Freitag, 30. Januar 2026

Parlamentarische Versammlung des Europarats beschließt Verbot von Konversionspraktiken

Wenn europäische Institutionen über sogenannte "Konversionspraktiken" sprechen, geht es um ein Thema, das emotional aufgeladen ist – und das zugleich eine nüchterne Debatte verdient. Die Parlamentarische Versammlung des Europarats (Parliamentary Assembly of the Council of Europe; PACE) hat am gestrigen 29.01.2026 in Straßburg eine Resolution beschlossen, mit der Konversionspraktiken in den EU-Mitgliedsstaaten per Gesetz verboten werden sollen, inklusive strafrechtlicher Sanktionen, Monitoring und Meldewegen: PACE calls for ban on conversion practices

Konversionspraktiken: Eine Frage der Auslegung

PACE beschreibt Konversionspraktiken als Maßnahmen, die eine Person in Bezug auf die sogenannte "sexuelle Orientierung" (erotische Präferenz) oder Geschlechtsidentität (also der intrinsischen Geschlechtswahrnehmung) "verändern" oder "unterdrücken" sollen. Diese Definition klingt zunächst klar, sie ist es aber in der Praxis oft nicht. Denn in der realen klinischen Arbeit existiert eine Grauzone zwischen klar schädlichen Eingriffen und legitimer therapeutischer Begleitung. Wir müssen unterscheiden zwischen:

Übergriffigen Konversionsversuchen

Das sind Interventionen, die mit Schuld, Angst, Scham, religiöser Drohkulisse oder Zwang arbeiten, um ein gewünschtes Ergebnis zu erzwingen. Das ist ethisch unvertretbar und wissenschaftlich nicht haltbar.

Ergebnisoffener Exploration

Das ist das genaue Gegenteil: ein Prozess, der nicht vorgibt, was am Ende herauskommen soll. Gerade bei Geschlechtsdysphorie ist das entscheidend, weil Symptome und Ursachen sehr unterschiedlich sein können: von Körperbildproblemen über Traumafolgen, Autismus-Spektrum, internalisierte Homophobie bis hin zu Depression, sozialer Angst oder schlicht pubertärer Belastung.

Geschlechtsbasierter, nicht-invasiver Umgang mit Dysphorie

Darunter fallen z. B. psychologische Stabilisierung, Behandlung komorbider Störungen, Stressreduktion, Arbeit an Selbstakzeptanz, oder ein vorsichtiger Umgang mit sozialen Rollenbildern – ohne automatisch medizinische Transition als Standardlösung zu setzen.

PACE betont, Konversionspraktiken hätten "keine wissenschaftliche Basis" und seien schädlich. Das ist für klassische Reparativtherapien in Bezug auf homoerotisches Verhalten historisch gut belegt und aus unserer Sicht auch normativ eindeutig: Gleichgeschlechtliches Sexualverhalten ist keine Krankheit. Problematisch wird es jedoch dort, wo politische und aktivistische Narrative den Begriff "Konversion" so ausweiten, dass er auch jede nicht-affirmative Herangehensweise an Geschlechtsidentitätsstörungen erfasst. Dann entsteht ein System, in dem nicht mehr die beste medizinische Begründung zählt, sondern die ideologisch "richtige" Antwort.

Einordnung

Als IG Sexualbiologie teilen wir einen zentralen Punkt ausdrücklich: Konversionstherapien – verstanden als Zwang, Druck oder manipulative Umerziehungsversuche – lehnen wir ab. Niemand darf durch Gewalt, Drohung, religiöse Erpressung oder pseudotherapeutische Methoden dazu gebracht werden, sich selbst zu verleugnen. Gleichzeitig sehen wir bei der aktuellen politischen Stoßrichtung jedoch eine reale Gefahr: Unter dem Label "Konversion" kann ergebnisoffene, differenzialdiagnostische und wissenschaftlich verantwortliche Arbeit erschwert oder gar kriminalisiert werden – gerade im Bereich Geschlechtsdysphorie und Jugendmedizin.

Genau hier liegt der Kern unserer Kritik: Wenn ein Gesetz oder eine Resolution suggeriert, jeder nicht-affirmative Umgang mit Geschlechtsidentität sei automatisch Gewalt, dann wird Therapie zur Gesinnungsprüfung. Ergebnisoffene Diagnostik wird zur potenziellen Straftat – nicht weil sie objektiv tatsächlich schädlich ist (mit Blick auf die hohe Desistenzrate ist sie das in den meisten Fällen nicht), sondern weil sie nicht das erwartete Ergebnis garantiert.

PACE verweist auf Malta als Vorbild und zitiert Helena Dalli mit dem Satz, die Gesetzgebung habe "legitime therapeutische Unterstützung" nicht behindert: "It did not interfere with legitimate therapeutic support." Das klingt beruhigend, doch in der Praxis steht und fällt alles mit der konkreten Definition dessen, was verboten ist. Wer definiert, was "legitim" ist? Und wie wird verhindert, dass legitime klinische Vorsicht im Nachhinein als strafbare Identitätsunterdrückung umgedeutet wird?

