Dienstag, 30. Dezember 2025

Sind Menschen "von Natur aus" monogam?

Die Frage, ob der Mensch von Natur aus monogam ist oder nicht, gehört zu den Dauerbrennern der Sexual- und Evolutionsbiologie. Sie wird leidenschaftlich diskutiert – oft mit ideologischen Untertönen, manchmal mit selektiv ausgewählten Beispielen aus Ethnologie oder Tierwelt. Der Evolutionsanthropologe Mark Dyble von der Universität Cambridge schlägt in einem im August 2025 auf 'bioRxiv' veröffentlichten Preprint einen anderen, überraschend nüchternen Weg ein: Statt Heiratsnormen oder moralische Vorstellungen zu vergleichen, schaut er auf das messbare Ergebnis menschlichen Fortpflanzungsverhaltens – auf Geschwister [1].

Geschwister als Schlüssel zum Paarungssystem

Dyble nutzt ein einfaches, aber wirkungsvolles Prinzip: Je monogamer eine Population reproduziert, desto häufiger haben Kinder dieselben beiden Eltern, sind also Vollgeschwister. In streng monogamen Systemen bestehen Geschwistergruppen fast ausschließlich aus Vollgeschwistern, während in nicht-monogamen oder stark polygamen Systemen viele Halbgeschwister entstehen. Diese Logik lässt sich nicht nur beim Menschen, sondern bei allen sexuell reproduzierenden Säugetieren anwenden.

Auf dieser Grundlage analysiert Dyble fast 200.000 Geschwisterpaare aus 106 menschlichen Populationen weltweit – von ethnografisch dokumentierten kleinräumigen Gesellschaften bis hin zu genetisch untersuchten archäologischen Gemeinschaften. Diese Daten stellt er vergleichbaren genetischen Daten aus 35 nichtmenschlichen Säugetierarten gegenüber.

Das zentrale Ergebnis ist ebenso klar wie provokant. Die menschlichen Daten clustern eng mit sozial monogamen Säugetierarten. Im Durchschnitt sind etwa zwei Drittel aller menschlichen Geschwister Vollgeschwister – ein Wert, der fast identisch mit dem monogamer Arten wie Wölfen, Erdmännchen oder Gibbons ist. Nicht-monogame Säugetiere wie Schimpansen liegen dagegen deutlich darunter, oft im einstelligen Prozentbereich. Dyble behauptet dabei nicht, dass alle Menschen monogam leben oder lebten. Die Spannbreite ist groß, von Populationen mit relativ vielen Halbgeschwistern bis hin zu solchen, in denen nahezu ausschließlich Vollgeschwister vorkommen. Entscheidend sei aber das Gesamtbild. Über Kulturen, Zeiten und Lebensweisen hinweg ist Monogamie beim Menschen offenbar der statistische Regelfall – nicht die Ausnahme.

Extra-Pair-Sex und seine unterschätzten Effekte

Ein besonders spannender Aspekt ist die Modellierung sogenannter "extra-pair paternity", also Kinder, die außerhalb einer primären Paarbindung gezeugt werden. Dyble zeigt, dass schon relativ moderate Raten von außerehelichem oder außerpartnerschaftlichem Sexualverhalten einen starken Effekt auf die Geschwisterstruktur haben. Bereits bei etwa 25 % außerpartnerschaftlicher Vaterschaft sinkt der Anteil von Vollgeschwistern drastisch. Überträgt man dieses Modell auf die realen menschlichen Daten, ergibt sich im Durchschnitt eine geschätzte Rate von rund 12 % außerpartnerschaftlicher Fortpflanzung mit deutlicher kultureller Variation. Damit liegt der Mensch weit näher an monogamen als an promiskuitiven Säugetierarten.
 
Besonders interessant wird das Bild dort, wo der Mensch von anderen monogamen Säugetieren abweicht. Menschen leben typischerweise in großen, gemischtgeschlechtlichen Gruppen mit mehreren gleichzeitig reproduzierenden Paaren. Zudem bringen Frauen meist nur ein Kind pro Schwangerschaft zur Welt – im Gegensatz zu vielen monogamen Säugetieren mit größeren Würfen. Monogamie beim Menschen ist also kein simples Kopieren eines tierischen Modells, sondern eine eigenständige evolutionäre Lösung.

Dyble argumentiert, dass diese Form der Monogamie eng mit anderen menschlichen Besonderheiten wie hoher väterlicher Investition, langer Kindheit, komplexen Verwandtschaftsnetzwerken und ausgeprägter Kooperation über die Kernfamilie hinaus zusammenhängt. Er trennt somit klar zwischen Beziehungen und reproduktiven Ergebnissen – ein wichtiger Punkt in Zeiten moderner Verhütung, der oft übersehen wird. Zweitens zeigt er, dass menschliche Sexualität zwar flexibel, kulturell geprägt und variabel ist, sich aber dennoch innerhalb bestimmter biologischer Leitplanken bewegt.

Die verbreitete Gegenüberstellung von "natürlicher Promiskuität" versus "kulturell erzwungener Monogamie" greife damit zu kurz. Stattdessen zeichnet sich ein Bild ab, in dem Monogamie eine tief verwurzelte, aber keineswegs starre menschliche Strategie ist.
 

Morphologie versus Verwandtschaftsstruktur

In der Debatte um die evolutionären Wurzeln menschlicher Monogamie stehen sich seit Langem zwei unterschiedliche Zugänge gegenüber, die oft unbewusst miteinander vermischt werden. Auf der einen Seite steht die vergleichende Sexualmorphologie, die körperliche Merkmale des Menschen in Beziehung zu anderen Primaten setzt. Auf der anderen Seite steht die Analyse von Verwandtschaftsstrukturen, also die Frage, welche reproduktiven Muster tatsächlich über Generationen hinweg entstehen. Dybles Arbeit macht deutlich, dass diese beiden Ebenen unterschiedliche Aspekte menschlicher Evolution widerspiegeln und nicht zwangsläufig dieselbe Geschichte erzählen müssen.

Die morphologische Perspektive verweist auf eine Reihe gut belegter Befunde, die häufig als Hinweise auf relevante Spermienkonkurrenz beim Menschen interpretiert werden. Dazu gehören die im Verhältnis zur Körpergröße mittlere bis relativ große Penisgröße, die ausgeprägte Eichelform, die Fähigkeit zu mehrfachen Ejakulationen, die verdeckte Ovulation sowie die ausgeprägte weibliche sexuelle Lust und Orgasmusfähigkeit. In der klassischen Interpretation deuten solche Merkmale darauf hin, dass weibliche Mehrfachpaarungen im Verlauf der Evolution zumindest gelegentlich vorkamen und dass männliche Fortpflanzungsstrategien nicht ausschließlich auf sexuelle Exklusivität ausgelegt waren. In diesem Licht erscheint der Mensch morphologisch näher an Schimpansen und Bonobos als an strikt monogamen Primaten wie Gibbons.

Dyble widerspricht dieser morphologischen Einordnung nicht grundsätzlich, verschiebt jedoch den Fokus auf eine andere, oft vernachlässigte Ebene. Er zeigt, dass Sexualmorphologie vor allem über potenzielle Fortpflanzungskonflikte und -optionen Auskunft gibt, nicht aber über das tatsächliche Ergebnis von Fortpflanzung im populationsbiologischen Sinne. Anatomische Merkmale können anzeigen, dass Spermienkonkurrenz möglich oder adaptiv war, sie sagen jedoch wenig darüber aus, wie häufig diese Konkurrenz tatsächlich zur Zeugung von Nachkommen führte. Genau hier setzt die Analyse von Verwandtschaftsstrukturen an.

Die Verwandtschaftsperspektive fragt nicht danach, wer mit wem erotische Handlungen vollzog, sondern wer mit wem Kinder bekam. Dybles Daten zeigen, dass Geschwisterstrukturen beim Menschen – selbst in prähistorischen und mobilen Gesellschaften – deutlich näher an sozial monogamen Säugetieren liegen als an polygynandrischen Primaten. Wäre menschliche Fortpflanzung evolutionär primär durch hohe und regelmäßige Spermienkonkurrenz geprägt, müssten sich dies in einer deutlich höheren Zahl von Halbgeschwistern niederschlagen. Genau das ist aber nicht der Fall.

Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn man akzeptiert, dass menschliche Evolution durch eine Kombination aus Flexibilität und Stabilität gekennzeichnet ist. Morphologische Merkmale spiegeln eine evolutionäre Offenheit wider, die es erlaubt, in bestimmten ökologischen oder sozialen Situationen von strikter Paarbindung abzuweichen. Die Verwandtschaftsstruktur hingegen zeigt, dass solche Abweichungen in der Summe begrenzt blieben und das dominante reproduktive Muster über Generationen hinweg paargebunden war. Monogamie erscheint in diesem Licht nicht als absolute sexuelle Exklusivität, sondern als statistisch stabile Grundform, innerhalb derer es Raum für Variation gab.

Dybles Beitrag ist deshalb weniger eine Widerlegung der morphologischen Argumente als eine Einordnung ihrer Reichweite. Er macht deutlich, dass man aus Körpermerkmalen allein keine direkten Schlüsse auf das evolutionär prägende Fortpflanzungssystem ziehen sollte. Erst die Kombination beider Ebenen zeigt ein konsistentes Bild: Der Mensch besitzt anatomische Merkmale, die gelegentliche sexuelle Konkurrenz ermöglichen, lebt aber reproduktiv in einer Struktur, die langfristige Paarbindungen begünstigt. Monogamie ist damit weder eine kulturelle Fiktion noch ein biologisches Dogma, sondern das emergente Ergebnis einer Evolution, die sexuelle Flexibilität mit reproduktiver Stabilität verbunden hat.

Fazit

Dybles Studie liefert keine moralischen Vorgaben und keine einfachen Antworten für moderne Beziehungsfragen. Sie ordnet den Menschen sachlich in den evolutionären Kontext der Säugetiere ein und zeigt, dass Monogamie beim Menschen weder Mythos noch Zwang, sondern ein statistisch dominantes, biologisch plausibles Muster ist.

Quellen

[1] Mark Dyble, Human monogamy in mammalian context, bioRxiv 2025.08.19.671116; doi: https://doi.org/10.1101/2025.08.19.671116

Samstag, 20. Dezember 2025

Das Becken der Frau: Jägerinnen, Trägerinnen, Mütter?

Über Jahrzehnte prägte ein scheinbar simples Bild unser Verständnis der menschlichen Vorgeschichte. Männer jagten, Frauen sammelten und kümmerten sich um Kinder. Doch seit einigen Jahren gerät dieses Bild zunehmend ins Wanken. Neuere archäologische Funde, ethnographische Neubewertungen und vor allem biomechanische Studien zur menschlichen Anatomie werfen die Frage auf, ob die Rollenverteilung in frühen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften nicht deutlich flexibler war als lange angenommen. Eine besonders spannende Debatte entzündet sich dabei am weiblichen Becken. Könnte seine Form nicht nur mit Schwangerschaft und Geburt, sondern auch mit effizientem Lastentragen und womöglich sogar mit der Jagd zusammenhängen?

Geburtsdilemma, doch "Frauen tragen günstiger"

Die traditionelle Erklärung für Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Becken ist eng mit der Geburt verknüpft. Das sogenannte "obstetrische Dilemma" besagt, dass das weibliche Becken einen evolutionären Kompromiss darstellt [1]. Einerseits muss es breit genug sein, um die Geburt großhirniger Säuglinge zu ermöglichen, andererseits darf es den aufrechten Gang nicht zu ineffizient machen. In diesem Modell sind geschlechtsspezifische Unterschiede vor allem reproduktiv begründet, während Jagd, Mobilität und schwere körperliche Arbeit primär dem Mann zugeschrieben werden. Dieses Paradigma dominierte die Anthropologie über Jahrzehnte und bildete den impliziten Hintergrund vieler Interpretationen archäologischer Funde.

Seit den 2000er Jahren rücken jedoch biomechanische Studien eine andere Perspektive in den Fokus. Besonders einflussreich sind Arbeiten wie "Women carry for less" von Cara M. Wall-Scheffler (2022) [2]. In experimentellen Untersuchungen mit weiblichen Probanden zeigte sich, dass Frauen beim Tragen von Lasten – insbesondere von Kindern oder hüftseitig platzierten Gewichten – häufig weniger Energie pro Strecke verbrauchen als Männer. Ein breiteres Becken verändert die Hebelverhältnisse der Hüftmuskulatur und kann die Stabilisierung des Rumpfes erleichtern. Diese Befunde legen nahe, dass die weibliche Morphologie nicht nur ein Kompromiss, sondern auch eine aktive Anpassung an wiederholtes Lasttragen sein könnte, eine alltägliche Tätigkeit in mobilen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften.

Männer jagen, Frauen gebären?

Aus dieser biomechanischen Perspektive entstand die provokante Frage, ob Frauen nicht auch bei der Jagd eine größere Rolle gespielt haben könnten. Wenn sie effizient Lasten tragen konnten, etwa Beute oder Ausrüstung, wäre ihre Beteiligung an Jagdzügen zumindest plausibel. Diese Idee wird jedoch oft missverstanden. Die meisten Forscher, darunter auch Wall-Scheffler selbst, argumentieren nicht für eine einfache Umkehrung des alten Rollenbildes, sondern für dessen Erweiterung. Jagd ist mehr als der finale Speerwurf; sie umfasst Planung, Nachverfolgung, Transport und Verarbeitung. In all diesen Phasen könnten Frauen substanzielle Beiträge geleistet haben, ohne dass dies im archäologischen Befund eindeutig sichtbar wäre.

