In der jüngsten Ausgabe von 'Ecology Letters' haben mehrere Biologen und Ökologen einen Viewpoint-Artikel mit dem Titel "There is No Consensus on Biological Sex" veröffentlicht [1]. Der Text behauptet, es gebe in den Biowissenschaften keinen einheitlichen, annahmenfreien Konsens über die Definition des Geschlechts und plädiert für eine akzeptierende Haltung gegenüber dieser Uneinigkeit. Statt eine universelle Definition anzustreben, sollen verschiedene definitorische Ansätze parallel akzeptiert werden und stärker auf sprachliche Präzision im Umgang mit "Geschlecht" geachtet werden. Die Autoren warnen darüber hinaus vor der Anwendung biologischer Kategorien in politischen Kontexten. Aus unserer Sicht entpuppt sich dieser Beitrag als ein Musterbeispiel für konzeptionelle Verwässerung, die wissenschaftliche Klarheit opfert, um ideologische Bedenken zu bedienen.
Gametische Definition: Der einzig universelle Maßstab
Die Autoren beginnen mit einer scheinbar ausgewogenen Darstellung der gametischen Definition, die Geschlecht allein an der Gametengröße festmacht: Kleine Gameten (Spermien) definieren das Männliche, große (Eizellen) das Weibliche. Wie sie einräumen folgt diese Definition nicht nur dem Sparsamkeitsprinzip, sondern sie ist universell anwendbar auf alle anisogamen Organismen. Doch statt diese Stärke zu betonen, kritisieren sie die praktische Umsetzung. Viele Forscher könnten Gameten nicht direkt beobachten und müssten auf Proxies wie Chromosomen oder Morphologie zurückgreifen, was Annahmen impliziere.
Hier liegt bereits ein erster fundamentaler Fehlschluss: Die Definition selbst ist unabhängig von ihren Beobachtungsmethoden. Sie ist ontologisch, nicht operational. Wenn ein Organismus kleine Gameten produziert bzw. genauer gesagt entwicklungsbiologisch darauf ausgerichtet ist, ist er männlich. Punkt! Die Schwierigkeit der Messung ändert nichts an der biologischen Realität. Die Argumentation der Autoren betrifft also gar nicht die Definition von Geschlecht, sondern lediglich dessen praktische Bestimmung bei einzelnen Individuen. In der Wissenschaft ist diese Unterscheidung trivial. Eine theoretische Definition kann eindeutig sein, auch wenn ihre empirische Bestimmung im Einzelfall schwierig ist. Der Viewpoint behandelt dieses Messproblem jedoch so, als würde es die definitorische Grundlage selbst infrage stellen. Damit wird ein methodisches Problem fälschlich zu einem ontologischen erklärt.
Vor diesem Hintergrund wirken auch zwei zentrale Einwände gegen die gametenbasierte Definition bemerkenswert schwach. Erstens wird behauptet, sie sei problematisch, weil sie "Fortpflanzungsansätze jenseits der Anisogamie" nicht einschließe. Diese Kritik verfehlt den Gegenstand. Das Konzept Geschlecht ist historisch und theoretisch untrennbar mit der Evolution der Anisogamie verbunden. In isogamen oder asexuellen Systemen existiert kein Geschlecht im biologischen Sinne, weil dort keine unterschiedlichen Gametentypen existieren, die eine funktionale Klassifikation in männlich und weiblich erlauben. Zu verlangen, dass eine Definition von Geschlecht auch solche Systeme einschließen müsse, ist logisch vergleichbar mit der Forderung, das Konzept "Wirbeltiere" müsse auch auf Wirbellose anwendbar sein.