Wir sehen diese Dynamik bereits in Deutschland. Hier ist das Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen (KonvBehSchG) längst nicht nur eine Barriere gegen tatsächlich übergriffige Konversionstherapien. Es wirkt in Kombination mit gesellschaftlichem Druck und berufspolitischer Angst auch als Signal an Mediziner, dass eine transpositive Haltung der juristisch und sozial sichere Weg ist. Wer Komorbiditäten ernst nimmt und Alternativen zur Transition prüft, bewegt sich hingegen schnell im Verdachtsraum. Das ist keine Kleinigkeit. In der Medizin ist Ergebnisoffenheit kein Luxus, sondern Grundprinzip. Eine Diagnose ist keine Bestätigung, sondern eine Prüfung, und eine Therapie ist nicht validierend, weil sie sich gut anfühlt, sondern weil sie langfristig hilft und Risiken minimiert.

Gerade bei Minderjährigen ist die ethische Verantwortung besonders hoch. Die natürliche Pubertät ist eine Phase intensiver neurobiologischer und psychosozialer Umbrüche. Eine vorschnelle Festlegung auf (teil-)irreversible Maßnahmen zur Manipulation dieses Prozesses ist nicht automatisch menschenrechtsfreundlich, nur weil sie als progressiv etikettiert wird. Menschenrechte sind nicht nur das Recht auf Selbstdefinition, sondern auch das Recht auf Schutz vor voreiligen Eingriffen und vor sozialem Druck.

Wir kritisieren daher nicht das Ziel, schädliche Konversionspraktiken zu unterbinden, sondern die ideologische Schieflage, die sich in vielen Debatten eingeschlichen hat. Als wäre jede Form von Zweifel bereits Diskriminierung und jede therapeutische Zurückhaltung bereits Gewalt. Das ist keine Wissenschaft, sondern gefährliche Moralpolitik weg von Evidenz, hin zu politisch erwünschten Narrativen. Übrig bleibt dann ein System, in dem "affirmativ" nicht mehr eine Option ist, sondern faktisch eine Pflicht – verbunden mit einer hohen Rate an gleichgeschlechtlich orientierten Jugendlichen, die durch Transition tatsächlich einer Konversionsbehandlung unterzogen werden.

Was bedeutet die Annahme der Resolution konkret?

Die betreffende Resolution 2643 ("For a ban on conversion practices") wurde mit 71 zu 26 Stimmen bei 2 Enthaltungen angenommen:


Dadurch ist allerdings noch kein unmittelbar geltendes EU-Gesetz entstanden. PACE ist kein Gesetzgeber im engeren Sinne, sondern ein politisches Gremium. Ihre Resolutionen sind völkerrechtlich nicht bindend. Sie verpflichten die Mitgliedsstaaten also nicht direkt zu einem bestimmten Gesetzeswortlaut oder zu sofortigen strafrechtlichen Maßnahmen. Ihre Wirkung ist eine andere – und nicht zu unterschätzen. PACE-Resolutionen entfalten normativen Druck. Sie setzen politische Leitplanken, definieren, was als "menschenrechtskonform" gilt, und verschieben den Diskursrahmen. Nationale Parlamente, Ministerien, Gerichte, Berufsverbände und Ethikkommissionen orientieren sich daran, oft aus vorauseilendem Gehorsam.

Wenn eine Resolution bereits auf der Ebene der politischen Sprache festlegt, dass jede Form der "Unterdrückung" oder "Repression" von Geschlechtsidentität als schädlich und wissenschaftlich unbegründet gilt, wird der Spielraum für differenzierte nationale Regelungen erheblich verengt. Staaten geraten unter Druck, besonders restriktive Gesetze zu formulieren, um nicht als menschenrechtsfeindlich zu gelten. Die Annahme der Resolution ist daher kein neutraler Akt. Sie ist ein weiterer Schritt hin zu einer Politisierung medizinischer Fragestellungen, bei der komplexe diagnostische Prozesse in moralische Kategorien übersetzt werden. Wer wie wir diese Entwicklung kritisch begleitet, verteidigt nicht "Konversion", sondern die Grundlagen verantwortungsvoller Medizin.

Fazit

Wir sagen klar: Menschen sind keine Projekte, die man "repariert", wenn sie nicht in ein Weltbild passen. Gleichzeitig warnen wir aber davor, dass der Kampf gegen Konversion in manchen politischen Kontexten zur Waffe wird, um ergebnisoffene Diagnostik und geschlechtsbasierte Behandlungsmöglichkeiten zu delegitimieren oder zu kriminalisieren. Eine verantwortungsvolle Medizin braucht keine Ideologie – weder religiöse noch aktivistische. Sie braucht klare Grenzen gegen Übergriffigkeit und gleichzeitig den Schutz klinischer Sorgfalt. Wer wirklich Menschenrechte stärken will, muss auch aushalten, dass gute Medizin nicht bestätigt, sondern kritisch hinterfragt.

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Dienstag, 27. Januar 2026

Gibt es einen Rückgang von Transidentitäten bei Jugendlichen?