Aber: Nicht alle Studien stützen die Annahme funktionaler Vorteile eines breiteren Beckens. Eine häufig zitierte Arbeit von Warrener et al. (2015) zeigte, dass eine größere Beckenbreite nicht zwangsläufig mit höheren oder niedrigeren Kosten beim Gehen und Laufen verbunden ist [3]. Diese Ergebnisse relativieren einfache Ursache-Wirkungs-Ketten zwischen Beckenform, Energieeffizienz und evolutionärer Selektion. Kritiker weisen zudem darauf hin, dass viele Trage-Experimente unter modernen Bedingungen stattfinden und sich nur eingeschränkt auf das Leben im Pleistozän übertragen lassen.

Parallel zur biomechanischen Debatte sorgten archäologische und ethnographische Studien für Aufmerksamkeit. Besonders viel diskutiert wurde der Fund eines etwa 9.000 Jahre alten Grabes in den Anden, publiziert von Haas und Kollegen (2020), in dem eine Frau mit Jagdwaffen bestattet war [4]. Ergänzend dazu analysierte ein Team um Abigail Anderson (2023) ethnographische Daten und kam zu dem Schluss, dass Frauen in einem Großteil dokumentierter Jäger-und-Sammler-Gesellschaften zumindest gelegentlich an der Jagd beteiligt waren [5]. Ihre Arbeit "The Myth of Man the Hunter" löste intensive Kontroversen aus, da Kritiker methodische Schwächen und eine zu großzügige Definition von "Jagd" bemängelten. Dennoch unterstreicht die Debatte, dass weibliche Jagdbeteiligung kein exotischer Ausnahmefall gewesen sein muss.

Ein multikausales Bild der Evolution

Heute zeichnet sich zunehmend ein komplexeres Bild ab. Die Form des menschlichen Beckens dürfte das Ergebnis mehrerer überlappender Selektionsdrücke sein: Geburt, aufrechter Gang, Körpergröße, Muskelansatz und eben auch Lasttragen. Monokausale Erklärungen werden der biologischen Realität nicht gerecht. In diesem Rahmen erscheint die Idee, dass die Rolle der Frau ausschließlich durch Mutterschaft definiert war, ebenso verkürzt wie die Annahme, sie seien gleichberechtigte Großwildjägerinnen gewesen.

Fazit

Die Hypothese, dass das weibliche Becken nicht nur ein Geburtskompromiss, sondern auch eine funktionale Anpassung an das Tragen von Lasten und möglicherweise an jagdbezogene Tätigkeiten ist, erweitert unser Verständnis menschlicher Evolution. Vor allem zeigt sie, wie stark kulturelle Vorannahmen lange Zeit wissenschaftliche Interpretationen beeinflusst haben. Statt klarer Rollenbilder tritt ein flexibles, kontextabhängiges Modell früher menschlicher Lebensweisen. Männer jagten, Frauen trugen, sammelten und jagten gelegentlich mit. Diese Teamarbeit der Geschlechter trug mit dazu bei, das Überleben früher Menschenpopulationen zu sichern.

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Quellen

[1] Lewis, C.L., Laudicina, N.M., Khuu, A. and Loverro, K.L. (2017), The Human Pelvis: Variation in Structure and Function During Gait. Anat. Rec., 300: 633-642. https://doi.org/10.1002/ar.23552

[2] Wall-Scheffler CM. Women carry for less: body size, pelvis width, loading position and energetics. Evolutionary Human Sciences. 2022;4:e36. doi:10.1017/ehs.2022.35

[3] Warrener AG, Lewton KL, Pontzer H, Lieberman DE (2015) A Wider Pelvis Does Not Increase Locomotor Cost in Humans, with Implications for the Evolution of Childbirth. PLOS ONE 10(3): e0118903. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0118903

[4] Randall Haas et al., Female hunters of the early Americas. Sci. Adv. 6, eabd0310 (2020). DOI: 10.1126/sciadv.abd0310

[5] Anderson A, Chilczuk S, Nelson K, Ruther R, Wall-Scheffler C (2023) The Myth of Man the Hunter: Women’s contribution to the hunt across ethnographic contexts. PLOS ONE 18(6): e0287101. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0287101

Donnerstag, 18. Dezember 2025

Zur Darstellung einer Sex-Reversal-Studie bei "Wer weiß denn sowas?"

In der gestrigen Folge der ARD-Sendung "Wer weiß denn sowas?" wurde eine Frage gestellt, die auf eine kürzlich veröffentlichte Studie zur Geschlechtsentwicklung bei Wildvögeln Bezug nahm:
 
 
Konkret ging es um einen Kookaburra (Dacelo novaeguineae), der australische Forscher überrascht hatte. Doch womit? Die korrekte Antwort lautete, dass das Tier genetisch männlich war, aber Eier legen konnte – eine Formulierung, die für eine Quizfrage akzeptabel gewählt war. Die zugrundeliegende Studie (Hall et al., 2025) haben wir bereits in einem früheren Blogpost ausführlich vorgestellt und eingeordnet (siehe Überraschende Häufigkeit von Sex Reversal bei Wildvögeln). Umso spannender ist es zu beobachten, wie dieselben Befunde in populären Medien weiterverarbeitet werden. Denn genau hier beginnen die begrifflichen und konzeptionellen Probleme, die wir in diesem Beitrag kritisch beleuchten möchten.

Begriffliche Verschiebungen im Wwdsw-Erklärvideo

Während die Quizantwort selbst noch fundiert blieb, wurde es im erklärenden Video problematischer. Dort hieß es sinngemäß, die Forscher hätten im Körper eines genetisch männlichen Vogels Merkmale wie Follikel und Eileiter gefunden, die "normalerweise nur bei Weibchen vorkommen". Diese Formulierung ist biologisch zwar nicht falsch, aber konzeptionell unsauber. Denn sie legt nahe, dass es sich weiterhin um ein "männliches Tier" handle, das zusätzlich weibliche Merkmale ausgebildet habe. Aus streng sexualbiologischer Perspektive ist jedoch entscheidend, dass ein Tier, das funktionale Ovarstrukturen, Follikel und einen Eileiter besitzt und ein Ei produziert, die biologische Definition eines Weibchens erfüllt – unabhängig davon, welche Chromosomen vorliegen.

Es handelt sich um keine Mischung zweier Geschlechter und auch um keinen Wechsel des Geschlechts, sondern um eine Umkehr der Geschlechtsentwicklung vom chromosomalen Erwartungswert. In der Humanbiologie würde man von einer Form der DSD (Disorders of Sex Development) sprechen. Der Begriff "genetisch männlich" beschreibt in diesem Kontext lediglich die Ausgangslage, nicht den relevanten biologischen Status des Individuums.
 
Jägerliest (Dacelo novaeguineae) – auch als Kookaburra oder "Lachender Hans" bekannt.
Image by Rebecca Tregear from Pixabay
 

'Popular Science' und das Problem der Schlagzeilen

Noch deutlicher wird die begriffliche Unschärfe im Artikel von 'Popular Science', der im Erklärfilm eingeblendet wurde (Minute 22:22). Die Schlagzeile "Scientists find male bird that laid an egg" ist medial zugespitzt, aber sexualbiologisch hoch problematisch. Denn es gibt kein "männliches Tier", das Eier legt. Eierlegen ist per Definition eine weibliche Fortpflanzungsfunktion. Die korrekte Aussage wäre: Forscher fanden ein Tier mit männlichem Chromosomensatz, das sich phänotypisch und funktional weiblich entwickelt hatte.

Im Fließtext des Artikels wird diese Differenzierung teilweise nachgeholt. Dort ist von "sex reversal", von genetischen Männchen mit vollständig weiblichem Phänotyp und von der Entkopplung genetischer und körperlicher Geschlechtsmerkmale die Rede. Das ist fachlich korrekt. Gleichzeitig bleibt die Grundspannung bestehen, denn die Sprache hält am Etikett "male" fest, obwohl die geschlechtsdefinierende Fortpflanzungsfunktion eindeutig weiblich ist.

Positiv hervorzuheben ist, dass der Artikel klar benennt, was die Studie tatsächlich zeigt, nämlich eine Diskrepanz zwischen Genotyp und Phänotyp. Auch der Hinweis, dass die Geschlechtsbestimmung nicht allein durch Chromosomen erfolgt, sondern durch Genexpression, Hormone und zelluläre Prozesse, ist sachlich richtig. Problematisch wird es dort, wo diese differenzierten Inhalte mit einer Sprache kombiniert werden, die suggeriert, Geschlecht sei grundsätzlich "fluid" oder beliebig. Die Aussage, Geschlechtsbestimmung sei "more fluid than we thought", ist nur dann haltbar, wenn man klarstellt, wovon sie abweicht: von der chromosomalen Erwartung, nicht von der binären Fortpflanzungslogik selbst. Die diskutierte Studie zeigt kein drittes Geschlecht, kein Kontinuum zwischen männlich und weiblich und keinen aktiven Wechsel des funktionalen Geschlechts, sondern eine Umkehr des Entwicklungspfades. Sie zeigt, dass Entwicklungsprozesse fehleranfällig sind – ein Befund, der in der Biologie weder neu noch revolutionär ist (aber dennoch wichtig für Feldforschungen).

Phrasen wie "männlicher Vogel legte Ei" sind eingängig, aber sie verschieben den biologischen Referenzrahmen. Sie ersetzen funktionale Definitionen durch chromosomale Etiketten und laden die Befunde unnötig mit gesellschaftlichen Bedeutungen auf, was auch aus dem Wer-weiß-denn-sowas-Chat hervorging, wo Nutzer den "LGBT-Vogel" feierten. Gerade in der Sexualbiologie ist jedoch nüchterne Präzision entscheidend. Wer Ausnahmen beschreibt, sollte die Regel benennen. Wer Entwicklungsvarianten diskutiert, sollte die zugrundeliegende Struktur nicht aus dem Blick verlieren. Andernfalls entsteht der Eindruck, Biologie bestätige Positionen, die sie in dieser Form gar nicht vertritt.

Fazit

Die Studie zu "Sex Reversal" bei Wildvögeln ist wissenschaftlich hochinteressant und ökologisch relevant. Ihre mediale Aufbereitung zeigt jedoch, wie schnell aus Entwicklungsabweichungen vermeintliche "Vielfalt der Geschlechter" wird. Quizformate und populärwissenschaftliche Portale greifen oftmals zu vereinfachenden Bildern, die biologisch allerdings mehr verwirren als erklären.

Mittwoch, 17. Dezember 2025

Österreich: Bevölkerungsdaten und Geschlecht

Der österreichische Zensus hat zum Stichtag 01.10.2025 detaillierte Zahlen zur Geschlechtsverteilung in der österreichischen Bevölkerung veröffentlicht. Wie kurier.at berichtet, wurden dabei neben den klassischen Kategorien "männlich" und "weiblich" auch weitere Einträge erfasst. Aufhänger des Artikels waren Beschwerden seitens der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) über die Geschlechtskategorien im dortigen Eltern-Kind-Pass.

Für uns ist dies Anlass, die Daten nüchtern einzuordnen, ihre Aussagekraft zu erklären und die daraus abgeleiteten gesellschaftlichen Forderungen kritisch zu beleuchten.

Welche Geschlechtskategorien werden in Österreich erfasst?

Der erste Blick auf die Zahlen der Bevölkerung nach Alter/Geschlecht zeigt, dass das österreichische Personenstandsrecht sechs Geschlechtsoptionen kennt. Diese sind rechtlich definiert und zum genannten Stichtag statistisch getrennt erfasst:
  • männlich: 4.541.182 Personen
  • weiblich: 4.674.939 Personen
  • divers: 83 Personen
  • inter: 7 Personen
  • offen: 14 Personen
  • kein Eintrag: 234 Personen
In Summe ergibt dies eine Gesamtbevölkerung von 9.216.459 Menschen. Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass sich die im Zensus verwendeten Geschlechtskategorien nicht auf eine einheitliche Bedeutungsebene beziehen. Die Einträge "männlich" und "weiblich" stehen weiterhin für die binären Geschlechter, die sich in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle mit den körperlichen Merkmalen der Menschen decken. Die Kategorie "inter" hingegen hat einen primär medizinischen Hintergrund. Sie ist für Personen vorgesehen, deren angeborene körperliche Geschlechtsmerkmale ohne weitere Diagnostik nicht eindeutig dem männlichen oder weiblichen Typus zugeordnet werden können.

Davon klar zu unterscheiden ist der Eintrag "divers", der im deutschen Personenstandsrecht ursprünglich nur für Betroffene einer körperlichen "Variante" bzw. Störung der Geschlechtsentwicklung (DSD) eingeführt, mit Beschluss des Selbstbestimmungsgesetzes jedoch mittlerweile von dieser medizinischen Dimension losgelöst wurde. In Österreich setzt der Eintrag "divers" generell keinen medizinischen Befund voraus, sondern stellt eine identitätsbezogene Kategorie dar. Er richtet sich an Menschen, die sich subjektiv weder als männlich noch als weiblich verstehen und sich selbst außerhalb der binären Geschlechterordnung verorten. Die Option "offen" erfüllt wiederum eine verwaltungstechnische Funktion. Sie wird vor allem bei Neugeborenen verwendet, wenn unmittelbar nach der Geburt noch keine eindeutige Eintragung vorgenommen werden soll oder kann. Schließlich erlaubt "keine Angabe" die vollständige Streichung des Geschlechtseintrags aus dem Personenstandsregister, da eine Angabe rechtlich nicht verpflichtend ist. Diese Option ist weder biologisch noch identitär definiert, sondern Ausdruck des Rechts auf Nichtangabe.

