehen." 

Im Vergleich zu herabwürdigenden Markierungen wie "Rechtsradikale Clowns" oder "Schwachköpfe und andere Psychos" ist meine Attribution nicht nur harmlos, sondern faktisch begründet: Wissenschaft basiert auf dem Prinzip, dass Hypothesen durch kritisches Hinterfragen, ergebnisoffene Debatten und empirische Überprüfung (Falsifikation) bestehen müssen. Wenn bestimmte Ansichten gar nicht erst inhaltlich diskutiert, sondern strukturell blockiert werden, verlässt man de facto den Boden des wissenschaftlichen Diskurses und bewegt sich in den Bereich der Ideologie. Zwar ist es eine notwendige Qualitätssicherung wissenschaftlicher Debattenkultur, völlig hanebüchene Behauptungen aus dem Diskurs auszuschließen. Hier sehe ich aber eher die naturalistischen Biowissenschaften in der Pflicht, anthropozentrische und teils pseudowissenschaftliche Weltanschauungen der Sozial- und Geisteswissenschaften auszuschließen. Die Blockade abweichender oder unbequemer Erkenntnisse ist und bleibt im Kern jedoch dogmatisch, was von mir weiterhin als Wissenschaftsfeindlichkeit/Ideologie ausgelegt und entsprechend quittiert wird. Wer dieses Etikett ablehnt, sollte sich nicht auf eine Weise verhalten, die dazu führt, dass es auf ihn zutrifft. Nach Darlegung dieser Argumentation wurde meine Liste wieder freigeschaltet.

2 Kommentare:

  1. Du scheinst da einen Nerv getroffen zu haben. Mehrere beschweren sich, dass sie auf deiner Liste als „Wissenschaftsfeinde“ gelandet sind, nachdem sie dich blockiert haben. Scheint sie also zu triggern, dass ihnen mal der Spiegel vorgehalten wird. Einer schrieb „Es gibt mehr als zwei Geschlechter. Allein Zwitter sollten doch alle kennen. Es gibt auch Menschen, die unfruchtbar geboren werden, ... Mal melden wäre gut.“ Aber mit diesen Argumenten mal in den Austausch zu gehen, trauen sie sich scheinabr nicht.

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    1. Ich bekomme das selber mit. Es ist einfach nur absurd. Sie sind doch diejenigen, die seltsame Blocklisten führen, öffentlich Blockempfehlungen aussprechen und diesen blind folgen. So nach dem Motto "Oh nein, da ist jemand, der widerspricht unserer Weltanschauung. *Block*" oder "Unsere Sektenführer sagen, das ist ein Ketzer, daher *Block*". Und dann jammern sie hinterher, wenn sie selber blockiert und als Ideologen markiert werden? Man finde den Fehler.

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