In den vergangenen Jahren wurde häufig über einen deutlichen Anstieg von Transidentitäten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen berichtet. Umso größer war die Aufmerksamkeit, als im Herbst 2025 Stimmen laut wurden, die von einem möglichen Trendbruch sprachen: Die Identifikation als "trans" oder "nicht-binär" gehe bei jungen Menschen deutlich zurück. Solche Aussagen wurden in sozialen Medien schnell aufgegriffen und teils politisch zugespitzt. Für eine wissenschaftlich informierte Debatte ist jedoch entscheidend, genau hinzusehen: Welche Daten liegen vor, was messen sie tatsächlich und wie belastbar sind Aussagen über einen Rückgang?

Umfrageergebnisse aus Studentenpopulationen

Ausgangspunkt der Debatte war eine Auswertung des britisch-kanadischen Politologen Eric Kaufmann, der auf der Plattform X Umfragedaten aus Studentenpopulationen analysierte. Im Fokus standen dabei Studenten, die sich weder als Frau noch als Mann identifizieren, also als "nicht-binär".

Kaufmann berichtete, dass der Anteil nicht-binärer Selbstidentifikationen an einzelnen Hochschulen zwischen Anfang 2023 und 2025 um bis zu 75 % zurückgegangen sei. Begleitet wurde diese Beobachtung von der zugespitzten Formulierung, "trans identification is in free fall among the young" ("Trans-Identifikation befindet sich bei jungen Menschen im freien Fall"):


Diese Aussage erzeugte große Resonanz – nicht zuletzt, weil sie einem zuvor gut dokumentierten Anstieg widersprach. Zugleich machte sie deutlich, wie stark Begriffe wie "trans" und "nicht-binär" im öffentlichen Diskurs häufig gleichgesetzt werden, obwohl sie empirisch und konzeptuell nicht identisch sind.

Nationale US-Daten und methodische Einordnung

Die Psychologieprofessorin Jean M. Twenge nahm Kaufmanns These zum Anlass für eine eigene, differenzierte Datenanalyse. Sie wies in einem Beitrag auf ‚Persuasion‘ mit dem Titel "Transgender Identity Really Has Fallen Among Young People" zunächst darauf hin, dass Kaufmanns ursprüngliche Daten nicht direkt die Identifikation als Transgender erfassten, sondern das "nicht-Identifizieren" als männlich oder weiblich. Twenge betont außerdem methodische Kritikpunkte, unter anderem die fehlende Gewichtung der Umfragedaten. Um die Frage fundierter zu prüfen, analysierte sie mehrere groß angelegte, national repräsentative US-Erhebungen, die explizit nach Transidentität fragten.

Zunächst zeigte die Household Pulse Survey einen Rückgang der Transidentifikation bei 18- bis 22-Jährigen im Jahr 2024. Twenge blieb hier jedoch vorsichtig, da sich der Effekt nur auf einen kurzen Zeitraum beschränkte und parallel neue Antwortoptionen für nicht-binäre Identitäten eingeführt worden waren – was das Antwortverhalten beeinflusst haben könnte. Entscheidender waren schließlich Daten aus der Cooperative Election Study (CES), die seit Jahren konsistente Fragen zu Transgender und nicht-binärer Identifikation stellt. Diese Daten deuten darauf hin, dass sowohl die Identifikation als trans als auch als nicht-binär unter jungen Erwachsenen in den USA zwischen 2022 und 2024 deutlich zurückging.

Bei den 18- bis 22-Jährigen sank der Anteil Transidentifizierter in diesem Zeitraum um fast die Hälfte; die nicht-binäre Identifikation nahm zwischen 2023 und 2024 sogar um mehr als 50 % ab. Auffällig ist dabei ein Kohorteneffekt: Personen, die in den frühen 2000er-Jahren geboren wurden, zeigten höhere Identifikationsraten als frühere und spätere Geburtsjahrgänge, was wiederum die Hypothese der Rapid-Onset Gender Dysphoria (ROGD) stützt. Twenge betont jedoch ausdrücklich eine zentrale Einschränkung: Für 2025 liegen noch keine CES-Daten vor. Ob es sich um den Beginn eines dauerhaften Trends oder um eine kurzfristige Schwankung handelt, lässt sich derzeit nicht abschließend beurteilen.

Gegenthese: Weiteres Wachstum

Eine deutlich andere Perspektive vertritt der Psychologe Angelo Vincent De Boni, der sich ebenfalls auf X auf langfristige Entwicklungen beruft:


Auf Basis seiner Auswertungen zeigt sich für die USA bei Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren ein kontinuierlicher Anstieg der Transidentifikation:
  • 2016: 0,7 % (≈150.000 Jugendliche)
  • 2022: 1,4 % (≈300.000 Jugendliche)
  • 2025: 3,3 % (≈724.000 Jugendliche)
Demnach hätte sich der Anteil transidenter Jugendlicher innerhalb von neun Jahren nahezu verfünffacht. De Boni interpretiert dies als Ausdruck eines anhaltenden Wachstumstrends, der inzwischen mehr als 700.000 Jugendliche in den USA umfasst. Auch für Europa verweist er auf steigende Werte. Laut Daten aus dem FRA LGBTI Survey und Analysen von ILGA-Europe lag der Anteil trans bzw. genderdiverser Identifikationen bei:
  • 2012: 1,2 %
  • 2019: 1,8 %
  • 2025: ca. 2,0 %
Diese Zahlen sprechen – zumindest auf aggregierter Ebene – eher für eine fortgesetzte Zunahme als für einen klaren Rückgang.