Insgesamt zeigt sich damit, dass die Geschlechtseintragsoptionen abseits der biologischen Binarität sehr unterschiedliche Sachverhalte abbilden: medizinische Besonderheiten, individuelle Identitätsentscheidungen sowie rein administrative Lösungen. Eine pauschale Gleichsetzung dieser Einträge unter dem Schlagwort "geschlechtliche Vielfalt" greift daher zu kurz und erschwert eine sachliche gesellschaftliche Einordnung der tatsächlichen Hintergründe.

Wie groß ist der Anteil nicht binär verortbarer Personen?

Fasst man jene Gruppen zusammen, die sich aus sozialen oder medizinischen Gründen zunächst nicht eindeutig dem binären Schema männlich/weiblich zuordnen lassen, so betrifft dies insgesamt 338 Personen. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung entspricht das rund 0,0037 %. Anders gesagt: Auf etwa 27.000 Menschen kommt rechnerisch eine Person, die statistisch nicht binär erfasst ist.

Innerhalb dieser sehr kleinen Gruppe lohnt ein differenzierter Blick. Identitätsbezogene Kategorien wie "divers" und "offen" umfassen zusammen 97 Personen, was etwa 0,0011 % der Gesamtbevölkerung entspricht. Medizinisch begründete Einträge ("inter") betreffen nur 7 Personen, also rund 0,00008 %. Der größte Teil innerhalb der nicht binären Gruppe entfällt auf "kein Eintrag". Prozentual machen identitätsbezogene Angaben demnach knapp 29 %, medizinische etwa 2 % und administrative rund 69 % innerhalb der Minderheit aus.

Diese Zahlen zeigen deutlich: Sowohl identitätsbezogene als auch medizinische Abweichungen vom binären Geschlechtsmodell existieren – zumindest im gesellschaftlichen Kontext; nicht im sexualbiologischen Sinne –, sie bewegen sich jedoch in einer statistisch äußerst kleinen Größenordnung.

Verhältnismäßigkeit oder Überanpassung?

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie sinnvoll weitreichende gesellschaftliche Anpassungen sind, die häufig mit Verweis auf Geschlechtervielfalt gefordert werden. Unisex-WCs, verpflichtende m/w/d-Stellenausschreibungen oder umfassende sprachliche Neuregelungen greifen tief in Alltagsroutinen, Rechtsnormen und Kommunikationsformen ein. Hier entsteht ein klassischer Interessenkonflikt zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheit.

Aus biologischer Sicht bleibt festzuhalten, dass die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen die Regel ist und sich auch statistisch klar widerspiegelt. Minderheiten verdienen selbstverständlich rechtlichen Schutz, insbesondere im medizinischen Kontext. Kritisch zu hinterfragen ist jedoch, ob eine flächendeckende Transformation bis in die letzten Lebensbereiche verhältnismäßig ist, wenn sie sich auf Bevölkerungsanteile im Bereich von Tausendstel- oder gar Zehntausendstel-Prozenten stützt. Gesellschaftliche Regeln müssen praktikabel, verständlich und vor allem mehrheitsfähig bleiben, um Akzeptanz zu finden.

Fazit

Die österreichischen Zensusdaten liefern eine wertvolle empirische Grundlage für eine sachliche Debatte. Sie zeigen klar, dass geschlechtliche Vielfalt auf Ebene der Ausprägungen existiert, zugleich aber zahlenmäßig eine sehr kleine Minderheit betrifft. Diese Realität sollte zu einem ausgewogenen Umgang führen: Schutz für Betroffene ja, eine grundlegende Umgestaltung gesellschaftlicher Strukturen jedoch nur dort, wo sie tatsächlich notwendig und verhältnismäßig ist.

Sonntag, 14. Dezember 2025

Einfluss von PFAS auf die Plazenta – neue Erkenntnisse aus 3D-Modellen

Per- und Polyfluoralkylsubstanzen (PFAS) sind in den vergangenen Jahren in den Fokus der Gesundheitsforschung geraten. Sie gelten als "Ewigkeitschemikalien", die nicht oder nur extrem langsam abgebaut werden und sich im Körper anreichern können. Zahlreiche Studien haben bereits Hinweise darauf geliefert, dass PFAS hormonelle Prozesse stören und die Fortpflanzung beeinträchtigen können. Doch wie wirken sie konkret auf die Plazenta – insbesondere in der besonders sensiblen Frühschwangerschaft?

Eine neue Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) liefert hierzu wichtige Einblicke [1]. Die Forscher analysierten PFAS-Gehalte in frühen Plazenten und testeten anschließend eine realistische PFAS-Mischung an modernen 3D-Plazentamodellen. Die Ergebnisse sind gleichermaßen faszinierend wie besorgniserregend.

PFAS in frühen Plazenten

Die Forscher untersuchten 31 Plazenten aus der 7. bis 11. Schwangerschaftswoche. In sämtlichen Proben fanden sich PFAS, teilweise in überraschend hohen Konzentrationen. Perfluorononansäure (PFNA) lag dabei deutlich höher als erwartet. Daneben wurden klassische PFAS wie Perfluoroctansulfonsäure (PFOS), Perfluoroctansäure (PFOA) oder Perfluorhexansulfonsäure (PFHxS) nachgewiesen. Diese real gemessenen Werte dienten als Grundlage für eine PFAS-Mischung, die das tatsächliche Expositionsprofil in der frühen Schwangerschaft widerspiegeln soll.

Im nächsten Schritt ihrer Forschung nutzte das Team diese realistische PFAS-Mischung, um deren Auswirkungen möglichst wirklichkeitsnah zu untersuchen. Dafür griffen die Wissenschaftler nicht auf klassische flache Zellkulturen zurück, sondern setzten moderne 3D-Trophoblastspheroide ein. Dabei handelt es sich um winzige, kugelförmige Zellverbände, die im Labor aus echten Plazentazellen gezüchtet werden und die frühe Plazenta deutlich realistischer nachbilden als herkömmliche flache Zellkulturen. Statt isoliert in einer dünnen Schicht auf einer Plastikoberfläche zu liegen, organisieren sich die Zellen in diesen Spheroiden räumlich in alle Richtungen, ähnlich wie im menschlichen Gewebe. Dadurch entstehen natürliche Zell-Zell-Kontakte, typische Stoffwechselbedingungen und Signalwege, wie sie auch in der sich entwickelnden Plazenta vorkommen. 3D-Spheroide sind also keine 3D-Computermodelle oder 3D-Drucke, sondern echte biologische Mini-Gewebe – eine Art "Mikro-Plazenta", mit der Forscher untersuchen können, wie sich Umweltfaktoren oder Hormone auf frühe Schwangerschaftsprozesse auswirken.

3D-Spheroide sind robuster, aber nicht unverwundbar

Während die PFAS-Mischung in 2D-Zellkulturen bereits ab mittleren Konzentrationen die Zellviabilität deutlich senkte, waren die 3D-Modelle deutlich widerstandsfähiger. Erst sehr hohe PFAS-Mengen führten zu sichtbarer Schädigung, was darauf hindeutet, dass traditionelle 2D-Testsysteme die tatsächliche Toxizität möglicherweise überschätzen. Doch Robustheit bedeutet nicht Unempfindlichkeit. Trotz zunächst stabiler Vitalität zeigten die Spheroide tiefgreifende Funktionsstörungen.

Besonders spannend ist der Einfluss auf die Invasion der Trophoblasten – ein zentraler Schritt, um die Plazenta richtig im mütterlichen Gewebe zu verankern. Beim HTR-8/SVneo-Modell, das die frühe invasive Plazenta besonders gut abbildet, hemmte die PFAS-Mischung die Invasion deutlich. Beim JEG-3-Modell zeigte sich ein ambivalenter Befund: Bei niedrigen und mittleren PFAS-Konzentrationen blieb die Invasion erhöht, bei höchsten Konzentrationen brach sie hingegen ein. Eine gestörte Trophoblastinvasion ist mit Schwangerschaftskomplikationen wie Präeklampsie oder Fehlgeburten verknüpft, daher sind diese Ergebnisse toxikologisch hochrelevant.

Beeinträchtigte Hormonproduktion und veränderte Genprogramme

Das Schwangerschaftshormon β-hCG ist essenziell für die Aufrechterhaltung der frühen Schwangerschaft, für die Kommunikation zwischen Embryo und mütterlichem Körper sowie für immunologische Toleranzprozesse. Bereits sehr geringe PFAS-Konzentrationen reduzierten die β-hCG-Produktion signifikant. Parallel sank die Expression des Gens CGB7, das direkt für die β-hCG-Beta-Untereinheit codiert. Niedrige β-hCG-Werte sind aus der klinischen Praxis als Risikomarker für frühe Schwangerschaftskomplikationen bekannt – der Befund der Studie ist daher besonders alarmierend.

Die PFAS-Mischung beeinflusste zudem zahlreiche Gene, die für das Überleben, die Wanderung, die Differenzierung und die Erneuerung von Trophoblasten wichtig sind. In JEG-3-Spheroiden wurden den Zelltod regulierende Gene herunterreguliert, was auf verschobene Zellsterbepfade hindeutet. In HTR-8/SVneo-Spheroiden stieg dagegen die Aktivität bestimmter Proteasen, die für den programmierten Zelltod (Apoptose) entscheidend sind. Diese molekularen Veränderungen spiegeln wider, wie tief PFAS in die fein abgestimmten Prozesse der frühen Plazentabildung eingreifen.

Fazit

Die In-vitro-Studie von Xia et al. (2025) zeigt eindrücklich, dass PFAS nicht erst in der späten Schwangerschaft relevant sind. Sie erreichen bereits in der Frühschwangerschaft die Plazenta und beeinflussen dort kritische biologische Prozesse. Besonders bemerkenswert ist, dass die Effekte bereits bei sehr niedrigen, realistisch vorkommenden Konzentrationen auftreten können und sich vor allem auf funktionale Parameter wie Hormonproduktion auswirken. Die Arbeit unterstreicht zugleich die Notwendigkeit, toxikologische Tests stärker auf realistische Mischungen und moderne 3D-Modelle auszurichten. Für die Sexualbiologie und Reproduktionsforschung ist diese Studie ein wichtiger Schritt hin zu einem besseren Verständnis, wie Umweltchemikalien die Fortpflanzung beeinflussen und warum die frühe Schwangerschaft besonders verletzlich ist.

Quellen

[1] Yu Xia, Qiuguo Fu, Hermann Voss, Stefan Fest, Susanne Arnold, Mario Bauer, Beate Fink, Ana Claudia Zenclussen, Violeta Stojanovska, Real-life per- and polyfluoroalkyl substances mixture impairs placental function: insights from a trophoblast spheroid model, Environmental Research, Volume 287, 2025, 123037, ISSN 0013-9351, https://doi.org/10.1016/j.envres.2025.123037.

Samstag, 13. Dezember 2025

Frühe Fettdüfte programmieren den Stoffwechsel lebenslang

Bild von Jörg Husemann auf Pixabay
Wie beeinflusst das, was eine Mutter riecht und isst, die spätere Gesundheit ihrer Kinder jenseits der reinen Kalorienaufnahme? Ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für Stoffwechselforschung ist dieser Frage nachgegangen und kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Schon die bloße Geruchswahrnehmung fettreicher Nahrung während der Schwangerschaft kann späteres Essverhalten, Gehirnreaktionen und den Stoffwechsel der Nachkommen nachhaltig verändern [1]. Mit einer cleveren Versuchsanordnung zeigt die Studie, dass nicht nur Nährstoffe, sondern sensorische Eindrücke – besonders Gerüche – eine unterschätzte Rolle bei der biologischen Prägung von Nachkommen spielen. Das öffnet ein faszinierendes Fenster in die Zusammenhänge von Sinnesbiologie, Gehirnentwicklung und metabolischer Gesundheit.

Geruch statt Kalorien

Um herauszufinden, ob allein sensorische Hinweise auf Fett eine Rolle spielen, entwickelten das Forschungsteam ein besonderes Mäusefutter in Form einer bacon-aromatisierten, aber kalorienarmen Diät. Diese roch wie fettreiches, schmalz-basiertes Futter, war aber ernährungsphysiologisch identisch mit normalem Mäusefutter. Muttertiere erhielten diese Diät während Schwangerschaft und Stillzeit. Die Nachkommen waren dadurch intensiv fetthaltigen Gerüchen ausgesetzt, jedoch ohne dass die Mütter tatsächlich fettreiche Nahrung zu sich nahmen. Die Mütter blieben vollständig metabolisch gesund, sodass alle späteren Effekte eindeutig auf die sensorische Prägung der Jungen zurückzuführen waren.

Die Studie zeigt, die bloße Exposition während der Entwicklung den späteren Stoffwechsel verändert. Wurden die untersuchten Mäuse erst als Erwachsene den Fettdüften ausgesetzt, zeigte sich kein Einfluss auf Gewichtsentwicklung, Essverhalten oder Insulinsensitivität. Damit bestätigt die Arbeit das Konzept einer "kritischen Phase", in der das Gehirn und das hormonelle System besonders empfänglich für Sinnesreize sind. Diese Erkenntnis ist nicht nur für die Stoffwechselforschung relevant, sondern auch für die Sexual- und Entwicklungsbiologie sowie die Bindungsforschung.