Zweitens wird eingewandt, eine gametenbasierte Definition könne Organismen vor der Geschlechtsreife oder nach dem Ende der Fortpflanzung nicht klassifizieren. Auch dieser Einwand beruht auf einem Missverständnis. Geschlecht wird in der Evolutionsbiologie nicht durch die aktuell ausgeübte Produktion von Gameten definiert, sondern durch die biologische Organisation eines Organismus im Hinblick auf die potenzielle Produktion bestimmter Gametentypen. Diese Entwicklungslinie bleibt auch dann bestimmbar, wenn sie in einem bestimmten Lebensstadium noch nicht voll ausgebildet oder später nicht mehr aktiv ist. Dass ein juveniles Individuum noch keine Gameten produziert oder ein alter Organismus keine mehr produziert, hebt daher die zugrundeliegende Geschlechtsorganisation nicht auf.
Multivariater Ansatz: Eine Vernebelung der biologischen Essenz
Noch schärfer fällt die Kritik am multivariaten Framework aus, das die Autoren als gleichberechtigte Alternative zur gametischen Definition diskutieren. Hier wird Geschlecht als Bündel von Merkmalen (Gonaden, Morphologie, Hormone, Verhalten etc.) betrachtet, was angeblich die "wahre biologische Variation" einfange. In Wahrheit führt dies zu einer willkürlichen, kontextabhängigen Kategorisierung, die Reproduktionsbiologie in ein subjektives Spektrum verwandelt.
Die Anisogamie ist keine willkürliche Klassifikationsstrategie, sondern ein evolutionsbiologisches Grundprinzip. In allen anisogamen Fortpflanzungssystemen existieren genau zwei Gametentypen. Diese fundamentale Asymmetrie ist die Grundlage für sexuelle Selektion, Geschlechterunterschiede in Lebensstrategien und eine Vielzahl reproduktionsbiologischer Phänomene. Die Begriffe "männlich" und "weiblich" bezeichnen in diesem Rahmen nicht soziale Rollen, äußere Merkmale oder Verhaltensweisen, sondern funktionale Klassen von Gameten. Dass viele biologische Merkmale mit dieser Klassifikation korrelieren, ist eine Folge der Evolution. Die Definition selbst hängt jedoch nicht von diesen Merkmalen ab.
Ein multivarianter Ansatz kann in bestimmten Kontexten durchaus sinnvoll sein. Er kann Variation innerhalb von Populationen sichtbar machen oder besondere Lebensgeschichten einzelner Individuen erklären. Als Definition von Geschlecht taugt dieser Ansatz jedoch nicht (und somit auch nicht zur Widerlegung einer bestehenden Definition). Ein grundlegender logischer Fehler solcher Ansätze besteht nämlich darin, dass sie sich von ihrem eigenen konzeptionellen Fundament lösen wollen. Jede nicht-gametenbasierte Definition von Geschlecht ist letztlich inkohärent, weil sie stillschweigend auf genau jener Struktur aufbaut, die sie relativieren möchte. Chromosomen, Gene, Hormone, Morphologie oder Verhalten werden häufig als alternative Kriterien präsentiert. Tatsächlich besitzen sie ihre biologische Bedeutung aber nur deshalb, weil sie Bestandteile eines Systems sind, das evolutiv auf die Produktion zweier unterschiedlicher Gametentypen ausgerichtet ist. Ohne diesen konzeptionellen Anker verlieren alle genannten Merkmale ihren Bezugspunkt. Auch häufig postulierte Unterkategorien oder Sonderformen des Geschlechts stellen keine eigenständigen Geschlechter dar, sondern sind funktionale Modifikationen innerhalb eines Systems, das durch die evolutionär entstandene Zweiteilung der Gameten strukturiert ist.
Ein definitorischer Begriff muss klar abgrenzbar sein. Wenn Geschlecht aus einer offenen Kombination von Merkmalen bestehen soll, verliert der Begriff seine Aussagekraft. Das Resultat ist keine präzisere Wissenschaft, sondern eine Verschiebung vom kategorialen Konzept zu einer unscharfen Merkmalsbeschreibung.
