Meinungsbeitrag von Amanda Stillman (Pseudonym)
Biometrikerin und IG-Gründungsmitglied
Das diesjährige Wissenschaftsjahr steht unter dem Motto "Medizin der Zukunft". Diesen Monat rückt mit der Challenge #DieErsten1000Tage die Kinder- und Jugendgesundheit in den Fokus. Bürger sollen hierbei einen Tag lang ausprobieren, wie eine Ernährung aussieht, die für Schwangerschaft und die ersten Lebensjahre empfohlen wird. Je länger man sich damit beschäftigt, desto stärker drängt sich allerdings die Frage auf, warum eine wissenschaftliche Botschaft plötzlich wie eine PR-Aktion wirkt, die ihre eigenen gesellschaftlichen Voraussetzungen ignoriert.
Die ersten 1000 Tage sind wichtig
Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es an der Grundidee wenig auszusetzen. Die Forschung zeigt seit Jahren, dass die Zeit von der Schwangerschaft bis etwa zum zweiten Geburtstag entscheidend für körperliche Entwicklung, Stoffwechsel, Immunsystem und sogar spätere Krankheitsrisiken sein kann. Deshalb ist es grundsätzlich begrüßenswert, wenn ein Wissenschaftsjahr solche Themen zumindest einen Monat lang in die Öffentlichkeit trägt.
Die Frage ist allerdings, wie gut das gelingt. Wer sich das begleitende Instagram-Video mit Raumfahrtministerin Dorothee Bär und Kinderarzt Dr. Nibras Naami anschaut, bekommt vor allem eines präsentiert: Fertigprodukte. Verschiedene Baby- und Kleinkindnahrungen werden begutachtet, mal kritischer, mal wohlwollender.
Was jedoch weitgehend fehlt, sind konkrete, alltagstaugliche Erklärungen. Wie sieht eine ausgewogene Ernährung tatsächlich aus? Darauf erhält man erstaunlich wenige Antworten. Stattdessen bleibt vor allem eine Information hängen: Angeblich gehen 99 Prozent des weltweiten Pastinakenkonsums auf das Konto von Babys. Nun gut. Wissenschaftskommunikation hat viele Formen. Vielleicht gehört die globale Pastinakenstatistik inzwischen dazu.
Gesundheitspolitik endet nicht am Wickeltisch
Das eigentliche Problem liegt jedoch tiefer. Die Kampagne vermittelt den Eindruck, als ließe sich Kinder- und Jugendgesundheit primär über individuelle Ernährungsentscheidungen verbessern. Natürlich spielt Ernährung eine wichtige Rolle. Aber Kinder wachsen (noch) nicht im Labor auf, sondern in *TRIGGERWARNUNG!* Familien.
Wer ernsthaft über die ersten 1000 Tage sprechen möchte, muss auch über die Rahmenbedingungen sprechen, unter denen Familien heute Kinder bekommen. Hier wird es politisch unerquicklich. Die aktuelle Bundesregierung aus SPD, CDU und CSU steht seit Monaten wegen ihrer Familienpolitik in der Kritik. Diskussionen über Kürzungen beim Elterngeld, Streichung der GKV-Mitversicherung für Ehepartner und die Debatte über Veränderungen beim Ehegattensplitting haben bei vielen Familien den Eindruck hinterlassen, dass ihre Lebensrealität vor allem als Kostenfaktor betrachtet wird.
Familiengründung braucht Verlässlichkeit. Wer mehr Kinder in Deutschland möchte, muss vor allem jungen Menschen das Gefühl geben, dass Familien gesellschaftlich erwünscht sind. Stattdessen werden immer wieder neue Unsicherheiten geschaffen, weshalb man sich über sinkende Geburtenraten nicht wundern sollte. Es wirkt etwas befremdlich, wenn dieselbe Politik plötzlich die Bedeutung der ersten 1000 Tage entdeckt. Denn diese beginnen, wer hätte das gedacht, gar nicht im Supermarktregal, sondern mit der Entscheidung, überhaupt Kinder in die Welt zu setzen.