Um den Mechanismus zu bestätigen, wurden Jungtiere während der Entwicklung lediglich einem einzelnen Fettgeruchsmolekül ausgesetzt – Acetophenon, einem typischen Bacon-Geruchsstoff. Schon dieser eine, isolierte Duftstoff reichte aus, um besonders bei weiblichen Nachkommen später eine erhöhte Anfälligkeit für Übergewicht auszulösen. Es sind somit spezifische Geruchssignaturen für die Prägung verantwortlich, nicht komplexe Futteraromen. Dies eröffnet völlig neue Fragen darüber, wie präzise die Sinnesbiologie die Entwicklung steuert.

Mehr Fett, höheres Risiko

Mäuse, die während ihrer Entwicklung nur über den Geruch mit Fett verbunden wurden, nahmen als Erwachsene stärker zu, wenn sie erstmals eine echte fettreiche Diät erhielten. Sie entwickelten einen deutlich erhöhten Körperfettanteil, eine schlechtere Insulinsensitivität und höhere Blutzuckerwerte – ganz so, als wären sie schon früh einer tatsächlichen Hochfettdiät ausgesetzt gewesen. Mit anderen Worten: Der Körper war auf "Fettexzess" programmiert, obwohl keine frühe Überernährung stattgefunden hatte.

Das Team fand auch Hinweise auf die möglichen Ursachen. Mäuse mit früher Fettdurchexposition zeigten später im Leben stärkere Aktivierung von Dopaminzentren im Gehirn, wenn sie fettreiche Nahrung rochen. Besonders betroffen war das mesolimbische Belohnungssystem, das Esslust und Nahrungspräferenzen steuert. Gleichzeitig reagierten diese Tiere weniger stark auf normale, fettarme Nahrung, was ein deutlicher Hinweis auf eine Verschiebung der Lebensmittelattraktivität ist. Solche zentralnervösen Effekte zeigen, dass frühe Sinnesreize langfristig Präferenzbildung und Motivationsprozesse formen können, was wiederum Einfluss auf Appetit und Fressverhalten hat.

Besonders bemerkenswert sind die Veränderungen in den sogenannten AgRP-Neuronen, den zentralen Schaltstellen des Hunger- und Energiehaushalts. Normalerweise reagieren diese Neuronen empfindlich auf Kalorien und Nahrungsqualität. Bei früh "fettgeruchsgeprägten" Tieren jedoch zeigte sich, dass die Aktivität der AgRP-Zellen noch durch Fett gehemmt wurde. Ihr Muster ähnelte dem von bereits fettleibigen Mäusen, obwohl die Tiere noch schlank waren. Das Gehirn verhielt sich also, als wäre der Körper längst metabolisch belastet – eine Art vorweggenommene Fehlprogrammierung, ausgelöst durch Sinneseindrücke statt körperliche Zustände.

Was bedeutet das für den Menschen?

Auch wenn die Studie an Mäusen durchgeführt wurde, sehen die Autoren klare Parallelen zum Menschen. Sie betonen, dass Geruchs- und Geschmacksreize beim Menschen bereits im Mutterleib wirksam sind. Aromen aus der Ernährung der Mutter gelangen nachweislich in das Fruchtwasser und in die Muttermilch, wodurch Babys schon vor der Geburt und in der Stillzeit eine Art "sensorische Vorschau" auf die Esskultur ihrer Familie erhalten. Dieses Prinzip gilt als evolutionär sinnvoll, da es den Nachwuchs an sichere und vertraute Nahrungsquellen der Mutter heranführt – ein Effekt, der sowohl bei Nagern als auch bei Menschen gut dokumentiert ist.

Genau hier setzt die neue Studie jedoch einen bemerkenswerten Akzent: Die frühe Geruchsprägung ist nicht nur harmlos oder nützlich, sondern kann unter modernen Ernährungsbedingungen unerwartete Risiken bergen. Die Forschenden warnen, dass selbst schlanke, metabolisch gesunde Frauen während Schwangerschaft oder Stillzeit durch den Konsum stark fetthaltiger Lebensmittel oder industrieller Aromen unbeabsichtigt die Stoffwechselbahnen ihrer Kinder beeinflussen könnten. Denn auch beim Menschen entwickeln sich Geruchs- und Geschmackssystem sehr früh und könnten damit dieselben "Vorhersagesignale" verarbeiten, die im Mausmodell zur späteren Fettanfälligkeit führten.

Besonders heben die Studienautoren hervor, dass künstliche Aromastoffe für den Menschen einen Risikofaktor darstellen könnten. Einige der im Experiment verwendeten Moleküle, die im Mausmodell genügten, um weibliche Nachkommen im Erwachsenenalter anfälliger für Adipositas zu machen, sind als Lebensmittelzusatzstoffe zugelassen und werden weit verbreitet industriell eingesetzt. Deshalb sehen die Forscher einen möglichen Mechanismus, durch den stark aromatisierte Lebensmittel in der Schwangerschaft eine Art sensorische Fehlassoziation erzeugen könnten, bei dem der Fetus das Aroma eines kalorienreichen Lebensmittels kennenlernt, ohne dass die Kalorien selbst die metabolische Umgebung anzeigen. Dieses Missverhältnis könnte später zu einer Überreaktion auf fettreiche Kost führen, ähnlich wie im Tiermodell.

Ob die Effekte beim Menschen in derselben Stärke auftreten, bleibt zwar offen, doch die Studie liefert einen wichtigen Hinweis darauf, dass nicht nur Kalorien, sondern auch Aromen während der Schwangerschaft und Stillzeit mitbedacht werden sollten.

Fazit

Die Untersuchung demonstriert eindrucksvoll, dass Gerüche fettreicher Nahrung schon in der frühen Entwicklung lebenslange Spuren im Gehirn und Stoffwechsel hinterlassen können. Entscheidend ist nicht die Kalorienmenge oder das Körpergewicht der Mutter, sondern die sensorische Umwelt, in der sich der Nachwuchs entwickelt. Sie liefert damit ein starkes Argument dafür, sensorische Einflüsse – einschließlich Geruchs- und Geschmackswelten – viel stärker in die Entwicklungsbiologie einzubeziehen.

Quellen

[1] Casanueva Reimon, L., Gouveia, A., Carvalho, A. et al. Fat sensory cues in early life program central response to food and obesity. Nat Metab (2025). https://doi.org/10.1038/s42255-025-01405-8

Donnerstag, 11. Dezember 2025

Wie Seepferdchen-Männchen schwanger werden

Die männliche Schwangerschaft der Seepferdchen fasziniert Forscher und Naturinteressierte seit Jahrzehnten. Nun liefert eine neue Studie von Liu, Jiang, Miao und Kollegen (2025) in 'Nature Ecology & Evolution' tiefgehende Einblicke in die zellulären und molekularen Prozesse, die dieses einzigartige biologische Phänomen ermöglichen [1]. Damit entsteht ein umfassendes Bild davon, wie evolutionäre Innovationen bei Seepferdchen zu einer vollständigen Verlagerung der Tragzeit auf das Männchen geführt haben und warum diese Entwicklung weit mehr ist als nur eine biologische Kuriosität.

Bruttasche als "männlicher Uterus"

Die wichtigste Voraussetzung für die männliche Trächtigkeit ist die Bruttasche – ein evolutiv neu entstandenes Organ, das sich aus Hautgewebe entwickelt hat und funktional erstaunliche Parallelen zur Gebärmutter und Plazenta der Säugetiere zeigt. Die neue Studie macht deutlich, dass diese Struktur bei Seepferdchen nicht einfach ein schützender Beutel ist, sondern ein hochkomplexes Organ, das Sauerstoffaustausch, Nährstoffübertragung und hormonelle Steuerung übernimmt. Aus vergleichenden Single-Cell-Analysen wird sichtbar, wie vielfältig die spezialisierten Zelltypen sind, die sich während der Tragezeit aktiv um die Versorgung der Embryonen kümmern. Damit zeigt die Bruttasche eine evolutive Konvergenz zur Plazentation der Säugetiere – allerdings über völlig andere genetische und entwicklungsbiologische Wege.

Ein besonders überraschender Befund ist die hormonelle Steuerung des gesamten Vorgangs. Während bei allen anderen lebendgebärenden Wirbeltieren weibliche Hormone wie Östrogene oder Progesteron zentrale Rollen während der Schwangerschaft spielen, wird die Seepferdchen-Bruttasche überwiegend durch Androgene – also männliche Sexualhormone – reguliert. Die Studie zeigt, dass eine bestimmte Gruppe epithelialer Vorläuferzellen, die empfindlich auf Androgene reagiert, die Entwicklung der Bruttasche auslöst. Diese Zellen können strukturelle Umbauten initiieren, die der Plazentabildung bei Säugetieren funktionell entsprechen – obwohl die beteiligten Gewebe völlig verschieden sind. Männliche Schwangerschaft funktioniert demnach nicht durch eine "Imitation" weiblicher Prozesse, sondern durch eine eigene, evolutionär etablierte endokrine Strategie.

Wie Seepferdchen-Väter ihr Immunsystem anpassen

Auch aus immunologischer Sicht zeigen Seepferdchen eine erstaunliche Besonderheit. Anders als bei Säugetieren fehlt ihnen der für Immuntoleranz wichtige Transkriptionsfaktor FoxP3 (Forkhead-Box-Protein P3), der bei der Schwangerschaft normalerweise verhindert, dass Embryonen als Fremdkörper abgestoßen werden. Trotzdem kommt es bei werdenden Seepferdchen-Vätern nicht zu Abstoßungsreaktionen. Die neuen Daten deuten darauf hin, dass Androgene erneut eine entscheidende Rolle spielen könnten, indem sie das Immunsystem des Männchens während der Bruttaschenentwicklung herunterregulieren. Damit wäre die immunologische Anpassung bei Seepferdchen ein zweites Beispiel für eine funktionelle Parallele zur Säuger-Plazenta – diesmal jedoch über eine völlig andere molekulare Lösung.

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Von klebrigen Eiern zur komplexen Pseudoplazenta

Die evolutionäre Rekonstruktion der Autoren zeigt, dass die Männchen der syngnathiden Fische – zu denen auch Seenadeln und Pfeifenfische gehören – ursprünglich lediglich klebrige Eier am Körper trugen. Erst später entwickelten sich daraus spezialisierte Hautbereiche, und schließlich eine komplett geschlossene Bruttasche. Besonders spannend: Einige Zelltypen, die bei den klebrigen Eiern zum Einsatz kamen, wurden in der Seepferdchenlinie für neue Funktionen kooptiert. Dazu gehören spezifische Gene vom Seepferdchen, die helfen, Eier fest an der Haut zu verankern, und später in die frühe Organisation der Bruttasche eingebunden wurden.

Ein kritischer Blick auf den Begriff "sex role reversal"

Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch wird oft von "sex role reversal" (Geschlechterrollentausch) gesprochen, wenn es um die Fortpflanzungsbiologie der Seepferdchen geht – so auch im vorliegenden Paper. Dieser Begriff ist jedoch problematisch, da er implizit menschliche Vorstellungen von "normalen" Geschlechterrollen auf andere Organismen überträgt. Für Seepferdchen ist das Austragen der Jungen durch das Männchen jedoch kein "Rollentausch", sondern der ganz natürliche, evolvierte Zustand. Die Studie zeigt sehr deutlich, dass männliche Trächtigkeit keineswegs eine Abweichung von einer vermeintlichen Norm darstellt, sondern ein stabil etabliertes und funktional hoch effizientes biologisches System. Solche Begriffe sollten daher mit Vorsicht verwendet werden, denn sonst beschreiben sie biologische Vielfalt aus einer anthropozentrischen Perspektive heraus statt aus einer evolutionären.

Fazit

Die neue Studie von Liu, Jiang & Miao et al. (2025) offenbart eine beeindruckende Vielfalt biologischer Lösungen für ein zentrales Problem der Lebewesen: Wie lässt sich Nachwuchs effizient schützen und versorgen? Seepferdchen beweisen, dass männliche Schwangerschaft keine Kuriosität ist, sondern eine eigenständige, hochentwickelte reproduktive Strategie. Durch einzigartige hormonelle Steuerung, immunologische Anpassungen und eine evolutionär neu entstandene Bruttasche haben diese Tiere eine Form der elterlichen Fürsorge entwickelt, die funktional der Säuger-Plazenta ähnelt, aber über völlig unabhängige evolutionäre Wege entstanden ist. Für die Sexualbiologie ist dies ein Paradebeispiel dafür, wie "kreativ" Evolution sein kann und wie wichtig es ist, biologische Vielfalt ohne menschliche Rollenvorstellungen zu betrachten.

Quellen

[1] Liu, Y., Jiang, H., Miao, Y. et al. Cellular and molecular mechanisms of seahorse male pregnancy. Nat Ecol Evol 9, 2404–2421 (2025). https://doi.org/10.1038/s41559-025-02883-5

Mittwoch, 10. Dezember 2025

"Inter Time" & "Intersex Joy" – queer-feministische DSD-Konzepte

Eine neue Publikation mit dem Titel "Temporal disobedience: Intersex timescapes, chronopolitics and intersex joy" von Tori Dudys ("she/her"), Celeste E. Orr ("they/them") und Casey Burkholder ("she/her"), erschienen im akademischen Journal 'Feminist Theory', ist ein theoretischer Entwurf, der die Lebensrealität von Menschen mit "Varianten" (bzw. Störungen) der Geschlechtsentwicklung (DSD) als zeitliche Abweichung von gesellschaftlichen Normen beschreibt und daraus ein neues Konzept namens "inter time" entwickelt [1]. Die These lautet, dass Körper und Biografien von DSD-Personen systematisch als störend oder unpassend empfunden würden, weil sie angeblich nicht in das westliche Ideal eines linearen, binären Lebenslaufs passen. Das Paper ist ein typisches Produkt gegenwärtiger queer-feministischer Hypothesenbildung.

