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Freitag, 11. Juli 2025

Testosteron macht Weibchen männlicher, aber nicht unattraktiver

Die Rolle von Testosteron wird in der öffentlichen Wahrnehmung oft stark vereinfacht. Das Hormon gilt als typisch männlich und wird mit Dominanz, Aggressivität, Muskelaufbau und sexuellem Verhalten in Verbindung gebracht. Tatsächlich produzieren auch Weibchen Testosteron, wenn auch meist in geringeren Mengen. Aus Sicht der Evolutionsbiologie stellt sich daher eine spannende Frage: Was passiert, wenn Weibchen ungewöhnlich hohe Testosteronspiegel entwickeln?

Bild von Michael Strobel auf Pixabay
Dieser Frage widmete sich eine Forschungsgruppe um Stefanie E. P. Lahaye von der Universität Antwerpen in einer 2013 in der Fachzeitschrift 'PLOS One' veröffentlichten Studie mit dem Titel "Hot or Not: The Effects of Exogenous Testosterone on Female Attractiveness to Male Conspecifics in the Budgerigar" [1]. Die Wissenschaftler untersuchten, ob erhöhte Testosteronwerte bei weiblichen Wellensittichen dazu führen, dass sie für Männchen weniger attraktiv werden.

Männliche Partnerwahl

Lange Zeit konzentrierte sich die Forschung zur Partnerwahl fast ausschließlich auf Weibchen. Man davon aus, dass Männchen miteinander konkurrieren, während Weibchen auswählen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich jedoch gezeigt, dass auch Männchen durchaus wählerisch sein können.

Besonders in monogamen Arten, bei denen beide Elternteile erheblich in die Aufzucht der Jungen investieren, lohnt sich eine sorgfältige Partnerwahl auch für das Männchen. Der Wellensittich (Melopsittacus undulatus) gehört zu diesen Arten. Er bildet oft langfristige Paarbindungen und beide Eltern investieren gemeinsam in die Fortpflanzung.

Wählerische Männchen erhöhen wiederum den evolutionären Druck auf Weibchen, attraktiv zu sein. Dadurch können auch weibliche Merkmale Gegenstand sexueller Selektion werden. Genau hier setzt die vorliegende Studie an.

Testosteron, ein evolutionäres Problem?

Bei vielen Vogelarten steigert Testosteron die Ausprägung attraktiver männlicher Merkmale. Männchen mit höheren Testosteronspiegeln zeigen oft intensivere Balzverhalten, auffälligere Farben oder eine höhere Aktivität bei der Partnersuche. Solche Eigenschaften können ihre Fortpflanzungschancen verbessern.

Allerdings besitzen Männchen und Weibchen weitgehend dieselben Gene. Wenn die Evolution höhere Testosteronspiegel bei Männchen begünstigt, könnten dadurch indirekt auch die Testosteronspiegel von Weibchen ansteigen. Genau hier entsteht ein möglicher "intralokaler sexueller Konflikt". Ein Merkmal, das für ein Geschlecht vorteilhaft ist, könnte für das andere nachteilig sein.

Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass erhöhte Testosteronwerte bei weiblichen Vögeln zu einer Vermännlichung von Verhalten und Erscheinungsbild führen können. Weibchen singen häufiger, zeigen männliche Balzgesten oder entwickeln männlichere Farbmuster. Daraus entstand die Vermutung, dass solche Weibchen für Männchen möglicherweise weniger attraktiv werden.

Das Experiment mit den Wellensittichen

Für die Studie wurden 32 weibliche und 32 männliche Wellensittiche verwendet. Die Hälfte der Weibchen erhielt kleine Implantate, die kontinuierlich Testosteron freisetzten. Dadurch wurden ihre Hormonwerte auf ein Niveau angehoben, das normalerweise bei Männchen vorkommt. Die andere Hälfte erhielt leere Implantate und diente als Kontrollgruppe.

Anschließend wurden die Männchen vor eine Wahl gestellt. Jedes Männchen konnte zwischen einem "Testosteron-Weibchen" und einem "Kontroll-Weibchen" wählen. Die Versuchsanordnung erlaubte den Vögeln Sicht- und Hörkontakt, verhinderte aber direkte körperliche Interaktionen. So konnten die Wissenschaftler gezielt die Wirkung äußerer Merkmale untersuchen. Sie zeichneten auf, bei welchem Weibchen sich das Männchen häufiger aufhielt. Solche Aufenthaltspräferenzen gelten bei Wellensittichen als zuverlässiger Hinweis auf sexuelles Interesse und potenzielle Partnerwahl.

