In den 'Archives of Sexual Behavior' ist jüngst eine bemerkenswerte Replik von Dana Mahr auf einen Kommentar des Evolutionsbiologen Colin M. Wright erschienen [1]. Wright hatte unter dem Titel "Why There Are Exactly Two Sexes" fachlich korrekt dargestellt, dass Geschlecht in der Biologie klar über die Art der produzierten Gameten definiert ist [2]. Mahr widerspricht aus sozialwissenschaftlicher Perspektive und stellt diese Definition als historisch, kulturell und normativ kontingent dar. Aus Sicht einer naturalistisch orientierten Sexualbiologie ist diese Kritik jedoch nicht nur unzutreffend, sondern in Teilen epistemisch übergriffig. Denn hier wird nicht bloß die gesellschaftliche Bedeutung biologischer Begriffe diskutiert, sondern es wird versucht, einen elementaren biologischen Terminus innerhalb der Biologie selbst umzudeuten. Das ist bemerkenswert und eine neue Eskalationsstufe der Debatte.
Anisogamie ist keine Ideologie
Der biologische Begriff des Geschlechts ist in der Evolutionsbiologie seit über einem Jahrhundert klar gefasst. Er bezeichnet die funktionelle Rolle im Rahmen der sexuellen Fortpflanzung auf Basis der Anisogamie. Anisogamie meint die evolutionär entstandene Differenzierung von Gameten in nährstoffreiche Makrogameten (Eizellen) und zahlreiche Mikrogameten (Spermazellen bei Pflanzen; bewegliche Spermien bei Tieren). Organismen, die die jeweils eine oder die andere Gametenform produzieren, sind weiblich bzw. männlich; Zwitter sind doppelgeschlechtlich, also männlich und weiblich zugleich oder zeitlich versetzt. Diese Definition ist weder anthropozentrisch noch kulturell motiviert. Sie gilt quer durch das Tier- und Pflanzenreich und ist das Strukturprinzip sexueller Fortpflanzung.
Wer behauptet, diese Definition sei lediglich eine "Wahl" unter vielen möglichen, übersieht oder ignoriert bewusst, dass wissenschaftliche Begriffe nicht beliebig sind, sondern explanatorische Arbeit leisten müssen. Die Gametendefinition erklärt sexuelle Selektion, dimorphe Strategien, elterliche Investition und zahllose empirische Befunde der Verhaltens- und Evolutionsbiologie. Sie ist keine rhetorische Grenzziehung, sondern die begriffliche Fassung eines reproduktiven Grundtatbestands.
Kategorien sind nicht beliebig rekonfigurierbar
Mahr beruft sich auf Konzepte wie "Co-Produktion" oder "Situated Knowledges" und argumentiert, auch biologische Kategorien seien stets sozial situiert. Dass Wissenschaft historisch eingebettet ist, ist trivial. Daraus folgt jedoch nicht, dass ihre Gegenstände beliebig rekonstruierbar wären. Zwischen der soziologischen Analyse wissenschaftlicher Praxis und der ontologischen Struktur biologischer Prozesse besteht ein kategorialer Unterschied. Würde man beispielsweise die Begriffe "männlich" und "weiblich" neu gemäß soziologischer Perspektive definieren, würde man in der Biologie für die real existierenden Kategorien "Mikrogametenproduzent" und "Makrogametenproduzent" neue Begriffe benötigen (vielleicht sogar exakt diese?). Diese Begriffe wären dann ein historisch und kulturell eingebettetes Kind des progressiven Zeitgeistes. Das hätte dann jedoch perspektivisch zur Folge, dass diese Begriffe von Soziologen erneut neu interpretiert würden. Denn letzten Endes geht es Denkschulen wie "Queer Theory" und "Gender Studies" nicht um die Dekonstruktion von Begriffen, sondern um die Dekonstruktion des binären Konzepts an sich. Dieses ist aber nun mal keine willkürliche Kulturentscheidung, etwa um Menschen in zwei Kategorien einzuteilen und eine davon mit weniger Rechten auszustatten, sondern eine vom Menschen unabhängige, objektiv beobachtete Realität, die sich nicht wegdiskutieren lässt.
Wenn innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften biologische Begriffe metaphorisch oder kritisch reflektiert werden, ist das zwar grenzwertig, aber noch tolerabel. Wenn diese Disziplinen jedoch beginnen, zentrale Termini der Biologie wie "Geschlecht" normativ umzudefinieren und diese Umdeutung als biologisch adäquat auszugeben, endet die Toleranz. Genau hier überschreiten Soziologen wie Mahr eine Linie. Die Frage, was in der Biologie unter "Geschlecht" verstanden wird, ist keine kulturwissenschaftliche Interpretationsfrage, sondern eine Frage biologischer Theorie und Empirie. Sollte es aufgrund neuer Erkenntnisse tatsächlich mal einen Anlass geben, einen biologischen Fachbegriff neu zu definieren, dann wird dies von Biologen innerhalb ihrer eigenen Fachdisziplin diskutiert. Fachfremde können sich zwar selbstverständlich an solchen Diskursen beteiligen (denn in "guter Wissenschaft" sollte unwichtig sein, wer etwas sagt – relevant ist nur die These), jedoch ist dann das methodische Handwerkszeug der jeweiligen Disziplin anzuwenden. Wenn Kulturwissenschaftler glauben, ihre normative Methodik hätte innerhalb der deskriptiven Naturwissenschaften irgendeine Relevanz, erliegen sie einem Irrtum.