Das Konzept der "Inter Time"

Im Zentrum des Artikels steht die Idee einer sogenannten "inter time" – einer nichtlinearen, nichtnormativen Zeitlichkeit, die sowohl von außen zugeschrieben als auch von Menschen mit DSD selbst gestaltet werde. Die Autorinnen beschreiben DSD-Personen als "zeitliche Störungen" einer gesellschaftlich erwarteten Entwicklung, die von Geburt über Kindheit und Jugend zu heterosexueller Partnerschaft, Reproduktion und einem geordneten Alter verläuft. Diese Normalbiografie wird als "weiße, cisheteronormative, endonormative" Struktur beschrieben, in deren Schatten DSD-Körper angeblich permanent als unpassend oder defizitär bewertet würden. Dieser Ansatz gewinnt seine Kraft weniger aus empirischer Forschung als aus dem hypothetischen Baukasten verschiedener kritischer Denkschulen (Critical Studies).

Die Wahrnehmung von Menschen mit anomaler Geschlechtsentwicklung ist tatsächlich oft von Verunsicherung, von Pathologisierung und von einem eingeengten Verständnis dessen geprägt, was als "normaler" Lebensverlauf gilt. In diesem Punkt kann das Konzept durchaus als Anstoß dienen, die eigenen Vorstellungen von Norm und Abweichung zu reflektieren. Wer allerdings gehofft hatte, es ginge um pragmatische Fragen im Sinne von "Wann sollten wir eigentlich mit Eltern über unnötige Operationen sprechen?", findet sich bei Dudys et al. (2025) stattdessen in einer Art Fantasy-Roman wieder.

Zeit als Machtinstrument?

Der Rahmen des Papers weitet sich zunehmend aus, indem die Autorinnen das DSD-Phänomen in ein Geflecht politischer Zeitordnungen einbetten, das sie als "chronopolitics" bezeichnen. Zeit sei nicht neutral, sondern ein Herrschaftsinstrument, über das gesellschaftliche Strukturen aufrechterhalten würden. DSD-Personen würden dabei mit einer paradoxen Mischung aus Unsichtbarkeit und Überpräsenz konfrontiert. Einerseits gelten sie vielen Menschen immer noch als kaum existent, andererseits werden sie dann, wenn sie auftreten, als Störfaktor oder Bedrohung sozialer Ordnung wahrgenommen, weil ihre Körper einer binären Logik widersprechen. Der Text verbindet diese Überlegungen mit historischen und kolonialen Erzählungen, in denen vermeintlich geschlechtlich "uneindeutige" Menschen als Symbol für Gefahr behandelt wurden. Zwar verliert sich der Text sich an dieser Stelle in hypothetischen Bezügen, doch bleibt die Art, wie wir über DSD sprechen, ein durchaus relevanter Gedanke.

Besonders bedeutend für die medizinische Praxis ist die Analyse, wie Erwartungen an einen "gelingenden" Lebensverlauf medizinische Entscheidungen beeinflussen. Das Paper kritisiert, dass Eltern und Ärzte mitunter zu stark von Projektionen auf eine vermeintlich bedrohte Zukunft geleitet werden. In dieser Logik werden operative "Korrekturen" vorgenommen, um das Kind vor einem späteren Leben zu schützen, das angeblich nicht erfüllbar sei, wenn der Körper nicht frühzeitig an einen binären Standard angepasst werde. Die Autorinnen führen zahlreiche Berichte Erwachsener an, die als Kinder chirurgisch verändert wurden, um später einmal "normalen" Geschlechtsverkehr haben zu können oder um sich besser in ein gegengeschlechtliches Beziehungsmodell einzufügen. In dieser Hinsicht berührt das Paper eine real existierende Problematik: Nicht selten basieren elterliche Entscheidungen auf Angst, Unsicherheit und einem kulturbedingten Idealbild, das dem Kind später sogar zum Nachteil gereichen kann.

"Zeitvandalismus" am "weißen cis-Hetronormativ"

Im weiteren Verlauf verbindet das Paper das medizinische Phänomen von DSD jedoch mit einer Vielzahl anderer (angeblich) "marginalisierter" Gruppen. Die Autorinnen entwickeln ein Netzwerk alternativer Zeitlichkeiten, darunter "schwarze Zeit", "indigene Zeit" und "queere Zeit", die allesamt unterschiedliche Erfahrungen von Ausgrenzung und Gewalterfahrung thematisieren und als Gegenentwürfe zu dominanten gesellschaftlichen Normvorstellungen fungieren. Für Leser aus der Humanmedizin oder gar den naturalistischen Lebenswissenschaften ist dieser Abschnitt vermutlich derjenige, der am stärksten nach akademischem Aktivismus klingt, da die Verknüpfungen oft eher symbolisch als analytisch wirken. Zeit wird gewissermaßen als gewaltige Verschwörerin gezeichnet, die Hand in Hand mit Kolonialismus und Heteronormalität durch die Welt spaziert und nicht eher ruht, bis alle Menschen in perfekte Normschablonen hineingepresst sind. Zeit ist hier keine physikalische Größe zur Beschreibung der Abfolge von Ereignissen, sondern eher eine sehr strenge Gesellschaft mit Terminplan, die ruft: "Du hättest eigentlich schon längst heiraten und reproduzieren sollen!" Wer dagegen aufgrund von körperlichen Entwicklungsstörungen "zeitlichen Ungehorsam" übt, begehe höflichen "Zeitvandalismus".

Abseits dieser wirren Thesen transportiert der Text aber eine brauchbare Einsicht: DSD-Menschen sind keine homogene Gruppe und ihre Lebenswege sind vielfältiger, als es medizinische Standardvorstellungen zulassen. Diese Vielfalt ernst zu nehmen bedeutet, ihre Zukunft nicht in eine vorgefertigte Schablone zu pressen, sondern Raum zu schaffen für unterschiedliche Formen von Körperlichkeit und Lebensplanung.

"Intersex Joy" – Willkommen im Regenbogenwunderland

Als zentraler Gegenentwurf wird die Idee einer "intersex joy" eingeführt. Die Autorinnen kritisieren, dass DSD-Verläufe in Forschung, Therapie und Öffentlichkeit häufig als Leidensgeschichten erzählt werden, während positive Erfahrungen, Identifikation oder Gemeinschaftsgefühl eher selten hervorgehoben würden. Ihr Ruf bedeutet hier nicht, vorhandene Probleme zu romantisieren oder Schmerz zu leugnen, sondern das Recht auf selbstbestimmte, nicht-defizitäre Lebensgeschichten einzufordern. Dieser Impuls besitzt durchaus Relevanz, denn medizinische Kommunikation ist oft defizitorientiert. Eltern hören zuerst von Risiken, Komplikationen, Fehlbildungen und Einschränkungen, und weniger von der Möglichkeit eines erfüllten, gesunden Lebens.

Während der Lektüre des Textes drängt sich allerdings immer stärker der Eindruck auf, dass DSD hier weniger um ihrer selbst willen betrachtet werden, sondern vor allem als geeignete Bühne dienen, um ein bereits vorab feststehendes Programm zu illustrieren. DSD werden konsequent in einen Rahmen eingebettet, der von queer-feministischen und dekolonialen Konzepten geprägt ist. Die medizinisch wie lebenspraktisch sehr unterschiedlichen Erfahrungen von Betroffenen werden zu einer homogenen Figur – einem mystischen "intersex body" –, die die entsprechenden Thesen demonstrieren soll. Dadurch entsteht ein merkwürdiges Ungleichgewicht, denn während der hypothetische Überbau immer komplexer und vielschichtiger wird, verliert sich die Konkretion der tatsächlichen Lebensrealitäten. DSD erscheinen nicht als vielfältiges Phänomen, das aus seiner spezifisch medizinischen Dynamik heraus verstanden wird, sondern als eine Art Beweisstück, das die Annahmen über "Normativität" und Macht untermauern soll. Diese Vereinnahmung von DSD-Betroffenen verstellt jedoch den Blick darauf, was Betroffene und ihre Familien tatsächlich benötigen – nämlich weniger ideologisch aufgeladene Deutungen und mehr differenzierte, alltagsnahe, erfahrungsbezogene Einsichten.

Fazit

Das Paper von Dudys et al. (2025) ist ein für Realwissenschaftler schwer zugänglicher Text, der DSD in ein umfassendes politisches und kulturelles Zeitgefüge einordnet. Für ein Publikum, das an sexualbiologischen Grundlagen, medizinischen Standards oder empirisch gestützten Erkenntnissen interessiert ist, wirkt der Text politisch überladen und spekulativ. Doch trotz der ideologischen Rahmung enthält das Paper wichtige Denkanstöße. Es macht deutlich, dass DSD immer auch sozial wahrgenommen und bewertet werden. Der Vorschlag, die Zukunft von Kindern mit DSD nicht im Voraus normieren zu wollen, ist durchaus sinnvoll. Aber statt dieses Anliegen schlicht zu artikulieren, werfen die Autorinnen es in einen Mixer wirrer Zeitkonzepte, postkolonialen Denktraditionen und einem Schuss Queer-Theorie. Ihre Publikation wirkt daher weniger wie eine Analyse der Lebensrealität von Menschen mit DSD, sondern weit mehr wie ein Vehikel, um postmoderne Konstrukte mit einem realweltlichen Beispiel akademisch sowie gesellschaftlich zu verankern.

Quellen

[1] Dudys, T., Orr, C. E., & Burkholder, C. (2025). Temporal disobedience: Intersex timescapes, chronopolitics and intersex joy. Feminist Theory, 0(0). https://doi.org/10.1177/14647001251389818

Sonntag, 7. Dezember 2025

"Sexdiversity" und die anthropozentrische Dekonstruktion von Geschlecht

Der Sonderforschungsbereich (SFB) 1665 "Sexdiversity" der Universität zu Lübeck ist ein interdisziplinäres Forschungsverbundprojekt, das biologische, medizinische, sozial- und geisteswissenschaftliche Perspektiven auf Geschlecht zusammenführen will. Der SFB verfolgt das Ziel, Geschlechtlichkeit als vielschichtiges, kontextabhängiges und in unterschiedlichen biologischen wie gesellschaftlichen Ebenen variierendes Phänomen zu untersuchen. Dabei werden traditionelle, evolutionsbiologisch fundierte Definitionen von Geschlecht kritisch hinterfragt. Genau an dieser Stelle entsteht ein grundlegender wissenschaftlicher Dissens: Während "Sexdiversity" versucht, die Vielzahl real vorkommender Sexualsysteme als Argument für eine Auflösung oder Relativierung der biologischen Geschlechtsbinarität heranzuziehen, halten wir als streng materiell-naturalistisch orientierte IG Sexualbiologie an der universellen, d. h. Taxon übergreifenden Definition fest, die Geschlecht ausschließlich über die Anisogamie, also die Existenz zweier unterschiedlich großer Gametentypen, definiert.

Im Dezember 2024 veröffentlichte der SFB 1665 einen Blogbeitrag der am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt‑Universität zu Berlin tätigen Biologin und Gender-Theoretikerin Kerstin Palm sowie des Philosophen und Bioethikers Christoph-Rehmann Sutter mit dem Titel "Wie viele biologische Geschlechter gibt es eigentlich?", der dringend einer fachlichen Einordnung bedarf.

Bio-Grundlagen: Was Geschlecht tatsächlich definiert

Im einleitenden Teil des "Sexdiversity"-Beitrags wird argumentiert, die Aussage, es gebe zwei biologische Geschlechter, sei "zu einfach", da die Natur eine Vielfalt an Sexualsystemen hervorgebracht habe, die mit einem binären Ansatz nicht zu erfassen sei. Diese einleitende Argumentation verwechselt direkt zwei Ebenen, die in der Biologie strikt auseinandergehalten werden müssen: die Definition des Geschlechts und die Vielfalt der daraus angeleiteten Fortpflanzungsstrategien. Auf dieser kategorialen Verwechslung fußt letzten Endes die gesamte Argumentation Beitrags.

Für die Bestimmung von Geschlecht als biologische Kategorie ist nicht entscheidend, wie viele Sexualsysteme existieren, ob Arten getrenntgeschlechtlich, zwittrig oder in besonderen Entwicklungszyklen organisiert sind. Entscheidend ist allein, dass in sämtlichen bekannten Formen anisogamer sexueller Fortpflanzung nur zwei Gametentypen existieren: große, nährstoffreiche Eizellen und kleine, zahlreiche Samenzellen (bei Pflanzen) bzw. Spermien (bei Tieren). Diese universelle Dichotomie bildet die naturwissenschaftliche Grundlage für die binäre Definition von Weibchen und Männchen. Auch Zwittrigkeit oder komplexe Reproduktionsmodi ändern daran nichts, denn sie betreffen die Verteilung dieser beiden Gametentypen resp. Geschlechter innerhalb von Individuen oder Populationen, nicht jedoch deren Anzahl.

Die von "Sexdiversity" hervorgehobene Diversität ist selbstverständlich real. Aber sie betrifft die Organisation von Geschlecht, nicht die Zahl der Geschlechter selbst.