Die Beispiele aus dem Paper, wie Fehlklassifikationen bei Lachsen (3 bis 25 % fehlerhafte Geschlechtsbestimmung über Proxies) oder Kolibris mit "männlichem" Gefieder trotz weiblicher Gameten, werden in der Diskussion des multivarianten Ansatzes als Beleg für die Unzulänglichkeit der gametischen Definition genutzt. Tatsächlich unterstreichen diese Beispiele genau das Gegenteil, denn solche Diskrepanzen sind gewissermaßen Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Es sind evolutionäre Anpassungen wie simultaner und sequentieller Hermaphroditismus, Pseudohermaphroditismus und sexuelle Mimikry, die immer noch auf der anisogamen Binärität basieren. Warum einen Kolibri mit weiblichen Gameten als "intersex" oder "farbenprächtige Eierproduzentin" bezeichnen, wenn die gametische Klarheit reicht, um das Tier eindeutig als Weibchen zu bezeichnen? Eine neue Terminologie importiert anthropozentrische Konzepte in die Biologie.
Naturalistisch gesehen ist Geschlecht kein Spektrum und auch kein Sammelsurium von Merkmalen, sondern eine funktionale Dichotomie, die durch Selektionsdruck auf Gametengröße entstanden ist.
Konsens, Autorität und empirische Realität
Die Autoren stellen in ihrem Viewpoint die angeblich fehlende Einigkeit über die Definition von Geschlecht stark in den Vordergrund. Im Kontext des Textes wirkt dies weniger wie eine neutrale Bestandsaufnahme wissenschaftlicher Diskussionen, sondern eher wie ein strategischer Versuch, einen bestehenden fachlichen Konsens rhetorisch zu relativieren. Der argumentative Rahmen lautet dabei sinngemäß: Wer behauptet, es gebe einen wissenschaftlichen Konsens über die binäre Natur des Geschlechts, berufe sich auf eine vereinfachte oder politisch motivierte Darstellung der Biologie. Die Autoren positionieren sich damit selbst als korrigierende wissenschaftliche Instanz, die diesen Konsens zu dekonstruieren versucht. Paradoxerweise greifen sie damit genau auf jene Autoritätsstrategie zurück, die sie implizit kritisieren. Nicht empirische Gegenbefunde stehen im Zentrum, sondern die Berufung auf eine angeblich offenere oder differenziertere wissenschaftliche Perspektive.
Grundsätzlich ist der Hinweis auf Konsens in der Wissenschaft kein Argument an sich. Wissenschaft lebt von Zweifeln, von kritischem Denken und davon, etablierte Annahmen zu hinterfragen und auch weithin akzeptierte Modelle zu überprüfen. Konsens kann daher niemals als endgültige Autorität gelten. Ein bloßes Berufungsargument auf "die Mehrheit der Fachleute", Nobelpreisträger usw. ersetzt keine empirische Begründung. Wenn Konsens lediglich als Autoritätsargument eingesetzt wird, handelt es sich tatsächlich um das, was man manchmal als "eminenzbasierte Wissenschaft" bezeichnet. Gleichzeitig entsteht ein stabiler Konsens in vielen Bereichen schlicht deshalb, weil eine überwältigende empirische Evidenz durch eine große Menge unabhängiger Beobachtungen und theoretischer Arbeiten in dieselbe Richtung weist. Dass die Erde keine Scheibe ist, gilt nicht aufgrund eines demokratischen Mehrheitsbeschlusses in der Wissenschaft oder wegen eines Beschlusses einer wissenschaftlichen Elite als gesichert, sondern weil sämtliche verfügbaren Daten diese Beschreibung stützen. Selbstverständlich wäre auch dieser Konsens prinzipiell falsifizierbar, wenn neue Beobachtungen eine andere Gestalt der Erde belegen würden. Konsens ist also kein Dogma, sondern lediglich eine Momentaufnahme des besten verfügbaren Wissens.