Die Hormonbehandlung zeigte in diesem Experiment die erwartete Wirkung. Die behandelten Weibchen entwickelten mehrere Merkmale, die stärker an männliche Wellensittiche erinnerten. Besonders auffällig war die Veränderung der Wachshaut über dem Schnabel, der sogenannten Cere. Bei männlichen Wellensittichen ist sie typischerweise blau, bei fortpflanzungsbereiten Weibchen eher braun. Unter Testosteron wurde die Cere der Weibchen deutlich blauer. Darüber hinaus zeigten die behandelten Tiere mehr Aufmerksamkeit gegenüber den Männchen. Sie richteten sich häufiger zu ihnen aus und schienen insgesamt interessierter an sozialen Interaktionen zu sein. Auch das Körpergewicht nahm stärker zu als bei den Kontrolltieren.

Die Testosteronbehandlung hatte also tatsächlich messbare Auswirkungen auf Morphologie und Verhalten. Die Weibchen wurden gewissermaßen ein Stück weit "männlicher".

Überraschung: Die Männchen waren beeindruckend gleichgültig

Trotz der Veränderungen zeigte sich kein statistisch nachweisbarer Unterschied in der Attraktivität der Weibchen. Von 31 erfolgreich ausgewerteten Partnerwahltests bevorzugten neun Männchen das Kontroll-Weibchen, dreizehn das Testosteron-Weibchen und neun zeigten keine eindeutige Präferenz. Statistisch entsprach dieses Muster dem Zufall. Die Männchen schienen also nicht systematisch auf die hormonell bedingten Unterschiede zu reagieren.

Dieses Ergebnis überraschte die Forscher. Aufgrund früherer Arbeiten hatten sie erwartet, dass die männlicher wirkenden Weibchen an Attraktivität verlieren würden. Stattdessen zeigte sich, dass die Vermännlichung einzelner Merkmale offenbar nicht ausreicht, um die Partnerwahl der Männchen zu beeinflussen.

Welche Merkmale finden Männchen wirklich attraktiv?

Die Studie liefert damit Hinweise darauf, dass die Partnerwahl bei Wellensittichen komplexer ist als bislang angenommen. Zwar wurde die Schnabelregion der Testosteron-Weibchen deutlich blauer, doch dieser Effekt beeinflusste die Entscheidungen der Männchen nicht. Möglicherweise orientieren sich Wellensittiche an einer Vielzahl verschiedener Signale gleichzeitig, sodass einzelne Merkmale nur begrenzte Bedeutung besitzen.

Interessanterweise fanden die Forscher einen schwachen Trend zugunsten von Weibchen mit stärkerer UV-Reflexion der Cere. Viele Vogelarten können ultraviolettes Licht wahrnehmen, das für Menschen unsichtbar bleibt. Solche UV-Signale spielen bei zahlreichen Vogelarten eine wichtige Rolle bei der Partnerwahl. Der Befund deutet darauf hin, dass auch weibliche Schmuckmerkmale Informationen über Qualität oder Fortpflanzungspotenzial vermitteln könnten.

Was bedeutet das für die Evolution der Geschlechter?

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Studie betrifft die langfristige Evolution hormoneller Systeme. Wenn hohe Testosteronwerte bei Weibchen tatsächlich die Attraktivität verringern würden, könnte dies die Evolution hoher Testosteronwerte bei Männchen bremsen. Die genetische Kopplung beider Geschlechter würde dann einen Zielkonflikt erzeugen. Dafür fanden die Forscher jedoch keine Hinweise. Zumindest bei der ersten Partnerwahl scheint ein erhöhter Testosteronspiegel Weibchen nicht zu benachteiligen. Das bedeutet, dass die Evolution männlicher Testosteronwerte wahrscheinlich nicht durch eine verminderte Attraktivität der Weibchen begrenzt wird.

Gleichzeitig betonen die Autoren, dass andere Kosten durchaus existieren könnten. Erhöhte Testosteronwerte können bei Weibchen beispielsweise das Immunsystem beeinflussen, die Eiproduktion verändern oder Auswirkungen auf die Brutpflege haben. Solche Faktoren wurden in der vorliegenden Studie nicht untersucht und bleiben wichtige Themen für zukünftige Forschung.

Fazit

Die Untersuchung von Lahaye et al. (2013) an Wellensittichen zeigt eindrucksvoll, dass hormonelle Veränderungen nicht zwangsläufig die erwarteten Auswirkungen auf die sexuelle Attraktivität haben. Obwohl die Weibchen unter Testosteron deutlich männlichere Merkmale entwickelten, verloren sie dadurch nicht die Gunst der Männchen. Dies verdeutlicht, dass Partnerwahl auf einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Signale beruht und dass vermeintlich klare Geschlechtsmerkmale nicht immer die entscheidenden Faktoren sind. Selbst ein Hormon, das als Inbegriff von Männlichkeit gilt, kann bei Weibchen überraschend geringe Auswirkungen auf deren sexuelle Attraktivität haben.

Quellen

[1] Lahaye SEP, Eens M, Darras VM, Pinxten R (2013) Hot or Not: The Effects of Exogenous Testosterone on Female Attractiveness to Male Conspecifics in the Budgerigar. PLoS ONE 8(8): e74005. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0074005

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