Vielfalt der Sexualsysteme ≠ Vielfalt der Geschlechter

Der beschriebene Reichtum an Sexualsystemen ist somit unbestritten. Hermaphroditismus, getrenntgeschlechtliche Blüten, sequenzielle Geschlechtswechsel bei Fischen oder flexible Blühformen bei Pflanzen zeigen eindrucksvoll, wie unterschiedlich Organismen ihre Fortpflanzung optimieren. Doch all diese Beispiele betreffen die Verteilung und Regulation zweier Geschlechter. Hermaphroditische Organismen bringen männliche und weibliche Gameten hervor, aber sie tun dies, weil ein und dasselbe Individuum Funktionen beider Geschlechter übernehmen kann. Die Kategorie "Hermaphrodit" (von Hermes = männlich und Aphrodite = weiblich) beschreibt damit eine binäre Fortpflanzungsstrategie, aber kein eigenständiges Geschlecht abseits der Binarität. Und sequenzielle Hermaphroditen wie Clownfische verdeutlichen flexible Mechanismen, die bestimmen, welches der beiden Geschlechter ein Individuum zu welchem Zeitpunkt ausbildet. Die Variation liegt hier eindeutig im Zeitpunkt, nicht in der Anzahl der Geschlechter.

Auch die im Beitrag zitierte Übersicht von elf Sexualsystemen zeigt nicht elf Geschlechter, sondern elf Weisen, wie Organismen die Zweigeschlechtlichkeit logistisch organisieren. Dass es zahlreiche Kombinationen, Verteilungen und Strategien gibt, ist ein Hinweis auf evolutive "Kreativität", nicht auf eine Auflösung der binären Geschlechterordnung. Die Schlussfolgerung, die Existenz vieler Sexualsysteme lasse die Frage nach der Anzahl biologischer Geschlechter offen, verwechselt Organisationsebenen. Geschlecht ist ein funktionaler, gametenbasierter Mechanismus, Sexualsysteme sind Konzepte, wie dieser Mechanismus evolutionär in Erscheinung tritt. Der SFB "Sexdiversity" zieht aus der Diversität der einen Ebene Schlussfolgerungen über die Anzahl der Kategorien auf einer anderen – eine kategoriale Verschiebung, die wissenschaftlich nicht trägt.

Besonders deutlich wird diese begriffliche Vermischung bei der Argumentation zur Isogamie. Isogame Organismen besitzen keine Geschlechter, weil alle Gameten gleich groß und gleich geformt sind. Die Kreuzungstypen ("mating types") isogamer Arten sind keine Geschlechter im biologischen Sinne, da ihnen die definierende Eigenschaft eines Geschlechts fehlt: die Produktion unterschiedlich großer Gametentypen. Man kann schließlich keine Geschlechter unterscheiden, wenn kein Merkmal vorliegt, welches die Geschlechter voneinander unterscheidet. Vielmehr handelt es sich um genetische Kompatibilitätssysteme, die die Paarung regeln. Der Hinweis, anisogame Arten hätten isogame Vorfahren, ist evolutionsbiologisch zwar korrekt, aber irrelevant für die Frage, wie viele Geschlechter anisogame Arten heute besitzen. Und aus der Erkenntnis, dass Sexualität evolutionär entstanden ist, folgt nicht, dass sie in ihrer gegenwärtigen Form beliebig wandelbar wäre.

Komplexität der Körperentwicklung ersetzt nicht Binarität

Die vielfältigen Ebenen der Körperentwicklung (Genetik, Hormone, Morphologie, Verhalten) betreffen die Ausprägung und Regulierung geschlechtlicher Merkmale, nicht die Definition von Geschlecht selbst. Geschlecht ist in der Biologie kein Sammelbegriff für alle Eigenschaften, die irgendwie mit Fortpflanzung oder geschlechtlicher Differenzierung zusammenhängen. Er bezeichnet lediglich die Rolle eines Organismus bei der Produktion anisogamer Gameten. Diese Definition ist nicht durch Komplexität unterlaufen, sondern gerade die Grundlage, um Komplexität sinnvoll zu beschreiben.

Wenn der "Sexdiversity"-Beitrag darauf verweist, dass Individuen genetisch, hormonell oder anatomisch in vielfältigen Ausprägungen vorkommen, beschreiben sie die biologische Variabilität der Geschlechtsentwicklung und -ausprägung. Auf dieser Ebene existieren in der Tat Gradienten und Varianten – das ist trivialerweise in nahezu jedem biologischen System der Fall. Chromosomenzahl, Hormonspiegel, Organanlage oder auch das Verhalten sind komplexe, dynamische, oft "nicht-binäre" Merkmalsräume. Doch diese Komplexität betrifft eben bloß die Merkmale einer Kategorie, nicht die Kategorien selbst. Auch Temperaturabhängigkeit der Geschlechtsdetermination wie bei manchen Reptilien ändert nichts daran, dass die resultierenden Individuen darauf ausgerichtet sind, entweder funktional männliche oder funktional weibliche Gameten zu produzieren.

Indem die Autoren sämtliche Ebenen geschlechtlicher Entwicklung zu "Dimensionen des Geschlechts" erklären, wird die funktionale Kernfrage überdeckt. Die gametische Rolle wird so zu einem beliebigen Merkmal von vielen. Die Kategorie "Geschlecht" bleibt trotz dieses Dekonstruktionsversuchs selbst im komplexesten denkbaren Entwicklungsprozess binär – und genau deshalb ist die Reduktion auf Keimzellen keine "Banalisierung" oder "logisch zirkulär", sondern eine methodische Klarheit, die verhindert, dass wissenschaftliche Begriffe unscharf werden.

Die Beschreibung, man könne das "Körpergeschlecht" (gemeint ist der Sexus – also schlichtweg das Geschlecht) wegen genetischer und anatomischer Vielfalt nicht mit einem binären Schema fassen, verkennt zudem die wissenschaftliche Rolle von Kategorien. Dass eine Kategorie zwei Klassen unterscheidet, bedeutet nicht, dass alle Merkmale, die mit diesen Klassen zusammenhängen, strikt zweigeteilt sein müssen. Die Kategorie "Säugetier" bleibt beispielsweise auch dann noch klar definiert, obwohl sämtliche Merkmale, die Säugetiere tragen (Stoffwechsel, Fell, soziale Organisation usw.) enorme Kontinua aufweisen und teilweise auch in anderen Tierklassen auftreten, die dann aber nicht aufgrund eines kategorialen Denkfehlers zu "Säugetieren" erklärt werden oder die Definition oder gar Existenz von Säugetieren generell infrage gestellt wird. Ebenso verhält es sich beim Geschlecht: Die Kategorie bleibt binär, während deren Merkmale in ihrer Ausprägung vielfältig variieren können.

Die Komplexität von Entwicklungswegen ist daher kein Argument gegen die Binarität des Geschlechts, sondern ein Argument für sorgfältige begriffliche Trennung. Wer über Ausprägungsmerkmale spricht, sollte diese als solche benennen. Wer sie mit kategorialen Definitionen vermischt, riskiert, dass das wissenschaftliche Verständnis unklar wird. Die gametenbasierte Definition bewahrt hier genau die Trennschärfe, die notwendig ist, um komplexe biologische Systeme überhaupt sinnvoll zu analysieren.

Biologie ist nicht anthropozentrisch

Im Abschnitt zur Biologie des Menschen vermischen die Autoren erneut verschiedene Erklärungsebenen. Evolutionsbiologische Rollenmodelle, Entwicklungsgenetik, kulturelle Geschlechterordnungen und neurobiologische Plastizität werden dem Konzept des Geschlechts gegenübergestellt, als ließen sich daraus neue Geschlechtskategorien oder eine Auflösung der Binarität ableiten. Doch all diese Aspekte betreffen nicht das Geschlecht selbst, sondern die Art und Weise, wie Menschen ihre Körper entwickeln, nutzen, sozial interpretieren und kulturell einbetten. Die Aussagen zeigen – ohne es deutlich zu machen – vor allem eines: Viele der in dem "Sexdiversity"-Beitrag diskutierten Phänomene haben mit der biologischen Definition von Geschlecht schlicht nichts zu tun.

Zunächst ist der Hinweis auf prähistorische Geschlechterordnungen kein biologisches Argument. Menschliche Rollenverteilungen – ob in Jäger-Sammler-Gesellschaften oder in heutigen Kulturen – beschreiben soziale Praxis, keine Fortpflanzungsbiologie. Zwar leiten sich Verhaltensmuster durchaus aus der biologischen Geschlechterordnung ab, doch auch diese sind lediglich eine Folge der Art und Weise, wie sich menschliche Körper rund um ihre binäre Geschlechterordnung organisiert haben, nicht deren Definitionsbasis. Dass archäologische Befunde heute differenziertere soziale Rollenmodelle erkennen lassen, ändert nichts daran, dass die biologische Definition von Weibchen und Männchen heute und in der Rückschau einzig auf der Produktion großer bzw. kleiner Gameten beruht. Soziale Rollen und biologische Geschlechterkategorien existieren auf unterschiedlichen Ebenen und können nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Auch die entwicklungsgenetischen Hinweise sind wissenschaftlich korrekt, aber für die Debatte irrelevant. Dass Gene nicht "Befehlszentralen" sind, sondern in komplexen Netzwerken fungieren und auf Umwelteinflüsse reagieren, ist seit Jahrzehnten zentrale Erkenntnis der modernen Entwicklungsbiologie. Die daraus resultierende "Reaktionsnorm" macht deutlich, dass phänotypische Merkmale wie etwa Hormonspiegel, sekundäre Geschlechtsmerkmale oder bestimmte Verhaltensdispositionen in einem gewissen Rahmen variieren können. Doch diese Flexibilität betrifft erneut Ausprägungen, nicht Kategorien. Wie stark ein Bart wächst, wie ein Becken gebaut ist oder wie sich ein Gehirn in bestimmten Lebensphasen umbaut, sind graduelle Merkmale, deren Variation keine Geschlechter abseits männlich oder weiblich erzeugt.

Besonders wichtig ist die Differenzierung zwischen Chromosomenvarianten und Geschlecht. Die im "Sexdiversity"-Beitrag genannten 47,XXY (Klinefelter-Syndrom), 45,X0 (Turner-Syndrom) oder andere aneuploide Konstellationen führen zu Abweichungen in der Geschlechtsentwicklung männlicher oder weiblicher Personen, aber ausdrücklich nicht zu neuen Gametentypen und daher auch nicht zu neuen Geschlechtern. Auch auf den ersten Blick nicht eindeutige Ausprägungen verändern nicht die Tatsache, dass Menschen darauf ausgerichtet sind, Eizellen oder Spermien zu bilden und zu diesem Zweck einen von zwei Entwicklungspfade einschlagen, die im optimalen Fall eine Reproduktion mittels einer der beiden Geschlechtszellen ermöglicht. Chromosomenanomalien sind daher gestörte Entwicklungsvarianten, keine neuen, geschlechtsbildenden Entwicklungspfade. Der Versuch, aus ihrer Existenz einen Einwand gegen die binäre Geschlechtskategorie abzuleiten, ist ein Kategorienfehler: Die Störung eines binären Systems erzeugt keine dritte Kategorie, sondern eine Variation innerhalb eines bestehenden zweigliedrigen Rahmens. Ein Mikropenis ist weiterhin ein Penis, kein Neo-Genital eines neuen Geschlechts.

Schließlich führt auch die neurobiologische Plastizität nicht zu einer Auflösung des Geschlechtsbegriffs. Das Gehirn ist dynamisch, aber die Art und Weise, wie neuronale Netzwerke sich reorganisieren, hat keinen Einfluss auf die Definition von Geschlecht. Gehirne lernen, verändern sich und werden kulturell geprägt – Gameten nicht.

Fazit

Der menschliche Körper ist komplex, variabel und von Umwelt und Kultur geprägt. Doch die biologische Definition des Geschlechts ist nicht in diesen anthropozentrischen Merkmalen verankert, sondern in der universellen, funktionalen Rolle bei der sexuellen Fortpflanzung. Wer Variabilität in Merkmalen mit Variabilität in der Anzahl der Geschlechter verwechselt, verlagert die Diskussion von der Ebene der Biologie auf die Ebene der sozialen Interpretation und vermischt damit Kategorien, die präzise getrennt bleiben müssen, um wissenschaftlich tragfähig zu sein.

Am Ende des "Sexdiversity"-Beitrags wird zum Weiterlesen auf eine Fachpublikation von McLaughlin et al. (2023) verweisen, die wir bereits an anderer Stelle diskutiert haben: Kritische Einordnung multivariater Geschlechtsmodelle

Donnerstag, 4. Dezember 2025

Familie stellt "Dogma" der Geschlechtsbestimmung infrage

Die Vorstellung, wie sich das Geschlecht eines Menschen entwickelt, scheint auf den ersten Blick klar: Wer ein Y-Chromosom trägt, entwickelt sich typischerweise männlich. Wer zwei X-Chromosomen besitzt, entwickelt sich in aller Regel weiblich. Entscheidend ist hierbei die sogenannte "Sex determining region of Y" – kurz SRY. Wie der Name schon sagt liegt diese genetische Region normalerweise auf dem Y-Chromosom des Mannes. Doch es gibt Ausnahmen von dieser Regel. Ein von Xu et al. (2025) in der Open-Access-Fachzeitschrift ‚Genetics in Medicine Open‘ publizierter Fallbericht beschreibt eine Familie, die gleich mehrere Rätsel zugleich aufwirft und unser Verständnis von Geschlechtsentwicklung auf den Prüfstand stellt [1].