Kohorteneffekte statt Zeittrends: Mögliche Ursachen

Ein besonders aufschlussreicher Ansatz zur Einordnung der Daten ist die Unterscheidung zwischen Zeittrends und Kohorteneffekten. Während ein Zeittrend bedeuten würde, dass sich Einstellungen und Selbstidentifikationen gleichzeitig über alle Altersgruppen hinweg verändern, beschreibt ein Kohorteneffekt die dauerhafte Prägung einer bestimmten Geburtsgeneration durch spezifische historische und soziale Bedingungen.

Die Jahrgänge 2000 bis 2004 stellen in dieser Hinsicht eine besondere Kohorte dar. Sie befanden sich während der repressiven Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 in einem Alter von etwa 16 bis 20 Jahren – also genau in jener entwicklungspsychologisch sensiblen Phase, in der Identität, Selbstbild und soziale Zugehörigkeit neu ausgehandelt werden. Diese Phase ist geprägt von einer starken Orientierung an Gleichaltrigen. In dieser Zeit fielen zentrale Sozialisationsräume weg: Schulen, Universitäten, Freizeitangebote und informelle Peer-Treffen waren über Monate hinweg stark eingeschränkt oder ganz geschlossen. Infolge dessen verlagerte sich ein erheblicher Teil sozialer Interaktion in digitale Räume. Plattformen wie TikTok und Community-Foren wie Reddit wurden nicht nur zu Ersatzorten für Kommunikation, sondern auch zu zentralen Arenen der Identitätsaushandlung. Gerade dort sind geschlechtliche Selbstbeschreibungen besonders sichtbar und explizit: Profile, Pronomen, Labels und persönliche Narrative spielen eine größere Rolle als im analogen Alltag. Abweichungen von traditionellen Geschlechternormen werden häufiger benannt, diskutiert und innerhalb spezialisierter Communities positiv rückgekoppelt.

Diese digitalen Räume erzeugen zwar keine Identitäten, sie verändern jedoch die Bedingungen, unter denen Identität erkundet, benannt und sozial bestätigt wird. Die Isolation wirkte hier weniger als Ursache, sondern eher als Verstärker bereits bestehender kultureller Entwicklungen – etwa der wachsenden Betonung individueller Selbstdefinition. Für die betroffene Kohorte entstand so ein historisch einmaliges Sozialisationsmilieu, das sich in erhöhten Raten expliziter transidenter und nicht-binärer Selbstidentifikation niederschlagen konnte. Ein scheinbarer Rückgang in jüngeren Kohorten könnte somit anzeigen, dass sich die Bedingungen von Selbstidentifikationsprozessen erneut verändert haben.

Warum es für Trenddiagnosen noch zu früh ist

Aus Sicht der IG Sexualbiologie ist vor allem eines entscheidend: Die verfügbaren Outcome-Daten für 2025 liegen zeitlich noch sehr nahe. Einzelne Rückgänge über ein oder zwei Erhebungsjahre erlauben noch keine belastbare Aussage über einen echten Trendwechsel. In der empirischen Sozial- und Sexualforschung gelten längere Beobachtungszeiträume als Voraussetzung, um zwischen kurzfristigen Schwankungen, Kohorteneffekten und strukturellen Veränderungen zu unterscheiden.

Gut dokumentiert ist hingegen der Anstieg der Transidentifikation in den vergangenen etwa zehn Jahren. So zeigen Twenge und Kollegen in einer Übersichtsarbeit aus dem vergangenen Jahr, dass sich der Anteil junger Erwachsener in den USA, die sich als Transgender identifizieren, zwischen 2014 und 2022 nahezu verfünffacht hat [1]. Besonders stark war der Anstieg bei 18- bis 24-Jährigen sowie bei weiblichen Personen, die sich als Transmänner oder gender-nonkonform einordneten.

Vor diesem Hintergrund wäre es wissenschaftlich unseriös, auf Basis weniger aktueller Messpunkte bereits von einem Ende oder gar einer Umkehr dieses Trends zu sprechen.

Fazit

Die Diskussionen um einen möglichen Rückgang von Transidentitäten bei Jugendlichen, die kürzlich durch einen Meinungsbeitrag in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) neu angeheizt wurden, machen deutlich, wie sensibel und komplex dieses Forschungsfeld ist. Einige neuere Daten – insbesondere aus den USA – deuten auf kurzfristige Rückgänge bei bestimmten Altersgruppen und Identitätskategorien hin. Gleichzeitig zeigen andere Erhebungen weiterhin steigende oder zumindest stabile Prävalenzen, insbesondere bei jüngeren Jugendlichen und in europäischen Stichproben. Entscheidend ist daher Zurückhaltung: Ob wir es mit einer vorübergehenden Konsolidierung oder einem tatsächlichen langfristigen Rückgang zu tun haben, lässt sich erst mit mehreren weiteren Jahren konsistenter Forschung klären.