"Intersexualität" widerlegt die Zweigeschlechtlichkeit nicht
Ein wiederkehrendes Argument von Mahr ist der Verweis auf Störungen der Geschlechtsentwicklung (DSD), die sie als "Intersex" bezeichnet. Diese Phänomene sind real und medizinisch wie sozial hochrelevant. Doch sie stellen keine dritte Gametenklasse und daher keinen Anlass dar, die Binarität der Geschlechter zu hinterfragen. Die häufig zitierte Zahl von "2 % intersexuellen Menschen" basiert auf sehr weiten Definitionen, die auch spät einsetzende oder klinisch milde Varianten umfassen, die selbst im medizinischen Alltag zweifelfrei korrekt einem Geschlecht zugeordnet werden können (siehe Wie häufig ist "Intersexualität"?). Selbst wenn man diese Zahl akzeptieren würde, folgt daraus logisch nicht, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Auch Variationen oder Entwicklungsstörungen innerhalb eines Systems heben dessen grundlegende Struktur nicht auf. Anomale Ausprägungen in Chromosomen, Hormonen oder Anatomie sind Variationen innerhalb der beiden Kategorien, nicht außerhalb oder "dazwischen". Niemand käme auf die Idee, aus dem Vorkommen seltener Herzfehlbildungen zu schließen, das menschliche Kreislaufsystem sei kein zweikammeriges Pumpsystem.
Objektivität ist kein "Gott-Trick"
Mahrs Vorwurf, die Berufung auf Objektivität sei ein "Gott-Trick", wie ihn Donna Haraway formulierte, verkennt den Anspruch naturwissenschaftlicher Methodik. Objektivität bedeutet nicht Perspektivlosigkeit, sondern intersubjektive Überprüfbarkeit. Dass Hypothesen, Begriffe und Theorien empirisch getestet und potenziell falsifiziert werden können, ist keine maskierte Machtausübung, sondern das Kernprinzip moderner Wissenschaft. Wenn die Gametendefinition von Geschlecht falsch wäre, müsste man zeigen, dass es Organismen gibt, die sich sexuell fortpflanzen, ohne in eine von zwei Gametenklassen zu fallen. Solche Evidenz existiert nicht. Ein häufiger Einwand lautet an dieser Stelle: "Aber was ist mit isogamen Organismen und ihren zahlreichen Kreuzungstypen?" Tatsächlich existieren bei vielen Algen, Pilzen oder Protozoen Systeme mit mehreren Paarungs- bzw. Kreuzungstypen (mating types), die genetisch inkompatible, aber morphologisch gleich große Gameten hervorbringen. Genau hier liegt jedoch der entscheidende Punkt: Isogamie ist definitionsgemäß eine Fortpflanzungsform ohne Geschlechter im biologischen Sinne. Männlich und weiblich bezeichnen nicht bloß "Paarungspartner", sondern unterschiedliche reproduktive Strategien, die sich aus der asymmetrischen Investition in große versus kleine Gameten ergeben. Isogame Kreuzungstypen sind Kompatibilitätsklassen innerhalb eines Systems gleichartiger Gameten; sie sind keine funktionell unterschiedlichen Reproduktionsrollen (siehe dazu auch Hat der "Blob" wirklich 720 Geschlechter?).
Isogamie ist daher kein Gegenbeispiel zu Geschlecht, sondern dessen evolutionäre Vorzustand. Die Evolutionsbiologie beschreibt sehr präzise, wie aus isogamen Vorläufern mehrfach unabhängig anisogame Systeme entstanden sind. Erst mit dieser Differenzierung entstehen die Selektionsdynamiken, die sich u. a. im sexuellen Dimorphismus äußern. Kreuzungstypen erklären diese Phänomene gerade nicht. Wer isogame Kreuzungstypen als "mehr als zwei Geschlechter" präsentiert, verschiebt stillschweigend die Definition von Geschlecht von einer funktionalen, reproduktionsbiologischen Kategorie hin zu einer bloßen Paarungskompatibilität. Das ist eine begriffliche Ausweitung, keine Widerlegung. Man könnte sonst ebenso argumentieren, Blutgruppen seien "vier Kreislaufsysteme", weil sie unterschiedliche Kompatibilitäten aufweisen. Die Kategorie würde dadurch nicht widerlegt, sondern nur semantisch verwässert.