Es geht um den Fall einer 46,XX-Person mit delokalisiertem SRY-Gen – ein Befund, der normalerweise zu einer männlichen Entwicklung führen würde. Bemerkenswert ist hierbei allerdings, dass es sich bei der betroffenen Person um eine gesunde, fruchtbare Frau und Mutter handelt. Noch ungewöhnlicher: Sie hat männliche Söhne, die dasselbe genetische Muster geerbt haben.

Ein genetisches Paradox: 46,XX, aber SRY-positiv

Bei den beiden Brüdern, die im Bericht vorgestellt werden, stand zunächst ein Verdacht auf Klinefelter-Syndrom (47,XXY) im Raum. Erst weiterführende Chromosomenanalysen wie Karyogramm und FISH (Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung; ein Nachweis von Chromosomenanomalien, die nicht im Karyogramm sichtbar sind) zeigten, dass beide Jungen keine Y-Chromosomen hatten, sondern ein derivatives X-Chromosom, auf das Y-Material einschließlich des SRY-Gens übertragen worden war.

Damit hatten beide Jungen einen 46,XX-Chromosomensatz, allerdings mit einem "eingebauten" Schalter für den männlichen Entwicklungspfad. Dieses "XX-Mann"-Phänomen ist keine medizinische Neuheit, tritt aber äußerst selten auf. In der Regel führt eine SRY-positive XX-Chromosomenkombination zu einer männlichen Entwicklung mit typischerweise bestehender Unfruchtbarkeit. Genau das erwartet man bei sogenannten 46,XX testikulären DSD.

Doch dieses Mal war ein Detail anders…

Die vielleicht seltenste Person in der Geschichte der Sexualbiologie

Der wahre wissenschaftliche Paukenschlag ist die Mutter der beiden Jungen. Auch sie trägt 46,XX, SRY+, also denselben genetischen Mechanismus wie ihre Söhne – jedoch ohne männliche Entwicklung und ohne Unfruchtbarkeit. Sie ist eine der ganz wenigen dokumentierten Personen, die trotz eines intakten männlichen Schaltergens ein vollständig weibliches und fruchtbares Leben führen. Der Bericht erwähnt, dass bisher lediglich eine einzige andere Familie bekannt sei, in der gesunde Frauen mit SRY+ beschrieben wurden – allerdings dort unter völlig anderen genetischen Bedingungen [2].

Die Forscher vermuten, dass bei der Mutter das SRY-Gen funktionell ausgeschaltet sein muss, vermutlich über X-Chromosom-Inaktivierung oder andere genetische Modifikatoren. Bei ihren Söhnen dagegen ist dieses SRY aktiv – sie entwickeln sich männlich, wie man es bei SRY erwarten würde. Die große Frage lautet nun: Wie kann dasselbe SRY-Gen in derselben Familie einmal ausgeschaltet und einmal aktiv sein?

Um diese Frage zu beantworten, empfehlen die Autoren weitere Analysen, etwa X-Inaktivierungsstudien und umfassende DSD-Panel- oder Genomsequenzierungen, um mögliche regulatorische Gene aufzuspüren, die SRY beeinflussen könnten.

Bedeutung für die Sexualbiologie

Das SRY-Gen wird häufig als der zentrale "Startknopf" für die männliche Entwicklung beschrieben. Sobald SRY aktiv wird, beginnt die Hodenentwicklung; ohne SRY setzen typische weibliche Entwicklungspfade ein. Doch dieser Fall verdeutlicht, dass beim Menschen die Expression des SRY-Gens entscheidend für den männlichen Entwicklungsweg ist, nicht dessen bloßes Vorhandensein. Es reicht nicht, SRY zu besitzen – entscheidend ist, ob und wie es reguliert wird.

Die Mutter in diesem Fall zeigt eindrucksvoll, dass ein vollständig weiblicher, fruchtbarer Phänotyp möglich ist, selbst wenn SRY vorhanden ist, sofern es durch genetische, epigenetische oder strukturelle Mechanismen deaktiviert wird. Gleichzeitig zeigen die 46,XX-Söhne, dass exakt dieses SRY wieder aktiv sein kann, wenn es vererbt wird – ein Hinweis darauf, dass die Silencing-Mechanismen selbst vererbbar oder variabel sind. Damit eröffnet dieser Fall eine Reihe neuer Forschungsfelder mit bemerkenswertem Erkenntnispotenzial: Wie wird SRY in solchen Fällen ausgeschaltet? Welche Gene kontrollieren die SRY-Aktivität? Welche Rolle spielen epigenetische Vorgänge? Gibt es unbekannte regulatorische Netzwerke, die Geschlechtsentwicklung beeinflussen?

Auch für die Humanmedizin liefert der Fall neue Perspektiven. Die Jungen wurden zunächst aufgrund ihrer Entwicklungsverzögerungen und körperlichen Auffälligkeiten medizinisch betreut. Empfohlen wurden Physio- und Sprachtherapie, Wachstumsmonitoring und vor allem eine endokrinologische Betreuung mit Blick auf Wachstumshormone insbesondere Testosteron. Für die gesamte Familie wurden genetische Beratung und auch psychologische Unterstützung empfohlen, da die genetischen Befunde nicht nur medizinische, sondern auch soziale und psychologische Implikationen haben.

Fazit

Der hier vorgestellte Fall ist wie ein Fenster in die verborgene Komplexität der biologischen Geschlechtsentwicklung. Eine fruchtbare Frau mit SRY-Gen, zwei Söhne mit identischer, aber aktivierter SRY-Variante, und ein noch unbekannter Mechanismus. Die Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es in der Humanmedizin ist, die mit der Geschlechtsentwicklung des Menschen zusammenhängenden Vorgänge nicht als starres System zu sehen. Fälle wie dieser zeigen eindrucksvoll, dass die natürliche Diversität innerhalb der menschlichen Zweigeschlechtlichkeit weit größer ist, als lange angenommen.

Quellen

[1] Xinxiu Xu, Rebecca Smith, Meng-Chang Hsiao, Ashwini Yenamandra, Angela Grochowsky, Dorothea Siebold, Mackenzie Mosera, Rhonda Bacman, Monica Guardado, Christine Stowe, P779: SRY positive 46,XX: A unique family with fertile female mother and male children challenging the dogma of sex determination, Genetics in Medicine Open, Volume 3, Supplement 2, 2025, 103148, ISSN 2949-7744, https://doi.org/10.1016/j.gimo.2025.103148.

[2] Politi C, Grillone K, Nocera D, Colao E, Bellisario ML, Loddo S, Catino G, Novelli A, Perrotti N, Iuliano R, et al. Non-Invasive Prenatal Test Analysis Opens a Pandora’s Box: Identification of Very Rare Cases of SRY-Positive Healthy Females, Segregating for Three Generations Thanks to Preferential Inactivation of the XqYp Translocated Chromosome. Genes. 2024; 15(1):103. https://doi.org/10.3390/genes15010103

Dienstag, 2. Dezember 2025

Indizierte Broschüre "Wegweiser aus dem Transgenderkult"

Im 'Cicero' schrieb Prof. Uwe Steinhoff jüngst unter dem Titel "Unterstützung für Pädophile, Maulkörbe für Kritiker" über Entwicklungen in der deutschen Debattenkultur im Kontext der Gender-Thematik. Dabei verwies er auf einen interessanten Fall, der in einem Artikel der 'Welt' vom 26. Januar 2024 näher beleuchtet wird: „Damit bewährt sich, öffentlich über diese Übergriffe zu sprechen“

Dort heißt es über die Bloggerin und Initiatorin der Kampagne "Was ist eine Frau?" Rona Duwe und die Indizierung einer von ihr als Autorin gemeinsam mit der Initiative "Lasst Frauen Sprechen!" im Jahr 2023 herausgegebenen Broschüre mit dem Titel "Wegweiser aus dem Transgenderkult":

"Darin wird die These vertreten, es gebe nur zwei biologisch vorgesehene Geschlechter und diese könnten nicht verändert werden. Die Broschüre darf nun nicht mehr an Kinder und Jugendliche ausgegeben werden."

Für viele wirkt das so, als sei die Broschüre indiziert worden, weil sie biologische Realweltaussagen wie die auf Anisogamie beruhende Zweigeschlechtlichkeit und die Unveränderbarkeit des reproduktiven Geschlechts bei Menschen enthält. Doch stimmt das wirklich?

Zur Beantwortung dieser Frage liegen uns sowohl die indizierte Broschüre als auch ein ausführlicher, amtlicher Text der Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz (BzKJ) und der Beschluss des OVG Nordrhein-Westfalen, vom 11.07.2024 (19 B 169/24) vor. Und diese zeichnen ein deutlich differenzierteres Bild.

Sexualbiologische Aussagekraft der Broschüre

Ein nüchterner Blick auf die biologischen Passagen der Broschüre "Wegweiser aus dem Transgenderkult" zeigt zunächst, dass einzelne Kernaussagen durchaus dem Stand der Sexualbiologie entsprechen. Dazu gehört insbesondere die Beschreibung des Geschlechts anhand der Gameten: Die Aussage, dass "Männer kleine Gameten (Spermien) und Frauen große Gameten (Eizellen) produzieren", ist vollkommen korrekt. Die Definition der Geschlechter über Anisogamie gilt in der gesamten Sexualbiologie als Standard und bildet den stabilsten und universellsten Bestimmungspunkt von "männlich" und "weiblich" in sexuell reproduzierenden Spezies.

Daneben enthält der Text jedoch auch vereinfachende oder irreführende Aussagen. Etwa wenn eine nicht-sexuelle Entwicklungsstörung wie das Down-Syndrom missverständlich als Störungen der Geschlechtsentwicklung (DSD) dargestellt wird. Down-Syndrom ist keine Störung der sexuellen Differenzierung und gehört biologisch nicht in diese Kategorie, die Broschüre präsentiert es jedoch so – auch wenn das mutmaßlich nicht beabsichtigt war. Bei DSD wiederum handelt es sich zwar in der Tat nicht um ein drittes Geschlecht, aber durchaus um Diversität innerhalb der geschlechtlichen Binarität. Die Broschüre grenzt DSD stark vom Begriff "Diversität" ab und scheint dies aus einer wertenden Perspektive zu tun. Diversität gilt offenbar als positiv besetzte Vielfalt, während DSD hier als pathologisch und damit "nicht Teil der Diversität" dargestellt werden. Streng naturalistisch betrachtet greift diese Unterscheidung jedoch zu kurz, denn Biologie kennt keine moralischen Kategorien. Mutation, Anomalien und auch medizinisch relevante Entwicklungsstörungen sind allesamt Ausdruck derselben grundlegenden Mechanismen sexueller Fortpflanzung: genetische Rekombination, zufällige Variation und die enorme Bandbreite möglicher individueller Entwicklungsverläufe. Evolution "entscheidet" nicht, was wertvoll oder gültig ist – sie produziert Vielfalt, und natürliche Selektion wirkt anschließend auf diese Variation. In diesem Sinne gehören auch DSD, unabhängig von ihrer klinischen Relevanz, zur biologischen Vielfalt des Menschen.

Ein weiterer Punkt betrifft die Frage, in welchem Verhältnis biologische Geschlechtsunterschiede und kulturelle Geschlechterrollen stehen. Der Hinweis, dass geschlechtliche Rollenbilder (von John Money als "gender roles" etabliert) und das, was in der Broschüre als "Gender" kritisiert wird, kulturell beeinflusst sind, ist zutreffend. Zwar versteht man unter "Gender" in der Sexualbiologie etwas Anderes als das, was die Broschüre präsentiert, doch abgesehen von dieser begrifflichen Unschärfe gilt bezogen auf den Sachinhalt, dass bestimmte Eigenschaften tatsächlich keine biologischen Geschlechtsmerkmale sind, sondern Ausdruck kultureller Normsysteme. Die Broschüre argumentiert hier allerdings aus einem dezidiert feministisch/anti-sexistischen (und damit aktivistischen) Blickwinkel und kritisiert, Transgender-Ansätze würden überholte geschlechtsspezifische Stereotype unkritisch reproduzieren. Damit impliziert sie jedoch zugleich, dass solche Rollenbilder keinerlei biologische Grundlage hätten und ausschließlich kulturell erzeugt seien. Diese Sichtweise greift zu kurz. Zwar sind äußere Rollenbilder, Kleidungscodes und gesellschaftliche Erwartungen zweifellos Produkte kultureller Normen, doch bestehen zwischen den beiden Geschlechtern nachweislich statistische, biologisch mitgeprägte Unterschiede in Wahrnehmung, Verhalten und Interessen. Neurobiologische Studien zeigen robuste (wenn auch nicht deterministische) Mittelwertseffekte bei räumlicher und verbaler Verarbeitung, Empathie, Temperament, Risikobereitschaft oder sensorischer Sensitivität; hormonelle Einflüsse in der pränatalen Entwicklung spielen dabei ebenso eine Rolle wie genetische und epigenetische Faktoren. Diese Unterschiede erzeugen keine festen "männlichen" oder "weiblichen" Persönlichkeiten, aber sie schaffen Tendenzen, die sich in großen Gruppen abbilden und die Kultur wiederum in Form von Rollenbildern aufgreift und verstärkt. Gerade Länder mit hoher Gleichstellung zeigen, dass geschlechtsspezifische Interessenunterschiede nicht verschwinden, sondern sich teils sogar deutlicher zeigen – ein Hinweis darauf, dass Biologie und Kultur sich gegenseitig beeinflussen, statt sich auszuschließen. Insofern ist es zwar legitim, stereotype Rollenklischees kritisch zu hinterfragen, doch wäre es wissenschaftlich unzutreffend, die komplexe Wechselwirkung zwischen biologischen Dispositionen und kulturellen Formen zu negieren und in der Folge Transgendern die entwicklungsbiologischen Komponenten ihrer angeblich "sexistischen" Verhaltensweisen abzusprechen.