Quellen

[1] Twenge, J.M., Wells, B.E., Le, J. et al. Increases in Self-identifying as Transgender Among US Adults, 2014–2022. Sex Res Soc Policy 22, 755–773 (2025). https://doi.org/10.1007/s13178-024-01001-7

Freitag, 23. Januar 2026

Aus 6 mach 3: Reform des Eltern-Kind-Passes in Österreich

Bild von cynthia_groth auf Pixabay
Mit der Umstellung vom klassischen gelben Papierheft auf einen digitalen Eltern-Kind-Pass modernisiert Österreich ein zentrales Instrument der frühen Gesundheitsvorsorge. Dass sich im Zuge dieser Reform, die von Anfang 2026 auf den 1. Oktober 2026 verschoben wurde, auch der Eintrag zum Geschlecht ändert, ist mehr als eine technische Randnotiz. Wie heute.at berichtet, sollen künftig bei der Geburt nur noch drei Optionen zur Auswahl stehen: männlich, weiblich und offen. Die IG Sexualbiologie begrüßt diese Entscheidung ausdrücklich, weil sie medizinische Realität, begriffliche Klarheit und gesellschaftliche Verantwortung besser in Einklang bringt als die bisherige Regelung.

Nur noch 3 Geschlechtsoptionen

Bislang waren im Eltern-Kind-Pass sechs Einträge vorgesehen: männlich, weiblich, divers, inter, offen oder keine Angabe. Diese Vielfalt mag gut gemeint gewesen sein, hat aber gerade unmittelbar nach der Geburt oft für Verunsicherung gesorgt – bei Eltern ebenso wie bei medizinischem Personal. Denn der Geschlechtseintrag im Eltern-Kind-Pass ist keine sozial- oder identitätspolitische Aussage, sondern eine medizinische Erstzuordnung auf Basis dessen, was bei der Geburt sichtbar ist.

Die nun geplante Reduktion auf drei Optionen trägt dieser Funktion Rechnung. Aus sexualbiologischer Sicht ist bei der Geburt in der überwältigenden Mehrheit der Fälle eindeutig erkennbar, ob ein Kind männlich oder weiblich ist. In seltenen Fällen ist das jedoch nicht möglich, etwa bei bestimmten Störungen der Geschlechtsentwicklung (Disorders of Sex Development; DSD). Für genau diese Situationen ist der Eintrag "offen" als neutraler Platzhalter sinnvoll und ausreichend, bis durch weitere Diagnostik Klarheit über das Geschlecht besteht.

Entscheidend ist dabei, was "offen" bedeutet. Anders als die Begriffe "divers" oder "inter" impliziert "offen" ausdrücklich nicht, dass es neben männlich und weiblich weitere Geschlechter gäbe. Es beschreibt keinen dauerhaften dritten Zustand, sondern einen vorübergehenden, medizinisch unklaren Befund der Geschlechtsausprägung: Zum Zeitpunkt der Geburt kann das Geschlecht noch nicht eindeutig anhand seiner Merkmale festgestellt werden. Mehr nicht.

Aus unserer Sicht ist diese begriffliche Präzision zentral. Medizinische Dokumente müssen klar, verständlich und frei von weltanschaulichen Überfrachtungen sein. Das Konzept eines "sozialen Geschlechts", Fragen der subjektiven Identität oder der rechtlichen Selbstdefinition sind reale gesellschaftliche Themen, sie gehören jedoch nicht in den ersten medizinischen Basisdatensatz eines Neugeborenen. Dass selbst Regierungsstellen klar festhalten, das "soziale Geschlecht" sei "eine andere Frage", ist ein wichtiges Signal der Entflechtung von Biologie und Gesellschaft dort, wo sie sachlich geboten ist. Dass die Änderung im Rahmen von Gesprächen mit Ärzten zustande kam, unterstreicht ihren fachlichen Charakter. Die Reform ist damit eine Rückbesinnung auf den Zweck des Eltern-Kind-Passes: die gesundheitliche Begleitung von Kindern auf Grundlage biologischer Fakten.

Fazit

Die Reduktion auf männlich, weiblich und offen schafft Klarheit, entlastet Eltern und stärkt die medizinische Aussagekraft des Eltern-Kind-Passes. Sie erkennt seltene medizinische Sonderfälle an, ohne daraus neue Geschlechtskategorien abzuleiten. Aus Sicht der Sexualbiologie ist das ein sachlich richtiger und damit längst überfälliger Schritt. Gesellschaftliche Debatten über Identität sollten dort geführt werden, wo sie hingehören, nicht im ersten Gesundheitsdokument eines Neugeborenen.

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Donnerstag, 22. Januar 2026

Polyandrie: Wie Umweltbedingungen Paarungsstrategien formen

Bild von Nature_Blossom auf Pixabay
Polyandrie – also die Paarung eines Weibchens mit mehreren Männchen – gehört längst zum festen Inventar der modernen Sexualbiologie. Dennoch bleibt eine zentrale Frage offen: Wann und unter welchen Bedingungen lohnt sich dieses Verhalten tatsächlich für Weibchen? Ein im Dezember 2025 in 'BMC Ecology and Evolution' veröffentlichter Open-Access-Artikel von Fragkiskos Darmis und Anja Günther vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön geht dieser Frage mit einem außergewöhnlich detaillierten Langzeitexperiment an Hausmäusen nach und liefert dabei spannende neue Einsichten in die ökologische Bedingtheit sexueller Strategien [1].

