Seit Charles Darwin beschäftigt Evolutionsbiologen die Frage, warum beim Menschen häufig Frauen als das "schönere Geschlecht" gelten, während in vielen Tierarten gerade die Männchen die auffälligeren und prächtigeren Merkmale besitzen. Pfauenmännchen tragen ihre berühmten Schmuckfedern, zahlreiche männliche Fische beeindrucken durch farbenfrohe Schuppenmuster und Löwenmännchen steigern ihre Chancen beim weiblichen Geschlecht mit einer imposanten Mähne. Beim Menschen scheint dieses Muster auf den ersten Blick umgekehrt zu sein.
Ein internationales Forschungsteam um Eugen Wassiliwizky hat diese lange diskutierte Annahme nun erstmals umfassend empirisch untersucht. Die Metastudie "The gender attractiveness gap", erschienen 2026 in den 'Proceedings of the Royal Society B', analysierte Daten aus 52 Einzelstudien mit rund 28.500 Teilnehmern, etwa 17.000 zu beurteilenden Gesichtern und insgesamt rund 1,5 Millionen Attraktivitätsbewertungen [1]. Damit handelt es sich um die bislang größte Datensammlung zur menschlichen Gesichtsattraktivität. Das zentrale Ergebnis: Frauen werden tatsächlich im Durchschnitt attraktiver bewertet als Männer. Doch die Details hinter diesem Befund sind deutlich komplexer, als man zunächst vermuten könnte.
Die bislang größte Untersuchung zur Gesichtsattraktivität
Die Forscher führten eine umfangreiche Metaanalyse durch und kombinierten Daten aus 76 Ländern. Berücksichtigt wurden ausschließlich Bewertungen realer Gesichter unter möglichst standardisierten Bedingungen. Dadurch sollte ausgeschlossen werden, dass einzelne kulturelle Besonderheiten oder methodische Unterschiede die Ergebnisse verzerren. Schon die schiere Größe des Datensatzes macht die Studie bemerkenswert. Attraktivitätsforschung leidet häufig darunter, dass einzelne Untersuchungen nur kleine Stichproben umfassen oder auf bestimmte Bevölkerungsgruppen beschränkt sind. Hier hingegen konnten die Forscher auf Daten aus unterschiedlichen Kulturen, Altersgruppen und ethnischen Hintergründen zurückgreifen.
Weibliche Gesichter erhielten dabei tatsächlich über alle Studien hinweg höhere Attraktivitätsbewertungen als männliche Gesichter. Die Autoren bezeichnen dieses Phänomen als "Gender Attractiveness Gap", also als Geschlechterunterschied in der wahrgenommenen Attraktivität. Der Begriff "Gender" sollte dabei nicht im Sinne der Definitionsverschiebung durch Sozial- und Geisteswissenschaften ("soziales Geschlecht") missverstanden werden. Die Studie untersucht keine Identitäten, sondern morphologische Merkmale. "Gender" ist daher in seiner traditionellen, biologischen Bedeutung als Bezeichnung für die Entwicklung von Geschlechtsindividuen zu verstehen (vgl. Was bedeutet "Gender" aus biologischer Sicht?).
Frauen werden von beiden Geschlechtern attraktiver bewertet
Besonders interessant ist, dass der Effekt nicht nur bei Männern auftrat. Man könnte erwarten, dass Männer Frauen attraktiver finden als andere Männer und dadurch der Unterschied entsteht. Die Daten zeigen jedoch ein anderes Bild, denn sowohl Männer als auch Frauen bewerteten weibliche Gesichter im Durchschnitt höher als männliche Gesichter. Überraschenderweise war der Unterschied bei Frauen sogar stärker ausgeprägt als bei Männern. Sie bewerteten andere Frauen deutlich positiver als Männer. Männliche Gesichter erhielten dagegen von Frauen und Männern ähnlich zurückhaltende Bewertungen.
Dieses Ergebnis stellt einfache Modelle infrage. Wären Attraktivitätsurteile hauptsächlich Ausdruck heteronormaler Partnerwahl, müsste man erwarten, dass Männer besonders hohe Bewertungen für Frauen vergeben, während Frauen männliche Gesichter bevorzugen. Genau das zeigte sich jedoch nicht. Die Forscher argumentieren daher, dass Attraktivitätsurteile offenbar mehr widerspiegeln als bloße erotische Anziehung. Kulturelle Schönheitsideale, soziale Normen und geschlechtsspezifische Bewertungsmuster könnten ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.