Ferner wird in der Broschüre die These aufgestellt, es gebe "keinen wissenschaftlichen Beleg, dass jemand im falschen Körper geboren sein kann" oder dass kein "Gehirn eines anderen Geschlechts" existiere. Diese Aussagen sind zwar an sich korrekt formuliert, denn es gibt in der Tat keinen Beleg für eine "Geschlechtsseele im falschen Körper" und da Gehirne keine Gameten hervorbringen, haben sie selber de facto kein Geschlecht. Im Kern wird hier aber ebenfalls die wissenschaftliche Lage verfehlt. Zwar ist es zutreffend, dass es kein eindeutig identifizierbares "männliches" oder "weibliches" Gehirn gibt, aber neurobiologische Studien zeigen sehr wohl Korrelationen zwischen Geschlechtsidentitätsstörung und bestimmten Mustern der Gehirnentwicklung, auch wenn diese nicht deterministisch oder diagnostisch eindeutig sind – zumal es aufgrund der Plastizität des Gehirns, die jedes zu einem individuellen Organ macht, ohnehin müßig wäre, auf Ebene des Individuums eine Kausalität aus beobachteten Korrelationen abzuleiten. Bezogen auf den Durchschnitt der Transgender-Population sind die Unterschiede aber ähnlich signifikant wie der durchschnittliche Geschlechtsdimorphismus in den Gehirnen von Männern und Frauen. Die pauschale Behauptung, es gebe "keine objektive Definition" und keinerlei messbare Grundlagen für Geschlechtsidentität, ist also zu absolut formuliert und blendet den Forschungsstand aus, anstatt ihn vorsichtig einzuordnen.

Schließlich wird an mehreren Stellen suggeriert, Geschlechtsdysphorie bei Jugendlichen entstehe häufig durch Pornografie, soziale Ansteckung oder Gruppendruck (z. B. mit Verweis auf die ROGD-Hypothese). Auch hier greift der Text einzelne, wissenschaftliche Hypothesen auf, formuliert sie jedoch als bewiesene Kausalmechanismen. Damit argumentiert die Broschüre nicht viel anders als die transaffirmative Gegenseite, deren Aktivisten jegliche psychosoziale Ansteckung negieren und sämtliche Transidentitäten als biologisch valide präsentieren. Beide Seiten vertreten Absolutismen, die wissenschaftlich nicht tragbar sind. Der empirische Forschungsstand ist komplexer: Weder ist "soziale Ansteckung" als Ursache für alle Transidentitäten gesichert, noch gibt es robuste Belege für neurologische Anomalien als systematischen Auslöser jeglicher Form von Geschlechtsidentitätsstörung. Beide Thesen sind keineswegs als gesicherte Erkenntnisse darstellbar. Mit Blick auf die wissenschaftliche Evidenz scheinen sie jeweils bloß für einen bestimmten Teil der Transgender-Kohorte zuzutreffen. Da jedoch aktivistische Gruppen die jeweils anderen Teile ausblenden (oder gar aktiv bekämpfen), wird der Wahrheitsfindung ein Bärendienst erwiesen.

Insgesamt zeigt sich: Die sexualbiologischen Aussagen der Broschüre sind weitestgehend korrekt – doch sie werden mit deutlichen Überspitzungen vermischt, die Fakten selektiv darstellen oder ihnen eine Alternativ-Narration unterschieben. Das führt zu einer inhaltlichen Verzerrung, die über objektive Aufklärung hinausgeht.

Rechtsstreit wegen biologischer Fakten?

Wenn eine Broschüre nun also erklärt, dass es in der Biologie zwei Reproduktionsgeschlechter gibt – männlich (kleine Gameten) und weiblich (große Gameten) – dann ist das nicht ideologisch, sondern biologisches Basiswissen. Ebenso ist unstrittig, dass ein einmal entwickeltes primäres Geschlecht beim Menschen nicht "gewechselt" werden kann. Medizinische Maßnahmen verändern nicht die gametische Einordnung, sondern lediglich äußere Sekundärmerkmale oder hormonelle Milieus. Viele Menschen lesen im Welt-Artikel daher sinngemäß "transkritische Broschüre indiziert wegen Zweigeschlechtlichkeitsthese" – und empören sich verständlicherweise. Sollte es in Deutschland tatsächlich rechtlich sanktioniert werden, biologische Tatsachen auszusprechen, wäre das für eine sexualbiologisch arbeitende Fachöffentlichkeit ein beunruhigendes Signal.

Ein Blick in die Unterlagen der BzKJ und die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts NRW zeigt jedoch eindeutig, dass die Broschüre nicht wegen biologischer Aussagen indiziert wurde, sondern wegen ihrer Darstellung von Minderjährigen mit (vermuteter) Transidentität und der damit verbundenen Einschätzung einer Jugendgefährdung. Die Behörden und Gerichte äußern an keiner Stelle, dass Aussagen über biologische Zweigeschlechtlichkeit problematisch seien. Entscheidend war vielmehr der Gesamtaussagegehalt der Broschüre. Die Broschüre zeichnete laut OVG ein Bild, in dem Kinder, die sich ihrem Geburtsgeschlecht nicht zugehörig fühlen, als Opfer eines "Transgenderkults" dargestellt würden – als brainwashte, pathologisierte Minderjährige, die in eine Art sektenähnliches System hineingezogen würden, bei dem Eltern ihre Kinder mit manipulativen Erziehungsmethoden "deprogrammieren" müssten. Die Indizierung begründete sich daher auf Tonalität, Dramatisierung, Pathologisierung und die Darstellung eines Bedrohungsszenarios. Die Prüfstelle argumentierte, dass transidente Jugendliche, die nach Orientierung suchen, sich durch die extrem negative Darstellung selbst entwertet und bedroht fühlen könnten. Sie würden faktisch angeleitet, ihre geschlechtliche Identität zu unterdrücken. Die Broschüre schaffe ein "feindseliges Klima" und könne das Vertrauen von Jugendlichen in ihr Umfeld beschädigen.

Das OVG NRW betonte ausdrücklich, dass die Meinungsfreiheit der Herausgeber bestehen bliebe. Die Broschüre dürfe Erwachsenen intern weitergegeben, jedoch Jugendlichen nicht online zugänglich gemacht werden. Eine alternative, sachlicher formulierte Kritik an medizinischen oder gesellschaftlichen Fragen der Transitionspraxis wäre ferner nicht problematisch und weiterhin frei zulässig. Der Jugendschutz greife nur, weil Form und Ton der Broschüre geeignet seien, Minderjährige zu schädigen.

Mit anderen Worten: Nicht die Biologie ist das Problem, sondern – wie so oft in solchen Fällen – die kommunikative Verpackung. Dies und vor allem auch die polizeilichen Maßnahmen, die gegen die Autorin der Broschüre ergriffen wurden, kann man zwar durchaus kritisieren, da eine Zensur auch kontroverser Stimmen die offene Debatte untergräbt. Die Kritik daran sollte jedoch nicht zum Zwecke der öffentlichen Empörung mit Behauptungen untermauert werden, die den Eindruck vermitteln, realweltliche Aussagen über die Zweigeschlechtlichkeit wären justiziabel.

Argumente der Gegenseite

Ein vollständiges Bild des Falls verlangt auch einen Blick auf die Position jener, die die Broschüre verteidigen und die Indizierung für einen unverhältnismäßigen Eingriff in Grundrechte halten. Die Initiative "Lasst Frauen Sprechen!" berichtete im Mai als Herausgeberin der Broschüre von ihrem eigenen Rechtstreit in dieser Sache vor dem Verwaltungsgericht Köln. Aus ihrer Perspektive steht nicht ein angeblicher Schutz Jugendlicher im Vordergrund, sondern ein Konflikt um Meinungsfreiheit, Elternrechte und die Frage, wie weit der Staat in gesellschaftliche Debatten eingreifen darf. Die Anwälte betonten, dass der binäre Geschlechtsbegriff, auf dem die Broschüre basiert, sowohl medizinisch als auch juristisch vertretbar sei und daher keinen legitimen Grund für staatliche Einschränkungen biete. Die Vertreter der BzKJ wiederum bekräftigten, dass die Indizierung gerade nicht wegen dieses Geschlechtsbegriffs erfolgt sei, sondern wegen Wertungen wie "Transgenderkult", "Gehirnwäsche" und der Idee einer "Deprogrammierung" von Kindern.

Für die Initiative selbst ergibt sich daraus ein grundsätzliches Problem: Wenn die kritische Bewertung bestimmter Praktiken und Ideologien sanktioniert wird, befürchten sie eine Verschiebung der öffentlichen Debattenräume. Sie sehen in ihrem Elternratgeber eine Hilfestellung für Familien, die eine nicht-affirmative Sichtweise suchen – ein Angebot, das nach ihrer Darstellung im bestehenden Beratungssystem kaum existiert. Die Indizierung, so die Initiative, beschneide diese Informationsfreiheit erheblich, weil die Broschüre nur noch in geschlossenen Bereichen bereitgestellt und nicht beworben werden dürfe. Aus dieser Perspektive erscheint die Indizierung weniger als jugendschützende Maßnahme, sondern als faktische Einschränkung der öffentlichen Sichtbarkeit einer kritischen Position. Die Initiative fordert daher die Aufhebung der Indizierung und verweist zugleich auf eine Grundfrage, die über den konkreten Fall hinausweist: Wie lässt sich einerseits der Schutz vulnerabler Jugendlicher gewährleisten, ohne andererseits die Vielfalt legitimer wissenschaftlicher, politischer und elterlicher Perspektiven unzulässig zu verengen?

Aus Sicht der Initiative wirkte besonders eine Passage der Verhandlung sinnbildlich für das Grundproblem: Der Vorschlag des Leiters der Prüfstelle, man könne doch einfach eine neue Broschüre ohne die "problematischen" Begriffe verfassen, wurde dort als Aufforderung verstanden, die eigene Kritik sprachlich zu entschärfen, um veröffentlicht werden zu dürfen. Die spontan formulierte Rückfrage der Sprecherin von "Lasst Frauen Sprechen!", ob man seine Meinung also nur äußern dürfe, wenn man sie zuvor so anpasse, dass sie niemanden mehr störe, unterstrich die wahrgenommene Spannung zwischen Jugendschutz und Meinungsfreiheit. In dieser Zuspitzung zeigt sich die Sorge der Gegenseite, dass nicht nur einzelne Formulierungen, sondern letztlich die Möglichkeit einer offenen, auch konfrontativen Debatte über Geschlechtsidentität und Minderjährigenschutz auf dem Prüfstand stehen könnten.

Unsere Position

Als IG Sexualbiologie können wir gut nachvollziehen, dass eine Broschüre, die einseitig argumentiert und Transidentität bei Jugendlichen pauschal problematisiert, für Minderjährige mit einer tatsächlich neurobiologisch fundierten Geschlechtsdysphorie belastend oder sogar gefährlich sein kann, insbesondere wenn ihre Eltern ausschließlich aus dieser Perspektive informiert werden. Eine solche Einseitigkeit kann zu Fehlinterpretationen führen, die den familiären Umgang zusätzlich erschweren und den Blick auf medizinisch oder entwicklungspsychologisch begründete Hilfen verstellen.

Gleichzeitig stellt sich für uns allerdings die Frage, warum dann nicht auch klar affirmativ ausgerichtete Materialien einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Denn auch diese transportieren ein stark normiertes Handlungsmodell – etwa die unmittelbare Affirmation jeder geäußerten Geschlechtsidentitätskrise –, obwohl Phänomene wie Desistenz (häufig gepaart mit einer hohen Wahrscheinlichkeit einer späteren gleichgeschlechtlichen Präferenz), der entwicklungspsychologische Filtereffekt der natürlichen Pubertät oder auch die kontrovers diskutierte Frage einer sozial getriggerten Geschlechtsdysphorie (ROGD) wichtige, wissenschaftlich nicht vollständig geklärte Faktoren darstellen. Wenn Einseitigkeit der Maßstab für Indizierbarkeit wäre, müssten konsequenterweise auch zahlreiche affirmative Ratgeber, Leitfäden und Verbandsmaterialien beanstandet werden, die die Komplexität der Datenlage nur selektiv oder gar nicht abbilden.

Eine differenzierte öffentliche Debatte wäre nur möglich, wenn Informationsmaterialien – gleich welcher Richtung – den gesamten wissenschaftlichen Kontext abbilden. Die diskutierte Broschüre tut das nicht; aber sie ist darin nicht allein.

Fazit

Die Sorge, der Staat würde biologische Tatsachen zensieren, findet zumindest in dem hier diskutierten Fall keine Grundlage in der Aktenlage. Die Broschüre "Wegweiser aus dem Transgenderkult" wurde nicht indiziert, weil sie von zwei biologischen Geschlechtern ausgeht. Diese Aussage wurde im Verfahren gar nicht beanstandet. Stattdessen wurde die Indizierung damit begründet, dass die Broschüre Minderjährige, die sich "trans" fühlen, als Opfer eines "Kults" pathologisiert und daher geeignet sei, die Entwicklung Jugendlicher zu beeinträchtigen.

Wie auch in einem anderen, medial ähnlich präsentierten Fall (Schweiz: Knast, weil es nur männliche oder weibliche Skelette gibt?) gilt auch hier: Die Biologie steht nicht vor Gericht – aber wie sie kommuniziert wird.

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