Menschen gründen Familien nicht im luftleeren Raum, sondern unter bestimmten wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen. Wer finanzielle Abstiegsängste verspürt, verschiebt häufig seinen Kinderwunsch. Da die Fertilität von Frauen jedoch bereits ab dem 35. Lebensjahr rapide abnimmt, bleibt es – wenn überhaupt – meist bei einem Kind. Zu wenig für die Bestandserhaltung. Dieser Zusammenhang ist empirisch gut belegt. Deshalb reicht es nicht aus, über Babynahrung zu sprechen. Wer sich ernsthaft für Kindergesundheit interessiert, muss sich auch für die Lebensbedingungen der Eltern interessieren.
Gut ernährte Babys... am Hungertuch nagende Studenten
Besonders widersprüchlich wirkt die Kampagne angesichts früherer Aussagen von Dorothee Bär. In einem Interview bezeichnete sie Studenten als "privilegiert" und sprach vom BAföG als "Vollkaskostudium": „Es ist kein Drama, wenn Studierende neben dem Studium jobben“
Solche Aussagen offenbaren ein bemerkenswertes Verständnis gesellschaftlicher Prioritäten. Denn was folgt eigentlich auf die ersten 1000 Tage? Irgendwann werden aus gut ernährten Babys Schüler, Azubis, womöglich Studenten, Ingenieure, Ärzte und Naturwissenschaftler. Wenn man die Bedeutung früher Förderung betont, sollte man konsequenterweise auch den weiteren Lebens- und Bildungsweg ernst nehmen. Zwar "muss" nicht jeder studieren. Deutschland braucht hervorragende Handwerker ebenso wie hervorragende Akademiker. Man kann auch darüber diskutieren, ob Hochschulen noch die Qualifikationen vermitteln, die Wirtschaft und Gesellschaft tatsächlich benötigen. Links-grüne Staats-Apparatchiks mit einem Master of Arts in Gender Studies bedarf es deutlich weniger im Lande. Auf einer Skala von 0 so ungefähr… Null! Trotzdem bleibt ein zentraler Kritikpunkt am Bildungssystem bestehen: Bildungschancen dürfen nicht vom Einkommen der Eltern abhängen.
Der Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und Einkommen verläuft in beide Richtungen. Gut ausgebildete Menschen erzielen oft höhere Einkommen. Gleichzeitig haben Kinder aus einkommensstarken Haushalten häufig bessere Chancen auf höhere Bildungsabschlüsse. Wer diesen Kreislauf ignoriert, erschwert den Zugang zur immateriellen Ressource der Wissenschaft. Gerade in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern, die für die "Medizin der Zukunft" unverzichtbar sind, sollte der Zugang nicht vom Kontostand abhängen, sondern von der Qualifikation. Wissenschaftsförderung beginnt nicht erst im Forschungszentrum, sondern bei fairen Bildungschancen.
Fazit
Die Juni-Challenge des Wissenschaftsjahres 2026 greift ein wichtiges Thema auf. Die Forschung zeigt eindeutig, dass die frühe Kindheit entscheidend für die spätere Gesundheit ist. Ein paar Babyprodukte und eine Pastinakenstatistik ergeben aber noch keine überzeugende Wissenschaftskommunikation. Die Aktion offenbart gleichzeitig eine bemerkenswerte Schieflage. Denn wer die Zukunft der Medizin gestalten will, sollte nicht nur fragen, was im "Quetschie" steckt, sondern auch, welche Zukunft Familien langfristig geboten wird.
Die Ironie bei der Bezeichnung "Raumfahrtministerin" ist so bitter. Wir haben in Deutschland mit Isar Aerospace oder OHB System zwar noch durchaus relevante Player mit Zukunftspotenzial, aber die aktuelle Politik (vor allem die Energiepolitik) hemmt auch deren Fortschritt. Daher wirkt die Umbenennung des ehemaligen BMBF wie Wunschdenken an eine noch weit weit entfernten Zukunft.
AntwortenLöschenGilt die (Teil-)Finanzierung eines Studiums der Politikwissenschaft durch ein Stipendium der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung eigentlich auch als "Vollkaskostudium"? 🤔