Polyandrie ist verbreitet – aber nicht immer vorteilhaft

Die Forscher setzen bei einem grundlegenden Befund an: In vielen Tierarten, darunter auch Säugetieren, sind Würfe mit mehreren Vätern keineswegs selten. Lange wurde jedoch diskutiert, ob dies primär ein Nebeneffekt männlicher Konkurrenz und sexueller Nötigung ist oder ob Weibchen aktiv davon profitieren. Die Autoren zeigen, dass diese Frage nicht pauschal beantwortet werden kann. Vielmehr hängt der Nutzen polyandrischer Paarungen entscheidend von den Umweltbedingungen ab, unter denen sich Fortpflanzung vollzieht.

Besonders bemerkenswert ist das Studiendesign. Über fünf Generationen hinweg lebten Hausmäuse in halbnatürlichen Gehegen, in denen alle Individuen genetisch erfasst und ihr gesamter Fortpflanzungserfolg dokumentiert wurden. Gleichzeitig manipulierten die Forschenden gezielt die Umweltqualität, indem sie entweder nährstoffreiches oder nährstoffärmeres Futter anboten. Dadurch konnte erstmals bei einem Säugetier experimentell getestet werden, wie Ressourcenqualität – nicht bloß -menge – die evolutionären Kosten und Nutzen von Polyandrie beeinflusst.

Strategie zählt nur im "harten" Umfeld

Ein zentrales Ergebnis: Weibchen, deren Würfe von mehreren Männchen gezeugt wurden, hatten nur unter schlechteren Umweltbedingungen signifikant mehr überlebende Jungtiere. In hochwertigen Nahrungsumgebungen verschwand dieser Vorteil vollständig. Das spricht dafür, dass genetische oder soziale Vorteile polyandrischer Paarungen – etwa höhere genetische Vielfalt oder geringeres Infanticid-Risiko – erst dann zum Tragen kommen, wenn Ressourcen limitierend sind. Gute Bedingungen "überdecken" gewissermaßen diese Effekte.

Auch soziale Faktoren spielten eine Rolle. In Populationen mit einem Überschuss an fortpflanzungsfähigen Männchen nahm die Häufigkeit multipler Vaterschaft zu. Interessanterweise zeigte sich dieser Zusammenhang vor allem unter guten Umweltbedingungen. Das deutet darauf hin, dass Polyandrie nicht nur ein weibliches Anpassungsverhalten ist, sondern auch durch männliche Konkurrenz, alternative Paarungstaktiken oder erhöhte Paarungsgelegenheiten geprägt wird.

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die lebenslange Fortpflanzungsleistung der Weibchen. Unter schlechter Nahrungsqualität hing der individuelle Fortpflanzungserfolg stark davon ab, wie konsequent ein Weibchen zu multipler Vaterschaft neigte. Unter guten Bedingungen hingegen waren fast alle Weibchen ähnlich erfolgreich – unabhängig von ihrer Paarungsstrategie. Evolutionär gesprochen heißt das: Sexuelle Strategien werden vor allem dort selektiert, wo Umweltstress Unterschiede sichtbar macht.

Fazit

Darmis & Günther (2025) liefern ein starkes Argument für eine kontextabhängige Sicht auf Sexualverhalten. Polyandrie ist weder grundsätzlich "gut" noch bloß ein Nebenprodukt männlicher Dominanz, sondern eine flexible Strategie, deren Nutzen von ökologischen und sozialen Rahmenbedingungen abhängt. Für die Sexualbiologie ist das ein wichtiger Schritt weg von vereinfachenden Erklärungen hin zu einem dynamischen Zusammenspiel von Umwelt, Verhalten und Evolution.

Quellen

[1] Darmis, F., Guenther, A. Environmental quality shapes the fitness payoffs of multiple paternity. BMC Ecol Evo 25, 134 (2025). https://doi.org/10.1186/s12862-025-02478-5

Mittwoch, 21. Januar 2026

Neue Einblicke in eine unterschätzte Männerkrankheit

Rasterelektronenmikroskopie von E. coli (Foto: NIAID)
Bakterielle Entzündungen der Prostata gehören zu den häufigsten, aber zugleich am wenigsten verstandenen Erkrankungen des männlichen Urogenitaltrakts. Ein aktuelles Paper aus 'Nature Microbiology' beschreibt nun erstmals detailliert, wie bestimmte Kolibakterien (Escherichia coli) gezielt Prostatazellen infizieren können und welche molekularen Mechanismen dahinterstecken [1]. 

Die Studie liefert damit neue Ansatzpunkte, um chronische Prostatitis besser zu verstehen und möglicherweise künftig gezielter zu behandeln.

Prostatitis: Häufig, hartnäckig und biologisch komplex

Die bakterielle Prostatitis betrifft weltweit etwa ein Prozent aller Männer, mit Häufungen bei jüngeren und älteren Altersgruppen. Besonders problematisch ist ihre Neigung zu chronischen und wiederkehrenden Verläufen. Obwohl Antibiotika verfügbar sind, sprechen viele Patienten nur unzureichend darauf an. Ein Grund dafür könnte sein, dass sich die Erreger in der Prostata anders verhalten als etwa in der Blase – ein Aspekt, der bislang kaum erforscht war. Genau hier setzt die neue Studie an.