Ein weiterer Befund betrifft die Selbstbewertung. In mehreren der ausgewerteten Datensätze lagen Angaben darüber vor, wie attraktiv Menschen sich selbst einschätzen. Hier verschwand die Attraktivitätslücke vollständig. Frauen hielten sich nicht grundsätzlich für attraktiver als Männer, und Männer hielten sich nicht für weniger attraktiv als Frauen. Die Attraktivitätslücke scheint also speziell dann aufzutreten, wenn Menschen andere Personen beurteilen, was darauf hindeutet, dass soziale Wahrnehmungsprozesse und kulturelle Erwartungen eine wichtige Rolle spielen könnten.
Welche Rolle spielen biologische Merkmale?
Die Studie beschränkte sich nicht auf reine Befragungsdaten. Das Team untersuchte zusätzlich die Gesichtsstrukturen der verwendeten Fotos. Dabei interessierte sie insbesondere die sogenannte "sexuelle Formdimorphie". Gemeint ist der Grad, in dem ein Gesicht typische weibliche oder männliche Merkmale aufweist. Weibliche Gesichter zeichnen sich beispielsweise häufiger durch rundere Konturen, größere Augen oder insgesamt weichere Proportionen aus. Männliche Gesichter weisen dagegen oft markantere Kieferpartien und ausgeprägtere Brauenregionen auf.
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| Sexuelle Dimorphie: Männliche und weibliche Gesichtsmerkmale unterscheiden sich unter anderem in Kieferform, Augenpartie und Konturen. |
Schönheit zwischen Evolution und Kultur
Obwohl die Ergebnisse gut zu manchen evolutionären Hypothesen passen, warnen die Autoren ausdrücklich vor vorschnellen Schlussfolgerungen. Aus evolutionsbiologischer Sicht könnte die höhere Attraktivität weiblicher Gesichter mit Merkmalen zusammenhängen, die Jugendlichkeit, Gesundheit oder Fruchtbarkeit signalisieren. Zudem sind weibliche Gesichter im Durchschnitt oft näher am statistischen Durchschnitt einer Population, ein Merkmal, das in vielen Studien mit Attraktivität verbunden wurde.
Gleichzeitig sprechen mehrere Befunde dafür, dass kulturelle Einflüsse ebenfalls bedeutsam sind. In vielen Gesellschaften wird weibliche Schönheit besonders stark betont. Werbung, Medien und soziale Netzwerke richten einen erheblichen Teil ihrer Aufmerksamkeit auf das Aussehen von Frauen. Dadurch könnten kulturelle Schönheitsnormen entstehen, die sich in Attraktivitätsurteilen niederschlagen. Dass Frauen andere Frauen besonders positiv bewerteten, interpretieren die Forscher teilweise als Ausdruck solcher kulturellen Prozesse. Möglich seien auch Formen weiblicher Solidarität oder ein gemeinsames Verständnis der gesellschaftlichen Bedeutung von Attraktivität.
Die Studie liefert damit wichtige Hinweise für zukünftige Untersuchungen zu Partnerwahl, Schönheitsidealen, Geschlechterrollen und sexueller Selektion. Sie macht deutlich, dass biologische und kulturelle Faktoren nicht als Gegensätze verstanden werden sollten. Vielmehr entstehen Attraktivitätsurteile wahrscheinlich aus einem komplexen Zusammenspiel von Gesichtsmerkmalen, individuellen Wahrnehmungsprozessen und gesellschaftlichen Einflüssen.
Fazit
Die Metastudie von Wassiliwizky et al. (2026) liefert erstmals überzeugende empirische Belege für eine lange diskutierte Annahme: Weibliche Gesichter werden weltweit im Durchschnitt attraktiver bewertet als männliche Gesichter. Dieser Effekt zeigt sich über Kulturen, Altersgruppen und viele verschiedene Untersuchungskontexte hinweg. Gleichzeitig offenbaren die Ergebnisse eine überraschende Komplexität. Die Attraktivitätslücke wird nicht allein durch erotische Anziehung erklärt. Vielmehr entsteht sie aus dem Zusammenspiel evolutionärer Voraussetzungen, individueller Wahrnehmung und gesellschaftlicher Bedeutungszuschreibungen.
Quellen
[1] Eugen Wassiliwizky, Brendan P. Zietsch, Karel Kleisner, Fredrik Ullén; The gender attractiveness gap. Proc Biol Sci 1 May 2026; 293 (2071): 20260362. https://doi.org/10.1098/rspb.2026.0362
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