Mit solchen rhetorischen Tricks wird die Diskussion auf eine Metaebene verschoben, auf der jede begriffliche Festlegung als normativ verdächtig gilt. Das ist keine biologische Argumentation, sondern Wissenschaftstheorie mit ideologischer Stoßrichtung. Besonders problematisch wird es, wenn aus der sozialtheoretischen Ablehnung der binären Geschlechtsdefinition unmittelbare politische Implikationen abgeleitet werden. Die Rechte von transidenten Personen oder Menschen mit DSD hängen nicht davon ab, ob es in der Biologie zwei, fünf oder 43.046.721 Geschlechter gibt. Dass es zwei Geschlechter im Sinne der Anisogamie gibt, impliziert keinerlei Aussage darüber, wie Individuen leben sollen oder welche Rechte ihnen zustehen. Menschenwürde ist kein Derivat evolutionsbiologischer Terminologie. Wer beides vermischt, instrumentalisiert Wissenschaft für normative Ziele und wirft zugleich der Gegenseite genau das vor.
Parallelen zu kreationistischen Angriffen auf die Biologie
Ein Blick über den Tellerrand macht deutlich, dass wir es hier nicht nur mit einem pseudo-akademischen Streit über Begriffsverwendung zu tun haben, sondern mit einem Muster, das in anderer Form bereits aus ähnlichen Angriffen auf die Biologie bekannt ist. In den USA etwa betreiben Kreationismus und "Intelligent Design" aktiven Widerstand gegen das naturwissenschaftliche Verständnis der Evolution. Organisationen wie das "Discovery Institute" propagieren die Strategie "Teach the Controversy", also das gezielte Schaffen einer scheinbaren wissenschaftlichen Debatte um die Evolution. Ziel ist es nicht, neue empirische Daten zu liefern, um vorhandene Lücken im Theoriengebäude der Evolutionsbiologie zu schließen, sondern biologische Grundlagenbegriffe (beispielsweise in Lehrplänen) mit religiösen Deutungen zu überlagern, um wissenschaftlichen Materialismus durch theistische Interpretationen zu ersetzen.
Die rhetorische Struktur ähnelt der Methodik, die wir in kritischen Sozialtheorien beobachten. Indem zentrale biologische Kategorien normativ aufgeladen werden, löst man sie aus ihrem empirischen Kontext. Es entsteht der Eindruck, Biowissenschaften seien nur ein kultureller Diskurs unter anderen und damit manipulierbar nach ideologischen Zielen. Diese Strategie hat in den USA dazu geführt, dass evolutionstheoretische Inhalte in einigen Bundesstaaten systematisch aus Lehrplänen verdrängt werden sollen, nicht weil neue naturwissenschaftliche Befunde vorliegen, sondern weil sie weltanschaulich unerwünscht erscheinen.
Auch in Deutschland hat es über die letzten Jahrzehnte Bestrebungen gegeben, die naturwissenschaftliche Integrität der Biologie zu unterminieren. Die "Studiengemeinschaft Wort und Wissen" etwa hat mit Werken wie einem evolutionskritischen Lehrbuch versucht, Zweifel an der etablierten Evolutionsbiologie zu säen und die Grenzen naturwissenschaftlicher Erklärungen zugunsten biblisch-theologischer Deutungen neu zu ziehen. In Medien und wissenschaftlichen Kreisen wurde diese Entwicklung wiederholt als problematisch bewertet, und nicht zuletzt haben die Kultusministerien sowie wissenschaftliche Verbände dafür gesorgt, dass solche pseudowissenschaftlichen Ansätze nicht in den Biologieunterricht übernommen wurden.
Die Parallele ist klar: Sowohl im evolutionskritischen als auch im geschlechtskritischen Kontext geht es nicht um die Erweiterung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern um das Aufweichen von Begriffen und Konzepten zugunsten ideologischer Zielsetzungen. Ob jedoch die Abwehr der derzeitigen Angriffe auf die Biowissenschaften erfolgreich sein wird, bleibt abzuwarten. Anders als bei den kreationistischen Angriffen fehlt es der Biologie in der Geschlechterdebatte nicht nur an Rückhalt seitens Politik und Medien, denn diese sind Teil des Problems.
Fazit
Dana Mahrs Replik auf Wright ist ein Beispiel dafür, wie aus Wissenschaftsreflexion eine Umdeutung biologischer Grundbegriffe wird. Es ist legitim, die gesellschaftlichen Folgen biologischer Theorien und Tatsachenbeobachtungen zu diskutieren. Es ist jedoch nicht legitim, zentrale biologische Kategorien gegen ihre empirische und theoretische Fundierung umzuschreiben und diese Umschreibung als wissenschaftlichen Fortschritt zu deklarieren. "Männlich" und "weiblich" bezeichnen in der Biologie reproduktive Rollen, nicht soziale Identitäten. Wer diese Definition auflösen will, muss biologische Gegenbelege liefern, keine sozialtheoretischen Rahmungen. Denn wissenschaftliche Begriffe sind kein frei verfügbares Diskursmaterial. Sie sind Werkzeuge zur Beschreibung einer realen, von uns unabhängigen Natur.
Quellen
[1] Mahr, D. Response to Wright’s (2025) “Why There Are Exactly Two Sexes”. Arch Sex Behav (2026). https://doi.org/10.1007/s10508-026-03418-0
[2] Wright, C.M. Why There Are Exactly Two Sexes. Arch Sex Behav 54, 3941–3945 (2025). https://doi.org/10.1007/s10508-025-03348-3