Neuartiges Prostata-Modell aus Stammzellen

Ein zentrales Ergebnis der Arbeit des Forschungsteams der Julius-Maximilians-Universität Würzburg ist die Entwicklung eines neuartigen In-vitro-Modells der Prostata. Die Forscher nutzten adulte Stammzellen aus Mäusen, um sogenannte Organoide zu erzeugen – also Mini-Gewebe, die die natürliche Struktur der Prostata nachahmen. Durch die Kultivierung als zweidimensionale Zellschicht und die gezielte Zugabe des männlichen Hormons Dihydrotestosteron entstanden vor allem sogenannte luminale Prostatazellen, also genau jene Zelltypen, die in der echten Prostata Sekret bilden und androgenabhängig funktionieren. Dieses Modell erwies sich als besonders realitätsnah und ermöglichte erstmals detaillierte Infektionsstudien.

E. coli bevorzugen hormonabhängige Zellen

Die Infektionsexperimente zeigten ein klares Muster: Uropathogene E. coli-Stämme – also Bakterien, die typischerweise Harnwegsinfektionen auslösen – binden bevorzugt an luminale Prostatazellen. Diese Zellen sind stark vom Androgenstoffwechsel abhängig und spielen eine Schlüsselrolle für die Funktion der Prostata als exokrine Drüse. Die Bakterien drangen aktiv in diese Zellen ein und konnten sich dort vermehren, was ihnen vermutlich hilft, dem Immunsystem und Antibiotika zu entgehen. Damit ähnelt das Geschehen der bekannten Strategie von E. coli in der Harnblase, erhält aber in der Prostata eine eigene biologische Ausprägung.

Besonders spannend ist die Identifikation des bakteriellen Adhäsionsproteins FimH als entscheidenden Faktor für die Infektion. FimH sitzt an der Spitze feiner bakterieller Härchen und wirkt wie ein molekularer Schlüssel, mit dem sich E. coli an Wirtszellen anheftet. Während bisher vor allem Rezeptoren der Blase bekannt waren, entdeckte das Team nun einen bislang unbeachteten Bindungspartner in der Prostata: die prostatische saure Phosphatase, kurz PPAP. Dieses Enzym ist hochspezifisch für luminale Prostatazellen und spielt eine Rolle für die Zusammensetzung des Prostatasekrets und damit indirekt auch für die Spermienfunktion.

Die Studie zeigt, dass FimH gezielt an bestimmte Zuckerstrukturen der PPAP bindet. Wird diese Bindung blockiert – etwa durch den Zucker D-Mannose oder durch genetisches Ausschalten von PPAP – sinkt die Infektionsrate deutlich. Besonders bemerkenswert ist, dass die Ergebnisse nicht nur im Mausmodell, sondern auch an menschlichem Prostatagewebe bestätigt wurden. Damit entsteht erstmals ein plausibles biologisches Modell, das erklärt, warum bestimmte Bakterien die Prostata so effektiv besiedeln können.

Die Prostata ist nicht nur ein Zielorgan für Infektionen, sondern ein zentrales Organ männlicher Sexualfunktion. Chronische Entzündungen stehen im Verdacht, Ejakulation, Libido, Fertilität und allgemeines Wohlbefinden zu beeinträchtigen. Dass ausgerechnet ein prostatatypisches Enzym als Eintrittspforte für Bakterien dient, unterstreicht die enge Verknüpfung von Sexualfunktion und Infektionsbiologie.

Fazit

Die Studie von Guedes, Peters & Joshi et al. (2026) liefert einen wichtigen Baustein zum Verständnis bakterieller Prostatitis. Sie zeigt, dass uropathogene Escherichia coli nicht zufällig, sondern hochspezifisch hormonabhängige Prostatazellen angreifen, indem sie ein zentrales prostatatypisches Protein als Rezeptor nutzen. Für die Sexualbiologie eröffnet dies neue Perspektiven auf die Verwundbarkeit männlicher Reproduktionsorgane und auf innovative Therapieansätze, etwa durch die Blockade bakterieller Adhäsionsmechanismen.

Quellen

[1] Guedes, M., Peters, S., Joshi, A. et al. Uropathogenic Escherichia coli invade luminal prostate cells via FimH–PPAP receptor binding. Nat Microbiol (2026). https://doi.org/10.1038/s41564-025-02231-0

Freitag, 16. Januar 2026

USA: Ärztin windet sich um Antwort auf die Frage "Können Männer schwanger werden?"

Eine Anhörung zum Thema Abtreibung im US-Senat hat für internationale Aufmerksamkeit gesorgt – weniger wegen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse zur reproduktiven Medizin, sondern wegen einer scheinbar einfachen Frage: "Can men get pregnant?" – Können Männer schwanger werden?


Was war geschehen?

Im Rahmen einer Sitzung des US-Senatsausschusses für Gesundheit, Bildung, Arbeit und Renten (HELP Committee) zur Sicherheit medikamentöser Schwangerschaftsabbrüche sagte die indisch-amerikanische Gynäkologin und Reproduktionsmedizinerin Nisha Verma aus, die von den Demokraten als Expertin geladen wurde. Sie betonte, dass Abtreibungsmedikamente seit Jahrzehnten umfassend erforscht seien und millionenfach sicher angewendet wurden. Ihre Kernaussage zielte auf evidenzbasierte Medizin und auf die negativen Folgen politisch motivierter Einschränkungen für die Gesundheitsversorgung.