In der Debatte über die biologische Definition von Geschlecht liegt eine vergleichbare Situation vor. Die gametenbasierte Definition ist nicht deshalb Konsens, weil eine wissenschaftliche Autorität dies festgelegt hätte, sondern weil sie direkt aus einem grundlegenden evolutionsbiologischen Phänomen folgt. Ein tatsächlicher empirischer Gegenbeweis müsste zeigen, dass in anisogamen Systemen mehr als zwei funktionale Gametentypen existieren. Ein solcher Befund liegt bislang nicht vor und wird auch von Eppley und Kollegen nicht geliefert. Der tatsächlich existierende, von den Autoren jedoch bestrittene breite Konsens über die gametische Definition spiegelt daher keine autoritäre Setzung wider, sondern schlicht den gegenwärtigen Stand dessen, was die Biologie in der Natur beobachtet.
Politische Agenda hinter der Wissenschaft?
Der Beitrag betont mehrfach, dass biologische Definitionen von Geschlecht nicht zur Einschränkung von Menschenrechten verwendet werden sollten. Dieser normative Punkt ist politisch legitim. Aus wissenschaftlicher Sicht ist er jedoch unabhängig von der Frage, wie Geschlecht biologisch definiert wird. Das Binäre ist keine Ideologie, sondern eine evolutionäre Notwendigkeit, denn die Anisogamie maximiert den Reproduktionserfolg durch Spezialisierung. Die Aufgabe der Biologie besteht darin, natürliche Phänomene wie dieses möglichst präzise zu beschreiben. Normative Fragen gehören in den Bereich der Ethik und der Politik. Wenn diese Ebenen vermischt werden, entsteht leicht der Eindruck, wissenschaftliche Begriffe müssten politisch angepasst werden. Genau das untergräbt langfristig die Klarheit wissenschaftlicher Konzepte.
Die Autoren beziehen sich beispielsweise auf US-Politik, die das Geschlecht des Menschen als binär und unveränderlich darstellt (wir berichteten:
USA: Nur zwei Geschlechter! ...und alle Menschen weiblich?). Hier schimmert durch, dass es ihnen weniger um biologische und ökologische Vielfalt geht als um die Abwehr angeblich "schädlicher Ideologien". Die biologische Vielfalt auf Ebene der Merkmalsausprägung dient hierbei lediglich als Meinungsverstärker, es geht jedoch im Kern ihrer Arbeit gar nicht um das Konzept "Geschlecht" an sich, sondern um dessen gesellschaftliche Implikation und Semantik. Die Empfehlungen für klare Sprache (wie das Explizieren von Proxies oder Vermeiden von Gender-Begriffen) sind zwar lobenswert, wirken aber wie ein Feigenblatt für die Kernbotschaft des Papers: Akzeptiert die Uneinigkeit, um menschliche Sensibilitäten zu schützen. Dies fördert nicht die Wissenschaft, sondern ihre Politisierung.
Fazit
Der Viewpoint von Eppley et al. (2026) macht auf ein reales Problem aufmerksam: In vielen Studien wird Geschlecht operational über unterschiedliche Merkmale bestimmt. Diese Praxis kann tatsächlich zu Inkonsistenzen führen und sollte transparent gemacht werden. Die daraus gezogene Schlussfolgerung, es gebe keinen Konsens über die Definition des Geschlechts in der Biologie, überzeugt jedoch nicht. Statt die gametische Definition als universellen Standard zu stärken, erzeugen die Autoren eine falsche Äquivalenz zwischen Ansätzen und öffnen die Tür für Relativismus. In der Evolutionsbiologie ist die funktionale Definition des Geschlechts über Anisogamie seit langem etabliert. Sie erklärt nicht nur die Existenz zweier Geschlechter, sondern bildet auch die Grundlage für zentrale Theorien zu sexueller Selektion und Fortpflanzungsstrategien. Variation in untergeordneten Ausprägungen macht Geschlecht nicht multivariat. Sie beschreibt lediglich die vielfältigen biologischen Konsequenzen einer grundlegenden reproduktiven Dichotomie. Wissenschaftler sollten diese Klarheit nutzen, um Vielfalt zu erforschen, ohne sie zu verwässern.
Quellen
[1] Eppley, M. G., A.Lee, R.Dellinger, and A.Swank. 2026. “There is No Consensus on Biological Sex.” Ecology Letters29, no. 3: e70350.
https://doi.org/10.1111/ele.70350.