Die Anhörung nahm jedoch eine bemerkenswerte Wendung, als Senator Josh Hawley Verma wiederholt fragte, ob Männer schwanger werden könnten. Hawley verstand seine Frage ausdrücklich als Test biologischer Grundannahmen und verlangte eine klare Ja-oder-Nein-Antwort. Verma hingegen wich der Frage mehrmals aus – mehr als vier Minuten lang. Sie verwies darauf, dass sie in ihrer ärztlichen Praxis Menschen mit unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten betreue und dass solche Fragen oft politisch aufgeladen seien, statt der medizinischen Realität gerecht zu werden.

Senator Hawley nutzte die Situation, um Verma mangelnde wissenschaftliche Klarheit vorzuwerfen. Verma wiederum betonte, dass Medizin nicht allein aus schematischen Kategorien bestehe, sondern aus der verantwortungsvollen Versorgung realer Menschen mit komplexen Lebensrealitäten. Beide Seiten reklamierten für sich, "der Wissenschaft" zu folgen, setzten jedoch unterschiedliche Schwerpunkte: der Senator auf biologische Realität, die Ärztin auf klinische Praxis und patientenzentrierte Perspektiven.

Präzisierung machte es nicht besser

Nachdem Verma auf Geschlechtsidentitäten verwiesen hatte, stellte Senator Hawley ausdrücklich klar, dass er biologische Männer meine. Auch auf diese Konkretisierung ging Verma nicht mit einer direkten Antwort ein, sondern versuchte, den Fokus wieder auf das eigentliche Thema der Anhörung zu lenken – die Sicherheit medikamentöser Schwangerschaftsabbrüche. Hawley hielt dem entgegen, es gehe der Klarstellung halber darum festzuhalten, dass es Frauen seien, die schwanger werden, nicht Männer. Zudem betonte er erneut, dass die Sitzung dem Schutz von biologischen Frauen diene und verwies auf Studien, die seiner Ansicht nach relevante gesundheitliche Risiken der Abtreibungsmedikamente belegten. Diese Passage machte deutlich, dass sich die Auseinandersetzung nicht nur an Begriffen entzündete, sondern auch daran, welche Fragen in einem wissenschaftspolitischen Kontext überhaupt als legitim gelten sollen.

Vermas konsequentes Ausweichen verlieh der Szene eine unfreiwillig komische Note. Hätte sie die Position vertreten, dass Frauen, die sich als Männer identifizieren, im relevanten Sinn Männer sind, hätte sie die Frage nach der Schwangerschaftsfähigkeit von Männern problemlos bejahen können. Hätte sie hingegen die biologische Ebene in den Vordergrund stellen wollen, wäre ein klares Nein ebenso möglich gewesen – verbunden mit dem Hinweis, dass Fragen der Geschlechtsidentität davon unberührt bleiben und für die medizinische Versorgung transgeschlechtlicher Menschen dennoch relevant sind. Dass sie jedoch selbst nach mehrfacher Präzisierung der Frage über Minuten hinweg keine dieser beiden Linien wählte, sondern stets auswich und auf den ursprünglichen Anhörungskontext zurücklenkte, wirkte regelrecht befremdlich. Für viele Beobachter entstand so weniger der Eindruck wissenschaftlicher Differenziertheit als vielmehr der einer kommunikativen Blockade, in der einfache Klarstellungen aus Angst vor politischer Vereinnahmung vermieden wurden.

Bereits vor dem Wortwechsel mit Senator Hawley war die Frage nach der Schwangerschaftsfähigkeit von Männern im Anhörungsverlauf aufgekommen. Die republikanische Senatorin Ashley Moody aus Florida richtete sie zunächst direkt an Verma. Nachdem diese sie formell korrigiert hatte ("Dr. Verma" statt "Miss Verma"), wiederholte Moody die Frage. Verma reagierte erneut mit einer Pause und ohne klare Antwort. Daraufhin gab Moody die Frage an andere anwesende medizinische Sachverständige weiter, die sie jeweils eindeutig mit "nein" beantworteten. 


Diese kurze Sequenz unterstrich, dass es innerhalb der Expertenrunde durchaus Bereitschaft gab, die biologische Ebene klar zu benennen – und verstärkte zugleich den Kontrast zu Vermas Kommunikationsstrategie.

Fazit

Aus Sicht der Sexualbiologie ist die Antwort eindeutig: Schwangerschaft ist an bestimmte biologische Voraussetzungen gebunden, die dem weiblichen Geschlecht vorbehalten sind. Frauen, die sich als Männer identifizieren, besitzen diese Voraussetzungen grundsätzlich ebenfalls und können daher schwanger werden. Männern ist dies jedoch nicht möglich.

Der Vorfall zeigt weniger eine "Krise der Wissenschaft" als vielmehr eine Krise der Kommunikation über Wissenschaft. Für eine informierte Öffentlichkeit bleibt es entscheidend, Begriffe sauber zu trennen, biologische Fakten verständlich zu erklären und dabei die Vielfalt menschlicher Lebensrealitäten nicht auszublenden.

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